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Jüdische Zeitung · 1916-11-17 · 45 (17.11.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
45 (17.11.1916)
Date
1916-11-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG . Nr. 45 ben führen und eine besondere Sprache sprechen. Man muß die* Wahrheit sagen: einzelne können sich Ideen ‘ und dem praktisdien Nutzen zuliebe assimilieren, ejn Volk assimilert sich nicht. (Bewegung unter den Assimilanten.) Nicht deshalb hat das jüdische Volk 2000 Jahre blutiger Wanderungen, Inquisitionen und Autoda-Fes durchlebt, nicht deshalb ist seine Geschichte eine Kette ucermenscnlicher Leidn und unmenschlicher Verfolgungen, um-am Ende im Meere der Assimilation zu ertrinken. Das jüdische Volk kann unjd will sidi nicht assimilieren. Wenn die Polen das verstehen wollten, so wäre damit allein schon der erste Schritt zur jüdisch-polnischen Verständigung gemacht. Man wirft uns vor, daß wir jede Gelegenheit benützen, die Judenfrage aufzuwerfen. Man kann uns das nicht verargen, Idenn wir sind bis jetzt am kneist«än bedrückt und verfolgt gewesen. Wir reden zu euch, weil wir sicher sind, daß ihr uns anhören werdet, weil wir uns überhaupt kein freies polnisches Volk ohne vollständige Gleichberechtigung für Juden, ohne Garantie für die Völkerminoritäten vorstellen können. Eine solche Deklaration haben wir. am Tag der Eröffnung des Stadtrats abgegeben. Hier also undnur hier vor euch wollen wir unsere Klagen Vorbringen und keinem erlauben wir, sich zwischen uns einzadränge.i. Wir \vissen (ganz1 gut, dab unsere Aufgabe schwer ist, daß ein Teil der polnischen Rafmänner unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Gleichberechtigung lür unmöglich hält. Wir wissen audi, daß wir gegen Gewalt und Schwäche kämpfen müssen. Der Redner wrendet sich dann gegen Ilski: Herr Ilski hat uns auch zum Vorwurf gemacht, daß wir laut klagen, .damit man uns draußen höre. Er ist sehr freundlich zu uns. Er, wußte uns gerne unter Chloroform sehen, wenn er an uns seine Vivisektion vornimmt. Wenn die Herren des „Roswoi“ den Mut haben, uns Wunden zu schlagen, sollen sie auch den Alut haben, unser Wehgeschrei zu hören. Unsere Schreie sind zu laut! Aber bis /jetzt ist es noch nicht eingeführt, dem Wehschreienden eine Stimmgabel zu übergeben, daß er sein Schreien harmonisch dem Tone anp'asse.. Der Schrei kommt mitten aus dem Herzen. Und ist so stark, wie der Schlag wrar. Auch unsere Klagen sind zunächst an euch gerichtet, erst in zweiter Lin je als Protest an das Tribunal der Gerechtigkeit wegen der Untaten, die ihr an uns verübt. Erst drei Monate sind vergangen, seit wir die Schwelle dieses Stadtrats (betreten haben und es scheint, als ob sdion ganze Generationen vorüber wären, denn die letzten Verordnungen des Magistrats führen lins zurück ins Mittelalter. Wir alle ohne Unterschied sind mit vollen Hoffnungen und bestem Willen, zum Nuizen des Landes und seiner Hauptstadt zu arbeiten, hierhergekommen und wie groß ist unsere Enttäuschung nach drei Monaten! Wir haben immer -geglaubt, daß die verschärften jüdisch-polnischen Beziehungen ein Resultat der russischen Politik gewesen .seien und daß, wenn das polnische Volk sidi selbst führen wird, sidi das schlimme Verhältnis ändern wird. Ja, es hat sich geändert, aber leider nicht zum Besseren. Es wäre wirklich eine traurige Erscheinung, wenn das polnische. Volk, das seine ganze Zukunft, alle seine Hoffnungen auf Gerechtigkeit gebaut hat, in dem1 Augenblidc, da es die Macht bekommt, an Gerechtigkeit vergessen würde. Die Partei, die früher ihre Macht auf ihre Verwandschaft mit der russischen Regierung gestützt hat, stößt jetzt den den Magistrat auf einen absdiüssigen und gefährlichen Weg zum Kampf mit den Juden, einem Kampf, der zum Ruin von hunderttausenden Familien führen kann. Das mißgünstige Verhalten gegen die Juden von seiten der Stadtverwaltung hat sich von der ersten Minute an bemerkbar gemacht Als, im‘ Sinne der Wahlabmadiung, statt des Bürgermeisters Drczewicky der jüdische Ratmann Kirsdiroth in den Stadtrat kam, hat es der Bürgermeister für nötig gefunden, sich für diese Sünde in „Dwra Grosze“ zu verantworten. Der beste Beweis für die Gereditigkeit und Toleranz, die im Magistrat gegen die Juden herrschen, ist die Zusammenstellung der Beamten. Unter 500 Beamten kann man die jüdischen an (den Fingern fciner Hand abzählen. Dabei bleiben sicher noch drei Finger leer. Noch eine Tatsadie: die jüdische Gemeinde erhielt früher eine systematische Unterstützung von Rußland, später von Amerika. Als das aufgehört hatte, wandte sichdie Gemeinde an die Stadtverwaltung um eine besondere Subvention von 30.000 Rubel monatlich für die billigen Küchen. Die Stadtverwaltung hat das abgelehnt, nicht etw'a aus Mangel an Geld, denn auf der gleichen Sitzung hat man eine halbe Million Ruüel für christliche Küchen gewährt. Tausenden jüdischer Familien wird man nun eine einzige warme Mahlzeit im Tag versagen müssen. Was geht das aber den Magistrat an, es sind doch nur Juden! . Und schließlich die Forderung, die Juden und Christen in den Handelsgewölben von einander zu trennen! Hat denn der erlauchte Magistrat nidit verstanden, daß dies eine moralische Beleidigung für die Juden ist, daß es ejn Schlag gegen Fortschritt und Kultur ist, daß dies ein Rut zur Rückkehr ins Mittelalter ist? Wäre es i nicht ein Verbrechen, wenn das polnische Volk! auf der Schwelle seiner Unabhängigkeit seine Tätigkeit mit Verfolgungen auf Juden beginnen wollte? Die Forderung des Magistrats muß -Konsequenzen haben. Denn wer kann uns versichern, dab man uns morgen nicht verbieten wird, in der Traugutsiraße oder in der Dritten-Maistcaße zu wohnen, nur w’eil dort ein Mitglied des „Roswoi“ w'ohnt? Die Folgen der Politik des Magistrats sind schon bemerkbar. Kinder kommen 'von den Schulen |ia[d (erzählen, daß |n Len K ass n propagiert ward, christliche und jüdische Abteilungen, und, wenn das nicht möglich ist, wenigstens jüdische und christliche Bänke ejnzu-* richten. Die wenigen angeführten Tatsachen beleuchten genügend das System, dessen sidi der Alagistrat den Juden gegenüber bedient, und daher wird die zionistische Gruppe des Stadtrats als Zeichen des Protestes .gegen die Politik des Magistrats gegen das Budget stimmen.“ (Beifall der Zionisten.) Die Reden der iibng'n jüdischen Ratmänner. Die judenfeindliche Praxis der Selbstverwaltung illustrierte durch viele Beispiele der Ratmanri der Volksgruppe N. Prilmzky. Als die Bürgermiliz gegründet wurde — erzählte der Redner — seien in sie eine Rejhe Juden ingetreten, die vollauf ihre Pflicht erfüllten. Trotzdem Sei innerhalb dieser Miliz kein einziger Jude zum Kommissär erwählt w'orden. Die jüdische Bevölkerung sei schuldlos terrorisiert-worden, grundlose Verhaftungen und Körperstrafen, sogar für Frauen und Kinder, seien zu alltäglichen Ereignissen geworden,- denen die Miliz teilnahmslos zuschaute. Als die Milizjanten Gehalt zu bekommen begannen, seien die jüdischen Milizianten massenweise entlassen worden. Jetzt gebe lesf Kleinen einzigen Juden, der. ein höheres Amt in' der Miliz bekleidet, lni achten Bezirk, wo Zweidrittel der Hausbesitzer und Dreivjertel der Einwohner Juden sind, gebe es keinen einzigen jüdischen Schutzmann und keinen einzigen jüdischen Kanzleibeamten. Das sei eine Beleidigung der nationalen Ehre, zugleich aber auch ein schwerer Verstoß gegen die jüdischen Interessen. Die Aliliz habe für Gehälter mehr als eine Million Rubel verausgabt und kein einziger Jude werde zur P-olizeikarriere zügelassen, obgleich die Juden dieselben Steuern wie die Polen tragen. Die Milizianten schikanieren die friedlichen jüdischen Einwohner, statt sie zu schützen. In diesem Jalire haben sie sogar den Juden am; Sukkot-Fest nicht erlaubt, ihre Laubhütten auf ihren Balkons aufzustellen, obgleich selbst die russische Polizei niemals gegen die Erfüllung dieses religiösen Gebrauches etwas einzuwenden gehabt habe. Dies“ Stellung der Miliz sei aberbloß ein Teil der ganzen antisemitischen Politik des Magistrats. Der letzte antisemitische Beschluß sei damit „motiviert“’ worden, daß die Juden im Handel 72 Prozent ausmaditen. „Meine Herren, wir wären gern bereit, unseren Kleinhandel für euere Landwirtschaft und euere städtischen und öffentlichen Stellen usw. einzutauschen. Während der Kleinhandel durdi den Krieg ganz lahm gelegt wurde, dauerten Landwirtschaft und die genannten Stellen fort. Daß der „Roswoi“ den jüdischen Handel zu verdrängen sucht, ist eine Tatsaclie, die man als solche hinnehmen muß. Die Konkurrenz muß aber frei und die Mittel müssen ehrlich ' sein: Qualität der Ware, Preis, Reklame, 'Behandlung der Kunden. Den Konkurrenten aber zwingen, sein Gesdiäft zwei Tage in der Woche zu schließen und selbst nur einen Tag ruhen, sich die besten Plätze nehmen und dem Kordcurrenten nur die schlechten überlassen — das ist nicht mehr Konkurrenz, sondern systematische Verfolgung eines Teiles der Stad.bevölkerung, worauf ein Alagistrat, dem die Interessen der gesamten städtischen Bevölkerung 'am Herzen liegen müssen, sich einzulassen niemals ein Redit hat.“ Als Protest gegen diese ungerechte antisemitische Politik des Magistrats werde die Partei des Gegners gegen das Budget stimmen. Im Namen der fünf Ratmänner, die im Stadtrat die assimilatorische Strömung repräsentieren, erklärte Natansolin: „Wir rechnen uns nicht zur jüdisdien Nationalität, sondern bloß zur jüdisdien Religion. Wir fühlen uns und sind Polen. Unseren Ideen und nationalen Bestrebungen nach untersdieiden wir uns durch nichts von den Polen anderen Glaubens . . . Diese unsere Stellung zum Polentum ist uns keine logisch erfundene Salice, sondern entquillt einem1 heißen, lebendigen, inneren Bedürfnisse . . . Aber außer uns gibt es noch eine große unglückliche Alasse polnisdier Juden, die erst ein geringes nationales Bewußtsein hat. Die russische Bürokratie .sorgte dafür, daß kein Strahl der polnischen Kultur in diese Masse eindrang. Vom' polnischen wie vom allgemein menschlichen Standpunkte aus ist es daher sehr, erwünscht, aut die zukünftige Stellung der Gesellschaft zu dieser Bevölkerung, die in ihrer Hauptmasse gegenwärtig noch nicht national kristallisiert ist, näher einzugehen. Diese Alasse in ihrer jetzigen Lage zu lassen, wäre aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ein Unglück für das Land ... Das Ziel muß sein, aus der jüdischen Bevölkerung wahrhafte Bürger zu machen, die von Liehe zum Vaterland durchdrungen sind und eine nützlidie produktive Kraft darstellen. Zu diesem Zweck müßten einerseits sämtliche, gegenwärtig bes.ehenden Judenbeschränkungen abgesdiafft werden, andererseits muß für die Juden eine öifentlidie polnische Elementarschu’e gegründet werden, die wahrhaft polnisch sei i soll, nicht h!oß nach ilirer Sprache sondern auch nach ihrem Inhalte. Das ist in kurzem unser Programm . . . In eueren Händen liegt daher jetzt die Alöglidikeit, dem Vaterlande seine liebenden Söhne zurückzu.'.Ihren.“ Nach der Rede des polnischen Ratmanns, Herrn Lipazewitsch, der den Eindruck der Enthüllungen der ersten jüdisdien Redner abzuschwächen suchte, erhielt das Wort der letzte Redner seitens der Juden, Dr. Goldflamm, der ruhig und nachidrücklidi seine Enttäuschung sdiilderte: „Als wir das Wahlübereinkomm'en ge- Irorien haben und freiwillig auf die Hälfte unserer Alandate verzichteten, glaubten wir, dadurch den ersten Schritt mir Verständigung gemacht und der ßoykottpolitik den Boden entzogen zu haben. Wir glaubten, daß, während sich dem polnischen Volke so große und leuchtende Horizonte. eröffnen, in ihm auch seine edelsten Gefühle erweckt würden. Leider ist uns in dieser kurzen Zeit eine vollständige Enttäuschung beschieden gewesen.“ Der Redner schilderte an Hand von Ziffern und Daten die traurige wirtschaftliche Lage des jüdischen Handels und die falschen Meinungen, die darüber in' der polnischen Gesellschaft herrschen.' Er betonte, daß durch Auswanderung die Judenfrage nicht gelöst werden kann. „Die Judenfrage muß innerhalb des Landes gelöst werden und dies kann nur durch eine solche vollständige Gleichberechtigung der jüdischen Massen erreicht werden, die iür sie gleichzeitig keinen Verzicht aui ihre große Vergangenheit, ihre Traditionen und ihre Treue zu ihrem1 Volke bedeuten wird.“ Die für die Sitzung anberaumte Zeit war sehen zu Ende und der Vorsitzende, Herr Schliwinski war bereits dabei, die Sitzung zu schließen. Herr Ilski konnte es aber nicht ruhig mit arischen, daß der Stadtrat unter dem Eindruck dieser jüdischen Reden schließen sollte. Es gelang ihm1 trotz der vorgerückten Zeit, das Wort zu erhalten. Er mußte sich kurz fassen, dafür aber waren diesmal seine Worte so klar und unzweideutig wie noch nie: dje Juden hätten von den Polen nichts zu.erwarten und wenn sie stets mit .besonderen Forderungen kommen würden, so hätten die Polen keinen Platz. „Wir kämpfen nicht gegen euch, sondern für uns. Wir wollen uns von Euch befreien. Sprecht nichtItvon abstrakter Gerechtigkeit, die werdet ..ihr liöi uns nicht finden. Wißt, daß das polnische: Volk bis jetzt , passiv .war. Hütet euch, seinen Zorn zu erwecken. Er könnte zu Taten; führen, für die ich keine Verantwortung übernehme.“ Diese drohende antisemitische Rede schloß die Debatte im; Städtrat. Stimmen zur Judenfrage im Königreich Polen Die Berliner „Neuen Jüdischen Monatshefte“ bringen in ihrer am1 10. d. Mts. erschienenen Nummer zur Judenfrage im Königreich Polen einige bedeutsame Aeußerungen, aus denen sich die Ansicht weiter d e u t s c h - jüdischer und p o 1 n i s ch-jüdischer Kreise ergibt. In einem1 Aufsatz von Dr. A. Friedemann „Wir und die Ostjuden“ wird ein 'Zusammengehen aller deutschen Juden auf Grund eines Mindestprogramhis vorgeschlagen. Es wird darin verlangt: „Forderung unbedingier GlJiChbercchtigung aller Minoritäten, also auch der Juden, mit den Polen in der Verfassung, und ein in den Landesgesetzen festgelegter Schütz für ihre religiöse und kulturelle Eigenart, insoweit sie selbst deren Erhaltung wünschen. Abwehr jeden Zwanges zur Polonisierung und yermeidung aller Germanisierungsmaßnahmen. Entschiedene Ablehnung aller Sondergesetze bezüglich1 der. Einwanderung und besonders der Grenzsperre und eine nachdrückliche Aufklärung der Oeffentlichkeit, sowie der einflußreichsten obersten Instanzen und des im. Osten tätigen Beamtentums über alle einschlägigen Fragen. Schließlich eine umfassende Hilfstätigkeit 'zur Milderung des großen Elends und Studium Wer IWirtshcaftsfragen, deren Lösung nach dem Friedenschlusse erfolgen muß.“ . Eine im Anschluß an diesen Aufsatz veröffentlichte Erklärung der jüdischen Assimilanten, die von Vertretern aller jüdischen Richtungen Warschaus beifällig aufgenommen wurde, legt die Wünsche der polnischen Juden dar; sie llt folgende grundsätzliche Forderungen au?’: . Wir sind deswegen der Meinung, dab der Gedanke eines verfassungsmäßigen und gesetzlich garantierten Obersten Nationalen Kulturrates grundsätzlich annehmbar ist, also eines Organes, welches die Erziehung und kulturelle Entwicke’ung der jüdischen Jugend auf der sprachlichen Selbstbestimmung und auf diesbezüglicher Matrikulierung der jüdischen Bevölkerung gründen wird ... Es verstellt sich von selbst, daß Juden in Polen ohne Unterschied von sprachlicher Selbstbe-

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