Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 3 (19.1.1917)
- Date
- 1917-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XI. Jahrgang — Nr. 3 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr.33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Mittwoch um 7 Uhr Te I eph o n-N ummer 43*3.25 National'jüdifches Organ Mii der Beilage: Der Jüdifche Nationalfonds Wien, Freitag, 19. Januar 1917 / 25. Teweih 5677 Einzelnummer 20Hel!er Geschäftsstelle: Wien II/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen «Konto 133.404 Inhalt* Dr* 0tto Abeies, Zum deutschen Zio* Illlla.ll. nistentag _ Qr, s. Kaßner, Juden und Deutsche in der Bukowina. — Deutsche Minoritätenpolitik im Osten. — Jüdische Welt. — Zionistische Bewegung. — Einsendungen. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen, Briefkasten u. a. m. Zum deutschen Zionistentag Von Dr. Otto Abeies Jeder von uns weib es: Noch niemals wurde die Juaenfrage so furchtbar deutlich gesehen, wie jetzt in der grellen Beleuchtung des Kriegsbrandes. Erst jüngst jjat Adolf Böhm daran gemahnt, wie sehj die Verantwortlichkeit des politischen Zionismus gewachsen ist. Die Ostjudennot in allen ihren Gestalten Sei derart verschärft, daß sich nicht nur unser Volk, sondern auch die Großmächte um die Bezwingung dieses Problems würden ernstlich kümmern müssen. Daß führende politische Kreise die Bedeutung des Zionismus erkannt hätten, daß er während des Weltkrieges ins volle Licht der Oeffentlichkeit getreten sei, verpflichte seine Bekenner ungemein.*) ■ Wer unter diesem Gesichtswinkel die Referate und Beschlüsse des eben abgehaltenen außerordentlichen Del eg i e r t e n t ages der reichsdeutschen Zionisten betrachtet, muß — so glauben wir — unzufrieden sein und verwundert, ja unwillig, den Kopf schütteln. * Alle Gewissenhaften — Juden und Nichtjuden — fragen in dieser Zeit der potenziertesten Judennot inach unserem Programme. Sie erfahren, daß der Zionismus die Judenfrage zur Bedeutung einer politischen Weltfrage erheben und rm Angesichte Europas der Lösung zuführen will, indem er einen möglichst großen,Teil des Volkes durch Ansiedlung und Verbauerung in Palästina faktisch, den zurückbleibcnden Volksteil m or a li s c h erlöst. Wir suchen ihm zu erweisen, daß dieser Weg der einz'g mögliche und einzig würdige ist, zeigen auf, 'daß alle Staaten, in denen große Judenmassen siedeln, ein eminentes politisches Interesse an dieser Lösung haben und greifen, um ihn zu überzeugen, ein krasses Beispiel aus der Gegenwart heraus: Die deutsche Regierung — veranlaßt durch die unhaltbare Lage der Juden in Litauen — fördert seit geraumer Zeit die systematische jüdische Abwanderung aus dieser Provinz des besetzten Gebietes über Holland nach Amerika und hat zu diesem Zwecke eine Organisation geschaffen. Der also Belehrte nimmt uns ernst und fragt, was denn die Zionisten gegenwärtig täten, um ein machtvoller Faktor zu werden, worin eigentlich ihre Gegenwartsajrbeit bestünde. Wir antworteten ihm mit Kurt Blumenfeld, der aut der reichsdeütschen Tagung das Referat (über „zionistische Gegenwartsarbeit“ inne *) Adolf Böhm: „Großzügige Palästinaarbeit“ im Jüdischen Nationalkalend e r 5677. hatte und erklärte, daß ausgerechnet folgende vier Maßnahmen die „grundsätzlich wichtigsten“ seien: „1.) Die Erweiterung der allgemeinen Theorie des Nationalismus durch die jüdische Auffassung vom jüdischen Volke und * vom Staate. 2. ) Das Lernen der Bibel und des Hebräischen. . 3. ) Innige Berührung mit den östlichen Zionisten. 4. ) Die Stärkung des Willens zur jüdischen Form.“ Hier habt ihr das zionistische Gegenwartsprogramm! .Intensive Arbeit zur Verbreitung des Verständnisses für die materielle Ostjuuenfrage? Zionistische Kultusgemeindepo'itik zwecks Gewinnung des entscheidenden Einflusses auf die Judenheit und ihre Mittel? Körperliche und wirtschaftliche Regeneration? Linablässiges Studium des Emigrationsp-oblems? Zweckdienliche, der Not der Gegenwart und den Sorgen der nächsten Zukunft äquivalente V.o rarbeit für ein grobzügiges Kofonisationswerk in Palästina? — Nichts von aiiedem. Nur „Y er i.nn erlich ung“ des zionistischen Individuums. Man sieht, eine vollkommene Zurückstellung des politischen Kongreßzionismus, der die Judenheitsfrage zu lösen unternimmt, 'gegenüber dem Kulturzionismus Achad Haams. Daß das „geistige Zentrum“ gedeihe, daß der deutsche Zionist „im Galuth zentripetal leben“ könne, das ist die Hauptsache. An eine Emigration in großem Stile aber wird gar nicht mehr gedacht, ja man fürchtet, sie könnte „das Galuth nach Palästina“ tragen .... Aber es kommt noch schöner. Schocken hielt ein gründliches Referat über „O/ganisation und Inhalt der zionistischen Arbeit“, das sich nicht bloß mit der Seelenrettung des Einzelnen befaßte. Er fordert die Ergänzung der Landesorganisation durch Xrbeitskörperschaften für: 1. jüdische Kulturarbeiten und 2. zionistische Parteiarbeiten.' Ins Leben gerufen wurde aber „zunächst“ nur die Körperschaft für Kulturarbeit. Für die zionistische Parteiarbeit in dieser krisenhaften Zeit den geforderten Ausschuß zu bestellen, wurde nicht für nötig erachtet. Diese Arbeit wurde der Landeszentrale, welche im Sinne des Re'ferates über beiden Gebieten als lenkende un"d verantwortliche Instanz stehen sollte, vollkommen überlassen. Sie ist ja minderwertig und Aufputz, solange wir nicht erine „Macht sim Geiste“ geworden sind. t Natürlich wurden starke Stimmen laut, daß die Kulturarbeit nicht das einzige Wirkungsgebiet des politischen Zionismus sein könne — insbesondere anno 1917 nicht; Trietsch fand sogar, daß in dem unterbreiteten Gegenwartsprogramm „nicht eine Spur von dem enthalten wäre, was irr. Augettbljcke not täte“ und verwahrte sich (ebenso wie ’MarguIies) gegen ein „Programm von verschrobener Geistigkeit“. Er forderte: Schäftung einer Steife, die sich mit der materiellen Ostjudenfrage zu befassen habe und Ausstattung dieser Stelle mit der erforderlichen Arbeitsmöglichkeit. Wie löblich wäre es gewesen, wenn nicht nur die Körperschaft für Kultur, sondern auch diese Arbeitsstelle ins Leben gerufen worden wäre. Eitler Traum! Der Antrag Trietsch wanderte als „Resolution“ ans Zentralkomitee. Kein Wunder, wenn Gesinnungsgenosse Schachtel, der über die K r i e g s landspende zu referieren hatte, mit folgenden bezeichnenden Worten begann: „Was ich Ihnen heute hier zu sagen habe, fällt ja aus dem Rahmen dieses — man kann wohl sagen - in jeder Beziehung „außerordentlichen“ De.'egicrtentages heraus . . . .“ *• Die deutschen Zionisten haben eine starke, in pflichttreuer Arbeit geschaffene Organisation, haben ausgezeichnete Menschen und Köpfe. Weil wir sie so hoch einschätzen und weil sie entscheidenden Einfluß haben — Berlin ist der Sitz der Gesamtleitung — müssen wir an ihrer nun vollendeten Entwicklung von Herzl zu Achad Haam scharfe Kritik üben. Die Nationalisierung, die Befestigung des Individuums in der Jüdiscfrkeit ist vier, aber sie darf nicht alles sein. Wenn das Rettungsproblem vollkommen zurücktritt und einen extremen Kulturzionismus Platz machen muß, wenn es den Herren wichtiger wird, daß der gutsituierte Jude aus Breslau oder Hamburg seine „persönliche Judenfrage“ löst und sich für Erez Israel „bereitet“, als daß Judenmassen hinüber verpflanzt werden, wenn die ganze Arbeit darauf loszieht, daß Palästina nur ein Bayreuth für jüdische Höhenmenschen, ein Worpswede für Individualitäten und nicht ein Rettungsland für die große, gequälte Menge wird, dann ist Gefahr im Verzüge, dann muß der Kulturzionismus innerhalb unserer Bewegung auf sein Maß zurück g eführt werden. Der Vertreter des engeren Aktions-Komitees hat sich mit der Rechten identifiziert und nicht mit der gottlob ansehnlichen Linken. Wir müssen daher den Widerspruch auf das E. A. C. ausdehnen, das bei aller hingehenden Arbeit und Umsicht an einem bedenklichen Mangel leidet: Es ist Wachs in den Händen derjenigen, ■ die arbeitstüchtig sind und einen festen Wiiten haben. Just im Weltkriege wird es von einer Gruppe beherrscht, die eine Art geistiges Junkert u in bildet. Aber die allerintensivste Beschäftigung mit dem Geiste des Judentums, getragen von der allerheißesten Palästinaliebe ist noch lange nicht der politische Zionismus, den, zu vertreten das E. A. C. vom Kongresse bestellt wurde. * * * Anm. d. Red. Wir können uns mit den Ausführungen des gesch. Autors nicht in allen Punkten identifizieren, halten jedoch eine freie Diskussion über die behandelte Frage für durchaus angebracht und notwendig. Gesinnungsgenossen! Denket an Eure Presse!