Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1917-03-02 · 9 (2.3.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438623-2438632--5175-2445125
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XI. Jahrgang — Nr. 9 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von ll—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt,' ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsscftluß Dienstag um 7 Uhr Farnsprech.Nummer 43*3*25 Nafional-jüdifches Organ . Mit [der Beilage: Der Jüdifche Naiionalfonds Wien, [Freitag, 2. Marz 1917 / 8.Adar 5677 Einzelnummer 24<Haller Geschäftsstelle: Wien U/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: üan?jänrig K10.—, halbjänng K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen* Konto 133.404 Inhalt* Ing.JacquesOmstein.JüdischeDienstllUldil. pflicht. — W. Berkelhammer, Moral und Petroleum. — Die zweite Sitzung des amerikanisch-jüdischen Kongreßkomitees. —DavisTrietsch, Die östliche Judenfrage (Schluß). — Aus der jüdischen Welt. — Ankündigungen u.a.m. Jüdische Dienstpflicht.*) Rabbi Meir sprach: „Wer sich mit der Thora beschäftiget aus reiner gottesiürchtiger Absicht, der erlanget gar viele Güter und Segnungen; und nicht das allein, sondern alle Güter der (Welt sind Nichts dagegen... (Sprüche der Väter.) Erfahrungen des Krieges. — Folgerungen. — Formulierung des Gedankens einer jüdischen Dienstpflicht. — Organisationseilt wurf. — Beispiele. — Schlußwort.) Noch stehen wir vor dem gewaltigen Schlußakt des Weltkrieges.' Der Gedanke an eine jüdische Dienstpflicht wird in vielen Köpfen lebendig, und nicht >zu spät; sollen die Formen seiner Durchführung besprochen werden. Seit Kriegsbeginn stehe ich als technischer Offizier im Felde, und bin arbeitend durch halb Europa gezogen. Viele Erfahrungen haben mich bereichert, eine davon sei im- Zusammenhang. mit der in Rede stehenden Sache hervorgehoben. Die Durchführung schwieriger Arbeiten mit ungelernten Arbeitermassen unter an Zahl geringen, aber fachkundigen Vorarbeitern. Russistdipolnische Juden jeden Alters, alte bosnische Ziegenhirten, k riegsgefangene Russen und freie Albaner stellten Kontingente. Unter dem Zwange pflichtbewußter Leiter leisteten sie gewaltige Arbeitsmengen, und es wurden bedeutende Werke geschaffen. Die Versorgung .der Arbeitermassen mit Kost und Quartier bildete deren Entlohnung. ') Robert Weits ch hat vor einiger Zeit in der „Jüdischen Rundschau“ einen Artikel über „Zionistische Dienstpflicht“ veröffentlicht. Seine Anregung wird seither allenthalben eifrig besprochen und gewinnt mancherlei Gestalt. Dieser Aufsatz stellt .die Grundzüge eines von Herrn Ing. Jacques O raste in im „Alten Herren-Verband“ Wiens gehaltenen Vortrages dar. Dieser Dualismus aus Pflicht und Zwang wird -von uns zionistischen Juden geeint in den Dienst unserer gewaltigen Idee zu stellen sein und "Rabbi Meirs Wort wird seine Wahrheit an uns neuerdings lebendig werden lassen. Diese Synthese aus Geist und Körper, Kultur und /Lebensnot nenne ich „Jüdische Dienstpflicht“ und formuliere: Juden,ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter leisten auf Grund freiwilliger Meldung und Verpflichtung ihrer Eignung gemäße Dienste für die Kolonisation, in Palästina. Für eine entsprechende Organisation sind folgende Gesichtspunkte von Wichtigkeit. Hachelazim. (Die Rüstigen.) 1. Zweck der Organisation ist die Mobilmachung jüdischer Arbeitskraft. , 2. Ziel ist, die jüdische Kraft für jüdische Arbeit in Palästina auf allen Gebieten bei einem Minimum'von Kosten zu verwerten. 3. Durch diese Bestrebungen muß die Arbeiterfrage zu lösen erleichtert werden^ und ist der Wettbewerb von vornherein durch Unterordnung der so in .Aktion tretenden Kräfte unter die Erwerbskräfte Grundbedingung. 4. Die Arbeitskräfte werden durch freiwillige Meldung erworben. 5. Die Verpflichtung ist zeitlich begrenzt und die Betätigung«?rl dwch Vorbildung und ärztlich konstatierte Körpereignung bedingt 6. Die Verpflichtung setzt voraus, daß die Lebensbedürfnisse, das sind Verpflegung, Bequartierung und Sanität bei der Arbeitsleistung bezvv. bei der Indiensttretung gesichert sind. 7. Die Kosten exklusive Reiseauslagen werden von den Nutznießenden getragen, bezw. beschafft. 8. Die Leitung der Chelazim untersteht der zionistischen Organisation. 9. Die Geschäftssprache ist hebräisch, doch wird als Üebergangssprache jede andere Sprache anerkannt 10. Die Propaganda und Organisation in Verwaltungsangelegenheiten, insbesondere die Beschaffung der Reiseauslagen, erfolgt durch die bestehenden jüdischen Organisationen, in erster Linie der jüdischen 'Jugend. 11. Die Organisation der Arbeit selbst geschieht durch das Palästina-Amt in Jaffa, das einen technischen Beirat erhält, wobei ausschlaggebend die hygienische Sicherheit für die freiwilligen Arbeiter ist Mit kurzen Beispielen will ich dem. Gedanken Gestalt geben. . Es ist im Jahre 1920. Die äußeren Verhältnisse in Palästina kommen ins Gleichgewicht Das Interesse des Galuth hat sich vertieft und in namhaften materiellen Leistungen Ausdruck gefunden, so daß an eine umfangreiche planmäßige Tätigkeit in Palästina geschritten wird. Die Formen für die Durchführung der jüdischen Dienstpflicht sind nach reiflicher Ueberlegung festgelegt, so daß in den Turnvereinen, Pfadfinder- und Studenten-Orgauisalionen, Frauenvereinert usw. die Forderung des Palästina-Amtes nach 500 Chelazim als das langersehnte Stichwort .jubelnde- Begeisterung auslöst, ln entsprechender Zeit ist die Mobilisierung in Wien durchgeführt und endlich versammeln sich die erwartungsvollen Teilnehmer in zweckmäßiges Uniformem aut dem Bahnhöfe. Die lnstradierung geht nach Jerusalem als; ^assentransport per Bahn. Die Verpflegung aut der Reise gibt den zionistischen Gesellschaften in den berühmten Städten Gelegenheit zu gern geleistetem Bahnhofdienst, ln Jerusalem herzlicher Empfang. Auf Grund des vorbereiteten Verteilungs-Planes werden die Arbeitskräfte nach allen Himmelsrichtungen dirigiert — eine Woche später sind sie schon an der Arbeit Hundert Mann werden der einheimischen Arbeiter-Organisation als Hilfskräfte für den Straßenbau zugeteilt; je fünfzig sind in 4 größeren Kolonien als Erntearbeiter; hundert beim Transport (Verpackung etc.) von Orangen und .anderen Früchten. Der Rest setzt sich zusammen aus .Hilfskräften für Schule und Haus, für Aerzte und Techniker. Mädchen und Frauen helfen und unterweisen in Hausindustrie, Gartenbebauung und so weiter. Nach sechs Wochen ist die Arbeitsleistung vollendet und nach insgesamt zwei Monaten sind die Teilnehmer [wieder in Wien, gesund, gebräunt, moralisch bereichert, glühende Liebhaber des heiligen Landes, hebräische Sprache und Lieder in 'der Seele. Die ganze Wiener Judenheit steht unter ihrem Einflüsse und die Meldungslisten Moral und Petroleum. Eine heitere Geschichte zu Purim von Wilhelm Berkelhammer 1 Esther, die/einzige Tochter des Spezereiwarenhändlers Tobias Krumbaumin der Breiten- Gasse, war durchaus kein Typus eines jüdischen jungen Mädchens im Ghetto. Im Gegenteil, sie war'eine ganz vereinzelte Erscheinung, eine sozusagen schaff ausgeprägte Individualität. Dies war sie, wie ich gleich hinzufügen will, nicht im guten Sinne des Wortes. Nicht also in dem Sinne, dab man sie ihren Geschlechts- und Altersgenossinnen etwa als Beispiel und Vorbild hinstellen könnte. Richtiger gesagt: man stellte -sie oft als Beispiel hin,-aber als ein abs c h f e c k e n d e s Beispiel... So konnte man Mütter zu 'ihren Töchtern sprechen hören, wenn diese allzulange beim Spiegel saßen (und welche tim es nicht allzulange?): „Sitzst du schon wieder beim Spiegel? Willst mit Esther von der Breiten-Gass‘ konkurrieren?!“ Um nun nicht lange zu zaudern und die Sache geradeaus beim Namen zu nennen:' — Esther war immoralisch... Glaubt es mir, es ist nicht leicht, über ein jüdisches Mädchen den Stab zu brechen und so ohne weiteres zu erklären, daß ihre Aufführung leider manches zu wünschen übrig lassei Und trotzdem ich hier ja schließlich kein Geheimnis verrate — denn alle Welt in der Breiten- Gasse kennt Esther ebenso gut, oder vielleicht noch besser als ich —, würde ich dennoch diese Geschichte nicht erzählen, wenn sie nicht bereits zur Geschichte gehören würde... 2. Esther war sehr schön. Lange, schwarze Zöpte, mattbrauner Teint, dunkle, leuchtende Augen,' groß und schlank — schön, wie nur eine Jüdin schön sein kann... Poesie in jeder Bewegung, Musik in jedem Schritt... Es war wirklich schade, daß sie den Wert ihrer Schönheit nicht hochzuhalten wußte... „Das Blut“ — murmelten die Nachbarinnen mit leisem Grauen — „unruhiges, heißes Blut.,.“ Woher nur diese Tochter zu Chane Krumbaum kommt, zu der in jeder Hinsicht musterhaften Chane, einer Mutter und Gattin ohne Fehl und Tadel? '— philosophierten die Frauen in der Breiten-Gasse und konnten' zu keinem rechten Schluß gelangen'. Alle waren sie nur in dem einen glücklichen und beruhigenden Gefühl einig, daß ihre Töchter — Gott sei Lob und Dank! — anders geartet wären als Esther. Dab ihre Töchter so wären, wie jüdische Töchter eben sein sollen: keusch und züchtig, bescheiden und zurückhaltend, entsagend und opferbereit.. Sie bedauerten Chane wirklich vom ganzen Herzen. Die gute Chane war .auch zu bedauern. Sie hatte eine einzige Tochter, und die war — nicht über uns gesagt! — so mißraten... Mit tiefem Schmerz dachte oft Chane, wenn sie auf Esther schaute: „Sie wäre lieber gar nicht zur Welt kommen — verzeihe mir, großer Gott, meine törichten Gedanken! — oder als Krüppel geboren worden...“ Bitter seufzte sie in ihrer Machtlosigkeit und mochte am liebsten gar nicht an die Zukunft denken, vor der ihr bange war. Die Tochter auf den rechten Weg bringen — dieses Vorhaben hatten Chane und ihr Mann längst aufgegeben. Sie haben es mit guten und argen Worten versucht, sie haben Vernunftgründe und Familienrücksichten, Religion und Hinweise atlr die öffentliche Meinung zu Hilfe gerufen, sie haben es mit Scheltworten und sogar mit Züchtigung probiert — brauche ich aber erst zu . sagen, dl aß dies nichts genützt hat?... So ist schon einmal die Welt: in einer Familie, deren Sitten seit unvordenklicher Zeit allgemein als Muster gelten, die von aller Welt als Hort der Tugend angesehen und verehrt wird, wächst plötzlich ein Kind auf, das zum Ausbund der Hölle' wird . . . Jeder wundert sich und zerbricht sich den Kopf: „Wieso?... Warum?... Woher?...“ Aber .es ist nun einmal so und du kannst dagegen nichts ausrichten... Also war Esther Krumbaum beschaffen, die schöne, schlanke Esther, zum Kummer und Verdruß ihrer braven Eltern und zum Stein des Anstoßes der ganzen Breiten-Gasse, ja, des ganzen jüdischen Viertels der Stadt...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.