Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 sen^chaftsfönds mit Inventar etc. ausgestattet werden könnten. Die Göditftefühning. nimmt zu diesem Behuf eehje' Reihe von propagandistischen Maßnahmen;® Aussicht, die die ins Stoßen geratenen Sammlungen fijrden GenosSensdfaftsfbnds wieder m Schillingbringen sollen. Siedtungsgenossenschaft Merchawjah1. Zur Lage -der .Genossenschaft auf Merchawjah übergehj^id, Jbedauert .die Geschäftsführung, noch kejiie-Bilanz das'jahr 1915 unterbreiten?u können^ da die Unterlagen aus Palästina infolge der mit dem Kriege zusammenhängenden Verhältnisse noch fehlen. Es muß gesagt werden, daiß die Entwicklung von Merchawjah bisher von außerökonomischen Verhältnissen zu leiden hatte, die mit' dem eigentlichen Wesen der Siedlungsgenossenschaft wenig zu tun haben. Vorerst ist die exponierte tage von Merchawjah zu berücksichtigen, iwelch.e die Genossenschaft zu einem oft angegriffenen Vorposten in einer Gegend machte, die ehemals fast ganz „judenrein“ war. Außer ,der Verwahrlosung des' an sich fruchtbaren, aber durch .extensivste Bearb.eitungsmethoden ausgesogenen Bodens kommen die jüngst von. Herrn Dr. Hillel Joffe festgestellten Malaria-. und. Typhusherde hinzu, die Menschen und Tieren viele Krankheitstage verursacht haben. Es sind leider hierdurch, sowie durch1 andere Unfälle, Verluste an- Gut und wertvollen Men'-? schealeben zu beklagen. Im letzten Jahre kamen nach den Heuschrecken . die unvermeidlichen Kriegsschäden, die speziell Merchawjah schwer betrafen, weil sie die einzige jüdische Position im Emek Israel und ebenso die einzige Kolonie im Kreise Nazareth ist. Da viele Dinge, die die Militärbehörden brauchen, in den arabischen Dörfern nicht zu finden, Sondern nur in den jüdischen Kolonien vorhanden sind, und da die Requisitionen gewöhnlich auf die einzelnen Kazas verteilt: wurden, so hat gerade Merchawjah1 viel mehr als die anderen Farmen darunter zu leiden. Monatelang wurde ein Teil der Arbeiter und der Zugtiere für militärische Arbeiten in Anspruch genommen. Eine zeitlang kampierten viele Truppen neben der Farm, was' für die Genossenschaft mit Arbeit und Ausgaben verbunden, war. Außerdem waren die Steuern in diesem Jahre besonders hoch. Die Heuschrecken haben das Futtergetreide vernichtet und die Weizenfelder beschädigt. Schließlich wurde Merchawjah im Sommer 19J5 von einer Feuershrunst betroffen, bei der die Dreschmaschine, sowie Inventar und ferner größere Quantitäten von Kichererbsen und Pferdebohnen im Werte von Fr. 7Ö00.—r vernichtet wurden..! Trotz, alledem ist zu einem Pessimismus für die weitere Entwicklung der Genossenschaft kein Grund vorhanden. Merchawjah ist dadurch’, daß nunmehr zwei Bahnen von der Siedlung abzweigen, zu. einem wichtigen, für die Zukunft verheißungsvollen Knotenpunkt geworden. Die aiif Vorschlag von Dr. Hillel Joffe als Notstands^ arbeiten in diesem Jahre durchzuführenden Sanienmgsmaßnahmen dürften die Krankheitsherde vollständig zurii Verschwinden bringen.. Was die Arbeit der Genossenschaft selbst betrifft, so. hat sie sich gerade in der Kriegszejt, nachdem sie in das Stadium der- Selbstverwaltung trat und die Wirtschaftsführung ohne ständigen Administrator üb.ernahm, sehr 'bewährt. Der palästinensische Geschäftsführer teflt hierüber mit: „Die Sied- Iungsgeijosseijschaft hat in dem jetzt ablaufenden Wirtschaftsjahr mit außerordentlichem Eifer una Hingebung gearbeitet, die jedes Lob verdienen. Die Ordnung im Hofe und in der Wirtschaft ist sehr; gut una zeigt, daß die Arbeiter ihrer Aufgabe gewachsen sind.“ Wornber die Siedlungsgenossenschaft nicht hinweg kann, sind die infolge der 'vielen Schäden und Unfälle entstandenen Verluste, die bisher fast keiner, selbst in ruhigeren 75egenden angelegten Kolonie in der Okkupationsperiode erspart geblieben sind. Die Verluste während der eisten vier bis fünf Jahre sind daher nach Ansicht aller maßgebenden Autoritäten als Pionierkosten nicht ausschließlich' von der Siedlungsgesellschaft zu tragen. Es sollte über die- ■ sen Punkt Klarheit geschaffen und sodann an eine neue Xapitalswerbung geschritten werden. Genossenschaft Daganiah. Der Mangel an neuen Kapitalien hindert die Siedlungsgesellschaft, ihrer Tendenz gemäß zu einer Zentrale für alle genossenschaftlichen Unternehmungen der palästinensischen Arbeiterschaft zu werden. Vor allem konnte die alte Abmachung mit dem Natiq.nalfon.ds. nicht verwirklicht werden, den Betrieb Daganiah zu übernehmen, der provisorisch von dem NF verwaltet wird. Dies ist umso bedauerlicher, als dadurch der planmässige Ausbau dieser zweitgrößten Genossenschaft gehemmt wird, da die Vorbereitungsschwierigkeiten' zum Teil schon überwunden hat. Die Siedlungsgesellschaft verfolgt mit besonderem Interesse die Entwicklung dieser Genossenschaft, die, aus einer freien Okkupationsgruppe entstanden, einen* von Merchawjah zum Tei, abweichenden Typus darstellt. Nach dem Jahre 5673, das mit einem kleinen Defizit abschloß, brachte das Jahr 5674' nach Dedcung aller Wirtschaftsausgaben und der Grundrente an den Nationalfonds den nicht unbeträchtlichen Reingewinn von ca. Fr. 5000.—, der zwischen JNF und Arbeiterschaft verteilt wird. Das Kriegsjahr 5675 ist naturgemäß nicht ohne Rückstehlag auch für Daganiah geblieben. Daganiah ist aber zweifelsohne ein erfreulicher Beweis für die Entwicklungsmöglichkeiten der genossenschaftlichen Kolonien. Es wäre außerordentlich erwünscht, daß die Siedlungsgesellschaft durch die Uebemahme der Aktiven von Daganiah in der Höhe von ca. Fr. 100.000.— den JNF entlastet. Der Nationalfonds wird nur dann an der Gründung von Genossenschaften erfolgreich mitwirken und eine großzügige Bodenpolitik betreiben können, wenn ihm der Genossenschaftsfonds die Sorge für Inventar und Betriebskapital, sowohl der siedelnden, wie der okkupierenden Genossenschaften abnimmt. Für jeden Fall schließt der Bericht mit dem Wunsche, daß sich die weitesten Kreise über'die Bedeutung der. vom Kongreß beschlossenen Erweiterung des Genossenschaftsfonds klar werden, damit man den Kolonisationsmöglichkeiten nach Friedensschluß nicht mit leeren Händen gegenübersteht. Beschlüsse und Neuwahlen. An der eingehenden Aussprache beteiligten sich alle Anwesenden. In der Debatte kam vor allem der Wunsch zum Ausdruck, mit dem Nationalfonds während deS Krieges wegen der von Ihm gewährten Vorschüsse zu einer Verständigung zu kommen. Aber auch nach Ordnung dieser Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit bleibt das Vermögen der Siedlungsgesellschaft in den 'Aktivbeständen von Merchawjah festgelegt. Zwar ist vom JNF die Lösüng' der Wohnungsfrage speziell für die verheirateten Arbeiter aus den Mitteln deS Arbeiterheimstätten- oder Wolffsohnfonds in Aussicht genommen, doch werden noch1 immerhin beträchtliche Aufwendungen seitens der Siedlungsgesellschaft zur Sicherung von Merdiäwjah Und weitere Mittel zur Uebernahtne oder Gründung neuer Genossenschaften notwendig sein. Eine energische Fortsetzung der Werbeaktion, für Anteil- und Genußscheine der Siedluqgsgesellschaft ist nach Aufstellung der Bilanz für daS Jahr 1915 in Aussicht genommen. Zugleich aber soll der sogenannten „Genossenschaftsspende“, d. fil den Beträgen unter M 80.— (Fr. •100.—) besondere Aufmerksamkeit zugewendet, werden. Es sollte angestrebt werden, die Genossenschaftsspende, die dem ^Anteil des' JNF •nt der Siedlungsgesäellschaft „Erez Israel“ zugute kommt, zu einer ständigen Sammelrubrik zu gestalten. Die Oeffentlichkeit sollte nachdiücklidh über die Wichtigkeit dieser Spendenart für den Genossenschaftsfonds aufgeklärt werden, die einerseits die Deckung vor. Okkupationsverlusten in Merchawjah, andererseits' 'eine planmassige Wirksamkeit zur Erschließung von Neuländereien' mit Hilfe wandernder Pioniergruppen nach dem Kriege ermöglichen, soll.. In den Aufsichtsrat wurden hierauf' folgende Herren gewählt: Justizrat Dr. Bodenheimer, Ing. S. Kaplansky, Ing. Job'. Kremenezky, N. de Lieme, Dr. Franz Oppenheimer, A. Simons1, Mz. und Prof. Dr.. O: Warbürg, zu Geschäftsführern die Herren N. Gross und Dr. X. Ruppin. Von fler . ' Bedeutung und Aufgabe des Judentums. Bei dem, hitzigen Kampf der über1 das Schicksal; der Ostju.den ausgefochtea wird, ist über die Zukunft des Gesamtjudentums fast, gar nichts gesprochen, worden. Und . doch hängt 'von . der.-' Wertung des jüdischen Volkstums im- Allge-. meinen auch das Schicksal. der einzelnen Teilgruppen ab, mögen sie noch so groß sein. Die Er- . Klärung für dieses Versäumnis liegt in der Dringlichkeit der Ostjudenfrage, in der Begrenztheit und in der Möglichkeit ihrer Lösung, während für ein Ueberschauen des gesamten Judentums nach seiner Leistung in der Vergangenheit und seiner Aufgabe in der Zukunft unüberwindliche Schwierigkeiten bestehen. Nacjium Gol.dmann, der in seinen Aufsätzen über das ostjüdische.. Problem seine Sachkenntnis erwiesen und in der Schrift „Ueber den Geist des Militarismus“ einen offenen Sinn für die treibenden Gedanken der Gegenwart gezeigt hat, wagt den Versuch, bloßzujegen, in welcher Weise das Judentum bei der Schaffung der, modernen Weltkultur mitgearbeitet hat und welche Rolle ihm beim Aufbau der Zukunft zugeteilt wird.*J Schon die Idee der Weltkultur ist ein Er? Zeugnis der jüdischen Denkweise. Sie ist. nicht wie das Griechentum aus auf die, die Wirklichkeiten bildenden Einzelheiten. Der Jude sieht, night die Jpdividualwesen, sonderndas Gesamte und die hinter allem steckende Gottheit. Der eine Gott bedeutet aber zugleich1 auch die eine Menschheit. Dabei zeigt sich die von den Propheten getragene Missionsidee,, daß auch das . eigene Volkstum zu Worte kommt, also eine ' nivellierende Gleichmacherei vermieden ist. Das gesamte moderne Kultursystem beruht nicht so sehr auf der Wirkung der Renaissance, als auf - der Reformaktion, die nicht wie die Gegenwart auf künstlerischen, aristokratischen, individuellen Prinzipien erbaut ist, sondern auf sittlichen, demokratischen, sozialen Trägern basiert. Und dieses Erbe brachte das jüdische Volk nach, Europa, als die vorderasiatische Kuiturgemeinschaft, zusammenbrach. Das Ghettojudentum hat jene Ideen und Werte unter den Völkern des Okzidents verbreitet. Passiv, indem man an ihm die Idee der Gerechtigkeit und Nächstenliebe, also die Grundgedanken der Gesamtmenschheit, üben konnte, es also gleichsam zum Barometer der sittlichen Kultur wurde. Aktiv, indem es durch seine Vermittlüngstätigkeit an dem vorbereitenden Kulturschaffen Teil nahm.' Noch ist nicht im Entferntesten die Leistung der Juden für die Wissenschaft des Abendlandes und seine Philosophie ausgeschöpft. Die Emanzipation zerspaltet später das bisher, geschlossene Gesamtjudentum in Einzelindividuen, die nicht mehr als Juden, sondern als Menschen an der ‘ Kultur mitwirkten. Waren sie ja durch ihre Traditionslosigkeit prädestiniert, Vorkämpfer für all die zerstörenden Kräfte zu werden, die seit dem Ausgang des Mittelalters das endgültige Abtragen einer überlebten Epoche zu besorgen hatten. Erst die Epoche, die mit dem Weltkrieg eingeleitet wird, gibt dieser Zerstörungsarbeit Inhalt und Rechtfertigung. Denn der Sieg des Deutschtums bedeutet das Anbrechen einer sozialen Kultur, die die bedingungslose Geltung der Gemeinschaft im Mittelalter überstanden hat und ebenso einen schrankenlosen Idealismus und Egoismus’, wie er von der englisch-französischen Kultur repräsentiert war. Bei diesem Aufbau einer echten Kultur steht neben. dem Deutschtum1 das Judentum, mit dem es den gleichen Ernst der Lebensauffassung, der Erkenntnis des nationalen Daseins als Mission und die freiwillige Unterordnung des Individuums unter das Gebot der Gemeinschaft gemeinsam hat. „Die weltkulturelle Aufgabe des Judentums muß die intensivste positive Mitarbeit an der künftigen Weltkultur sein.“ Zugleich bildet das Judentum eine lebendige Warnung vor der drohenden Gefahr, das Machtprinzip zu übersteigern. \ Die Mitwirkung des jüdischen Volkes an dem Aufbau der Zukunft ist aber nur möglich, wenn es seine Vermittlerrolle unter den Völkern ablegt und auf eigenem Boden, in nationaler Selbständigkeit und fm .eigenen Milieu sich zur Entfaltung bringt; der feste Punkt des Archimedes muß für das Volk geschaffen werden. Es muß, dem Programme des Zionismus folgend, nach Vorderasien zurüdkkehren, in das Land seiner Geburt. Dann aber geht das jüdische Volk der Erfüllung Seiner Bestimmung entgegen; denn wie es ausging, als Vorderasien in Trümmer barst, so kehrt es nun in den Tagen der Wiedergeburt Vorderasiens ins Mutterland zurück. Dem Deutschtum aber fällt die Aufgabe zu, für das künftige ethisch-soziale Kultursystem den Weg bahnen zu helfen, zum Heile der durch *) Nachum Goldmann: „Von der weltkulturellen Bedeutung'und Aufgabe des Judentums“ aus „Weltkultur und Weltpolitik“, herausgegebeu von Rröf. Emst Jäckh—Berlin (Verlag] F. Bruckmann, München). 7756