Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 48 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 11 diese begründete Hoffnung zunichte gemacht una wir mußten uns damit begnügen, das (Vereinsleben auf der erreichten Höhe möglichst zu erhalten. Die Vereinsleitung unterstützte alle diese vom Patriotismus getragenen (Bemühungen una wirkte ,auf ihre Mitglieder beispielangebend ein. Aus dem Vereinsvermögen wurde sofort ein Betrag von K .100 für das Rote Kreuz flüssig gemacht, denn Wir Wollten da nicht zurückstehen, wo die ‘Wunden, die der Krieg den Völkern schlägt, geheilt Werden. Ferner, hat die Vereinsleitung auch nicht gezögert, das ganze Vereinsvermögen zur Zeichnung Von Kriegsanleihe mit K 2500.— Nominale zu verwenden. Während wir so nach Außen .'hin unsere patriotische Gesinnung bekundeten, und wo auch immer eine Hilfsaktion ini Zuge hvar, uns; an derselben beteiligten, insbesondere der Flüchtlingsfürsorge unser Augenmerk und unsere Kraft zuwendeten, vergaßen wir nicht gn die eigentliche Vereinstätigkeit. Diese begegnete nach Kriegsausbruch den allergrößten Schwierigkeiten. Sämtliche Turnwarte und Vorturner Waren eingerückt und es galt die schweren Ducken in der Tumbetriebsleitung auszufüllen. Dank der Pflichttreue unserer Turnbrüder und Turnschwestem überwanden wir diese schwere Personalkrise wie auch mannigfache Schwierigkeiten anderer Art rascher, als wir selbst fcu hoffen wagten [und so geht der Tumbetrieb in den Damenuna Zöglingsabteilungen ohne Störung weiter. Während Wir zu Hause unsere Pflicht dem Vereine und Vaterlande gegenüber nach besten Kräften erfüllten und weiter erfüllen, haben unsere braven Tumbrüder draußen auf dem Schlachtfelde für unsere (und des Vaterlandes Ehre gekämpft und geblutet. Noch läßt sich natürlicherweise nicht abschließend über die Zahl unserer Helden, die den Toa fürs Vaterland starben, Mitteilung machen; so viei steht jaber fest, daß gerade unser Verein sehr hart (mitgenommen wurde, da unsere Besten auf den Verlustlisten stehen. Gleich anfangs, im1 'August 1914 noch, fiel bei Tomasow unser Stolz und unsere Zierde, TB. Leo Gottlob, unser Vereinsturnwart, dem wir die ganze turnerische Entwicklung unseres Vereines verdanken.' Im November 1914 fiel unser I. Schriftführer TB. Siegfried Spitz. Am Isonzo fiel in der 2. Schlacht unser TB. Siegfried Ticho. Nach seinem Tode Wurde er durch Verleihung der goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Tragisch ist das Schicksal unseres lieben Obmann-Stellvertreters Ing. Friedrich Roth. Bei Kriegsbeginn als Leutnant einrückend, stand er durch volle 13 pAonate im Felde, ,an allen Kämpfen seines Regimentes teilnehmend. Zum Oberleutnant außertourlich avanciert erwarb er sich das Militärverdienstkreuz 3. KlaSse. Ende Juli ereilte ihn die Kugel bei Sokal, (Wo er stürmend seine Kompagnie zum Siege führte. Die Verleihung des Ordens der Eisernen Krone 3. Klasse bildete die äußerliche Anerkennung unseres braven Helden. Nur Schwer können wir uns an den Gedanken gewöhnen, daß (dieser liebe, gute Freund nicht mehr ,an unserem Weitergedeihen tätigen Anteil nehmen soll. Als letzten in der Reihe unserer gefallenen Tumratsmitglieder nennen wir unseren provisorischen Turnwart und langjährigen Vorturner Friedrich iBüchler. Von Tumbrüdern fielen ferner: Walter Hersch, Bruno Steckelmacher, Perl Edgar, Dr. Siegfried Grosslicht. Wir gedenken aller in wehmütiger Treue... .... .. Außerdiesen Toten beklagen wir als Vermißte: Die TB. Ludwig Hahn, die Kriegsfreiwilligen Fritz Kraus jund Otto WeiSs, Leopold Fuchs und Alfred Zeisel. Außer den bereits angeführten Auszeichnungen haben viele andere unserer Turnbrüder vor dem Feinde Sich Auszeichnungen geholt. Zunächst unser Tumratsmitglied Dr. Albert Schönhof, der die silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse sich erwarb, sodarm außertourlich zum Leutnant avancierte, das Signum Iaudis zuerkannt erhielt und gerade jetzt zum Oberleutnant befördert wurde. TB. Ing. Ludwig Spitz erwarb die silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse una wurde seither zum Leutnant ernannt. TB. Ludwig Blum' die (silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse. TB. Friedrich H^rtzka die bronzene Tapferkeitsmedaille. TB. Alfred;Somm'er das Signum Iaudis, Sein .Bruder TB. Josef Sommler, die silberne Tapferkeitsmedaille 4. Klasse. TB. Alfred Zeisel, der Wie erwähnt vermißt ist, die silberne Tapferkeitsmedaille. TB. Ing. Willy Haas, der nach einer Verwundung sich das Militärverdienstkreuz 3. Klasse erwarb und derzeit nach einer Fußamputation in Brünn weilt, wurde außertourlich zum Oberleutnant ernannt. Im1 ganzen rückten von unseren Tumbrüdern 97 ein. Unsere Tumbrüder eilten voll Juber._und Begeisterung, zu den Fahnen, unsere, XurnsehWe- Stem nahmen aber opferwillig die Pflichten auf Sich, die der Krieg den Frauen auferlegt. Als Krankenpflegerinnen und in allen Zweigen der Kriegsfürsorge boten sie pflichteifrig ihre Dienste an. Wir wollen diesen Bericht nicht schließen, ohne der Zuversicht Ausdruck zu geben, daß, komme was kommen mag, unsere jüdische Turnerorganisation aus der Kriegskrisis unversehrt hervorgehen wird. Dafür bürgt uns die treue Anhänglichkeit unserer Turnbrüder und Turnschwestem. Budapest: Mädcbentumen, Junioren-Turnen u. -Fußball funktionieren wie im Frieden. Alle männlichen Mitglieder sind eingerückt. TB. Dr. Ludwig Dömeny und Jak. B. Rosenfeld werden unter den Gefallenen beklagt. Die Zahl der mit Tapferkeitsinsignien ausgezeichneten Mitglieder ist überaus groß. Dombrau: Die Turnhalle Wurde in ein Lazareth umgewandelt, weshalb das Turnen abgebrochen werden mußte. Göding: Der Turnbetrieb mußte eingestellt werden, da alle Mitglieder Kriegsdienst leisten. Das treue Mitglied TB. Mano Holzmann ist gefallen. Graz: Die Mitglieder der Männerabteilung Sind vollzählig unter den Waffen. Der Betrieb in den anderen Abteilungen (Damen-, Zöglinge, Mädchen) Wird ungestört fortgeführt, und erfreut sich anhaltend regsten Besuches. Turnwart Jak. Friedmann erhielt die kleine und große silberne Tapferkeitsmedaille. Holleschau: Der junge Verein mußte das Turnen einstellen, da sämtliche männlichen Mitglieder seit Kriegsbeginn unter den Waffen stehen. Doch haben die TS. bei verschiedenen Wohlfahrts-Unternehmungen Ersprießliches geleistet. Lobenswerte Erwähnung gebührt der eifrigen Sammeltätigkeit des jüdischen Mädchenvereines „Sulamith’* für unsere Chanukah-Aktionen. Iglau: Die Herren unter den Fahnen, die Damen beim Roten Kreuze — das ist seit Kriegsbeginn die Situation unseres Vereines. Regelmäßig wiederkehrende literarische Abende una stei teS Zusammenwirken bei allen Wohlfahrtsinstitutionen halten jedoch das Zusammengehörig - keitsgefühl wach. Nebst mehreren Turnern im Felde wurde auch eine TS. ausgezeichnet, die das Ehrenzeichen des Roten Kreuzes 2. Kl. am Bande der Tapferkeitsmedaille erhielt. Lundenburg: Den Mädchen ist die Aufgabe zugefallen, nach der Einrückung aller Herren das Vereinsgetriebe zu erhalten, welche Aufgabe sie neben ihrer Beschäftigung in diversen Kriegshilfsdiensten äußerst befriedigend lösen. M. Ostrau: Dem Vereinsbetriebe stellten sich vom Anfang an unsägliche, immer wiederkehrende Schwierigkeiten in den Weg, denen es jedoch nicht gelungen ist, das Vereinsleben völlig zu ertöten. Bei gebotener Möglichkeit wird immer wieder das Turnen aufgenommen, sonst aber durch Zusammenkünfte, Ausflüge, gemeinsame Kriegshilfsdienste der Zusammenhang unter der Mitgliedschaft gewahrt. Mislitz: Sämtliche Turner sind eingerückt, die Turnerinnen bei Wohlfährtsunternehmungen beschäftigt; das Turnen ist bis auf Weiteres eingestellt worden. Nikolsburg: Der Turnsaal wurde den jüdischen Flüchtlingen aus Galizien als Bethaus zur Verfügung gestellt. Die wenigen zurückgebliebenen Mitglieder beschäftigten sich bei den Aktionen, die der Linderung des unbeschreiblichen Elends unter den hier weilenden 6000 galizischen Brüdern galten. Obm. St. Richard Mährischl fand den Heldentod. Olmütz: Trotz Einrückens aller älteren Mitglieder jst es gelungen den Verein (zu erhalten und das Zöglingstumen fortzuführen. Alle Damen stehen seit Kriegsbeginn im Dienste der Kriegswohlfahrt. Prag schreibt: Vom ersten Kriegstage an war das Bemühen der Vereinsleitung darauf gerichtet, das Dasein des „Makkabi“ möglichst normal zu gestalten, hiebei die Beziehungen nach außen, den Turnbetrieb und die jüdische Gesinnung gleich intensiv zu pflegen. a) Die Beziehungen waren durch die Kriegslage gegeben: Nach Prag Waren ca. 20.000 galizische Flüchtlinge gekommen und denen galt, noch bevor die großen jüdischen Organisationen ihnen Hilfe angedeihen ließen, unsere Fürsorge. Wir haben mit anderen Gleichgesinnten Kleidung gesammelt, für Unterkunft und Kost gesorgt. Als eine Zentrale alles regelte, waren einzelne unserer Mitglieder als Wohnungsmspektoren, im Rechtsschutzbüro und in der Kleiderabteilung tätig. Flüchtlinge haben bei uns geturnt. Bei den Sammlungen für Arbeitslose partizipierten wir mit K 300.—, an der JCriegsIandspende mit ca. K 250.— und für das Lazarett des Jüdischen Frauenvereines führt jedes Mitglied zwei Heller in jeder Turnstunde ab. Auf 'die Kriegsanleihe haben wir K 1000.— gezeichnet. b) Der Tumbetrieb wurde im Sommer auf dem eigenen Turnplatz gepflegt, im Winter im Turnsaale der Mädchen-Volksschule, Lazarusgasse. Das Männerturnen war, da Turner und Vorturner fehlten, vom' Juni 1915 bis September 1915 unterbrochen. Zufolge der Intervention der Kreisleitung haben wir das Männerturnen reaktiviert. Es turnen derzeit durchschnittlich 15 fast ausschließlich neu angemeldete Tumer unter der Leitung des TB. Max Hoffmann. Als Rückgrat des Vereines hat sich die Damenabteilung erwiesen. Als die beiden früheren Obmänner TB. Ing. Hoffmann und TB. Tutsch einrücken mußten, übernahm TS. Else Singer die Leitung und hat in froher Zusammenarbeit mit den anderen Turnschwestem das Knaben- und Mädchenturnen wieder zusammengebracht, den Eislaufplatz, die wöchentlichen Wanderungen, die Leseabende u. a. erhalten. Ein Kurs für Vorturnerinnen wird mit großem Erfolge abgehalten. Mit den eingerückten Tumbrüdern wird eine rege Verbindung unterhalten. c) Monatlich fanden Leseabende statt, in welchen Abschnitte aus der jüdischen Literatur gelesen wurden. Gegenwärtig werden Vortragsabende zionistischen und jüdisch-nationalen Inhaltes von TB. Rothenstein veranstaltet. In einem am 7. November 1915 veranstalteten Vortrage sprach Dr. Ing. Bardach über „Das jüdische Rassenproblem“. Leider hat der Verein auch Verluste zu beklagen. Auf dem Felde der Ehre fiel der erste Obm. und Gründer des Vereines TB. Alfred Kraus, ferner Ing. Franz Katz und Dr. Singer. Preßburg: Die Sportabteilung hat bis in die letzte Zeit gespielt. Von 80 Mitgliedern sind 74 eingerückt, davon 5 ausgezeichnet und 6 verwundet, einer ist gefallen und einer vermißt. Prossnitz: Sämtliche Tummannschaft ist eingerückt. 2 unserer Mitglieder sind ausgezeichnet: wir beklagen den Verlust der TB. Robert Zweig, Heinrich Pollak, Ing. H. Freund, Julius Neumann. Ein großer Teil der TS. ist beim Roten Kreuze tätig. Zusammen (mit den anderen hiesigen nationalen Vereinen wurden über K 1700 für die Kriegslandspende gesammelt. Sarajevo: Unser Turnsaal wurde für militärische Zwecke in Anspruch genommen, wodurch wir zur Einstellung des Turnens gezwungen wurden. Ung. Hradisch: Wenn auch von einem regelmäßigen Tumbetriebe nicht imm'er die Rede sein konnte, so haben die gemeinsamen Aktionen für die Flüchtlingsfürsorge die Mitglieder doch immer Wieder zusammengeführt und das Interesse am Vereine nicht schwinden lassen. Znaim: Der Verein hat auf dem Gebiete der KriegSwohlfahrt ersprießlich gearbeitet. Er beklagt den Verlust von 6 seiner Mitglieder. I. W. J. T. berichtet: Am 13. Oktober d. J. fand die Hauptversammlung des Vereines statt, welcher auch der Kreisobmann beiwohnte. Der Vereinsobmann TB. Dr. Ludwig Werner beleuchtete die gewaltigen Ereignisse des vergangenen Jahres, die naturgemäß auch für den Verein sehr bedeutungsvoll geworden sind, und gedachte besonders der durch den Krieg so sehr in Mitleidenschaft gezogenen jüdischen Bewohner des Kriegsgebietes. Seine Worte klangen in ein Hoch auf unseren erhabenen Monarchen aus, der dem jüdischen Volke die Anerkennung für seine bewährte Vaterlandstreue nicht versagen wird. Der Vorsitzende berichtete über den Einfluß, den der Krieg auf den Betrieb des Vereines genommen hat (mehr als 200 Vereinsmitglieder wurden zu den Fahnen gerufen). Den tatkräftigen Bemühungen des Turnrates ist es zu danken, daß es trotz aller Schwierigkeiten gelungen ist, den Betrieb imverändert aufrecht zu erhalten. Leider hat der Verein durch den Heldentod vieler Mitglieder schwere Verluste erlitten. Es fielen: Leutnant Karl Stein, Leutnant Siegfried Weiner, Leutnant Eugen Knebel, Leutnant Fritz Hutterer, Einj. - Freiw. Dr. Erwin Haas, Kadett Theodor Rothkopf, Kriegsfreiwilliger Ernst Gruenwald. Aus dem Berichte des I. Schriftführers TS. Irma Wellwarth ist hervorzuheben, daß der Verein wiederholt und (zwar bisher insgesamt 300 Liehesgaben-Pakete seinen Turnern ins Feld sandte, ferner daß ,ein reger Briefwechsel mit letzteren stattfindet und daß eine große Zahl von Vereinsmitgliedern für ihr heldenhaftes Verhalten vor dem Feinde Auszeichnungen erhielt. Dem Berichte des 1. Turnwartes Emil Popper ist zu entnehmen, daß es trotz Einrückung von 28 Vorturnern (von 30) möglich war, den gesamten Tumbetrieb aufrechtzuerhalten. Der Turnbesuch zeigt stetig wachsende Frequenzen. Neu eingeführt, wurde da9 hygienische Männer-Turnen nach deutsch-schwedischer Art (2 mal wöch.).