Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 33 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration imd Inseratehaufnafme: Wien, Hn Zirkuagaaae Nr. 33. — Sprechstunden ■ — täglich-von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht Turückgesteüt — Aboonemenstaprebe: Für Ocitn m ® reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr.'K 3.—. Fjlr Deutschland: Ganzjäfar. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vietfeljPb». “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige - Ausland: Ganzj&r. Frcs. 15.—. Emzelexeiiipläre 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon '45w$2$* ■ Nr. 33 Wien, Freitag, den 18. August 1916 — 19. Ab 5676. X. Jahrgang. Dr. Ernst Müller. Rthaö~Haam. (Anläßlich seines sechzigsten Geburtstages.) Wer den viel mißbrauchten Ausdruck „modernes Judentum“ so verstehen will, dab derselbe geistiges Gegenwartsleben, das im Judentum wurzelt und mündet, bezeichne, wird schön innerhalb der verkannten östlichen Judenheit die intensivsten Aeßerungen solchen Lebens suchen müssen. Zugleich aber, weil nicht bloß die äußerliche, sondern auch die innerliche Entwicklung des osteuropäischen Judentums sich unter ganz anderen Bedingungen vollzieht als die des mittelunü westeuropäischen, wird “man den Zugang zum Verständnis, dieses geistigen Lebens in Zusam-. menhang mit den östlichen Bedingungen zu gewinnen haben. Nun ist ja in den nationalen Krei-, ^senSünd über dieselben hinaus die ostjüdische' Literatur schon einigermaßen heimisch IgJlHörden, vermöge ihrer rein (menschlichen und thref rein jüdjsclien Charakterzüge;yin vieL get'rJngerenr"Grade aber gilt dieswoireinem'Denker, der durch seine individuelle Eigenart und —i abgesehen von der hebräischen Sprache seiner. Werke, von denen nunmehr zwei Bäjnde übersetzt vorliegen1) — durch die Vereinigung von Aktualität und leidenschaftsloser Klarheit denselben Kreisen ferner liegt, Während.er im Ostein', -zwar viel uj mStritten und bekämpft und in keiner Parteiridhtung aufgehend, eine Art unsichtbarer und ungewollter Führerautorität genießt. Sein eigener Entwicklungsgang ist äußerlich dem des) typischen aufgeklärten östlichen Juden ähnlich. In einer trommen, chassidischen Umgebungaufgewachsen, folgt er schon in jungen Jahren einem ‘heftigen Wissensdrang und erwirbt sich' in Westeuropa eine umfassende, namentlich philosophische Bildung. Aber Wie er dabei innerlich Seinen geistigen Zusammenhang mit dem Judentume nie aufgibt, so steht er innerhalb der modernen Wissenschaft nicht als Nachbeter, sondern mit seinen individuellen und noch mehr seiner nationalen Eigenart. Der modernen Wissenschaft entspricht seine Methode und zum Teile der Inhalt Seiner Geschichtsauffassung, Die natürliche Evolution ist an die Stelle der göttlichen Vorbestimmtheit, ebenso wie an die der Macht menschlicher Willkür getreten. Aber dieser Evolutionsgedanke erhebt sich über eine materialistische Fassung dadurch, daß in den Mittelpunkt des Interesses nicht der „Kampf ums Dasein“ und nicht der „Wille zur Macht“, sondern der Kampf der Weltanschauungen und der psychischi) „Am Scheidewege“. Erschienen im jüdischen Verlage:: der erste Band, in Uebersetzung von Israel Fr leoiander, in zweiter Auflage 1913; der zweite Band, in Uebersetzung von Dr. Harry Torczyner esschieit erst in diesem Jahre. Der letztere enthält Aufsätze zur Kritik des politischen Zionismus, die Eindrücke der letzten Palästinareise und Aus-, einandersetzungen zum jüdischen Sprachen- und Kulturproblem im Allgemeinen, darunter einen umfassenderen Vortrag: „Die Renaissance des Geistes“, den Adhad Haam auf einem Kongresse russischer Zionisten in- Minsk gehalten hat. geistigen Erhaltungskräfte4 eines Volkes gerückt erscheinen. Achad Haams. Auffassung von den Elementarkräften, welche Sie Natur eines Volkeszusammensetzeir, von dem Wirken von Generationen und Zeiträumen aufeinander, von der Natur und den Unterschiedet! der Assimilation, von Jugend und Alter nationaler Kräfte ist in ihrer Art klassische Geschiditsphilosophie. In einem besonders eindringlichen Bilde z. B. macht er die Art des Wirkens geschichtlicher Urkräfte deutlich', wie sie beispielsweise durch die Propheten . verkörpert Sind: Wie zwei verschieden gerichtete mechanische Kräfte nicht etwa.- vermöge eines Ausgleichs sich zu einer Resultieren-, den vereinigen, - sondern '■ gerade dadurch, daß jede in ihrer Richtung heharrt, so ist auch unser soziales Leben eine Resultierende solcher Urkräfte, welche aus ihrer! absoluten Größe und Einseitigkeit her durch die Zeiten forhvirketi, erst in unschöpferischöl Epochen aber zu künstlichen Kompromissen gebracht werden. Der. vyejte Horizont, seiner geScJitchtsphilosophischen Befrachtung-/welchealFetdings anch; bet fast jedem Schritte in jüdische Grundstimmung getaucht erscheint und auf die Erkenntnis der Erscheinungen gerade des jüdischen Nationallebens) hin tendiert, ist bestimmend für Achad HaamS Stellung innerhalb des jüdischen Nationalismus. Schon im jungen Jahren hatte er sich der durch Leo Pinsker’s „Autoemanzipation“ erweckten dhowewei-zionistischen Bewegung angeschlossen, der die ersten Palästinapioniere entsprangen. Aber Schon wenigen Jahren der Begeisterung folgten: Fäulnis und Stagnation. Wie ein Blitz Schlug da in die zionistische Welt Achad Haams Aufsatz: „Nicht dies ist der Weg!“ eine Unbarmherzig, mit. dem Ernst der Wahrhaftigkeit, stellte er hier wie in den Aufsätzen: ^Wahrheit aus Erez-Israel“ die Gebrechen einer überstürzten Kolonisation ans Licht, welche das Ideal selbst gefährdete, da sie den persönlichen Vorteil zur BasliS 'machen Wollte, statt des inten Stvsten Gemeinschaftsgefühls und darauf aus war, fertige Werke zu Sehen, ehe die Herzen zum Werke gereift waren. Und als ein Testament Leo Pinskers entwickelte er seinen eigenen Zenträlgedanken vom „geistigen Zentrum“ in der Urheimat des Volkes, welches zu einem neuert Bande zwischen den zerstreuten Teilen des Volkes werden soll und an erster Stelle nicht eine neue Heimstätte des Volkes, sondern seines konzentrierten und in konkrete Lebensformen sich verdichtenden Geistes bilden soll. Auch wenn physische, politische und moralische Hindernisse die Beseitigung der „Not der Juden“ durch' den Zionismus unmöglich machen sollten, so sei durch Zionismus) eine Rettung der '„Not des Judentums“ zu erstreben. Ja, der nationale Gedanke allein ist ihm bis zu einem gewissen Grade' Erbe jener geistigen Mächte, welche das Judentum bis jetzt erhalten und entwickelt haben, „denn die Zionsliebe ist weder ein Teil des Judentums noch eine Beigabe zu demselben, sondern das Judentum Selbst-in seiner Totalität, aber mit Verlegung des Mittelpunkts^“ Von den G" ichtsp unkten seines Nationalismus aus, der i.; Wege der Evolution ganz aus dem Innern des jüdischen Volksgeistes ' emporwachsen müsse, 'ist auch Achad Haams kritische Stellung gegenüber dem politischen Zionismus zu beurteilen, Wie sie uns,- manchmal in besonders heftiger Form, in den ersten Aufsatzeln| des zweiten Bandes der übersetzten Schriften gpsgenübertritt. Er erblickt im politischen Zionismus nur das negative Motiv: die Reaktion auf de» Antisemitismus, nur ein äußeres Objekt der Bewegung; die Judenheit statt des Judentums, ein willkürliches Werk: Diplomatie und Agitation . und ein nur politisches Ziel: dein Judenstaat ohne Kulturgedanken. Hiebei verkennt er freilich die auftreibende Kraft, die hinter der weltoffenen Bewegung: de» „westlichen“ Zionismus schlummert. Auch die Größe Theodor tferzl» erscheint ihm nicht eigentlich als. solche, sonder» höchstens als ein belebender Hoffnungstraum des. Volkes, wiewohl Achad Haam in seine subjektiv» Charakteristik, der monumentalen Mosesgestalt Züge aufgenommen hat, Wekhe an den tragische». Lebensgang Herzls erinnern. Lange Jahre sieht Achad Haam im politische», Zionismus fast nichts mehr als eine Abirrung; bis die gesteigerte Konzentration der zton&tts- Schen Arbeit auf Palästina, u zw. nicht die Kolonisation im Hinblick auf ein „Endziel“, sotr dem die Sammlung jüdischen Lebens als solche in einer werdenden hebräischen Sprach- und Kulturgemeinschaft ihn in reger Anteilnahme findet, ja seine „Bilanz“ sogar in relative Befriedigung mündet, nicht zwar mit dem was in dem Fernen erstrebt, aber mit dem, was im stetigen Lebe» erreicht wird. Denn auch, daß etwas anderes erreicht wird, als was anfänglich gewollt wurde, beweist ihm gerade die organische Natürlichkeit einer Bewegung, die, wo sie nun lebendig ist, geschichtsgestaltend wirkt, auch dann, wenn eine tiefere Macht die Wirkungen nach ihr en Ziele» lenkt. Wesentlich für Achad Haams Nationalismus ist, daß dieser mit dem bewußt gewordenen nationalen Dasein selber zusammenfällt, das nur im Lande der Väter sich voll verwirkliche» kann^ wesentlich auch, daß „MenSch und Jude“ für ihn eine unmittelbare Harmonie bilden. Hiedurch ist. auch seine Stellungnahme zu allen übrigen Gruppierungen und Strömungen im jüdischen Gegenwartsleben bedingt: zu den Gesetzesfrommen unü zu den Aufklärern, zu den Assimilantefti und zu den sogenannten - Autonomisten, den Nationalisten ohne den Gedanken einer eigenterritorialen Konzentration, zu den „Nietzsdheanern“ der; hebräischen Literatur, zu den Sozialisten und „Jjddischisten“. Jenen Rabbinern gegenüber, welche ihn für einen religiösen Reformer hielten, betont . er, was er auch gegen Religionsreformer geltend macht, die Ta tsac he der Entwicki u n g des Religiösen und das Gesetz der To-» Ieranz, welche nicht den Kompromiß unversöhnlicher Anschauungen bedeutet, sondern die höhe menschliche Achtung für eine WeltauffaSsung*, auch wenn Sie der eigenen entgegengesetzt ist. Gewissen Erscheinungen des Assimilantentums gegenüber prägt er das berühmt gewordene Wort von der „Knechtschaft innerhalb der Freiheit“, wendet sich gegen jenen Missionsgedanken, welcher besagt, daß das Judentum durch das blosse Leben der Juden unter den Völkern und durch