Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 13 (31.3.1916)
- Date
- 1916-03-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 •JÜDISCHE ZEITUNG Nr 13 Als der Krieg ausgebrochen war, stellte Herr Kreppei den „Tug“ ein und wählte. Wien zum Orte seiner reinigenden Tätigkeit. Er begann dieselbe damit, daß er die reichen Wiener Juden in persönlich gehaltenen Briefen um Geld für sein journalistisches Werk, die „Jüdische Korrespondenz“, bat. Ob er dies tat, um die Börse seiner Wohltäter zu entlasten, oder um die verwahrlosten Wiener Juden auch „materiell“ an einem edlen Unternehmen zu interessieren, ist nicht entschieden. Angeblich1 sollen diese ersten Schritte des Herrn Kreppei auf Wiener Boden nicht ganz den erwarteten Erfolg erzielt haben, was' aber wieder nicht gegen .Herrn Kreppei, sondern nur gegen die Wiener Juden spricht. So vorbereitet nahm nun Herr Kreppei seine Arbeit gegen die Zionisten auf und in der letzten Nummer seines Blattes gibt er eine schöne Probe seines Könnens. Er erzählt dem gruselnden Leser das neuesfte Verbrechen des Zionismus. Das offiziöse Blatt des Berliner Aktions-Ko - mitees, die „Jüdische Volksstimme“ in Kopenhagen verleumdet unsere Monarchie in der schmutzigsten Weise. Herr Kreppcl unternimmt es, wie er sagte, diesen „Preßlakaien auf die Finger zu klopfen“. In Wirklichkeit hat die „Jüdische Volksstimme“, welche kein Berliner Organ, sondern das Organ des skandinavischen Zionistenverbandes ist und nie eine den Zentralmächten feindliche Stellung eingenommen hat, das von einigen österreichischen Verwaltungsstellen erlassene Verbot des Gebrauches hebräischer Schriftzeichen kritisiert. Warum die skandinavischen Zionisten eine Sache bedingungslos gutheißen sollen, welche im Stadium der Diskussion zwischen hodipatriolischen jüdischen Kreisen in Oesterreich und der Regierung steht, ist unerfindlich. Es sei betont, daß Personen, von deren Patriotismus selbst die goldgefaßte Brille des Herrn Kreppei kein Fleckchen sichtbar machen könnte, sich um die Rücknahme des Verbotes bemühen. Aber Herr Kreppei, der Kämpfer unter der neuen Flagge des Polenklubs und Dr. Löwensteins, erklärt alles für gemeine Lüge und Verleumdung. Ja, ja, ein Mann, der solange für Skarbek, Grabski, Dlugosz und Konsorten gearbeitet hat, stellt natürlich sehr hohe Anforderungen an den Patriotismus, denen die österreichischen und deutschen Zionisten absolut nicht nachkommen können. Ob wohl Herr Kreppei weiß, daß man erst die eigenen Finger waschen und dann erst die anderer Leute klopfen soll? * „Cohen lacht“. Die „Arbeiter-Zeitung“ stellt den famosen Pariser Publizisten Alexander Cohen an den Pranger, der sich nicht entblödet, folgende Sätze niederzuschreiben: FEUILLETON. Hssimilation und Hesffiefilt. Splitter und Paradoxe. Von Schmarjahu G o r e 1 i k. Wer immer es unternimmt, eine Geschichte der jüdischen Assimilation oder richtiger: die Geschichte der Assimilation unter den Juden zu schreiben — weh uns, daß eine solche Geschichtsschreibung möglich und notwendig ist — der wird wohl mit dem Kosmopolitismus beginnen müssen, mit diesem Wiegenlied der Assimilation. Ursprünglich war der Kosmopolitismus ein goldener Traum der fortschrittlichen Menschheit — schließlich aber ward er zu einer gefälligen Fiktion, zu einem leeren Klang. Mit diesem einst so mächtigen Worte kennzeichnet man heutzutage lediglich edle Motive, Hochgefühle des Humanitä'sgedankeus, und man bedient sich dieses Wortes in ähnlicher Weise wie der Bezeichnung „Freimaurerei“. Für alle übrigen Nationen war der Kosmopolitismus völlig unschädlich und verpflichtete zu gar nichts; wenn ein Deutscher, ein Franzose oder ein Russe sich einen Kosmopoliten nannte, so hörte er deshalb nicht auf, ein Deutscher, ein Franzose oder ein Russe zu sein. Nur für die jüdische Intelligenzschicht wurde der Kosmopolitismus in seinen Folgen verhängnisvoll, weil eben seine Hauptfolge die A-similation war. Der Kosmopolitismus, dieses Losungswort des „Nichis-als - Menschen“, spielte auf seiner Zauberflöte süße Weisen, und die jüdische Intelligenz folgte diesen Zauberklängen, kehrte dann aber in völlig verändertem Gewände zurück — nicht etwa in dem Gewände des Kosmopolitismus, sondern jeweilig in dem einer bestimmten Volksgemeinschaft. „Denn ich lache, mit unbezwingbarem Gelächter, wenn ich höre, daß wieder hunderttausend Gottmitunsler bei Verdun oder anderswo in den S and, den Lehm oder den Schlamm gebissen haben. Läßt uns logisch sein, ohne zimperliche Humanitätsduselei! Entweder sieoder wir, nicht wahr? Meine Wahl ist getroffen seit Jahrzehnten!“ — Die „A.-Z.“ fügt folgende Glosse hinzu: „Welche Ehre für Frankreich, diese Wahl des Herrn Alexander Cohen! Oder ist sie ein bloßer Zufall? Genau dieselben Kannibalentöne werden auch in anderen Ländern angeschlagen, nur heißen die Brüller da Ernst Klein oder so ungefähr. Wäre der Herr Alexander Cohen nicht aus dem Groninger Ghetto nach Paris, sondern aus Osteuropa nach Wien gekommen, Würde er in seinen epileptischen Anfällen nach der anderen Seite schlagen. Höchstens seinen Namen würde er anders schreiben.“ Gerne buchen wir die keimende Erkenntnis der „Arbeiter-Zeitung“, daß die fremdnationale Gebärde des Juden lächerlich und verderblich ist. Was sagen die Polenklub-Sozialdemokraten Diamant und Liebermann dazu, was die Herren Bauer und Hartmann, die auf dem Innsbrucker Parteitag so wacker deutschnational taten? * Wozu halben Sie die Frösch’ gegessen? Diese Frage drängt sich einem unwillkürlich auf, wenn man in den Wiener Tageszeitungen vom 28. März folgende Notiz liest: „(Vermählung.) In der protestantischen Kirche A. K., Dorotheergasse Nr.18, gestern Pfarrer Erich Stöckl die Trauung des Fräuleins Klarissa Stukart, Tochter des Hofrates Moritz Stukart, mit dem Artillerieoberleutnant Bruno Löw, Sohn des Fabrikanten Karl Löw ,in Helenental bei Iglau vor. Unter den Hochzeitsgästen waren zu sehen: der Vorstand des Kriegsfürsorgeamtes FML. Hans Löbl und Gemahlin, Dr. Winter von der Generalintendanz, Konsul Fe'ix v. Stiaßny, Baronin Dirsztay, Baronin Kürschner, Ängelo Ritter Eisner v. Eisenhof, Präsident Kommerzialrat Isidor Mautner und Gemahlin, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Preßburger, Frau Dr. Reitzes v. Marienwerth, Frau Direktor Franziska Stein, Frau Hofrat Stern, Polizeirat Dr. Anton Baumgarten, Polizeioberkommissär Dr. 'Bruno Schultz, kaiserlicher Rat Arnold Fröhlich und Gemahlin und viele andere.“ Es gibt nämlich keine kosmopolitische Kultur, und sagte ein Jude: Ich birr ein Kosmopolit, so hieß das regelmäßig: ich bin ein Deutscher, ein Franzose oder ein Russe. So diente der Kosmopolitismus als eine prunkvolle Soutane, die die häßliche Blöße der A similation verdecken sollte. Er bedeutete — gelinde gesagt — die Einfügung in die Reihen der Anpassungswilligen. Weniger sanft ausgedrückt war der Kosmopolitismus für die jüdische Intelligenz 'ine Schule der Lüge, oder die Vorschule, weil die Assimilation eben nichts anderes ist als Lüge. Aus diesem Grunde eben empört sie unser moralisches und unser ästhetisches Gefühl — denn sie birgt auf ihrem Grunde die Unwahrhäftigkeit. Ich glaube so ziemlich das Richtige zu treffen, wenn ich den Begriff der Assimilation in die folgende Formel kleide: „Die Assimilation ist ein Verzicht auf den mystischen Gehalt des eigenen Volksgedankens, s:e ist zugleich ein unberechtigtes Eindringen in "ine fremde Gemeinschaft, in ein fremdes Volk, wobei nur die äußeren Formen des letzteren angenommen werden, ohne daß eine Vertiefung in sein Geheimnis; stattfindet.“ Der Assimilant adaptiert eine fremde Form1, spricht fremde Worte, gibt sich den Anschein, als kenne er jenes Große und Wichtige, das des betreffenden Volkes mystisches Geheimnis bildet, aber in Wirklichkeit kennt er es nicht und macht sich auf diese Weise eines Betruges schuldig, indem er die Tatsachen nicht als solche gibt. Daß er die~e Täuschung glänzend durchführt, daß er die Anpassung an die fremde Form bis zur vollsten Illusion meistert — das alles ändert nichts an der Sache, sondern verstärkt nur den Eindruck des Widerlichen. Je mehr Virtuosität die Assimilation bei ihren Kunstgriffen an den Tag legt, desto abstoßenderwirkt sie. Am unangenehmsten sind bekanntlich jene Similisteine, die den Edels'euen am ähnlichsten sehen. Das KrlegsM der galizisdicn Juden. (Fortsetzung.) Rohatyn. Herr Professor Dr. Schor besuchte vorige Woche im Aufträge des „Jüdischen Rettungskomitees“ in Lemberg diese, auf der Bahnstrecke Stryj-Tamopol liegende Stadt, über welche er im Leinberger „Tagblatt“ nachstehenden Bericht veröffentlicht: Diese Stadt zählte vor Kriegsausbruch etwa 9000 Einwohner, davon 3500 Juden (S00 Familien). Ungefähr 200 jüdische Familien sind geflüchtet. Die Stadt war zehn Monate in russischem Besitz. Vor ihrem Abzüge steckten die Russen die Stadt in Brand, dem 300 Häuser, fast durchweg jüdische, zum Opfer fielen. Außer der Vernichtung des jüdischen Hab’ und Guts, wü- Eine gesunde Volksempfindung bricht immer den Stab über die Assimilation. Selbst in der harten Strafe, die man über einen andersgläubigen Eindringling in Mekka verhängt, dürfen wir mit einiger Berechtigung nicht bloß den religiösen Fanatismus erblicken, sondern auch die Verurteilung des Eindringens in die fremde Mitte, in ein fremdes Heiligtum, erreicht nicht etwa auf dem Wege einer echten und restlosen Anteilnahme an den Volksmysterien, sondern einfach durch ein streng durchgeführtes Anpassungssystem. Der Geist der Anpassung ist ein übler Geist. Bei der Lektüre der an allerlei Abenteuern überreichen Lebensbeschreibung des berühmten Orientalisten Professor Vambery brachten mich die Energie und die Fähigkeiten jenes dreizehnjährigen lahmen Ungarnjungen zum Staunen, der sich seinen Weg bahnte und dank seinem ungewöhnlichen Talent rasch fremde Formen anzunehmen und fremde Sprachen zu erlernen verstand. Mit 15 Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt, indem er auf Stambuls Straßen als ein junger Soohta den Koran aus dem Gedächtnis rezitiert. In Persien bewegt er sich längere Zeit hindurch als Derwisch, ohne je aus der Rolle zu fallen. Gewiß: er erreichte sein Ziel, er erhielt zahlreiche Medaillen und bereicherte das British Museum um viele wertvolle Werke — dennoch: es bleibt ein unangenehmer Beigeschmack an dieser Transformationskunst haften. Diese ist die niedrigste und die billigste aller Künste. Fragt man sich, wodurch dieser unangenehme Eindruck verursacht wird, so bleibt nur die folgende E-rklärung übrig: Unser ästhetisches Gefühl sträubt sich entschieden gegen einen solchen Mangel an eigener Persönlichkeit, gegen eine solche „Elastizität“, gegen die frivole Verfälschung der tiefempfundenen religiösen Extase e ines echten Derwischs durch die tote Geste eines kunstvollen Imitators.