Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG national -jüdisches organ xw rrrrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: Wien, II., Zirkuagaaae Nr. 33. — Sprechstunden ■ tm täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ reieh-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, balbjahr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjShr. Frei. 15.—. Emzelexemplare 20 b. — Postsparkauenkooto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 27 Wien, Freitag, den 7. Juli 1916 — 6. Tamus 5676. X. Jahrgang. Die Mn im Zarium Polen. In letzter Z|eit ist einmal der (Sinn des Zionismus ,als Aktivwerden des jüdischen Volkes gedeutet worden. Unsere Gemeinschaft, die seit Jahrtausenden von den großen äußeren Ereignissen gelenkt wurde, soll nun aus sich heraus ihre Richtlinien suchen und nach ihnen ihre Zukunft gestalten. Die wichtigste Frage nun, die in unseren Tagen eine Antwort fordert, die von uns gegeben werden muß, ist das Schicksal des; Großteiles unseres Volkes im Osten. Alle Versuche einer Lösung können aber nur' Stückwerk bleiben ,wenn man* die Gegenwart nur mit der Gegenwart beantworten will und nicht das Augenblickliche |als Resultat einer Entwicklung ansieht, deren Kräfte erkannt und in die Richtung. der von uns gewollten Zukunft gelenkt werden müssen. Sicherlich empfinden wir es in solchen Zeiten der Entscheidung Schwer, daß unserem nationalen Erwachen t. keine geistige Schöpfung geblüht hat i,die das reichbewegte Bild unserer Geschichte vor uns entrollt und! aus (der wir dann Gewinn für das Heute und Morgen (ziehen könnten. Forschen wir nicht nach den ‘Ursachen dieses Mangels, sie sind so eng verknüpft mit der inangelnden Tiefe und Reinheit in upS selbst, freuen wir uns Vielmehr an dem Gedanken, daß sich gar viele fleißige Hände um den Schutt der Vergangenheit mühen, die die Bausteine zu dem Werke herbeitragen, das ein Kommender, der Ernst und Größe besitzt, vollenden wird. Für den Augenblick iaber danken wir für jede rasche Zusammenfassung, die uns über das Wesentliche oder Aktuelle orientiert. Mehr will gewiß die jüngste Schrift nicht sein, die Drr JoSef Meisl über die „Geschichte der Juden im Zar tum Polen“ (A. Marcus u. E. Webers! Verlag, Bonn 1916J, liefert. Die tatsächliche Art des Verfassers, der aus dem großen Material Schöpft, dient ausgezeichnet zu einer praktischen Information. Schon der Hinweis auf Herkunft und erste Geschichte der Juden in Polen ist von Bedeutung. Nicht aus Humanität, wie es die nationale Schönfärberei polnischer Historiker hinstellt, fanden die Juden in Polen gastfreundliche Aufnahme, sondern einzig aus dem Bedürfnis des Landes (nach einem vermittelnden Element, das zwischen Idem jeder Arbeit abholden Adel und der in dumpfer Abhängigkeit dahinvegitierenden Masse stehen sollte. Es kann keine Rede sein von einem in „Schwarm und Schwall“ aus! Deutschland nach Polen flutenden Strom geflüchteter Juden, vielmehr zieht das ungehemmte Betätigungsgebiet allmählich und im Laufe von Jahrhunderten die Juden nach Polen, denen dort das Entgegenkommen einzelner Fürsten in gleicher Weise wie den emwandernten deutschen Kolonisten, Freiheiten und Begünstigungen im Handei;und Handwerk gewährt. Dafür bereiten sie den Umschwung von der Naturalzur Geldwirtschaft, wozu die Bevölkerung selbst nicht imstande gewesen wäre, vor. Die Toleranz, die das 13. und 14. Jahrhundert für die Juden hat,- kommt latn deutlichsten im Privilegium Boieslaws des Frommen zum Ausdruck. Die Erweiterungen des Privilegs durch1 Kasimir dem Großen bilden den Höhepunkt der judenfreundlichen Polenpolitik. Schon in dieser Zeit und immer mehr in den folgenden Jahrhunderten tritt die Abneigung ‘der führenden Stände gegen die Juden hervor. Sie werden zu einer Position des Königtums gegen Geistlichkeit ,und Adel, so sehr sie dem letzteren für die Ausnützung seiner weiten Latifundien notwendig geworden sind. Diese beiden Mächte versuchen es immer wieder, die Stet-» Iung des Königtums durch den Kampf gegen die Juden zu unterwühlen. Die Tätigkeit Capistranos und der Widerruf der den Juden gewährten Privilegien auf dem Reichstage zu Nieszawa 1457. Die Gegenreformation und die Tätigkeit der Jesuiten in Polen sind Ergebnisse der Be-t mühungen, die vonseiten der Geistlichkeit unternommen (werden, während die einzelnen Etappen fm Nieder ringen der königlichen Macht durch den Adel zugleich auch dem langsamen, aber zähen Entrechtungsprozeß, der gegen die Juden Igeführt Wird, parallel laufen. (Die yielgeruhmte innere Autonomie der polnischen Judenschaft, wie jsie durch die Vierländcrsiynode gekrönt wird, ist ja auch nicht innerem Bedürfnis oder liberalen Gefühlen der Machthaber entsprungen, sondern diente der ganz realen Aufgabe der bequemeren Besteuerung und Steuereintreibung. Der energische Lebenswille der Juden 'hat allerdings daraus wertvolle Möglichkeiten für eine rege, geistige Betätigung und gegenseitige Befruchtung gewonnen. Die zweideutige Stellung der Juden in Polen beleuchten am grellsten die Zustände während und nach den Kosakenkämpfen. Dem Schutz durch die Könige sind sie in der Mitte des 17. Jahrhunderts pchon ziemlich entrückt, die Verdrängung jaus Handel und Handwerk hat sie zum großen Teil in die Gewalt der Adeligen getrieben, (die sie als Werkzeuge zur Ausbeu-t tung des rechtlosen Bauernstandes im alten Polen, mehr ,aber noch zur Ausnützung der neugewonnenen ukrainischen Ländereien verwendet. Darum wendet Sich der Haß des Landvolkes gegen die Juden, i.alS 'die unmittelbaren Unterdrücker, Was dann am heftigsten und elementarsten Sn den furchtbaren Kosakenaufständen zum Ausbruch .kaity diej die jüdischen Pächter und Unterhändler in erster Linie trafen, zu den entsetzlichen Greueltaten bis nach Galizien hinein führten;und eine völlige Anarchie in die kulturellen, (sozialere und wirtschaftlichen Verhältnisse der polnischen Juden’heit brachten. Die Verwirrung unter den Königen aus dem sächsischen Hause War einem Wiederaufbau, dem sich neben den Haidamakenimruhen der Mitte des 17. Jahrhunderts die nunmehr unumschränkte Macht der Adeligen und das gewissenlose Schüren der Volkswut durch1 die Geistlichkeit entgegenstellte, nicht günstig, Sodaß die Macht des Kahals unter dem Druck der maßlosen finanziellen Lasten immer (mehr verfiel, bis das Jahr 1764. durch die Besteuerung der Individuen der ganzen Institution den Todesstoß versetzte. Die Einheitlichkeit der jüdischen Gemeinschaft im Innern war überdies noch durch' Exzesse des Sabbatäi-Zwiismus und Frankismus und kurz nachher durch den Kampf des Chassidismus mit den herrschenden rabbinischen Einrichtungen tief zerrüttet worden. - Die Tatsache, daß in der Armee KoSciuszkos auch eine jüdische Legion unter Anführung' Berek Joselewiczs kämpfte, ist allgemein bekannt. Das legendäre Wort des großen Polenführers „Firns Poloniae“ bedeutete freilich auch die Unmöglichkeit, das Versprechen der Gleichberechtigung der Juden zu erfüllen^ das er ihnen anläßlich der tapferen Verteidigung Pragas gegeben hatte. Aber Schon das Großherzogtum Warschau, diese kurzlebige Schöpfung Napoleons, vergaß dieses rühmliche -Vermächtnis Kosciuszkos, denn, trotz des auch dort herrschenden code Napoleon konnte m Wirklichkeit von einer Gleichberechtigung keine Rede sein, wo z. (B. das Wohnrecht der Juden in der Hauptstadt arg beschränkt war. Als nach dem Zusammenbruch des napoleoni- Schen Staatengebildes die Kommissäre Alexanders I. die Verwaltung des polnischen Gebietes übernahmen, war selbst an die Durchführung so b escheidener Verbesserungen,, wie etwa Senator Jlowoselzew sie vorschlug, nicht zu denken, zumal Selbst jüdische Notabilitäten unten dem Einfluß der Berliner MendelsohnSchen Aufklärung immer zugleich auch für eine ge'istige Hebung der Juden in ihrem Sinne plädierten;. Die Denkschrift David Friedländers reiht sich würdig van Herz Hombergs galizischen Reformen an. So entstand eine kleine, aber äußerst rührige Gruppe, die ihre Anhänger besonders m Warschau hatte, den engen Anschluß an die polnische Kultur und ihre Ideale predigte und sich besonders gegen die Institution des Kahal a^S dem Hort aller Rückständigkeit wendete. Ihren Anstrengungen (erlag im Jahre 1821 diese alt-« ehrwürdige Einrichtung, um durch die sogenannten jGebethausvorstände ersetzt zu werden, die gleich den späteren Kultusgemeinden im Westen einzig Religiöse Funktion durchzuführen hatten. Um eine verläßliche Ueberwachung zu ermög* liehen, wurde dann ein „Altgläubigenkomitee“ geschaffen, das zum größten Teil aus polnischen Beamten bestand und zur Heranzüchtung eines geeigneten Rabbinerpersonals ein Seminar gründete, in welches man den berühmten Mathematiker und ‘Physiker Abraham Stern berief, der aber bald, die Gefahr erkennend, Seine Stellung niederlegte. Der polnische Novemberaufstand des Jahres 1830—31, der eigentlich nur eine Bewegung des Adels war, während das von der Szlachta unter-» drückte Volk fern blieb, geschah auch ohne jegliche Teilnahme der Juden, deren mehrmalige, unterwürfige Anerbieten schmählich zurückgewiesen wurden. Der Diktator Chlopicki lehnte die (Bildung einer Legion rundweg ab und der Kriegsminister Marowski meinte stolz: „Wir dulden nicht, daß jüdisches Blut mit dem adeligen; Polenblute vermengt werde.“ Nach dem Mißlingen des Aufstandes hatte man Ursache genug, an eine gründliche Revision in der Auffassung; üer Judenfrage zu denken, was greich zu einer Erstarkung der polnisch-gesinnten Elemente unter den Juden führte, sodaß die Freiheitsbewegung 1860—63 anfangs im Zeichen einer engen Verbrüderung stand,. Der Ukas vom Jahre 1862 brachte den Juden im Prinzip die Gleichberechtigung und die Aufhebung zahlreicher drückender Beschränkungen, wodurch es der russischen