Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-10-06 · 39 (6.10.1916) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
39 (6.10.1916)
Date
1916-10-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438610--4980-2444910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 39 schont, alle gleichgemadit; wer gestern noch reich war, bettelt heute um ein Pfund Kartoffel.“ Die sogenannten Kriegsumstände brachten auch interessante Veränderungen in den polnischen Ländern, die jetzt Schauplatz des Krieges sind, "'hervor. In dem' Lande, in dem' in kleinen Ortern die Juden bis 80 Prozent der gesamten Einwohnerschaft bildeten, findet man nun keinen einzigen Juden. (Schluß folgt.) bedeutsame Entwicklung der Warschauer Sportgruppen berichtet hatte, folgten die-Debatten. Es sprach zunächst der orthodoxe Delegierte Rosenblum’ aus Mesericz unter Stürmischem Beifall. Als alter Palästinenser brachte er interschlossen, ihre -Juden einzelweise zu naturali? sieren. Die Folge dieser ehrlosfen Politik war, daß im Laufe der letzten 35 Jahre nur e i ri i g e hundert Jude n e man z i p i e r t. wurden, während mehr als eine Viertel Million essante Erinnerungen aus' dem jüdischen. Leben Juden heute noch als Fremde im Lande be Palästinas vor 32 Jahren. Er forderte insb’sontradhtet werden'. Zionistische Hp&eit in Kongress: Polen. dere die Orthodoxen auf, im Lande Bojaren zu kaufen und sie nicht wie in früheren Jci'ren' zu vernachlässigen. Wcißbrod aus Praga unterstützt den Vorschlag bezüglich1 einer He- Choluz-Bewegtmg, Denn es . gäbe jetzt genug1 Kräfte, die zur - Erdarbeit geeignet und bereit seien, .nach dem Kriege in Palästina einzuwandern, Wenn 'man ihnen die Möglichkeit dazu gebe. Der Redner schlägt Vor, sich nicht sp; mit der agronomischen Schule in Czenstoch'au zu begnügen,'sondern solche Schulen auch in In Warschau fand vom 13. bis 15. Sep-t: Warschau und Lodz zu gründen und außerdem tember die zweite zionistische Konfe-tH ausgebildete 'Agronomen in die r enz seit der Okkupation statt. Sie war von I”?* Städte Polens Zu senden, um das Volk in. der 60 Delegierten aus 56 Provinzstädten und 20Ver- ».agronomischen Arbeit zu unterrichten. Dagegen tretern der Warschauer Vereine besucht. Einige , wendet sich sehr entschieden P r op us,_ unterhundert Gesinnungsgenossen wohnten den Bei^stutet aber sehr den Vorschlag zur Gründung ratungen als Gäste bei. Zum ersten' Alal wurden *:f.e,^es . ^?<^0!Vz"^on?S-1_ ^,r- Jp * *1 ® auch 6 Frauen als Delegierte gewählt. Der ferste ‘!1 Tag war den Berichten der Delegierten über die|&*9r“e“e>, zionistische Arbeit in ihren Städten und dien?* l'schau) hielt eine bedeutende Rede, in ider er'aufv forderte, zum politischen Zionismus Herzls zurückzukehren. Vorträgen der Leiter des zionistischen BureauslöLv,.. Außerdem traten noch mehrere Redner mit für die Provinzstädte, das dem zionistischen WaadjsiWunschen auti die. man leider in jeder zioniin Warschau an gegliedert ist, gewidmet. DieBÜstlschen Versammlung lmmerwiederhorenmuß, Das Schlimmste an diesem .Akte war, daß, während vor dem1 Berliner Kongreß die, Juden als rumänische Untertanen angesehen wurden und sich unter dem 'Schutz der 'riumlänischen Regierung befanden, sie durch dieses Amendement plötzlich als - in Rumänien lebende Ausländer ohne ausländischen Schutz erklärt wurden. Große Massen von Juden, die seit .'Generationen, in Rumänien leben, ihre Militär- und alle ' anderen staatlichen Pflichten erfüllen, sind eines'schönen Tages schutzlose Ausländer geworden. Diese -Tatsache wird eine der Schandtaten bleiben, ,die jeder Gerechtigkeit und jeder Gesetzlichkeit Hohn spricht. Sie wird ein Schandfleck bleiben ,bis Europa ihn schließlich’ erkennen und diesem' Zustande ein Ende machen w’ird. Ich appelliere an die ganze zivilisierte Menschheit, ich protestiere gegen Rumänien!“ große Halle des Merkas, in welcher die Konferenz tagte, war dicht gefüllt, den .Vorsitz führte zu Beginn der Verhandlungen Dr. Rosenblatt aus Lodz. _ ' . L Farbstein, der bekannte Führer der War-1 schauer Zionisten, referierte über die Arbeit der,!' Zionisten hi Warschau selbst: über die Zahl der Schekel (2000), die Eingänge des National-! fonds (3000 Rubel) während des letzten' Jahres, die Kindergärten, und'' Schulen (11 hebräische Volksschulen mit 3000 Kindern), über die Flüchtlingshilfe und die Wahl zum Stadtrat, über die' amerikanische Sektion usw. OlschWanger und Da widowitsch gaben Bericht von der Tätigkeit des Zionistischen Bureaus für die Provinzstädte und über seine Arbeitsbedingungen. Eine ganze Reihe von Delegierten berichtete über die Arbeit in ihren Städten. Es gebe Städte, in' denen' (zionistische Vereine seit demersten, , Zioiiisterikongreß ' bestünden und solche, derer» zionistische Institutionen erst im letzten Jahr! oder - sogar in den letzten Wochen gegründet worden seien. Fast alle diese Vereine, alte wie 3 weil sie berechtigt, aber hoch nicht erfüllt, sind. (Schluß folgt.)- j Protest gegen Rumänien. Der bekannte Rechtsanwalt Leo W o 1 f- Isohn in New-York, ein geborener Rumäne Jund angesehener Führer der rumänischen Juden [in Amerika, veröffentlichte den „Jüdischen Natih- [richten“ zufolge in der Presse unter der Ueberjsrihrift:' „Vor dem Gericht der zivilisierten Welt“ ^folgenden Protest gegen Rumänien: „Ich klage Rumänien vor der zivilisierten Eine Mgebung der Sozial: Oemohralie. Sämtliche Gruppen der . russischen Sozialdemokratie haben auf einer gemeinsamen: Tagung zu Anfang September in Kopenhagen diese Beschlüsse gefaßt: ’ - ■ „Wir verwerfen aufs entschiedenste alle Institutionen der russischen Regierung über den Verrat," den die Juden betrieben haben sollen. Wir protestieren gegen die unmfensclrichfe Unterdrückung und Verfolgung der Juden in Rußland. Wir appellieren an die Demokratie aller Länder und in erster Linie an das: internationale sozialistische-Proletariat gegen den reaktionären Charakter der russischen Regierungspolitik und zur möglichsten Unterstützung der revolutionären Arbeiterklassen in Rußland in ihrem Kampfe gegen die russische Autokratie. Wir appellieren' an die russischen Juden, daß sie nicht länger die vor Welt an, Weil .es mehr als eine Viertel Million Juden, die das Unglück haben, in diesem' Lande „ _ __ __ zu leben, unterdrückt, verfolgt und martert. Ich L bürgerlichen Parteien unterstützen, die zwar die Beschuldige die rumänische Regierung, daß sie Jij Losung ausgeben, „gleiches Recht für alle grausame und unmenschliche Gesetze gegen die ,gT: jU(jen« aber in der Sache Selbst in der Juden Juden gemacht hat, weil sje von bösen Absichten g|". fra<re mit den reaktionären-Elementen izusammfenjunge, begnügten, sich nicht mit rein zionisti-^g-urid von schändlichen Plänen geleitet wird, diejfcgehfen, welche die Aufwerfung der 'Judenfrage scher Arbeit, wie Schekeleinziehung und Natio-' 3 jüdische Bevölkerung zu schädigen. Ich beschul-^jw^brend des Krieges „unzeitgemäß“ finden. Wir _ . lt«_ -J — - — — i . —- M ___-J ___ _t. . W __ . -_fi_. K /I! im O«t-M-n viiAH yl a ft ae * rt rl a j-v GAealf *r I f 11ti^ . . e 4 ‘ * «#% * j nalfondssam'mlungen, sondern arbeiteten auch j^dige Rumänien, daß es jedes Gesetz zu -unviel auf kulturellem' Gebiet. f-Sgunsten der Juden kommentiert. Die Juden Es sprachen ah diesem Tage ungefähr 25 f Können daher von der rumänischen Regierung Delegierte aus 25 großen, mittleren, kleinen und \ keine Gerechtigkeit erwarten. Ich behaupte, daß kleinsten Orten, und alle berichteten überein!-, ■» R u m ä n i e n das Versprechen gebrostimmcnd, daß der zionistische Gedanke in ihren i chenh'at, das es durch den Berliner Vertrag ab- Orten immer mehr die Herzen der Jugend1 ergegeben hat, den Artikel 44 durchzuführen, und obere, und daß auch die Aeltenen nicht mehr & daß es durch allerlei Mittel und Fälschungen die frühere Gegnerschaft gegen den Zionismus ’ diese den Juden garantierten Rechte wertlos und an' den Tag legten. Dis Periode der kleinlichen antizionistischen Wühlarbeit scheine endgültig überwunden zu sein. Zum ersten Mal wurde ' es auf dieser Sitzung klar, daß die polnischen Zionisten jetzt nicht mehr wegen ihres Zionis-; mus verfolgt würden. In vielen Städten ist man dabei, besondere Misrachi-Gruppen unter den Orthodoxen und Chassidinf Zu (gründen: Audi die zionistische Kulturarbeit lstößt nicht mehr auf die Widerstände, die sie' in - früheren Jahren erfahren habe. Für diese auffallende Aenderung zum' Guten "wurden zwei Gründe angeführt. Erstens habe - die Provinzbevölkerung bei ihfe'm Aufenthalt als Flüchtlinge in den großen Städten, besonders in Warschau, die Arbeit der Zionisten . kennen gelernt und ihre Meinung (über sie gründlich geändert. Sie hätten die große und fruchtbringende Hilfstätigkeit der Zionisten mit eigenen Augen gesehen. Zweitens fänden die antizionistischen Verleumdungen seit dem Aufhören der russischen Herrschaft in Polen keinen , recht fruchtbaren Böden Imehr. _ Die Delegierten heben hervor, daß, wenn das zentrale Bureau in Warschau seine Arbeit gut leiste und zwischen ih'm und den zionistischen Vereinen in den Provinzstädten eine lebendige und ständige' Verbindung bestehen werde, der Zionismus gute Aussichten habe, in Polen eine mächtige Volksbewegung zu Werdern Am' zweiten Tage standen auf der Tagesordnung zwei Vorträge, der eine übet „Die wirtschaftliche Lage in Palästina“, der andere über „Die künftige zionistische Arbeit“. Der erste .Redner war J. Nissenbaum: Er gab' einen, allgemeinen Ucberblick über die ökonomische, kulturelle und politische Lage Palästinas in den Zwei Kriegsjahren. Unter anderem' berichtete er, daß in Palästina die hebräische Literatur auch in dieser Zeit nicht in ihrer Entwicklung stehen geblieben sei. Er wies auf die Bedeutung der Öttomanisierung der fremden im Lande lebenden Juden, sowie aUf die guten Beziehungen der türkischen Regierung zu ihnen, hin. Der zweite Redner war S. Zetir ach. Er machte positive Vorschläge zur Erziehung der Jugend und trat für die Organisierung einer HefehoIuz-(Pionier-)Bewegung ein. .Nachdem in der zweiten Sitzung cles Zweiten Tages Herr W e i z m a n n über die erfreuliche, illusorisch gemacht hat.“ Nach Aufzählung pH der bekannten Beschränkungen, die den russischen kaum nachgeben, fährt Wolfsohn fort: ,}Das alles sind nur einzelne Zitate von grausamen und herzlosen Gesetzen, die in den letzten 40 Jahren speziell dazu geschaffen wurden, um das jüdische Leben in Rumänien zu verkrüppeln und zu schädigen. Diese Gesetze werden manchmal etwas strenger, manchmal etwas milder angewendet. Sie machen aber das Leben der Juden in Rumänien immöglich. Im Jahre 1878 (Berliner Kongreß) wußten die europäischen Mächte wohl, unter welchen Verhältnissen die Juden in Rumänien leben müssen. Die Mächte verlangten daher von Rumänien die Garantie, die Emanzipation der -Juden gewissenhaft und ehrlich durchzuführen. Nur unter, Durchführung dieses Punktes ist die rumänische Unabhängigkeit anerkannt worden. Rumänien hat damals die Gleichberechtigung der Juden aberkannt und dies durch seine Repräsentante B r atianu und K o g o 1 n i t s ch a n u unterzi! Jmen lassen. Der Artikel 44 besagt in kurzen Worten, daß die Zugehörigkeit zu irgend einer Religion kein Grund sein darf, um einem Einwohner Rumäniens die volle Bürgerliche Gleichberechtigung zu verweigern. Um diesen' Punkt durchzuführen, war es notwendig, eine Verfassungsänderung vorzunehhien. Bei dieser Aenderung-hat aber die rumänische Regierung 'einen Punkt hineingestellt, der ein Schandfleck für Rumänien bleiben wird, weil'tes einen Trick darstellt, um ein vor Ergänzen Welt gegebenes Versprechen einer Nation gewissenlos zu brechen. Die rumänische Regierung Wat nämlich folgendes Amendement hinzugefügt: „In Rumänien lebende Ausländer, die sich unter keinem ausländischen Schutz befinden (damit sind die Juden gemeint), können durch ein Gesudi an das Parlament ihre Naturalisation erlangen. Das Parlament wird das Recht haben, die Naturalisation in solchen Fällen zu gewähren, in denen sie es für richtig anerkennt. Es verstellt sich' von selbst, daß die Naturalisierten alle Bürgerrechte bekommen.“ Aber anstatt die Juden als naturalisiert zu erklären, wie es' der Berliner-Kongreß verlangt hat, hat die rumänische Regierung berufen sie auf, daß sie sichnicht an1 den „Stand gider Kriegsoperationen“ in Rußland kehren, daß sie mit aller Kraft und Stlien Mitteln die sozialistische Arbeiterklasse in ihrem' Kampf für die Gleichberechtigung aller Russen ohne Unterschied von Nationalität und Religion unterstützen. Zugleich brandmarken wir das Bestreben der englischen Regierung, die russischen Flüchtlinge,, die' in England eine Zuflucht suchten und von denen die 'meisten Juden' sind, an das unmenschliche Leiden auszuliefern, das sie in ihrem'. Geburtslande erwartet. Nichts macht die Wahren1 Ziele ah dieser wahren „Kämpfer für die Freiheit un'd ' das Recht [der unteiidrücktoi Nationalitäten“ deutlicher, als das Bündnis des-freien England und des republikanischen ’Frankreich1 mit dem russischen Zaren und die Bereitwilligkeit .derenglischen Bourgeoisie, das ’Asylreiiht,', aptfefjjaS- Sie bis' in der letzten Zeit so istolz War, aüfzügeben, . dem' russischen Absolutismus zu Gefallen. Wir sprechen unsere Solidarität. aus und -bezeugen unsere Bereitwilligkeit, tiiit allen " Kfäften^ünd fj Mitteln die sozialistischen Organisationen zu Äunterstützen, die 'sich zürn1 .Ziele setzen, das wAsylrecht aufrecht zu erhaltein und Wir appellieren darum an alle, denen (die Prinzipien der : Freiheit und der Demokratie noch kostbar sind.“ Ans fler jBäisdien Welf. Der neue Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel. Am 18. Juli ist Abraham J. Elkus von Präsident Wilson als Nachfolger Henry Morgenthaus, der seine Wahl sehr empfohlen hatte, zum' amerikanischen ■Botschafter in Konstantinopel gewählt worden. Herr Elkus, der im 50. Lebensjahre steht, ist ein unabhängiger Demokrat, der den Präsidenten Wilson bei seiner Wahlkampagne 1912 tätkräftigst . unterstützt ' hat. Er betätigt sich seit fielen Jahren -in sozialer Arbeit und seine Bestrebungen zur Besserung der Lage der arbeitenden Frauen, und Kinder, verdienen besonders hervorgehoben zu werden. Von ihm'/rühren die 35 Vorschläge jhier, die heute lals;.,.Fabriksgesetze“ in den Vereinigten Staaten bekannt, und in vielen Staaten nachgeah'mt worden sind. Herr Elkus hat sowohl in derjuristischen Fachwelt, wie . .inder ’ nationalökonomischwissenschaftlichen, Welt einen sehr guten Namfen; ■ ier ist von der St. Lawrence-Universität zum Ehrendoktor . ernannt worden. ’. \ Seine Wähl, als Nachfolger des Herrn Henry Morgenthau wird von der amerikanischen Juden-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.