Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 Die jüdische Frage in Russisch-Polen er-< fordert vielleicht eine andere Regelung als die in Galizien. Die Stellung der Juden in der Bukowina bedarf vielleicht einer exzeptionellen "Behandlung, ebenso wie die der Westjuden: Klä-- rung und Klarheit sind unerläßlich. Darüber zu sprechen, die Meinungen zu hören und die Forderungen ' darnach einzurichten,. ist Sache der Juden, aller Juden Oesterreichs, der Ost - und Westjuden! Dr. Salomon Kassner. 2nr Etage in Palästina. Im Vordergründe des Interesses steht jetzt die Frage der-Einberufung der Neuottomanisi ert en. Die Bestimmung, wonach die Neuottomanisierten erst nach Ablauf eines Jahres eingezogen werden sollten, ist aufgehoben worden. Das Jahr wäre übrigens in zwei Monaten abgelaufen gewesen. Alle Militärpflichtigen bis zürn 40. Lebensjahr sind zu den Waffen gerufen, aber erst teilweise eingezogen worden.- Man erwartet auch den Aufruf der älteren Jahrgänge bis zum 50. Lebensjahr. Es wird versucht, den Lehrern der jüdischen Sdiulen die Freiheit vom Militärdienst zu. erwirken, wie sie den Lehrern der öffentlichen Schulen gewährt wird. Ebenso hofft man, auch jüdischen Agronomen, landwirtschaftlichen Vorarbeitern und ähnlichen Kategorien dieses Recht zu erwirken. Die Bestimmung, wonach Nichtmohamedaner sich durch Zahlung von 1000 Francs yom Militärdienst befreien können, ist übrigens aufrecht-, eihalten geblieben. Sie ist neuerdings auf die Jahrgänge vom .26. Lebensjahr an beschränkt worden, scheint aber nach den neuesten Bestimmungen auch wieder für jüngere Jahrgänge zur Anwendung zu kommen. Die Regierung ist durchaus damit einverstanden, wenn jüdische und christliche Militärpflichtige von diesem Redht Gebrauch machen, zumal'sie der Regel nach nicht zinn Dienst in der Front, sondern nur zum' Arbeitsdienst verwendet werden. Vom Militärdienst befreit sind schließlich alle Geistlichen und Kultusbeamten. Der Gesundheitszustand der palästinensischen Bevölkerung ist durch die Kriegslage begreiflicherweise ungünstig beeinflußt worden. Durch die große Teuerung und durdi den Mangel an Lebensmitteln hat die Ernährung der ärmeren Volteklassen sehr gelitten. Infolgedessen hat die Tuberkulose, insbesondere bei den Yemeniten, wieder stark um sich gegriffen. Ebenso richtet die Malaria in den Gegenden, die von ihr betroffen and, jetzt größere Verheerungen als früher an. Erschwert wird die Situation noch durch den Mangel an Medikamenten. Im" allgemeinen sieht nach Erledigung der bekannten Prozesse die Lage im Lande etwas günstiger aus, ohne daß freüich zuverlässig mit einer dauernden Besserung gerechnet werden kann. Die wirtschaftliche Lage hat sich nach den kritischen Monaten November und Dezember 1915 infolge des Eintreffens größerer Hilfssendungen aus Newyofk und aus Berlin ein wenig gebessert. Auch die Stimmung hat sich) gehoben, da reichliche Niederschläge gefallen sind und 'die Emteaussichten daher seht günstig liegen. Daß trotzdem die wirtschaftliche Lage immer noch Schwierig ist; beweisen folgende Einzel tatsachen: Die ICA-Verwaltung in Palästina hatte bei Beginn des Krieges 500.000 Frcs. zur Verfügung, erhielt im Laufe des Krieges noch wet- - tere 250.000 Frcs. und den Erlös des in ihren galiläisehen Kolonien geernteten Getreides. Da die Zentrale der ICA aber neue Geldmittel" nach Palästina nicht überweisen kann, so Ist sie jetzt nur imstande, die wichtigsten Regierungssteuern und die Gehälter ihrer Beamten zu begleichen, während sie schon seit längerer Zeit für Aerzte, Schulen etc. nichts mehr zahlt. In noch Schwierigerer Lage ist die Verwaltung der Chowewe Zion. Infolgedessen werden deren Schulen nur' mühselig aufrechterhalten; mußten aber z. B. trotz der Teuerung der Lebensmittel die Gehälter ihrer Beamten ,um 50 Prozent herabsetzen. Was die Lage in den einzelnen Kolonien anbetrifft, so ist sie in denjenigen Kolonien;'die auf gemischter Wirtschaft aufgebaut sind, erträglich, aber insbesondere durch Requisitionen recht erschwert. Eine kleine Kolonie wie Daganiah mußte für den Bau |einer Strasse 1000. Frcs. aufbringen. Trotzdem ist in Daganiah die Lage noch befriedigend, da nbch heute von der letzten Ernte ein Getreidevorrat vorhanden ist. Von. den judäisehen Farmen wird berichtet, daß Hulda für ein Jahr an eine Arbeitergenossenschaft qualifizierter Arbeiter verpachtet worden ist. In 'Benschemen beträgt die Zjahl der gepflanzten Bäume jetzt 28.458. Die Verdienstmöglichkeiten in Palästina sind zur Zeit nur noch bei einzelnen Handwerkern, so bei Schuhmachern und Schneidern, ausreichend, während die Lage der Maurer, Tischler und ähnlicher Berufe sehr schlecht ist. Hier fehlt einmal das nötjge Material, andererseits besteht natürlich im Augenblick keine Baulust. , ' . Von den landwirtschaftlichen Produkten ist der Verkauf der Mandeln, die jetzt nach Damaskus und Aleppo versandt werden, recht gut. Die Orangenbesitzer können ihre Produkte ebenfalls im Lande absetzen. Sie leiden aber noch immer schwer unter den Folgen des Heuschreckenfraßes, da die Bojaren in diesem Jahre sehr wenig tragen. . . Auch da, wo gute Verdienstmöglichkeiten vorhanden sind, reichen die Einnahmen keineswegs aus, uni der Bevölkerung normale Lebensbedingungen zu verschaffen. Während man noch im Oktober 1915 100 kg Weizen mit Frcs!. 26.10 bezahlte, kostete dieselbe Menge zwei Monate später Frcs. 43.—. Eebenso stieg der Preis für 100 kg Geiste in derselben Zeit von 20 auf 40 Francs. Ueberhaupt sind die Lebensmittelpreise -außerordentlich gestiegen. Aehnlich unerschwinglich sind auch' die Preise für Medikamente. So kostet ein Pfund Watte 5—6 Frcs., 1 kg Chinin 230—240 Frcs. Bei effnem anderen Bedarfsartikel, Petroleum, stieg der Preis für eine Kiste von 13 Frcs. bei Kriegsausbruch auf Frcs. 70 im August 1915 iiind auf Frcs. 90 im Januar 1916. Die Krise wird noch erschwert durch die Entwertung des Papiergeldes. Das Metallgeld ist fast völlig aus dem Verkehr verschwunden und das Papiergeld wird nur sehr ungern genommen. Sein Kurs ist von 108 Piaster auf. 90 Piasten gesunken. Nach wie vor isft also die Fortsetzung des Palästina.-H ilf swerks dringend geboten. Nach einer neuen Aufstellung sind monatlich 100.000 Francs zur Unterstützung der städtischen Bevölkerung und weitere 100.000 Francs zur. Förderung der Kolonien, zusammen also 200.000 Francs erforderlich. Von den 100.000 Francs für die Städte müssen vier Fünftel rein als Unter!-, stützung gegeben werden. Dies gilt insbesondere für Zahlungen in Jerusalem, Saffed und Tiberias. In Jaffa dagegen und in Haifa ist ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung nur momentan in Not geraten, weil dieSe Leute ihr. Vermögen ■im Auslande haben oder weil, sie es in Grund und "Boden angelegt oder bei Dritten deponiert haben, sodaß feie das Geld zur Zeit nicht flüssig machen können1. Diese Leute, ebenso viele Handwerker und Arbeiter, brauchen kein Almosen, sondern nur ein .Darlehen. Etwa 20.000 Francs pro Monat brauchen daher nur vorschußweise. gegeben Werden. In den Kolonien sind Unterstützungen nur ausnahmsweise zu geben.' Die Kolonien haben aber jetzt Sehr große allgemeine Lasten an Steuern und Arbeitsleistungen aller Art,- an Requisitionen und tfgl. zu tragen. Hierzu kommen die Ausgaben für kommunale Einrichtungen (Schulen, Bethäuser, Arzt, Apotheke, Wächter, Ko-i loniebeamte etc.). Diese Ausgaben betragen imi Monat etwa 100.000 — 150.000 Francs, Die Verwaltungskomitees der Kolonien bringen diese Beträge, unterstützt durch die wirkliche Opferfreudigkeit;der Kolonisten, (zum großen -Teil selbst auf, jedoch ist ein monatlicher Zuschuß voif 20.000 Francs notwendig, um die Komitees in ihrer Arbeitsfähigkeit izu erhalten und eine Auflösung der Kolonialverbände zu vermeiden. 'Die sonst für die Kolonien erforderlichen 80.000 Francs werden als Darlehen für landwirtschaftliche Arbeiten gegeben werden. Die Kolonisten bekommen dann etwa "ein Drittel der monatlichen Ausgaben als Darlehen zur Verfügung gestellt. Sie können damit in erster Linie sämtliche Löhne bezahlen, feodaß weder die askenasischen, noch die yemenitischen Arbeiterfamilien aut Almosen angewiesen sind. Sämtliche Schulen werden bisher fortgeführt. Dr. "Mossinsohn ist es in Amerika gelungen, für das hebräische Gymnasium in Jaffa eine monatliche Subvention von 5000 Francs zu erhalten. Palästinabiliswerb für Die jüdischen Kolonien.* *) 7- Ausweis. Ergebnis einer unter den Mitgliedern der Bne-Bnth-Loge „Eintracht“ eingeleiteten Sammlung: 1590.—, Durch NF-Komm. Broder: Pesisadi-Sammlung der Mitglieder der Verbindungen ,Schomrim‘, ,Rachela‘, ,Akiba‘ -und ,Jehuda‘ in Krakau: 732.47 (Spezifikation s. unten), Samm-, Jung Assistenzarzt Dr. Josef Tenenbaum, Bahnhofkommando Itzkany: Markus Kraft anläßlich Schiedsgerichtes zwischen Wiznitzer und Dickmann 200.—, Frl. Toni Hellenberg 10.—, Oblt.. Sal. Lenobei 10.—, Frau Otylia Tenenbaum 10.—, zus. 230.—, durch S. Rein in Tamow: Sammlung Feldwebel Rosher unter Kriegskameraden 176.—, *) Geld- und BriefSendungen sind zu richten an: Palästinahilfswerk für die jüdischen Kolonien, Wien, 18., Hasenauerstraße. 43. Bei Einzahlungen im Wege der Postsparkasse bediene, man sich mit entsprechendem Vermerk der Erlagscheine des Verbandes „Zion“ Nr. 47115. Sie bedankten sich, heiser lächelnd: „Danke, danke, der Herr ist sehr gut zu uns.“ Aber die Angst und eine angespannte, versteckte Sorge lauerte hinter jedem Worte, das sie sprachen, — als hätte idi sie mit süßer Tücke im einen Hinterhalt gelockt ... Wir atmeten alle auf, als wir fertig waren; das Paar, das wie ein Opfer dagesessen hatte, ich und die beiden Kollegen, die meinen Arbeitsraum teilen. .Auch ihnen hatte sich das Bevklemmende, Schmachvolle /mitgeteilt, auch sie hatten es mit bebender Abscheu empfunden: In diesem unseligen Menschenpaar ist Verkörpert, was durch Jahrhunderte an Menschenwürde niedeigetreten, an Urahnen und Ahnen zerbrochen . und besudelt Wurde. Ich war aiöeitsunfähig für diesen Tag, eine ■ tiefe Scham feaß mir in der Brust und nagte und bohrte, als wäre ich mitschuldig. Ich wurde diese Blicke nicht los, die so waren, als kämen sie aus den Augen verprügelter Hunde, «die einen anstarren, groß, jammervoll, sorgenvoll, selbst wenn man sie streichelt und ihnen Leckerbissen Reicht. — — , * Adel, Eine Dame vom jüdischen Flüchtlingsfürsorgekomitee erzählte mir, nicht ohne Entrüstung: „Denken Sie, gestern, kamen wir bei unseren Wanderungen durch die Flüchtlingswohnungen auch zu einer wirklich notleidenden, kinderreichen Familie in ein kahles, feuchtes Kabinett. Den erbärmlichsten Eindruck machte die Großmutter auf uns, eine sechzigjährige, abgemagerte Frau mit zitronengelbem Gesicht, die gerade einen Säugling einschläferte. Sie hustete krampfhaft und hatte tatsächlich nur ein paar Lumpen am Körper. Ich war von Mitleid ergriffen und bot ihr Leibwäsche aus unserer Brockensammlung an. Selbstverständlich tadellos reine, frisch geplättete, wenn auch geflickte, so doch noch! sehr gut erhaltene, abgelegte Leinenwäsche. . Da hätten "Sie die Frau sehen sollen! Sie legte das schreiende Baby weg, stemmte die Arme in die Hüften, sah mich mit einem vernichtenden Blick an, als ob ich sie beschimpft hätte una sagte: ,Ich soll fremde Wäsche anziehn?!' Das ist doch stark, finden Sie nicht?“ Ich fand nicht. Aber da die Gute sichtlich kein Verständnis für den Adel dieser Greisin hatte, gab ich mir weiter keine Mühe. * Der Bettler. Aut der Ferdinandsbrücke sah ich einen alten Mann. Er trug jenen Kaftan, der kein „Kompromiß“ ist, sondern noch ordentliche Schöße hat, und um die Lenden war eine grobe Schnur gebunden. Er ging gebückt, aber in einem ge%vissen beschleunigten Tempo gegen den 'Menschenstrom und streckte diesem, und jenem, — beileibe nicht jedem! — die Hand hin. Sein Mund murmelte keine Litaneien, seine Lippen flüsterten keine Bitten. Das Antlitz war kühl und ruhevoll und das linke Auge, das einen unter der buschigen Braue anleuchtete (über dem rechten Auge hatte sich das Lid für immer geschlossen) — dieser. dunkle Augenstern flehte nicht: Er forderte. Keiner, dem der Greis das Auge zuwandte, versagte ihm die Gabe, keiner redete ihn an, aber alle blieben stehen und sahen ihm nach’. Er erwies Wohltaten, indem er Almosen nahm. Es war ein linder, köstlicher Frühlingsabend. Das! bleiche Licht der Bogenlampen mengte sich mit dem purpurnen Widerschein .der Wolken, die über dem Kahlenberg hingen. In bescheidenem Abstand folgte ich dem Bettler, der durch diese zauberhafte Stunde ging, wie ein verkleideter König, der heimlich unser' Erbe trägt, wie ein Zaddik, der gesandt ist, die Seelen zu prüfen. * Szene am Nordbahnhof. 'Ich kam von einer Dienstreise nach Wien1 zurück. In Lundenburg stieg ein guter,, nichtjüdischer Bekannter ein. Ich Schätze ihn als einen schlichten, begabten, sehr gebildeten Musikliebhaber und freute mich des Wiedersehens. Die Zeit verflog in-anregendem Gespräch. Der Krieg hat seine häuslichen Kammermusikabende nicht gestört. |Beim Aussteigen erzählte er, warm geworden, von seinen jüngsten Genießerstunden. „Da hätten Sie dabei sein sollen! Beethovens fünfte Geigumsonate, — Ihre geliebte Frühlingssonate —dann das Forelfenquintett, bei welchem Ihr Amtskollege Löwi .sehr tüchtig den Cellopart spielte, dann Brahms--“/plötzlich verschlägt es ihm die Rede. Er bleibt. zu1-“ nächst mitten am Nordbähnperron stehen, starrt zum-Ausgang hin, wo der Menschenstrom' ganz