Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-04-07 · 14 (7.4.1916) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438586--4741-2444647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 14 '•ÜDISCHE ZEITUNQ Seite 3 Tshinowniktiimes losgelassen; in Polen aber tat man noch ein Uebriges dazu: man trieb in der „Ansiedlungszone“ die Judenschaft von ganz Rußland zusammen.“ ln dieser Perspektive ist der ganze Aufsatz gehalten, in dem das Geistreich-Oberflächliche. das Richtige überwuchert. So z. B. in der schon oft, besonders von polnischer Seite aufgestellten Behauptung, die „Lihvaki“ hätten die Russifizierung repräsentiert. Bezüglich einer kleinen Schar iedoeh von jugendlichen russisch-jüdischen Assimifanten, die sich auch in westeuropäischen sozialistischen oder schöngeistigen Kreisen durch russisches Gemauschel und russisches Gehaben als Vollrussen gerierten, muß man Richard Bahr Recht geben, wenn er schreibt: „Es! ist ein psychologisches Rätsel, wie jüdische Menschen ein inneres Verhältnis zum russischen Volk finden konnten. Das scheuchte sie von Ort zu Ort, entrechtete sie in Schule und Leben und ging mit einer gewissen Periodizität gegen sie zum blutigen Sturmangriff der Pogrome über. Dennoch unterwarf er sich in steigendem Maße die jüdische Jugend, die es doch in hundert kränkenden und ränkesüchtigen Bestimmungen vom Abschluß ihrer Studien abhielt. In der Beschäftigung mit der schönen Literatur, die ja im absolutistischen Rußland eine politische Literatur gewesen ist, war diese jüngere jüdische Generation zum Vollrussentum (glaubten sie! — Red. „Jüd. Ztg.“) erwachsen. Sie haßte den russischen Zar und die russische Bureaukratie, aber sie fühlte sich eins mit den Parteien der Linken und glaubte allen Ernstes, mit Hilfe des russischen Liberalismus Freiheit sich und Leben erkämpfen zu können. Es mag ein gut Teil Idealismus in der Bewegung stecken; aber wer einmal beobachtet hat (in Westeuropa am besten in den Kurorten und Universitäten der Schweiz), wie geräuschvoll und her - ausfordernd diese Leute ihr Russentum zur Schau zu stellen pflegen, der wird sich unwillkürlich im Gegensatz zu ihnen gefühlt haben.“ Er schließt: „Der wirtschaftliche Entwicklungsprozeß, der die polnische Judenheit zermalmen muß, hat schon eingesetzt. Auch in Kongreßpolen ist. wenn auch nicht in dem Maß, wie bei uns in Posen, ein polnischer Mittelstand erwachsen: und auch dort beginnt das kooperative Genossenschaftswesen sich auszubreiten, das den parasitären Zwischenhandel erst verdrängt und dann beseitigt. Ob die Einführung der gesetzlichen Gleichberechtigung und der Freizügigkeit, die gewiß unerläßliche, diesen Uebe'stand bemeistern wird? Den besten Weg scheint mir der zuvor zitierte A"onvmus zu weisen, der in der Zeitschrift „Polen“ riet: „Man zwinge Rußland zur Aufhebung seiner Judengesetze und die ganze jüdische Frage wird beantwortet sein.“ Sicherlich. Nur: hat dieser Weg nicht einige Aehnlichkeit mit dem bekannten Stoßgebet an die Adresse Sankt Florians: Verschon’ unser Haus, zünd’ andere an?“ An unsere geehrten Abonnenten! Wir bitten diejenigen P. T. Abonnenten» deren Abonnement am 1. April 1. J. zu Ende gegangen ist, dasselbe rechtzeitig zu er-, neuern, da sonst unliebsame Störungen in der Zusendung unseres Blattes nicht zu vermeiden wären. Der Bezugspreis beträgt: für V, Jahr K 10.— „ 7.» Jahr K 5.— „ y; Jahr K 3— monatlich K 1..— Redaktion und Administration der „Jüdischen Zeitung“; Wien, II. Zirkusgasse 33. lieber Öen Bezahl. (Werkstätten.; — Schule. — Vereinstätigkeit.) Werkstätten. Als der Krieg ausbrach, wurde allgemein befürchtet, daß die Kunstwerkstätten des Bezalel in Jerusalem.^die plötzlich hereingebrochene schwere Krisis nfcht überdauern würden. Ein gewöhnliches kaufmännisches ..Unternehmen, das mit den dem' Bezalel eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen: hätte, wäre während des Krieges wahrscheinlich schon längst zusammengebrochen und wenn die. Werkstätten dennoch noch, immer bestehen und. ihre Arbeit fortsetzen,-so ist esf; nicht zum wenigsten auf die Imponderabilien; zurückzuführen, auf denen die gesamte jüdische=‘"Arbeit ih ' Palästina beruht. Die finanzielle Sicherstellung der Werkstätten während der Kriegsdauer ist dadurch ermöglicht worden, daß sie neben den fortwährenden Zuschüssen seitens des Vereins ein monatliches Darlehen von 600 Dollar vom Provisional Comittee for general zionist affaires in Newyork erhalten, ■ das durch den Verkauf der sich1 jetzt in Jerusalem ansammelnden Produkte nach Friedensschluß gedeckt werden soll. Seit der im Sommer 1914 erfolgten Uebernahme der technischen Leitung der Werkstätten durch den Kunstgewerbler Lazar Strich haben die Erzeugnisse und ganz besonders die Silberwaren eine weitere Verbesserung in qualitativer Hinsicht erfahren und deren Absatz dürfte daher künftighin viel leichter als bisher von statten gehen. Die großen Vorräte an Rohmaterialien, die die Werkstätten bei Kriegsausbruch besassen, genügten fast ganz für das erste Kriegsjahr, während sie jetzt die notwendigen Rohmaterialien im Lande selbst aufkaufen oder soweit möglich, aus Berlin geliefert erhalten. Wenn auch die Arbeiterzahl und die Arbeitsstunden eine Einschränkung erfahren haben, so konnten doch die Werkstätten allein an Arbeitslöhnen in den ersten 14 Kriegsmonaten Frs. 35.187.38 auszahlen. 'Durch die Ende 1913 vorgenommene Reorganisation des Berliner Vereinsbüros konnte eine umfangreiche Tätigkeit behufs Regelung des Absatzes der Bezalel-Erzeugnisse eingeleitet werden. Trotz der großen Schwierigkeiten, die sich hierbei dem Bezalel auf Schritt und Tritt entgegengestellt haben, konnte im ersten Halbjahre 1914 eine merkliche Hebung des Verkaufs festgestellt werden und in Berlin begann sich bereits ein regelrechtes Versandgeschäft zu entwickeln, als durch den plötzlich hereingebrochenen Weltkrieg eine empfindliche Stockung im Verkehr eintrat. Viele Vertrauensmänner und ganz besonders die Vertrauensdamen haben indes auch während des Krieges nicht aufgehört, sich! um den Absatz der Bezalel-Produkte zu bemühen, wie überhaupt die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Bezalel sich beim Warenverkauf viel mehr als die berufsmässigen Kommissionäre bewährt haben. Die großen Warenbestände, die der Verein bei Kriegsausbruch in Berlin besaß, haben es ihm ermöglicht, beträchtliche Quantitäten an die Vertriebsgesellschaft des Bezalel in Warschau; abzugeben, die u. a. in Militärkreisen zahlreiche neue Freunde und Abnehmer gefunden hat. Sdrufe. Dank den Bemühungen des Herrn Prof. Schatz hat der Unterricht an der Kunstgewerbeschule in Jerusalem während des Krieges keine Unterbrechung erfahren, und wenn auch das Budget aus finanziellen Gründen für die Dauer des Krieges bedeutend reduziert werden mußte, so beträgt es noch immer Frs. 20.000 pro Jahr. Gegenwärtig sind die Lehrer uni Schüler unter anderem damit beschäftigt, aus getriebenem Kupfer, Stein, Elfenbein und Emaille einer» „Aron Kodesch“ (Thoralade) herzustel - len, der ein Meisterwerk auf dem Gebiete der synagogalen Kunst zu werden verspricht. Lehrer und Schüler haben ihre letzten Ersparnisse zum Ankauf der hierzu erforderlichen Materialien hergegeben. Im Interesse derjenigen Schüler, die jetzt von ihren im Kriegsgebiet wohnenden Eltern keine Unterstützung erhalten können, hat Prof. Schatz eine Suppenküche eingerichtet. Vereinstätigkeit. Während der Verein Bezalel in Friedenszeiten seine Werbetätigkeit in fast allen Kulturländern entfalten und Durchschnittseinnahmen von fünfzig Tausend Mark pro Jahr erzielen konnte, mußte er sich seit Kriegsausbruch auf die Propaganda in Deutschland, Oesterreich und den kleinen neutralen Nachbarländern beschränken. Wenn auch zurzeit der Einzug von Vereinsbeiträgen auf allerlei Schwierigkeiten stößt, so muß doch festgestellt jverden, daß in Deutschland die meisten Mitglieder ihre Beiträge pünklich entrichten, in Oesterreich hingegen das Inkasso während des Krieges viel zu wünschen übrig läßt. Nicht nur mußte der Verein seine vorjährigen Beiträge in Galizien, wo er in Friedenszeiten einige Tausend Mitglieder zählte,, vollständig einbüßen, sondern hat auch aus den vom Kriege nicht direkt betroffenen Provinzen Oesterreichs fast gar keine Einnahmen zu verzeichnen gehabt, obwohl bis zum Kriegsausbruch das Interesse für den Bezalel in Oesterreich-Ungarn besonders rege war. Aber .auch das neutrale Rumänien hat während des Krieges leider vollständig versagt, obgleich. . bei einigem Eifer der Vertrauensmänner sichdort auch jetzt noch Manches erzielen -lassen würde. — — Die zahlreichen- Logen und Gemeinden, die seit vielen Jahren den Bezalel subventionieren, haben ihm auch in diesen schwierigen Zeiten ihre Unterstützung nicht versagt, wofür diesen wohltätigen Anstalten besonderer Dank gebührt. Nachdem es unserem vereinten Bemühungen gelungen ist, den Betrieb -des Bezalel in Jerusalem während der ersten zwanzig Kriegsmonate aufrechtzuerhalten, liegt uns jetzt die* Schwere Sorge ob, bis zu dem hoffentlich nicht mehr fernen Friedensschluß durchzuhalten. Doch läßt sich dies nur dann ermöglichen, wenn die zahlreichen Vertrauensnlanner und Freunde des Bezalel, die ihm in Friedenszeiten so viele Jahre R. LÖWIT VERLAG I.Wien, I. Wollzeile 6 — I. Rotenturmstr. 22 |In meinem Verlage sind soeben folgende Neuigkeiten erschienen: Die Entstehung Des semitischen Sprachfgpns | Ein Beitrag zum Problem der Entstehung der Sprache von Dr. Harry Torczyner | Privatdozent an der k. k. Universität Wien 300 Seiten — Preis K 16.— | Ein monumentales Werk der Sprach* Wissenschaft iniimmuiMiiiiRiiMii »lUUlUHIiaHlll | Mausdielpreöigf eines Fanatikers von Abraham Schwadron Bibliophile Ausstattung! — Preis K —.80 I Seit Herzl ist noch nicht so fürchterlich ins 1 Gericht gegangen worden mit allen Halb- |juden und Unjuden. Diese Schrift muß in die jüdischen Massen dringen. I muiuiuuumiiumiuiiuuiiiiiiummunuuuauuunuauiii Mas sinö Ostjuöen? von Dr. Nathan Birnbaum Preis K —.30 iHier gibt der große Führer der Ostjuden | eine informative Darstellung des ostjüdischen Wesens. hindurch hilfreich zur Seite standen, ihm bis zur Ueberwindung der schwierigen Krisis ihre Treue bewahren werden. Von ihrer Mitarbeit wird es hauptsächlich abhängen, ob es dem Bezalel vergönnt sein wird, den Weltkrieg zu überdauern und sich nach Wiederkehr normaler Verhältnisse seiner großen Aufgabe mit vermehrter Kraft zuzuwenden-. Meinen wir es wirklich ernst mit dem Zionismus, ist es unsere Ehrenpflicht, der notleidenden jüdischen Siedlung in Erez Israel hilfreich beizuspringen l Bus Oer jüdischen Hell. Nachrichten, die von russischer Seite nach Warschau gelangen, lassen die Lage der Juden in Polen als trostlos erscheinen. S m o r g o n, das jetzt bei der neuen russischen Offensive sich wieder in der Feuerlinie befindet, ist von Juden ganz entblößt. Zehntausend Smorgoner Juden, die sich früher in der Stadt, die eine große Lederindustrie hatte, zum größten Teile redlich ernähren konnten, weilen in Minsk, bar aller Existenzmittel. Sie erhalten vom Unterstützungskomitee 15, resp. 10 Kopeken per Kopf, dabei zahlt man in Minsk für ein Pfund Schwarzbrot 15 Kopeken. Unterernährung und die traurigen Wohnungsverhältnisse haben Epidemien hervorgerufen, die besonders unter den Kindern wüteten. Vom Petersburger Komitee sind Aerztenach Minsk gesandt worden. Im Städtchen Wolosch in, früher die größte Jeschiwah der Welt, befinden sich Tausende von Heimatlosen, denen sich noch unzählige Bauern zugesellt haben, die sich den jüdischen Leidensgenossen gegenüber feindselig verhalten. In der kleinen Stadt Brobausk befinden sich an 30.000 Flüchtlinge. In Twer wohnen 53 jüdische Familien in den Kellerräumen der großen Synagoge. Außerdem hat die kleine Gemeinde für sieben galizische Juden zu sorgen, die dorthin als Geisel verschleppt wurden. Aus Berditschew hält die Judenwanderung an. Eine Partie wurde nach Moskau verschickt, eine zweite, bestehend aus 70 Familien wurde vorerst nach Kiew „verfrachtet“, von wo aus die Reise nach dem Iimem gehen soll. » Wie aus Petersburg gemeldet wird, kam es neulich in der Duma zu wilden antisemitischen Lärmszenen, anläßlich der Behandlung der dringlichen Interpellation über die B e d r ü k - kung der Juden. Zuerst schilderte der Abgeordnete Friedm a nn noch einmal die von der Regierung inszenierten Judenpogrome im sibirischen Ustkamengorsk. Der Abgeordnete der Rechten S a - m y s I o w s k i bezeichnete das Vorgehen der Re-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.