Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 39 (6.10.1916)
- Date
- 1916-10-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438572-2438610--4979-2444909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Radom 2× ep/1000823
- Alfons Petzold 1× ep/1026265
- Arnold Zweig 1× ep/1009291
- David Frischmann 1× ep/1009416
- Heinrich Loewe 1× ep/1024049
- Hermann Struck 1× ep/1004902
- Kielce 1× ep/1001109
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Max Brod 1× ep/1024844
- Nahum Goldmann 1× ep/1009262
- Ozjasz Thon 1× ep/1000008
- Simon Frug 1× ep/1007162
OCR text
■ ■ fifi« NRTHNFIL -JÜDISCHES ORGAN flrtnlni " Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS" Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, Zirkusgaase Nr. 33. — Sprechstunden täglich von 11—12 Utoir vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Aboanemenstsprebe: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Fr cs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 39 Wien, Freitag, den 6. Oktober 1916 — 9. Tischri 5677. X. Jahrgang. Soeben erschienen: Jüöisdier Nationalfcalenöer 5677 Zweiter Jahrgang Redaktion: Otto Abeies und Ludwig Bätö. Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Vornehm ausgestattetes, illustriertes zionistisches Jahrbuch. Mitarbeiter: Ch. N. Bialik, Adolf Böhm, Max Brod, Martin Buber, Z\ F. Finkeistein, David Frischmann, Simon Frug, Nachum Goldmann, Otto Hauser, Josef Kiss, Dr., Heinrich Loewe, Ernst Müller, Josef Patai, Alfons Petzold, Marek Scherlag, Schaolm Alejchem, Abraham Sonne, Adolf Stand, Dr. Osias Thon,. Arnold Zweig und Dr. Egon Zweig. Bilderschmuck von Wilhelm Wachtel und Hermann Struck. Aufnahmen des Jüdischen Kriegs'archivs. Porträts jüdischer Schriftsteller. Leichtes Feldpostformat. Preis K 2.80 M. 2.— exklusive Porto. Zu beziehen: Durch den Verlag „Jüdische Zehung“, Wien, 11. Zirkusgasse 33, sowie durch alle Buchhandlungen. Die Rusueisungen der Juden in RuMand. Von Wl. Kossowski.*) Schon im Jahre 1914 hätte das ausländische , Komitee der jüdischen sozialdemokratischen Partei „Bund“ die zivilisierte Welt gegen die Barbarei der russischen Regierung aufgerufen, welche gegen mehrere Millionen des jüdischen Volkes einen Vernichtungskrieg einleitet. In dem Aufrufe des „Bund“ wurde darauf hingewiesen, daß die russische Regierung, abgesehen von traditionellen Pogroms, hauptsächlich' mit der systematischen Austreibung der Juden arbeitet. Wenn die Vertreibung auch nicht so stärk auf die Phantasie wirkt, wie der Pogrom mit Frauenschändungen, Bauchatifschneiden etc., so übertrifft Sie an schrecklichen Folgen den letzteren bei weitem. Im' Jänner 1915 nahm die Vertreibung in «kPolen ungeheure Dimensionen an. „Eine gigantische Menschenwelle“, soschreibt' der Korrespondent des „Rjetsch“, „erhob sich' und ergoß *) Der Verlag R. Löwit stellt uns die Fahnen dieses in der neuen Lieferung des „Jüdischen Archivs“ befindlichen Beitrages zum Vorabdruck zur Verfügung. Es ist der zweite Teil des instruktiven Originalberichtes, der unter dem Titel„Die Ausrottung der Judenschaft Rußlands“ erscheint. sich nach dem1 25. Jänner gegen Warschau. Die Juden mußten innerhalb 25 Stunden ihre Orte verlassen. Am 25. Jänner war ich in Grodzisk und sah, wie man an die Fenster der Juden klopfte und ihnen damit das Signal zum. Fortziehen gab. In wenigen Augenblicken füllte ein wahrer Ameisenhaufen die Gassen. Unter Schreien und Weinen gings zum Bahnhöfe. Man trug Kinder, man trug Alte, man trug Bündel, man stieß aneinander. Alle Plattformen, alle Puffer, alle Dächer der Waggons waren mit Menschen beladen. Es war eine Art lebendiger Schlange aus Menschenleibern.“ Nach der bescheidensten Rechnung kamen in den lernen Tagen des Jänner nicht weniger als 30.000 jüdische Flüchtlinge nach Warschau. Diese Zahl ist zweifellos zu niedrig, denn allein am; 25. und 26. Jänner kamen in Warschau 25.000 ausgewiesene Juden an. Schon die trockenen Berichte der unter strenger Zensur stehenden Presse geben ein schreckliches Bild der Massenvernichtung von menschlichen Existenzen: „Die ganze Nacht und den ganzen gestrigen Tag zogen endlos Fuhren durch Warschau, mit alten Männern, alten Frauen, mit Weibern und Kindern, die vor Kälte zitterten und sich aneinander drückten. Hinten gingen schlotternd und gebeugt die Männer, für die auf den Wagen kein Platz war. Die ganze Nacht irrten die Juden frierend durch die finsteren Gassen Warschaus, ohne ein Obdach1 zu finden, ohne zu wissen, an wen man sich um Hilfe wenden könnte. Immer wieder scholl durch die Stille der Nacht das Schreien hungriger, frierender Kinder und (das Stöhnen der Frauen“. „Nur einem ganz kleinen Teil der Vertriebenen gelang es, Fuhren aufzutreiben oder in einem Eisenbahnzuge Platz zu finden. Ehe Aermeren oder die, welche nicht nahe der Eisenbahn wohnten, mußten zu Fuß gehen. Gestern und heute kam die erste Partie der Fußgänger. Diese Flüchtenden konnten nicht einmal Kissen aus ihrem Heim mitnehmen, da sie die Kinder, dfe Alten und die Kranken tragen mußten. („Hajnt“’ Nr. 24, 25. Jänner.) Vom Jänner 1915 hörten die Ausweisungen der Juden nicht mehr auf, und, die Berichte wurden zur ständigen Rubrik der Zeitungen, wie beispielsweise früher die Berichte über nächtliche Jagden auf Juden außerhalb des „Ansiedlungsrayons“. Nach Warschau kommen immer wieder Scharen von Wanderern, besonders aus dem Gouvernement Plotzk. „Diese neuen Flüchtlinge erzählen von den Schrecknissen, die sie auf dem' Wege zu erdulden hatten. Es sind auch Nachrichten von einer Massenausweisung aus dem Gouvernement Lomza eingelangt. Die Einwohner von Jedwabno mußten sofort nach verschiedenen Richtungen flüchten. Es kamen viele Fälle von, Raub- und Frauenmord vor. („Nowy Woschod“,. Nr. 8, 27. Februar.) Wie groß die Zahl der gezwungenen Einwanderer in Warschau ist, kann man daraus ersehen, daß im Monat Mai an 140.000 Juden Unterstützung geleistet werden mußte. Aber danach allein kann man noch nicht die Dimensionen der Ausweisungen beurteilen, da sich auch in den Zentren der polnischen Provinz viele Flüchtlinge ansammelten. So kamen noch im Jänner aus der Umgebung nach Kielce 1000 Juden und nach Radom 1500. Wie „Dziennik Polski“ berichtet, schritt man' im März in den Gouvernements Radom und Kielce, in einigen Kreisgebieten, die dem Kriegsrayen' nahe lagen, ,an die Ausweisung der ganzen jüdischen Bevölkerung. Es wurden alle Juden entfernt, ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Beruf. Zu Beginn, des Monats Mai wurden aus diesen beiden Gouvernements 15.000 Juden nach dem Gouvernement Lublin evakuiert. Es wurden ihnen drei Stadtkreise zur Ansiedlung angewiesen: Lubartow, Radinsk, Sokolow. Sogar in der unglücklichen Stadt Lomza, „aus der alle flüchteten“, haben sich 900 Flüchtlingsfamilien eingefunden, und zwar meist Einwohner von Jedwabno, die man nach Lomza brachte, dann Einwohner von Nowograd und Piotinci, einem' Vorort von Lomza, von wo die Bevölkerung: ebenfalls entfernt wurde. , Noch sei einer Tatsache erwähnt, - die zur Genüge beweist, wie gründlich die russischen Behörden ihre Arbeit besorgen: „In den Gouvernements Radom und KielCe wurden <fie angesehensten Vertreter d$r Juden und die Rabbiner in Haft genommen und ins Innere Rußlands verschickt. In Nowo-Alexandrien allein, welche Stadt als Sammelpunkt für die Geiseln bestimmt war, .waren demzufolge 40 Rabbiner (versammelt“. Schließlich verboten die russischen Behörden den Flüchtlingen den Zuzug nach Warschau und verwiesen sie auf das rechte Weichselufer. Dieser Umstand war wieder für die Ausgewiesenen mit neuen Leiden verbunden, da eine Unterstützung der Elenden nur in einer Großstadt wie Warschau mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung möglich ist. So mußten die 5000 Juden, die im Mai aus dem Orte Mogilnici im Gouvernement Warschau aut das rechte Weichselufer gejagt wurden, drei T age und Nächte unter offenem Himmel verbringen. Sie hatten weder Decken noch warme Kleidung zum Schutze gegen das Unwetter, weil man ihnen beim Abziehen keine Stunde Zeit ließ.* In dieselbe Lage gerieten 150 Flüchtlingstamilien aus Rozani ■(Gouvernement Lomza). Zwei Tage irrten sie auf den Feldern in den Umgebungen von Ostrovv umher, weil der Einlaß in die Stadt verboten war. Ein grauenhaftes Bilt^ der Lage der Juden in Polen bieten die Berichte der Bevollmächtigten des Moskauer jüdischen Vereines zur Unterstützung der Kriegsopfer. Einer dieser Bevoll- .mächtigten, die Polen bereisten, schreibt über die Lage im Gouvernement Lomza: „Es ist wenig gesagt, wenn man behauptet, die Bevölkerung sei ruiniert, da dieses Wort die wirkliche Lage der Dinge noch nicht klar macht und nicht den wahren Inhalt der grausamen Erscheinung erfaßt. Denn bei einem Ruin bleibt noch immer etwas da, wenn auch hur ein elender Rest, im schlimmsten. Fall bleibt ja immer der verwüstete Ort selbst, die alte Wohnstätte. Hier sina aber Menschen plötzlich wie in eine Wüste versetzt, wie nach einem Erdbeben oder einem Schiffbruch. Tausende von Familien, Tausende und Abertausende von Menschen, buchstäblich nackt und barfuß, mit Kindern auf den Händen, Alt und Jung, irren durch die noch unverletzt gebliebenen Städtchen auf der Suche nach' Ob-„^ dach, und Brot. Das Unglück hat niemand ver-