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Jüdische Zeitung · 1917-01-12 · 2 (12.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XI. Jahrgang - Nr. 2 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien 11, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Mittwoch um 7 Uhr Telephon«Nummer 45325 I Nafional-jüdifches Organ Mil der Beilage: »Der Jüdifche Nationalfonds" Wien, Freitag, 12. Januar 1917 / 18. Teweth 5677 Eimelnunmer 20 Heller Geschäftsstelle: Wien II, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen «Konto 133*404 Aus dem Inhalt: Dr. Siegfried Bernfeld: Vom Religionsunterricht in den Mittelschulen. II. — Bericht über den Deutschen Delegiertentag. II. Teil. — Adolf Stand: Dr. Zwi Bickels. — Ein sonderbarer Seelenhjrt. — Aus der jüdischen Welt. — Zionistische Bewegung. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen. Vom Religionsunterricht an den Mittelschulen Von Dr. Siegfried Bernfeld. II. , Alle im .ersten ..TeU geschilderten Tatsachen und Tendenzen, die im Schüler jede etwa mögliche positive Wirkung des Religionsunterrichtes paralysieren, enthalten in sich Keime, welche gepflegt und entwickelt, die gewünschte positive Wirkung fördern könnten. Die lose Eingliederung des israelitischen Religionsunterrichtes ip^.deiii .Gesamtbau der Schule ruft gegenwärtig Schülern eine ihm feindliche oder, doch gleichgültige . Einstellung hervor. •. Aber gerade die relative Unabhängigkeit dieses Unterrichtes von dem naturgemäß ungleich schwerfälligeren Apparat des (öffentlichen Schulwesens, könnte der Angelpunkt für seine Verwandlung in ein fruchtbares Organ der jüdischen Erneuerung werden. Erst durch diese Tatsache wird eine Reform des Religionsunterrichtes möglich, die so Aveit ginge, als nötig wäre, um ihn wieder zur Erfüllung seiner Funktion tauglich zu machen.' Denn müßte man diese Reform1 im Zusammenhang mit der allgemeinen Schulreform durchführen, so wäre mit Recht zu befürchten, daß alle Mühe vergeblich ist, da jene gewiß viei zu mangelhaft öder zu spät kommen wird. Der gleiche glückliche Umstand zeigt sich vor allem bei den Tendenzen in der Schülerschaft. Wir haben oben gesehen, wie der tiefste psychologische Grund für ' die auffällige Wirkungslosigkeit des Religionsunterrichtes die Einstellung der Schüler ist, von Judentum und Judenheit nichts hören hören zu wollen, sie als fremde Dinge zu betrachten, sich mit ihnen nicht identifizieren zu lassen. Und kein gewöhnliches, halbes, von außen kommendes Mittel vermag diese Tendenz zu zerstören. Aber die Schülerschaft ist in dieser Beziehung keineswegs einheitlich. Wohl in jeder Klasse gibt es Einen und den Andern, der im Gegenteil sich hingezogen fühlt zum Judentum, sei es zur jüdischen Nation, sei es zur Konfession. Heute sind diese Schüler in der Minorität und auch wenn sie zahlenmäßig die Ueberragenden in einer Klasse sind, so herrscht doch kein Schulgeist, der die Konsequenzen aus ihrer Gesinnung zöge, weil das ganze Religionsunterrichtswesen angesteckt ist von jener lappalisierenden Ten-V denz. Gelänge es auf irgend eine Weise, diese Schüler zu den Herrschenden zu machen, so würde' zweifellos schon dadurch allein das stärkste Hindernis, dass sich einem tieferen Wirken des Unterrichtes entgegenstellt, aus dem Wege geräumt. Bei deq Meisten ist solche positive Einsteilung keimhaft vorhanden. Im 'allgemeinen mag sie aus zwei verschiedenen Quellen herrühren. Interesse an dem Inhalt des Religionsunterrichtes, oder besser, an seinem erhofften und möglichen Inhalt. Daneben spielt aber noch ein zweites mit; tein gewisser Trotz gegenüber antisemitischen Strömungen, eine Art Bedürfnis nach restloser Selbstachtung, und von hier aus wird ein Zustand der ’Religionsstunde, die sie zum gerechten Gespött aller macht, überaus peinlich empfunden. Aeußert sich jene erste Ursache vornehmlich in dem Wunsch, etwas Rechtes über das Judentum in diesem Unterricht zu lernen, so wirkt diese zweite dahin, es möchte aut alle Fälle die Haltung des Lehrers und der Schüler eine würdige, „anständige“ sein, und wäre es auch nur deshalb, um den Anderen nicht zu mißfallen. Es gilt zunächst diesen Teil der Schülerschaft zu stützen. Um ihrer selbst willen; aber auch weil sie die Reformatoren des Tones in der Schule werden können; weil von ihnen, eine weitgehende Aenderung der Einstellung zum Unterricht in der Schülerschaft überhaupt ausgehen kann, wenn ihnen die moralische Kraft erwächst, um zu den Führenden in der jüdischen Schülerschaft zu werden. Die Qualität wohnt ihnen zweifellos inne, die Macht können sie nur durch eine Institution erlangen. Man gebe den Schülern des israelitischen Religionsunterrichtes für diesen Unterricht die Selbstverwaltung. Man übertrage den Schülern selbst die Sorge um Ruhe, Ordnung, Würde und Aufmerksamkeit in der Klasse. Aber man gebe diese Pflichten auch ernsthaft, konsequent ' und man knüpfe daran 'die nötigen Rechte. Die zahlreichen Versuche mit Schülerselbstverwaltung, in den verschieden-; sten Ländern .und unter mannigfaltigen Bedingungen, haben klar ergeben, daß sie zwar nicht mit einem Zaüberschlag, aber rasch und sicher einen neuen Geist in die Schülerschaft bringt: Interesse,, an - der Schule; Ordnung und: Würde, aber nur dann, wenn sie wir&iich in voffern Umfang gegeben wurde, sodaii sie nicht als bloße Farce empfunden werden mußte. Und noch Eines ist nicht zu vergessen, das sich aus der Besonderheit des Religionsunterrichtes ergibt. Die Klassen sind klein und deghaib kann es kommen, daß in manchen zu tvenige junge Menschen sind, die sich berufen fühlten und die fähig wären, aut die übrigen eine Art Terror des guten Tones auszuüben. Darum ist nötig, durch gewisse, regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungen — Tagungen, Feste, Verbindungsausschüsse —, den Zusammenhang zwischen den isolierten ‘Klassen und Schulen, vielleicht sogar Städten, herbeizuführen. Wer aus eigener Anschauung die moralische Wirkung der 'Selbsttätigkeit kennt, wer weiß, in welchem Maße eine organisierte Minderheit der Anständigen und Willigen die anderen hinzureißen vermag, wird keinen jZweifel hegen, daß durch die Selbstverwaltung, ,;und nur durch sie, die Grundlage von Ordnung, und Interesse geschaffen werden kann, welche die Voraussetzung jeglichen wirkungsvollen Unterrichtes ist. Wenn man sich zu diesemj Mittel entschließt, so kann man gewiß sein, ut weitem Umfange eine Paralysierung der Folgen .jener oft erwähnten lappalisierenden Tendenz zu erreichen. Aber freilich dies schüfe erst die Grundlage, die Möglichkeit eines eigentlichen Unterrichtes. Nun müßte auch dafür gesorgt sein, daß seine Inhalte der Jugend wert erscheinen, aufgenommen zu werden. Mir steht es nicht zu, einen neuen Lehrplan zu entwerfen. Nur auf einige prinzipielle Punkte sei hingewiesen, die gleicherweise gültig sind, wenn das Schwergewicht auf die jüdische Sprache, wenn es aut die Geschichte, oder end-, hch aut die konfessionellen Inhalte gelegt wird. Vor allem, man gebe ein Ganzes, stufenweise Aufgebautes. Sollte es nicht möglich sein, alle drei Gebiete ganz zu bringen, so verzichte man aut dieses oder jenes völlig. Es ist unmöglich, einen Begrift von den jüdischen Geöeten, von der Literatur zu geben, wenn man die Fiktion des Originals aufrecht erhält, indem man einen unverständlichen hebräischen jText unterlegt. Entweder wird hebräisch gekonnt, oder die Uebersetzung muß an seine' Stelle treten. Ebenso geht es nicht, Geschichte ausschließlich an Hand der \ Bibel zu lehren. Will man jenes, so muß sie soziologisch und kulturgeschichtlich aufgetaßt, im Einklang mit den Ergebnissen moderner Forschung übermittelt werden. Ist hebräisch zu lehren, so sei ganz klar geworden, wieviel Zeit dazu nötig, welche Methode als die fruchtbarste anzuwenden wäre. Während das Interesse für die übrigen Fächer des Schulunterrichtes außerhalb des Schulwesens reichlich angeregt wird, gilt für die jüdischen Dinge nicht das gleiche. .Und wo dies natürliche* Interesse nicht vorhanden ist, etwa bei Latein, so wird zwar dieser Unterricht quälend empfunden und er wird gehaßt, wenn aber ein Teil des jüdischen Unterrichtes quälende Forderungen an die Schüler stellt, so wird nicht nur er, sondern mit Ihm das Judentum abgelehnt. Läßt irgendwo der allgemeine Unterricht eine Lücke, so findet das Interesse des Schülers leicht einen Weg, die Wißbegierde außerhalb der Schule zu stillen; das jüdische Schrifttum aber, auch das deutsch übersetzte, ist dem Laien unzulänglich oder es bietet sich ihm doch nirgends ein Führer an. Diese Tatsachen mögen als Memento über dem Geist des Religionsunterrichtes schweben; es sind außerordentliche Anstrengungen und Einrichtungen aufzuwenden. Wir können uns den Luxus eines Unterrichts nicht gestatten, dessen Wirkungen nach Art und Mab ungewiß sind, darum müssen wir in seinem Inhalt und seiner Methode mehr Rücksicht auf das natürliche Interesse einer konkreten Schülerschaft nehmen, als es sonst üblich und nötig ist. Der Lehrplan, er sei im übrigen, wie immer, muh deshalb einen gewissen Spielraum bieten, in dem der Lehrer seinen Gegenstand den gerade vor ihm sitzenden Schülern anpassen kann. Das ist umso wichtiger, als deren geistige Bedürfnisse von Bezirk’ zu Bezirk, von Schule zu Schule verschiedene sind. Solche Anpassung aber setzt voraus, daß der Lehrer seine Schüler wenigstens in ihren geistigen Ansprüchen und Bedürfnissen kennt. Hier kann wieder die Schülerselbstverwaltung helfend cingreifen, indem die Schülerschaft das Recht erhält, diesbezügliche Bitten vorzubringen und im Notfälle Beschwerden einzureichen. Der beste Unterricht aber wird durch seine Inhalte allein nicht im Stande sein, die unerläßlich hingebende Stimmung in der Schülerschaft zu erreichen, der jüdische noch viel weniger — wenn er sich nicht auch methodisch ihr ganz anpaßt. Und das heißt: er muß breiten Raum für ihre aktive Mitarbeit bieten; und für 'die jüngeren Jahrgänge überdies; er muh''anschaulich sein. An beides denkt man heute kaum, aber dies rächt sich schwer, während die strenge Befolgung (dieser Prinzipien die fruchtbarsten Folgen haben würde. Wie günstig kann hier der Kontrast wirken, wenn die Religionsstunde allein unter allen Schulstunden eine gewisse Freiheit gewährt; Freiheit im Fragen, Gelegenheit zum zusammenhängenden, referierenden Sprechen; Möglichkeit selbständiger, freiwillig übernommener, zusammenfassender Arbeit zu Hause. Und wenn gar noch die Hilfe der Eltern und reiferen Schüler beim Unterricht der jüngeren in Anspruch genommen wird, wie das in Amerika sieft allenthalben bewährt hat, so kann man sicher sein, eine Liebe zur Religionsstunde in den Schülern zu erzeugen, die ausstrahlen wird auch aut ihren Inhalt. Von der Notwendigkeit des anschaulichen Unterrichtens, braucht nichts gesagt werden, so selbstverständlich ist sie; trotzdem wird sie so gut wie vernachlässigt. Jüdische Realienbücher, historische Gemälde, Porträtsammlungen, Landschaftstypen und Milieubildersammlungen müssen zum integrierenden Bestandteil des Unterrichts werden. Und wenn die Schüler im „Jüdischen Kabinett“ freiwillige Beschäftigung außerhalb der Schulstunden finden können, dann wird zweifellos ein Teil des Interesses, das bisher der Naturgeschichte galt, auf die „israelitische Religion“ überströmen. Erfüllt der Religiqnsunterricht seine Funktion, so wird er mehr Interesse, Wißbegier und Leidenschaft wecken, als er in seinem engen Rahmen befriedigen kann. Man darf diese angeregten Tendenzen nicht sich selbst überlassen, man darf sie aber ebensowenig schulmäßig reglementieren. Vielmehr ist hier ein Mittelweg zu finden. Anregung und Unterstützung von kleinen 2= Erneuern Sie sogleich das Abonnement

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