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Jüdische Zeitung · 1916-11-24 · 46 (24.11.1916) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
46 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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( NRTinNHL -JL1DI5CHE5 QRERN Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenai täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deüj Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzj2ir. Frcs, 15.—. Einzelexemplare * ne: Wien, IIn' ZMcuagaase Nr. 33. — SprecfKtund i rden nicht zurückgestellt — Aboanemenstsprehe: Für Oesteriland: Ganzjlbr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. b. — Postsparkanänfumto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 46 Wien, Freitag, den 24. November 1916 — 28. Cheschwan 5677 X.Jahrgang Der Kaiser tot! Ein großer Monarch ist gestorben. Unser alter, guter, gerechter Kaiser Franz Josef ist nicht mehr. Kein Monarch in der Geschichte hat so lange regiert wie er. 68 Jahre saß er auf dem Throne der Habsburgischen Monarchie und herrschte über die Völker Oesterreichs. Aus anderen Zeiten kam er herüber, aus Zeiten, in denen es noch keine Verfassung gab, keine Staatsgrundgesetze, keine Anerkennung der Nationalitäten und der Konfessionen sowie der Individualitäten. Es war im Jahre 1848. Oesterreichs Zustände waren mittelalterliche. Da-kam dieser junge Monarch, kaum 18 Jahre alt, und die innere Ueberzeugung erwachte in ihm, daß der Staat auf andere Weise regiert werden müsse, nicht mehr durch einen unbedingten Absolutismus, nicht mehr durch das Fordern eines blinden uneingeschränkten Gehorsams, nicht mehr durch die Diktatur und Rücksichtslosigkeit, sondern durch Güte, Wohlwollen, Gerechtigkeit und durch Mitarbeit des Volkes selbst. Unter seiner Regierung wurden im Jahre 1867 die Grundlagen zum österreichischen Verfassungsstaate gelegt Allen Völkern wurden die -Möglichkeit ihrer Entwicklung gewährleistet, das Vereinsgesetz Würde geschaffen, das' Preßgesetz, das Versammlungsrecht, ein modernes Schwurgericht und ein Zentralparlament, in welches alle Völker ihre Mandatare frei entsenden sollten. Gab es auch später mancherlei Krisen in der Verfassung und im Par'amentarismus, so war der Monarch stets derjenige, der die von ihm beschworene Verfassung, jederzeit treu gehalten hat, der nie auch nur einen Schritt von ihr wich. Durch!-den Tod unseres geliebten Kaisers erleiden nicht nur wir einen großen Schmerz, für die ganze Menschheit, entsteht durch den Tod unseres ritterlichen Monarchen eine gewaltige Lücke. Als Staatsbürger Österreichs empfinden wir seinen Hingang als ein Unglück, weil wir ihm die staatsbürgerlichen Rechte zu.verdanken haben. Wir empfinden dieses Unglück speziell als Juden. Wenn wir darnach- Umschau halten, wie in den Nachbarländern mit uns Juden umgegangen wurde, dann erst wird uns der ungeheure Unterschied so recht klar. Da leben in Rußland 6 Millionen Juden, die der Willkür des Tschinownik erbarmungslos preisgegeben sind. Kein Recht, kein Gesetz, keine Versammlungs- und keine Pressfreiheit, kein Vereinsleben, keine Organisationsmöglichkeit, dafür aber käufliche Beamte, Ansiedlungsrayons und Programme. Und im benachbarten Rumänien! Dort müssen die Juden Geld- und Blutsteuer zahlen, müssen alle Lasten, die der Staat seinen Bürgern auferlegt, mittragen, kurz sind dort, wo es sich um Pflichten handelt, vollberechtigte Staatsbürger, entbehren aber der staatsbürgerlichen Rechte vollständig. In welch gewaltigem Gegensätze stehen zu diesen zwei Staaten die Verhältnisse der Juden in unserer Monarchie! Und alles, was wir Juden in diesem Staate heute besitzen, verdanken wir diesem Nestor unter den Monarchen der Welt. Kaiser Franz Josef wird in die Weltgeschichte übergehen als Mann des edelsten Herzens, als Mann von geradezu legendär gewordenem Pflichtgefühle, als ganzer Charakter. Bis zu den letzten Stunden seines Lebens arbeitete er. Welch leichteres Leben führen Privatpersonen seines Lebensalters. Soferne sie es erreicht haben, haben sie sich längst von Arbeit und Beruf zurückgezogen, um die Früchte ihres Lebens zu genießen. Unserem guten Kaiser war dieses Schicksal nicht gegönnt. Nicht nur, daß er bis in die letzten Stunden seines Lebens schwere Pflichten auf sich hatte, blieb es ihm nicht erspart, am Abende seines Lebens noch in diesen furchtbaren Weltkrieg verwickelt zu werden.- Er, der Friedenskaiser, er, der Monarch, dessen staatsmännischer Weisheit es durch Jahrzehnte gelungen' war, den Krieg aufzuhalten, mußte blutenden Herzens in den heißen Julitagen des Jahres 1914 das berühmte Manifest „An mein Volk“ erlassen, in dem er den tückischen Feindenden Krieg erklärte. Und was uns an seiner Bahre mit besonderem Mitgefühl erfüllt, ist die Tatsache, daß es ihm nicht gegönnt war, die Früchte dieser fast dreijährigen übermenschlichen Anspannung seiner eigenen Kraft und der Kräfte seines Heeres zu genießen. . Wir Juden stehen an der Bahre, unseres greisen, geliebten Kaisers tieferschütterten Herzens. Wir sind-ein armes Volk. Wir haben nicht die Möglichkeit, wie es reichere, stärkere Völker tun können, nach außenhin auf entsprechende Weise sein Andenken zu ehren, ihm große, gewaltige Monumente zu errichten, Städte oder Straßen nach ihm zu benennen. All das können wir nicht tun. Aber was wir tun können, ist, den feierlichen Schwur vor aller Welt leisten: In den Tiefen des alten jüdischen Herzens, das so viele Schmerzen birgt, in den Tiefen der Seele unserer Männer, des Gemütes unserer Frauen, der Träume und Sehnsucht unserer Kinder, überall wird für alle Zeiten eingegraben sein der Name des uns besonders teuren, der Name des gerechten, wohlwollenden, guten Menschen und Kaisers, der Name Franz Josefs I. Adolf Stand.

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