Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nt. 31 scbel“, ferner „Herzltag 1915“ von Oito Abeies und „Vision“ von Hugo Zuckermann. Den Redtationen folgte stürmischer Beifall. Die Gedenkrede, mit welcher der Abend schloß, hielt Herr Abraham Sonne. Seine gediegenen Ausführungen, in denen jedes Wort gemünzt war, beleuchteten scharf die Persönlichkeit Herzls und seinen genialen Plan zur Lösung der Judenfrage. Er wandte sich dagegen, Herzl so zu betrachten, als hätte man schon Distanz gewonnen, als könnte man schon sein Wirken und Wollen überblicken und historisch werten. Dem sei nicht so. Er beginne erst in die Erscheinung zu treten und es sei voreilig, seine Lehre als schöne und fruchtbare Utopie abzutun, welche nur die Grundlage für die weitere Entwicklung gewesen sei. Die Fortschritte der zionistischen Idee nach dem Tode Herzls seien zwerghaft im Vergleiche zu seiner Riesenleistung und zu seinem großen Plan. Sein Leben, sein Wollen, sein Opfer betrachten, heiße bekennen, wie gering noch immer die Hingabe und Opferfreudigkeit der Zionisten sei. Der gehaltvolle Vortrag wird den Zuhörern lar.ge in Erinnerung bleiben. Ans 0er jBOisifien Welt. Russischer Wahnsinn. Wir bringen nachstehend einen Auszug aus einem von dem sozialdemokratischen Abgeordneten Tschchenkeli in der Sitzung der Duma vom 16. Juni <L J. zitierten, jüngst erschienenen Zirkular, anscheinend des Ministeriums des Innern oder des berüchtigten Polizei-Departements, das den Beweis erbringt, daß der Judenhaß der russischen .Machthaber geradezu pathologische Formen annimmt: „Aus den beim Stab des Höchsten Oberkommandierenden eingegangenen Informationen wird festgestellt, daß sich in der ietzten Zeit in der Armee die Fälle der Erkrankung an geschlechtlichen Krankheiten bedeutend vermehrt haben, insbesondere an Syphilis. Es gibt Anhaltspunkte, daß eine deutsche jüdische Organisation ziemlich bedeutende Beträge zahlt zur Erhaltung von an Syphilis angesteckten Frauen, damit sie Offiziere anlocken und sie syphilitisch infizieren.“ Die Flucht vor den Russen. Den „Rußkija Wjedomosti“ wird aus Kolomea berichtet: „Kolomea macht den Eindruck einer ganz verödeten Stadt Von den 42.000 Einwohnern, welche die Stadt früher zählte, verblieben kaum 10.000, darunter größtenteils Polen und nur wenige Ruthenen. Juden sind fast gar nicht zu sehen. Die römisch-katholische und ein Teil der griechisch-katholischen Geistlichkeit haben sich an der Massenflucht der Bevölkerung, die nach der Besetzung von Sniatyn einsetzte, nicht beteiligt“. Auch in den übrigen Ollen ist fast die gesamte jüdische Bevölkerung vor den Russen geflohen. In Kossöw soll — wie eine Lemberger polnische Tageszeitung nach den Mitteilungen eines Augenzeugen berichtet — kein einziger Jude zurückgeblieben sein. Vom Warschauer Sladtrat Wie „Hajnt“ meldet, soll Bildhauer A. Eisenberg, einer der vier Ratmänner der „Jüdischen Volksgruppe“, seinen Austritt aus dieser Gruppe bereits offiziell angemeldet und sich der zionistischen Gruppe im Stadtrat angeschlossen haben. Als Ursache dieses Austrittes wird das Benehmen dieser Gruppe besonders in der Eröffnungssitzung des Stadtrates angegeben. Dem „Warschauer Tagblatt“ zufolge, soll es sich da nicht um einen Uebergang von der „Volksgruppe“ in die zionistisene Gruppe, sondern um die Demission des H. Eisenberg überhaupt handeln. Für jeden Fall kein erfreuliches Zeichen für die „Jüdische Volksgruppe“. Der Rücktritt Georg Cleinows. Der Leiter des Pressewesens im Gebiete des Generalgouvernements Warschau, Geheimr. Georg Cleinow, tritt von seinem Amte zurück, um ausschließlich militärische Verwendung zu finden. Cleinow, der bereits vor dem Kriege als Herausgeber der „Grenzboten“ und eines großen, noch nicht ganz vollendeten Werkes über „Polen“, in politischen und literarischen Kreisen sehr bekannt war, hat es verstanden, das Pressewesen in den besetzten Gebieten mit großem technischen und fachmännischen Geschick mustergültig zu organisieren. Er hatte dabei sofort auch die Bedeutung der jüdischen Presse erkannt und gleich zu Beginn in Lodz das „Lodzer Volksblatt“, später in Warschau das „Warschauer Tagblatt“, beide in jidischer Sprache, ins Leben gerufen. Beide Blätter vertreten interessanter Weise einen entschiedenen, manchmal sogar extremen jüdisch-nationalistischen Standpunkt und haben gute Verbreitung gefunden. Chadarim-lnspektion. Anläßlich seiner Anwesenhat in Warschau hat der deutsche Staatssekretär des Innern, Exzellenz Dr. Helfferich, neben anderen jüdischen Institutionen seine Aufmerksamkeit auch den Chadarim gewidmet. Der Staatssekretär besuchie in Gemeinschaft mit anderen hohen Beamten eines der Chadarim und wohnte dem Unterricht längere Zeit bei. Dem Vernehmen nach, äußerten sich die Herren von den empfangenen Eindrücken, trotz menchem Fremdartigen, höchst befriedigt und waren insbesondere von dem Lehrgeschick der Melandim und von der geistigen Lebhaftigkeit der Kinder angenehm überxascht. Jüdische Solidarität Der Hauptverwalter der Südwest-Front General der Infanterie Mawrin ließ in allen Städten seines Kriegsgebietes ebenso wie im okkupierten Galizien mitteilen, daß für jeden jüd sehen Deserteur die ganze jüdische Gemeinde verantwortlich sei. Außer allen anderen Strafen, die dem Gesetze nach für Verheimlichung von Deser* teuren auferlegt wird, hat die Verwaltung der jüdischen Gemeinde, in der der Deserteur gefaßt wird, 'eine schwere Geldstrafe zu zahlen. . * Da? versieh windende Ghetto. . Im städtischen Museum in Amsterdam ist, veranlaßt durch die Niederreißung eines! Teiles des: Judenviertels, der Uilenburg, eine Ausstellung des „verschwindenden Ghetto“ eröffnet werden. In 9 Abteiluingen mit 1548 Nummern ist hier in größter Reichhaltigkeit' und Anschaulichkeit ein Stüde jüdischer Kulturgeschichte zusammengestellt. .Wir finden - darunter einzigartige Kostbarkeiten: So eine Handschrift aus "dem 13. Jahrhundert mit Gebeten für die Festtage, die für die kurze Dauer der Aufstellung mit 90.000 Gulden versicherte werde.,. Ein Ghettozimmer mit allen Gegenständen für/'die Gebräuche fesselt besonders das Auge. Auch die Bildersammlung, darunter ein bisher unbekanntes Bildnis von Spinoza, ist sehr interessant. Hnzeigen ünO Korrespondenzen. Der nächste Vereinsabend der jüd. Mädchenvereinigung „Moriah“ findet M ttwoeb, den 9. d. Mts. (9. Bez., Servitengasse 10) um 1/28 Uhr abends statt. Vortragender Herr Dr. .Heinrich Schiffmann. Gäste willkommen. PrzemysI. Anläßlich der Wiederkehr des Todestages Dr. Theodor Herzls schickte sich die hiesige nationalgesinnte Jugend an, e ne Andadit im Tempel ,zu veranstalten. Obwohl der Tempelausschuß die Tempelräume zur Verfügung stellte, konnte trotzdem die Feier nicht Statf-, finden, weil der TempelpräSes Herr Dr. Michael Schwarz im letzten Momente seine Einwill gung verweigerte. Sonntag, den 23. Juli, fand in Pikulice, elnem Dorfe bei PrzemysI, in Anwesenheit eines tausendköpfigen Publikums die Einwebung der Fahne des jüdischen Pfadfinderbundes „Schomrim Juda Makkabi b’ PrzemysI“ statt. Herr Kreisrabbiner Schmelkes und Rabbiner Dr. M, wohnten der Feier bei. Der. ,,'Manhig“ L. eröffT nete die Feier mit. einer kurzen Ansprache, in der er die Pflichten der lüd. Pfadfinder gegen ihre Nation, gegen Palästina und gegen sich selbst hervorhob. Dann sprach Rabbiner Dr. M. von dem Verhältnis der 'Menschen zu seinem Mitmenschen und Rabbiner Schmelkes T(in hebräischer Sprache) von den Idealen und Pflichten der jüd. .Jugend. Die R-ede des Rabbiners! Schmelkes machte einen tiefen Eindruck. Ernst und zugleich rührend war der Moment, in dem die Pfadfinder Ihrer Fahne den E a leisteten, wobei sie Treue ihren nationalen Idealen Schwuren. Hierauf folgte ein Schauturnen der „Schomrim“, ausgeführt von 100 Knaben und Mädchen. Die Feier endete mit Nationall edern in hebräischer, jidischer, deutscher und polnischer Sprache. Es wurden einige Hundert Kronen für den jüd .Nationalfonds gesammelt und Karten, Marken und Broschüren des jüd. Nationalfonds verkauft. Die jüd. Pfadfindergruppen aus Jaroslau, Lemberg, Drohobycz waren durch Delegaten vertreten. Die Feier, diese e-ste öffentliche Veranstaltung der national-jüdischen Jugend, -übte TT*. •Tis+.vti&saosscssss^yy-?'.- ■•»w-hs; einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden und erregte großes Aufsehen in der Stadt. Charakteristisch ist der folgende Brief eines orthodoxen Juden, eines sehr angesehenen Bürgers, an die Pfadfindergruppe: An die Pfadfindergruppe „Schomrim Juda Makkabi b’ Przemsl“! „Ich ersuche liöfl. meinen Sohn unter Euere Obhut aufnehmen zu wollen und in Eurereil Idealen zu erziehen.“ - Brzeäko. Dank den Bemühungen einiger eifriger Gesinnungsgenossen ist es 4ns trotz der großen Schwierigkeiten gelungen, einen z'onjstisChen Verein zu gründen. Seine Tätigkeit 'naugurierte der Verein mit der Veranstaltung einer Herzigedenkfeier. Nach einer Einleitungsrede se - tenS des Vorsitzenden Herrn A. Ebelsfein, und einer Rezitation der „Menorah“ durch Frl. TT. Laub, hielt Gg. J. Holländer aus Tarnow die Gedenkrede, in der er, das segensreiche Wirken unseres Führers charakterisierte und die er mit einem Appell an die Zuhörerschaft, im S'nne Herzls weiter zu wirken, Schloß, Frl. Käfer, las dann aus Herzls Schriften, worauf die „Hatikwah“ angestimmt wurde.' * Lublin. Sonntag, am 23. Juli veranstaltete der Verein „Zeire Zion“ in dem. vom „Jüdschen Subjektenverein“ zur Verfügung gestellten Saal, eine Herzlfeier, die einen t'efen und erhebenden Eindruck machte. Der Schön geschmückte Saal war hiS auf denletzten Platz von einem' durchaus intelligenten Publikum gefüllt. Das sehr reiche Programm gelangte in wirkungsvollster Weise zur Ausführung. Besonderen Eindruck rief der Aufmarsch der „Bar-Kocliba“ mit der blauweißen Fahne unter Absingung von „HatikWah“. Der Reinertrag der Veranstaltung war -für den Herzhvald bestimmt. Für denselben Zweck wurde auch eine spezielle Sammlung veranstaltet. Die an diesem Abend veranstaltete Sammlung des Herrn Feldrabbiners Max Fr ei mann hingegen war für da? Pa’ästinahilfsWerk bestimmt. Vom Bnibertisdi. Ein Herzlbuch. Theodor Herzl. Ein Gedenkbuch, hera'isgegeben vom Zentra'komitee der gali/.r'c'en Zion'- sten. Lemberg 1914; ^Polnisch); — In Wien bei R. Löwit, 1. Bez., Ro+en.turmstraße 22. Zur zehnjährigen Wiederkehr deS Todestage«1 Theodor Herzls hat das Zetrfralkomitee der galizisclien Zionisten e'n Sammelbuch' h'eräüsgegeben, welche« in unserer Herzl-Li*eratur bisnun einzigartig dasteht. Mit Ausnahme der Fr'edemann’schen Biographie und einiger Broshüren (Von denen die von'Dr.’O. T h o n wohl die beste ist), besteht nämlich alles, was über den Schöpter de? modernen Zionisimus bei uns geschrieben wurde, in verstreuten Aufsätzen und gelegentlichen Festartikeln. Das uns vorliegende polnische Herzlbuch — ‘infolge der Kriegse'-eigmsse gelangt es erst jetzt in den Buchhandel — will nun di*> besten dieser Aufsätze, . insoferne sie von galizrchen oder von Galizien stammenden Zionisten herrühren, in einem e’nheitlidien Rahmen zusammenfassen und so dem Leser ein plastisches Bi'd der Persönlichkeit und des Werkes unseres verewigten Führers darbie*en. “Die Herausgeber legten deswegen kein Gewicht auf originale Arbeiten fnur ein kurzer Aufsatz von Dr7 Wilhelm Berkelhammer r-t Speziell für das Buch geschrieben!, sondern wählten aus dem vorhandenen reichen Material das Reifste und Gediegenste. Die Auswahl ist auch als vollkommen gelungen zu bezeichnen. Den ersten Platz nimmt Adolf S t a n d S bekannter, beinahe schon berühmter Aufsatz ein, der zu den besten Arbeiten des Präsidenten der gafizis'chen 7ionisten gehört. Herzls dre: EntwicklungspF-sen: Aesthetizismus, polit'sche Observation un I soziales Wirken, werden hier m t unübertreffü 'er Eindringlichke f und psychologischem Feindin in einer formal me'steihäften Art beleucht und aus dem inneren Erleben der Persönlichkeit heraus gedeutet. Salomon S c h i I - I e r, der nachmalige Direkter des hebräischen Gvmnasiums in Jerusalem, würdigt in e’ner tiefschürfenden Arbeit Herzl als die schönste Blüte, die die jüdische Assim'lation jm Westen getrieben. hat. Dies Fferstammen von der Assimilation erklärt Herzls Stärken und 'Schwächen, Sein Verhältnis zum Judentum und zur Judentrage, seine Größe und Tragik. Dr. Marcus Ehre n preis’ Aufsatz ist ebenso wie der von Stand von früher her rühm liehst bekannt. Insbesondere findet hier Herzl als Feuilletonist e'ne glänzende Würdigung. Erwähnenswert ist der Versuch des Verfassers, Herzls Uebergang vom Schriftsteller zum Zionisten (wohl das eigentliche Herzl-Pröblem) objektiv zu erklären. Martin Bijber s tiefer und feiner Aufsatz: „Er und wir“ formuliert in einer des Verfassers würdigen Art und Form den Unterschied zwischen unserem und Herzl’schen Judentum und Zionismus. Was Buber über Herzls Größe sagt, muß gelesen werden — es läßt sich flicht Kviedergebe.ru Als „ein Führer zum handelnden Leben“ wird