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Jüdische Zeitung · 1917-02-16 · 7 (16.2.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
7 (16.2.1917)
Date
1917-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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8* XI. Jahrgang - Nr. 7 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 43-3*25 I Nalional-jüdifches Organ Mit der Beilage: Oer Jüdifche Naiionalfonds Wien, Freitag, 16. Februar 1917 / 24.Schewai 5677 Einzelnummer 24Heller Geschäftsstelle: Wien II/], Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen »Konto 133.404 a Inhalt* Von der Woche. — Arnold Zweig, 1 lla.ll. jerusaiem errettet. — Die erste Sitzung des Amerikanisch-Jüdischen Kongreßkomitees. — Aus der Jüdischen Welt. — Aus der jüdischen Presse. — Von der zionistischen Partei. — Dr. J. Katzenelsohn. — Zionisten im Felde u. a. m. Von der Woche Seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Deutschland1 sind nunmehr zwei Wochen verflossen, ohne daß irgend eine darüber hinausgehende Entscheidung gefallen wäre. Da sich sonst die Dinge rascher zu entwickeln pflegen, ist hier die Annahme berechtigt, es werde die ultimo ratio diesmal nicht engagiert werden. Das läßt uns auch die Hoffnung aussprechen, es werde den Bemühungen des Österreichischen Botschafters, Grafen Tarnowski gelingen, den früheren Zustand wiederherzustellen. Das wäre für das von aller Wett angefallene und zerfleischte Judentum von ungeheurer Bedeutung. Die amerikanische Judenheit war seit Kriegsausbruch redlich bemüht, ihren Volksgenossen in Russisch-Polen helfend beizuspringen, und ihre warme, brüderliche Unterstützung unseres Kolonisationswerkes in Palästina hat viel Not abgewendet. Diese Fäden, die da über den Ozean gesponnen wurden, hat der Schritt des Präsidenten Wilson gestört und dadurch fehlten nicht allein die materiellen Zuwendungen, sondern auch die seelischen Verbindungen, zwischen den Juden Europas und Nordamerikas. - Die jüdische Presse der Vereinigten Staaten konnte durch ihre Kritik an den Vorgängen in Europa manchen Mißgriff verhindern und man kann ihr das Zeugnis nicht versagen, daß sie pflichtbewußt und ungescheut, kein Blatt vor den Mun(d nahm. Hier stand selbstverständlich die zionistische Presse im Vordergrund, die ihrer Aufgabe als Volkspresse voll eingedenk, unaufhörlich an die öffentliche Meinung appellierte. Es muß festgestellt werden,- daß man dank dieser Tätigkeit in den Vereinigten Staaten über die antisemitischen Hezzereien in Europa genügend aufgeklärt ist und dab drüben wenigstens die europäischen „Kulturkämpfer“ ihres Schafpelzes. beraubt wurden. Dab einige Blätter damit das Mißfallen der Ritualmordpresse ä la „Reichspost“ erregten, kann uns nur freuen. Die Zukunft wird lehren, welch’ großer Schaden dem Ansehen der um Leben und Ehre kämpfenden Zentralmächte durch das entsetzliche und ungehemmte Treiben der Wiener und Berliner antisemitischen Presse zugefügt wurde. Die Berichte des Grafen Bernstor ff wissen sehr viel davon zu erzählen. Wir werden sicherlich auch vernehmen, wie sehr die Stimmung des amerikanischen Judentums, das sich einmütig und begeistert für Hohenzollern und Habsburg erklärte, durch Blätter vom Schlage der „Reichspost“ und durch unsere Pressezensur beeinflußt wurde. Schon bei Gelegenheit des Körberschen Beamtenerlasses haben wir darauf aufmerksam gemacht, daß durch die hier gestreiften Treibereien der an sehr dunkeln Quellen gespeisten judenteindlichen Presse eine vollkommene Fälschung der Verhältnisse erzielt werden konnte. Die Bevölkerung ist durch diese Hetze und durch die aut dem flachen Land betriebene Agitation der Hetzpfaffen tatsächlich zu der Anschauung gelangt, daß der Lebensrnittelwucher nur von galizischen Juden betrieben wird. Die Prangerlisten am Wiener Rathaus und an den Gerichtsämtern in der Provinz wissen sehr wenig von diesen Juden zu erzählen, wenn auch sie den wirklichen Tatbestand, den Wucher des Agrarieftums und der Großbanken nicht enthüllen. Aber die Meinung, die da von Wien ausgesät wurde, schießt üppig auf. Wir wissen, daß seit jeher die Juden für alles, verantwortlich gemacht wurden. Aber wir möchten doch die antisemitische Crapüle um Logik bitten. Nach der „Reichspost“ war die Wilsonsche Friedensnote von den Newyorker Juden erzwungen. Als er nun die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland löste, gab Oie „Reichspost" wieder den Juden die Schuld. Hält in England jemand eine Rede, die so aut der sittlichen Höhe der Silbererpresse steht, so erklärt man ihn in Wien schlai.kwegs als Juden. Sp icht er aber iür den Frieden, so stellt ihn sofort die „Times“, eines der berüchtigsten anti:emi;i;chen Organe, an. Dazu hören wir alle Tage Cutzendemale von einem geheimnisvollen Bund des Judentums mit den Freimaurern und in letzter Zeit rückt ein Dr. Eberle in der „Reichspost“ aus, um zu beweisen, daß das Judentum systematisch einen Krieg gegen das Christentum führe. Hirnrissigkeiten, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen, w'erden mit Rotationsmaschinen verewigt und der stützigen Bevölkerung vorgesetzt. Und die von den Juden gelesene und getragene Wiener „Judenpresse“ kusdht dazu, aus ekelhafter Feigheit sowohl wie aus Bequemlichkeit. Freilich steht das Westiuder.tum heute schon auf einem anderen Standpunkt. Die Angriffe der Progromisten ebensowohl wie die Feigheit der Benedikt und (des getauften) Singer trugen in gleicher Weise zur Aufklärung bei. Der jüdische Nationalismus wächst und es wird sich zeigen, daß wir in ruhigeren Zeiten nach dem Rezept unserer Väter Vorgehen werden: Atig um Aug und Zahn tun Zahn! Lernet hebräisch! Die hebräischen Kurse für Erwachsene (von 14 Jahren aufwärts) beginnen am 1. März I. J. in den neueingerichteten Unterrichtsräumen (II. Große Mohrengasse 16). Anmeldungen täglich von Montag bis Donnerstag 6 bis 7‘Uhr abends und Sonntag 11 bis 12 Uhr vormittag im Zionistischen Zentralbüro (H. Zirkusgasse 33). Verein für hebräische Sprache und Kultur in Wien Bl!BSfflB0111Mim!!lBiniMSIlll!Silllll!iil3n;tilRElifllinill£!ül!li!iiiaüiiiniiilMI!Si?5UiHlSlMBBIMBlllMSIS8I^P Jerusalem errettet Von Arnold Zweig.*) Der A'oencT sank in die bedrohte Stadt, die vom Lärm der Verstörung toste. Alle Straßen, die zum Tempel hinaufstiegen, dröhnten von Menschen; manchmal wurden sie an die Häuser gepreßt von den Herden der Opfertiere, die, Rinder und Schafe, inmitten von Wolken roten Staubes, für den Morgen des nächsten Tages ins Heiligtum getrieben wurden; ein zehnfaches Bittopfer sollte dem Gotte verbrannt werden. > Gell schreiend warfen Frauen nackte Arme um die Hälse ihrer Männer, denn jene hatten gewaffnet alle Tore und die äußere Mauer zu bewachen; man wehrte ihnen matt, ohne Entschiedenheit und Zuversicht. Vor den Königshäusern -ballte sich das Volk. Viele schrien, der König solle dem Feinde seinen Schatz öffnen und alle retten, obwohl sie wußten, daß die Schatzkammer leer walr; andere drängten sich irm einen Steinhaufen, deren es vom letzten Bauen viele fab, und von dem herab ein grauhaariger Alter euiend über alle diese Köpfe hinrief,, Hiskija möge Jahwe seinen Erstgebornen opfern, auf dem Brandaltar, denn er habe durch seinen Bund mit dem Aegypter den Gott versucht und den Großkönig in Zorn getrieben. Die Menge hörte unschlüssig und schweigend; aber ein Prophetenschüler fluchte dem Lästerer und' heischte schäumend seine Steinigung: ein empörtes Wogen erfaßte die aufgestachelten Menschen, ihre Furcht ward zur Raserei aufgeregt, alle Arme *) Wir drucken diese meisterhafte Erzählung mit Erlaiibnis des Werlags ■ Albert Langen aus Arnold Zweigs kürzlich erschienenem. „Geschichtenbuch“ ab. Geh. M. 3.—, geb. M. 5.—. langten nach Steinen, und der alte Mann ward herabgerissen, zerschmettert und ganz unter Steinen begraben. In der Burg blieb es stumm; der König war nicht im Hause. Vorgebeugt, gestützt auf den weißen Stab der Herrschaft, stand er auf der äußersten Mauer und blickte bekümmert und gehässig herab aut das Feld, das um die Wasserleitung am oberen Teiche vor der Stadt ausgedehnt war. Hiskija, sagten die ihm Wohlgesinnten, hatte dqn Kopf seines Ahnen David, braun und herrisch; freilich hingen seine Wangen schlaff, und der kaum Vierzigjährige sah aus stumpfen Augen. ' Es war im vierzehnten Jahre seiner Regierung, bei Untergang der Sonne, und das weite Gelände iunkelte glühend rot von Helmen, Schwertern und Speerspitzen, die unzählbar in den geröteten Himmel gereckt waren, und brandete von dem Treiben der Männer, der Pferde, Kamele und Maultiere, -die Sanherib, König von Assur, heraufgesandt hatte, Jerusalem zu erobern; und weil er selbst die Stadt Lachis belagerte, befahlen an seiner Statt der Erzschenk Rabsake, der Truchseß und der Erzkämmerer des Reiches. — Hinter Hiskija warteten fünf Krieger seiner philistäischen Leibwache mit spitzen Helmen, Schilden und langen Lanzen, dab er hinabsteigen würde; aber er rührte sich nicht, und nur seine Finger zerwühlten die geordneten Locken seines schwarzen Bartes. Endlich erstiegen keuchende Männer die Mauer, und der König wandte sich ihnen zu. Er hatte Eljakim und ßebrra, den Hofmeister und den Schreiber, samt den Aeltesten der Priester in; Säcke gekleidet zu Jesaja dem Nabi geschickt, dem Sohne des .Amoz, damit er ihm rate und zu Jahwe flehe; denn Rabsake hatte den Gott Judas absichtlich gelästert, und vor allem Volke, das'istumm rund entsetzt auf den Mauern hockte, laut; in jüdischer Sprache gerufen, damit sie’s alle verstünden: Wo ist ein Gott unter aller Lande Göttern, die ihr Land haben von meiner Hand errettet, daß Jahwe sollte Jerusalem erretten von meiner Hand? Der Schreiber und der Hofmeister bückten sich vor dem Könige; er redete hastig zu ihnen, mit matter Stimme, und sie erhoben sich und berichteten, daß der Mann. Jahwes sich eingeschlossen habe, nachdem er ihre Botschaft angehört, zum Gebete. Dann sei er nach geraumer Zeit mit einem heiligen Antlitz herausgetreten, jeder-sati, er hatte mit Gott geredet, und habe verkündet, daß der Herr seine Stadt um seines gewaltigen Namens willen erretten werde, wenn sie sich zuvor von dem ungesühnt schreienden Frevel gereinigt habe, der noch in ihren Mauern sei. Man solle Simeon den Leviten, aus der Zisterne des Königshauses hervorholen und seine Fesseln öffnen, dann solle man ihm ein scharfes Opfermesser an die rechte Hand binden und ihn eine Stunde vor Mitternacht von der Mauer herablassen, damit er bis zu den Zelten der Feinde schleiche. Dort solle er siebenmal rufen, so laut er könne: Jahwe, Judas Gott, ist unsichtbar, heilig, überall und der stärkste! und sich dann das Messer ins Herz stoßen denn sein Verbrechen an Jahwe sei solcher Art, daß er durch eigenes Todesurteil die Macht des Herrn wieder anerkennen müsse. Hernach alles andere. Der König befahl, eilig den Leviten zu holen, aber Eljakim hatte ihn schon befreit. Er stieg die steile Treppe hinan, mühsam mit (seinen verstümmelten Füßen, und stand in Ketten vor dem Könige. Seine Beine waren bis an die Knice schwarz vom Schlamm der Zisterne. Er atmete gierig die Abendluft, seine Augen brannten' in einem ganz mageren bärtigen Gesicht, und seine Ketten klirrten bei jeder Bewegung; an den Armer» und im Gesicht trug er Bisse von Ratten, und die Daumen beider Hände unci Füße hatte

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