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Jüdische Zeitung · 1916-05-12 · 19 (12.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG MK NRTIONRL -JL1DI5CHE5 DRGRN »gg nennrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ BiVt JÜDISCHE ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkuagaaae Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Aboonemenstspreise: Für Oester- > ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, balbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ | Mk. 3.—..Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. B Nr. 19 Wien, Freitag, den 12. Mai 1916 — 9. Ijar 5676. X. Jahrgang. | Professor Or. Artur dahier. J Vorigen Dienstag verschied hier, nach mehrmonatigem Krankenlager unser Gesinnungsgenosse Dr. Artur. Mahler. Der kurze 'Lebenslauf des Verstorbenen — er zählte kaum 45 Jahre — war ein wechselvoller. Er war Dozent für klassische Archäologie an der deutschen Universität in Prag und dann Professor am amerikanischen archäologischen Institut in Rom. Er machte große Studienreisen durch Europa, Kleinasien und Nordamerika und veröffentlichte mehrere Werke, die sämtlich sein universales Wissen verraten. Er übersetzte auch das bekannte Reinach’sche Werk „Orpheus, allgemeine Geschichte der Religionen“ aus dem Französischen. Schon vorher in der Prager Lokal- und Distriktsorganisation als Zionist tätig, trat Professor Mahler 1906 mit besonderem Eifer in den Dienst des jüdisch-nationalen Gedankens. Er war bekanntlich einer der Einberufer der Krakauer Konferenz und ein Hauptmitarbeiter am Krakauer Programme. Im Jahre 1907 erwarb er als Kandidat der jüdisch-nationalen Partei im Landgemeindenbezirke Czortkow—Buczacz das Abgeordnetenmandat zum Reichsrat, wo er zusammen mit den damaligen Abgeordneten Adolf Stand, Dr. Straucher und Dr, Gabel den „Jüdischen Klub“ bildete. Seine intellek-. tuelle Begabung, verbunden mit Ueberzeu- . gungstreue, von der die seinerzeitigen Vorfälle an der Prager Universität Zeugnis ablegen, trugen dazu bei, das Ansehen des „Jüdischen Klubs“ und der jüdisch-nationalen Partei auch in Kreisen, die unseren Bestrebungen weniger als gewogen waren, zu steigern. Wenn auch Professor Mahler in den letzten Jahren ausschließlich seinem Berufe als Redakteur verschiedener Tageszeitungen lebte und zionistisch sich nicht mehr betätigte, werden wir ihm in Erinnerung an seine überaus wertvolle Wirksamkeit im Interesse der jüdisch-nationalen Sache stets ein ehrendes Andenken bewahren. FEUILLETON. ftge&udi&lätter aus der Elütiiilings: zeit*) Von Otto A b e 1 e s. , Verprügelt. Er steckte zunächst bloß den Kopf zur Tür herein. Als ich ihn einlud, näher zu treten!, verschwand er wieder, schob seine Frau vor, schloß dann überaus zaghaft, jedes Geräusch; vermeidend, die Tür, stellte den? Schirm mit dem; Hute darauf in die Ecke und trat mit dem Weibe, scheu das Zimmer musternd, zu meinem Schreibtische. Ich stellte Sessel hin und ersuchte sie^ Platz zu {nehmen. Sie Setzten sich vorsichtig *) Vergl. Nr. 15/16 der „Jüdischen Zeitung“. Eine judlsdie Enquete. Bei allen Nationen Oesterreichs ist während des Krieges der Weckruf nach Sammlung und Einigung nicht wirkungslos verhallt. Ein Völkerstaat berücksichtigt gerechtenationale Wünsche seiner Staatsbürger, wenn sie von der geschlossenen Volksgruppe, von allen Richtungen innerhalb derselben, formuliert und durch einheitliches Vorgehen nachdrücklich vertreten werden. Diese Binsenwahrheit ‘haben bereits alle Völker Oesterreichs erkannt. Die Juden noch nicht. Die Juden Oesterreichs werden stets Gehör finden, wenn die staatlichen Zentralstellen' — was vielfach bereits der Fall ist — die Notwendigkeit, ein staatserhaltendes und kaisertreues Element zu fördern, einmal erkannt haben.’ Auf diese Notwendigkeit die* vielbeschäftigten Staatslenker nachdrücklicher aufmerksam zu machen, ist Sache der Juden selbst. Dies kann für sie kein anderer besorgen. Während der langen Kriegszeit war genügend Zeit vorhanden, alle Richtungen auf ein; Minimalprogramm zu lenken und'“eine einheitliche Organisation für die Juden Oesterreichs erstehen zu lassen. Ueber die ersten Gehversuche kam man jedoch noch nicht hinaus. Wenn sich schon der Deutsche Nationalverband berufen gefühlt hat, der Judenfrage näher zu treten, so kann das Versäumnis der wahrhaft berufenen Judenschaft nicht länger entschuldigt werden. Gewiß, die Schwierigkeiten, die sich der Erledigung jüdischer Organisationsfragen entgegenstellen, sind nicht bald beseitigt. Ost- und Westjudentum müssen übereinstimmen. Darüber ist man in früheren Jahren nicht hinweggekommen; Heute liegt die Sache anders. Bei den Westjuden ist der gute Wille und das ernste Bestreben jetzt schon vorhanden, an der Lösung jüdischer Volksaufgaben tnitzuwirken. Im Interesse der Gesamtjudenheit, als deren Teil jene! Westjuden sich1 fühlen gelernt haben. Denn darüber sind die meisten jüdischen Intellektuellen des Westens sich vollends klar, daß es sich auch um sie, die Westjuden, handeln wird, wenn jüdische Fragen Oesterreichs zur Erledigung kommen. Die Plattform ist vorhanden und ein Zusammenwirken von Ost und West möglich. Sich kennen und verstehen lernen, war bestenfalls der lind dicht, ganz dicht aneinander, und da ich sie nun anblickte, sah ich in ihren Augen eine namenlose Angst. Weshalb? Wovor? Sie kamen doch hieher, ihre Angelegenheit 'ordnen, nach ihrem bis nun nicht gefundenen Flüchtlingsgepäck forschen, das sie der Eisenbahn gegen ordnungsmäßige Bezahlung der Beförderungsgebühren übergeben hatten. Und sie kamen über Einladung und Kundmachung in den Tageszeitungen. Ich suchte den betreffenden Akt aus dem Faszikel hervor und fragte sie nach Namen und Wohnung. Ihre Züge wurden noch blässer, die schwarzen, weit offenen Augen noch scheuer. Sie sahen einander an und begannen zitternd, hauchend, schluckena und glucksend zu stammeln. Sprach sie, so bewog er sie mit einer Geste zum Schweigen, als fürchte er eine schädigende unerfüllte Wunsch früherer Jahre. Der Krieg hat dieses unerläßliche und schwierigste Anfangsstadium überwinden geholfen. Mit ostjüdischen Fragen, die früher nicht einmal theoretisch die einflußreichsten Westjuden interessierten, befassen sich heute die Träger ihrer besten Namen. Gegenseitige immittelbare Aufklärung und Information müssen das l/ebrige besorgen und der wirkliche Zusammenschluß ergäbe sich dann von selbst. Es ist aber keine Zeit zu verlieren. Der ernste Augenblick erfordert nicht bloßes Denken, sondern auch rasches Handeln und ein Zuspätkommen bei Wahrung von Rechten eines Volksganzen darf kein Gewissenhafter verschulden. Keine Richtung, keine Anschauung darf ungehört bleiben. Inwieweit sie zu berücksichtigen ist, dies kann erst die gemeinsame Erwnp gung ihrer Zweckmässigkeit entscheiden. Aber1 kennen muß man diese Richtungen und Anschauungen, sie klären und unter einen Hut bringen. Ohne Vorurteil und ohne Einseitigkeit. Eine Enquete bewußt jüdischer Vertreter aller Richtungen, aus allen Kronländern, muß raschesten» einherufen werden. Die österreichische Judenschaft hält treu zu Kaiser und Reich und es ist von vornherein bekannt, daß alle jüdischen Wünsche dem Staatswohl nur förderlich sind. Unsere Diskussionen vertragen das Licht der Oeffentlichkeit, unsere Aspirationen stehen im vollen Einklang mit den Staatsgrundlagen und mit dem Wachsen und Emporblühen eines starken Gesamtösterreich. Die Bestrebungen der 'Juden werden demnach zweifellos jeden denkenden österreichischen Staatsmann vollauf befriedigen. Die Durchsetzung der Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger ist das Minimalprogramm, aut das alle Juden Oesterreichs sich ohneweiters einigen werden. Und auch so manche nationale, -politische und kulturelle Detailfragen werden gleichfalls einer sachgemäßen Erledigung zugeführt werden können. Es ist demnach auchMür den lauesten Juden die Möglichkeit geboten, mitzutun. Auch die Indolenten und lediglich „ihrem Berufe Lebenden“ aller? Parteischattierungen müßten gleichfalls aufgerufen werden. Jede Richtung hat Mitglieder, die abseits stehen. In ernster Zeit aber darf niemand sich darauf beschränken, nominell zu einer Volksgruppe zu gehören. Mitarbeiten und mitschaffen muß jeder, der etwas zu sagen hat. Aussage, schob sie gleichsam mit dem- Arme in den Hintergrund und versuchte mit Körperwiegen und Händereiben die Frage zu beantworten. Aber kaum hatte er ein paar Worte gesagt, als sie ihm schon ins Ohr flüsterte, — irgendetwas, rasch, erregt und in einem Jammertone — und gab mit überlauter, gepreßter Stimme ganz dieselbe Antwort wie er. Ich Hauche die Feder ein, um ihre Angaben zu protokollieren. Da fuhren beide auf: «Was schreibt der Herr? Was haben wir gesagt? Wir haben nichts gesagt!“ — — Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich kann zunächst nicht sprechen. Nach einer Pause versuche ich den beiden klar zu machen, daß doch hier kein peinliches Verhör vor'sich gehe, daß wir doch1 bloß erfahren wollen, was zur Zustandebringung ihres Eigentums zweckdienlich sein könnte. Die Wirkung war widerlich, erbärmlich. V

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