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Jüdische Zeitung · 1917-01-26 · 4 (26.1.1917) · p. Seite 9

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 9 2. Kreis (Westösterreich) der Jüdischen Turnerschaft Wien, IX, Liechtensteinstraße 20. Leitwort: Die Jüdische Turnerschaft bezweckt die planmäßige Körpererziehung des jüdischen Volkes und die Pflege nationaljüdischer Gesinnung- Wir wählen von neuem diesen Weg, um Euch, liebe Makkabim im Felde, Euch, Brüder und Schwestern im Hinterlande und allen Freunden und Gönnern unserer Sache zu berichten, daß es allen Stürmen dieser Zeit nicht gelingen konnte, unsere Organisation lahmzulegen. Das Betätigungsfeld war ein enges, die Zahl der Mitarbeiter klein; doch schon regt es sich auch an jenen Stellen, wo der Schrecken der ersten Zeit bisher alle Arbeit niedergehalten hatte und vielfach sind die Vorbereitungen für die Zeit der glücklichen Heimkehr unserer tapferen Brüder aus dem Felde. An alle, hier noch Säumigen richten wir aber den dringenden Ruf, uns wenigstens von nun an bei unserem alten, verjüngten Werke mit ganzer Kraft beizustehen! Tebet 5677. Mit herzlichem Hedad! ien’ Jänner 1917. Die Kreisleitung. Anläßlich des Heimganges Seiner Majestät des Kaisers Franz Josefs I. fand am Sonntag, den 25. November v. J. eine außerordentliche Sitzung des Kreisvorstandes statt. Der Vorsitzende gab in seiner Ansprache den Gefühlen tiefster Trauer der Jüdischen Turnerschaft Westösterreichs Ausdruck und führte unter anderem aus: Die Jüdische Turnerschaft beklage in dem hohen Verblichenen vor allem den Schirmer des jüdischen Volkes, der es aus den dumpfen Ghettomauern und aus den beengenden Fesseln der Ausnahmsgesetze in die vollen gesetzlichen Freiheiten der österreichischen Bürgerschaft geführt hat; sie betraure aber auch den Hingang des höchsten Gönners von Turnen und Sport, des wohlwollenden Förderers aller Bestrebungen planmäßiger Körpererziehung. Die Jüdische Turnerschaft Oesterreichs werde dem hohen Dahingeschiedenen stets in ehrfurchtsvoller Liebe und Treue gedenken. Zum Schlüsse begrüßte der Redner in huldigenden Worten den jungen Monarchen auf Habsburgs Throne und sprach die Hoffnung aus, daß die Jüdische Turnerschaft auch bei ihm jene Gunst finden werde, die ihr bis nun als jüdischer und turnerischer Organisation von dieser Stelle aus zuteil wurde. Die Kreisleitung hat an alle Kreisvereine den Auftrag ergehen lassen, an dem Tage des Leichenbegängnisses weiland Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. den Turnbetrieb entfallen zu lassen. Dem Andenken unserer gefallenen Helden . . . Eurem Andenken, teuere Brüder, die ein grausames Geschick für immer aus unseren Reihen gerissen, seien diese ersten Zeilen geweiht. Wir können es ja noch immer nicht fassen, daß Euer hallender Gleichschritt nie wieder an unserer Seite ertönen, daß Euer Mut und Eure Kraft uns nie wieder erfreuen, Eure übersprudelnde Jugendfrische uns nie mehr entgegenstürmen wird! Teuere Brüder, die Ihr unser Stolz und unsere Freude, unsere Hoffnung und unsere Zuversicht wäret, noch einmal rufen wir Euch unseren Turnergruß zu, der stets' so hell und stark von Euren Lippen klang, der Euch entgegenscholl, als Ihr zum erstenmal in unsere Reihen tratet und den wir jetzt — zum Ietztenmale — mit der ganzen Liebe und Zärtlichkeit unseres Bruderherzens über Eure frischen Gräber sagen: „Hedad“! Turnbrüder und Turnschwestern! Allen Turnbrüdern, die als echte Makkabim ihre Treue gegen Vaterland und Judentum mit dem Tode besiegelt, gilt es ein bleibendes Denkmal zu schaffen. Die Kreisleitung hat darum den Beschluß gefaßt, namens aller ihr zugehörigen Vereine einen Makkabi-Hain des westösterreichischen Turnerkreises zu pflanzen und stiftet als erste Widmungaus Eigenem zehn Bäume. Nun ergeht an Euch, Brüder und Schwestern, der Ruf, die Sammlung für den Makkabi-Hain sofort in Angriff zu nehmen und damit den kleinsten Teil der Dankesschuld gegen unsere in die Ewigkeit gegangenen Brüder abzustatten. Rücksichtlich der technischen Durchführung werden Euch noch besondere Rundschreiben zugehen, doch sei hier schon bemerkt: Alle dem Makkabi-Hain zugedachten Spenden sind ausschließlich an die Kreisleitung unter Nennung des betreffenden Vereines zu richten. Nun Baum an Baum gepflanzt im Haine der Makkabim! Ein Wahrzeichen unserer unverbrüchlichen, brüderlichen Treue gegen unsere neuzeitlichen Makkabäerhelden blühe dort, wo einst Juda Makkabi selber gestritten . . . Die Kreisleitung. Tätigkeitsbericht der Kreisleitung. i. Die älteren Jahrgänge der Zöglingsabteilungen sind den Männerriegen ins Feld gefolgt und es fiel endlich die ganze Arbeit der Verwaltung der Vereine zum größten Teile den Damen zu. "Wo früher die richtige Parallelität zwischen der turnerischen und nationalen Erziehung geherrscht hatte, stellte sich jetzt ungesäumt der Erfolg ein: die nationale Erziehung gab den Mädchen das Verantwortungsgefühl, den sittlichen Ernst und die notwendige Intuition für die ihnen neu erblühte Aufgabe: die turnerische Erziehung, ihre Disziplin ebnete ihnen manche Schwierigkeiten der Uebergangszeit. Wo aber die erstere fehlte, da mangelte es jetzt auch an der richtigen Begeisterung für die ungewohnte Arbeit, da fehlte der ehrliche standhafte Wille zur Besiegung aller Hindernisse. Während so die aktiv gebliebenen Vereine bald an die Ausgestaltung ihres Arbeitsfeldes schreiten durften, haben die anderen selbst bei der Erfüllung ihrer primitivsten Pflicht versagt: der sorgsamsten, nachhaltigsten Pflege einer ständigen Verbindung mit den eingerückten Brüdern! So gerät bei diesen gerade der wichtigste Teil der bisherigen Arbeit in Verlust: der Organisationsgedanke geht unter und das Bewußtsein der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft schlummert ein! Solche Verschiedenheiten in den einzelnen Teilen des Arbeitsgebietes erschwerten die Tätigkeit der Kreisleitung natürlich ganz besonders und die Ueberbürdung der Arbeitskräfte in den tätigen Vereinen, die vollständige Passivität der zurückgebliebenen xMitgliedschaft in den ruhenden Korporationen war nicht danach angetan,, das Wirken des Kreisvorstandes zu erleichtern. Bei jedem Unternehmen machte sich schließlich auch ein leidiges Moment nicht wenig geltend: die Frage der finanziellen Bewegungsfreiheit. Nur wenige Vereine konnten an eine materielle Unterstützung der Kreisleitung denken, wo sie die Sorge um die Bedeckung des eigenen Budgets nicht wenig bedrückte; und so flössen nur wenige pekuniäre Ressourcen für die Kreisleitung und auch diese waren wenig ergiebig. II. Die reparablen Schäden mußten gutgemacht werden, so gut oder schlecht es ging. Ein Mitglied der Kreisleitung hatte es übernommen, in den auswärtigen Vereinen wie früher durch persönliche Intervention helfend und ratend zu wirken und an Stelle des beruflich verhinderten TB. Dr. Sonnenfeld hatte mit Ermächtigung der Kreisleitung TS. Gyulai vom Brunner Makkabi in die Geschehnisse manches mährischen Vereines mit Erfolg cingegriffen; und in Wien selbst wurde die Möglichkeit eines persönlichen Verkehres mit den einzelnen Vereinen nicht unbenützt gelassen. Dadurch schrumpfte der Austausch von Korrespondenzen zusammen und es konnten auf mündlichem Wege viele Schwierigkeiten behoben, oft auch konkrete Aushilfe zwischen den Vereinen vereinbart werden. Daß es möglich war, mitten in den Kriegswirren eine neue, gleich mit starker Tätigkeit einsetzende Korporation erstehen zu lassen, verdanken wir der Tatkraft .einiger Prager Brüder, welche dort den jüdischen Sportklub Hagibor schufen; wir begrüßen diesen Bruderverein auch an dieser Stelle aufs herzlichste in den Reihen unserer Korporationen. Als erfreuliches Ereignis verzeichnen wir das gemeinschaftliche Schauturnen zweier Wiener Vereine und schließlich die aktive Teilnahme der vereinigten Wiener Vereine an der Veranstaltung der heurigen Makkabäerfeier. Beim Besuche des Grabes Theodor Herzls waren diese, wie alljährlich, auch heuer korporativ erschienen. Neben den regulären jährlichen Vereinsveranstaltungen sind bei den Wiener und bei manchen Provinzvereinen eigene Makkabäerfeiern zur ständigen Einrichtung geworden. So sehr uns diese Tatsache befriedigt hat, wollten wir uns gerade jetzt nicht damit zufrieden geben, in diesen einzelnen Festen den nationalen Inhalt der Vereine und der Vereinsbetriebe sich erschöpfen zu sehen; es war vielmehr unser Wunsch, die Mitgliedschaft auch in ihrem Alltagsgewande in die nationale Gedankenwelt zu führen und sie dort zu erhalten. Von solchem Bestreben geleitet, gingen wir daran, Vorträge über, nationale Themen für die Wiener Vereine zu veranstalten. Der Versuch gelang vollständig. Nun wird die Aktion verbreitert und dafür gesorgt, daß vorerst in jedem aktiven Wiener Vereine eine besondere Vortragsreihe absolviert wird. Unsere vorjährigen Bemühungen, anläßlich des damaligen Chanukahfestes Liebesgaben an unsere Brüder im Felde zu senden, haben die kräftigste Unterstützung unserer Vereine gefunden und wir kamen dadurch in die Lage, mehrere hundert Pakete zu expedieren. Eine große Anzahl herzlicher Dankschreiben aus dem Felde ward der schönste Lohn für die aufgewendete Mühe. Unsere diesjährige Liebesgaben-Aktion ist eben im Zuge. Die .Militärische Jugenderziehung* beschäftigte uns in der Berichtsperiode einmal gelegentlich unserer Berufung zum Magistrate der Stadt Wien, wo eine Besprechung rücksichtlich der von uns beantragten Mitwirkung unserer hiesigen Vereine an dem städtischen Jugendamte stattfand. Die Verhandlungen führten jedoch lediglich zur gegenseitigen Informierung über die bestehenden Institutionen. Weiters hat der k. k. niederösterreichische Landesschulrat in Erledigung unserer bezüglichen Eingabe in zwei Zuschriften mitgeteilt, daß er unsere Bereitwilligkeit, unsere Organisation und die einzelnen Vereine in den Dienst der militärischen Jugenderziehung zu stellen, aufs wärmste begrüsse; ebenso habe er die Einrichtung besonderer Zöglings- und Schülerabteilungen, mit Befriedigung zur Kenntnis genommen und würde die Teilnahme von Schülern des eigenen Vcrwaltungsgebietes an diesen Zöglingsabteilungen begrüssen. Schließlich erteilte er die Ermächtigung, daß in den Schulgebäuden an geeigneter Stelle eine Ankündigung des l. Wiener Jüdischen Turnvereines ausgehängt werde, welche dessen Einrichtungen und Einzeldatcn in Betreff seiner „Privat-Turnschule“ bekanntgibt. Die geplante Einordnung der militärischen Jugendübungen in unser turnerisches Programm konnte mangels geschulter Vorturner noch nicht durchgeführt werden. Da die Mandatsdauer des Ende 1913 gewählten Kreisvorstandes laut Statuten abgelaufen war, sahen wir uns veranlaßt, im heurigen Jahre die Neuwahl der Kreisleitung zu bewerkstelligen und den Wahlakt mit Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse und in sinngemäßer Anwendung des § 9 der Statuten auf schriftlichem Wege vornehmen zn lassen. Die abgegebenen Stimmen vereinigten sich auf die in Funktion befindlichen Vorstandsmitglieder, welche somit in ihren Aemtern für die nächste Mandatsperiode bestätigt erscheinen. Unsere Verbindung mit der Verbandsleitung war Monate lang unterbrochen. Gegen Ende des Berichtsabschnittes langte aus Berlin die Mitteilung ein, daß die Geschäftsführung des Verbandes und des Deutschen Kreises reaktiviert wurde und daß sofort auch an die Wiederherausgabe der Monatshefte geschritten werden solle. Wir haben diese Nachrichten mit Genugtuung begrüßt und haben auch gerne dem Wunsche entsprochen, einen Betrag (fast den Rest unserer Mittel) dem eben angeführten Zwecke zuzuführen. Die laufenden Geschäfte fanden in zahlreichen Sitzungen der hiesigen Kreisvorstandsmitglieder ihre Erledigung; auch die Verbindung mit unseren auswärtigen Beiräten blieb erhalten.

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