Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 48 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 48 2. Kreis (Westösterreich) der Jüdischen Turnerschaft Wien, IX , Lichtensteinstraße 20. Leitwort: „Die Jüdische Turnerschaft bezweckt die planmäßige Körpererziehung des jüdischen Volkes und die Pflege nationaljüdischer Gesinnung“ fln unsere Bruder im Felde! Euch liebe Makkabim im Felde, die ihr in den Steppen Rußlands, in den wilden Bergen Serbiens und Montenegros oder in den Dolomiten kämpft und blutet, entbieten wir!zu Chanukah, dem Feste der Makkabäer, unsere innigsten Grüße! Mögen die nachfolgenden Zeilen- Euch mit dem Bewußtsein erfüllen, daß in Eurer Abwesenheit in den Vereinen mit allen Kräften gearbeitet wurde, um über die Kriegszeit ohne allzu große Schäden hinwegzukomm'en, so daß Ihr Sei Eurer — hoffentlich baldigen — siegreichen Heimkehr das Gebäude, das Ihr begründet una an dessen Bau Ihr mitgearbeitet habet, treu behütet und unversehrt wiederfindet! Viele Brüder — und es sind (unsere Besten darunter — werden -in unsere Mitte nicht wieder zurückkehren. Ihre Treue zu ihrem Volke haben sie ihr Leben lang bezeugt, ihre Treue zu dem Vaterlande haben Sie nun mit dem Tode besiegelt Sei das Opfer, das sie beiden brachten, nicht vergeblich! Wir aber flechten um ihre Manen einen Kranz von Stolz und Wehmut in unserem Gedenken! Tätiglieitsberidit der Kreisleitung. Der Kriegsausbruch hat die großen Hoffnungen, zu welchen uns der glänzende Erfolg des Biünner Festes für die weitere Entwicklung unserer Kreisorganisation berechtigte, zunichte gemacht. Doch nur diese Hoffnungen. Denn unsere Ueberzeugung von dem sicheren Bestände des bisher Geschaffenen konnte er nicht ins Wanken bringen, unser in Brünn neu bestärktes Vertrauen zu der Sieghaftijgjkeit unserer Idee und zur Opferbereitschaft und Arbeitsfreude unserer Mitglieder war nicht einen Augenblick lang banger Furcht vor der Zukunft unserer Sache gewichen. Selbstverständlich konnten und Wollten wir uns andererseits nicht \der Einsicht entziehen, daß wir alles, was in unserer Macht Stand, aufzubieten hätten, um die Organisation imd ihre einzelnen Teile vor dauernden Schaden zu bewahren und alles so heil als möglich in bessere Tage hinüberzuleiten. Die Verhältnisse gestalteten sich natürlich in den verschiedenen Vereinen sehr vielfältig. Manche von diesen haben sich nach der ersten Erschütterung ihres Betriebes ohne Unterstützung von außen her bald wieder gefunden; anderen kamen unsere Interventionen oder unsere Anregungen wirksam’ zu statten; einige hatten sich darauf beschränkt, wenigstens ihre administrativen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, so lange die Anwesenheit einer genügenden Anzahl von Mitgliedern dies gestattete und haben sich sodann den anderen nationalen Vereinen des Ortes angeschlossen, tun1 sich in brüderlichem Zusammenwirken mit diesen den gemeinsamen Aufgaben der Zeit zu Widmen. Aus unserer oben erwähnten Tätigkeit wollen wir speziell nur erwähnen, daß es uns gelungen ist, den Döblinger Bruderverein beim1 I. W. J. T. gastliche Aufnahme finden zu lassen und den Leopoldstädter Verein aus seiner Kalamität in der Vortumerfrage zu befreien und damit seinen Betrieb überhaupt zu erhalten. Das Mitglied des Kreisvorstandes, TB. Ing. Theodor Deutsch, hat sich über Auftrag der Kreisleitung mit den leitenden Faktoren des Zionismus und Prager Vereines in Verbindung (gesetzt. Die dort stattgehabten Besprechungen waren von sehr günstigen Resultaten begleitet. Dieser Erfolg wird uns veranlassen, auch in Hinkunft den persönlichen Kontakt mil den Verbandsvereinen intensiver zu pflegen: denn der mündliche Gedankenaustausch ist nicht nur geeignet, 'das Verhältnis zwischen Kreisleitung und Vereinen zu festigen, sondern zjeht nach1 unseren Erfahrungen auch unmittelbar die günstigsten Wirkungen für beide Teile nach sich. Auf Grund der uns gegenwärtig vorliegenden Berichte können Wir allenfalls — gnd dies mit stolzer Genugtuung — behaupten, daßkeine unserer Ortsgruppen von den Stürmen der Zeit spurlos weggefegt worden ist Bei der Sammlung der Adressen hat uns, wieder speziell unsere gleichwie im Vorjahre so auch heuer unternommene Aktion zur Beteilung unserer Eingerückten mit Chanukah - Liebesgaben außerordentlich unterstützt. Im Interesse einer zweckdienlichen Konzentrierung der bezüglichen Tätigkeit haben Wir uns heuer mit dem Zionistischen Zentralkomitee für Westösterreich vereinigt und die Expedition der Pakete dem1 sich in brüderlicher Weise wieder zur Verfügung gestellten I. W. J. T. übertragen, Wo ein Damenkomitee unter der Leitung der rührigen TS. Irma Wellwarth, Einkauf, Verteilung, Verpackung und Versendung der Liebesgaben besorgt. In zweimal erschienenen „Mitteilungen“ ha-’ ben wir bereits versucht, unsere (Mitgliedschaft über die wichtigsten Vorgänge im westösterreichischen Kreis zu informieren. Aus unserer laufenden Korrespondenz an die Vereine seien hier nur erwähnt: unser Aufruf zur Beteiligung der Vereine selbst und der einzelnen Mitglieder an allen Kriegshilfsdiensten, Kriegs - Wohlfahrtsun - ternehmungen und an der Flüchtlingsfürsorge, weiters der Aufruf zur Beteiligung an den Kriegsanleihen, zur Teilnahme der Wiener Jungmannschaft an dem vom Wiener Schützenvereine geleiteten Schießkurs zur Wehrhaftmachung der Jugend; ferner seien erwähnt unsere wiederholten Anleitungen zur Besorgung der administrativen Agenden der Vereine in der Kriegszeit, schließlich unsere Anregungen für die Notizen über die Teilnahme der Mitgliedschaft am Kriege im Felde und im Hinterlande. Auch der Kreisvorstand selbst hatte Gelegenheit, sich u. a. auch in der Flüchtlingsfürsorge zu betätigen. Unsere nahen Beziehungen zu den hiesigen Vertretungsbehörden unserer anderen _ nationalen Zentralorganisätionen gaben uns wiederholt Gelegenheit, mit diesen in Fühlung zu treten. Wie alljährlich haben Wir unS;an der heurigen Herzl-Gedenkfeier und mit fast unserer gesamten Wiener Mitgliedschaft an dem Gange zum1 Grabe Herzls beteiligt; Wir haben ferner über Ersuchen der früher genannten Sehwesternbehörden den Huldigungs'zug der Wiener Judenschaft anläßlich der Befreiung der Stadt Lemberg vom Russenjoche organisiert und geleitet. Dem Zionistischen Armen-Ambulatorium, an dessen feierlicher Eröffnung wir teilgenonunen haben, konnten wir einige Pflegerinnen zuführen, den Herausgebern des im Aufträge ides E. A. C. edierten „Jüdischen Nationalkalenders“ haben wir über deren Einladung einen Bericht über den westösterreichischen Kreis Zur Verfügung gestellt, dessen Aufnahme aber von Gründen, deren Behebung sich unserem Machtbereiche entzog, behindert wurde. Die eindringlichen Worte des österreichischen Landesverteidigungsministers in seinem Aufrufe zur Hebung der Wehrkraft der Jugend Oesterreichs haben auf uns den nachhaltigsten Eindruck geübt und wir haben damals sofort beschlossen, uns und unsere gesamte Organisation in den Dienst dieses hodibedeutsamen patriotischen Werkes zu stellen. Wir haben uns deshalb in entsprechenden Eingaben an das k. k. Ministerium für Landesverteidigung in Wien und an das k. k. Ministerium1 für Kultus imd Unterricht in Wien jn dieser Angelegenheit gewendet und für die Wiener Vereine spezielle Einreichungen beim niederösterr. Landesschulrate und beim Bürgermeister der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, Dr. Richard Weiskirchner, gemacht. Ueber Einladung der k. k. niederösterr. Statthalterei und der dort amtierenden Kommission Zur militärischen Jugenderziehung haben wir dortselbst Daten über unsere westösterr. Organisation deponiert .und uns über Aufforderung der Kommission auch an dem' 3. Informationskurse dieser Kommission durch unseren Obmann beteiligt. Ueberdies haben sich gleichzeitig TBTB. Popper und Ullmann vom I. W. J. T. und Sabel von Fünfhaus dem Kurse angeschlossen und außerdem einige Zöglinge der genannten Vereine und des Makkabi 16 den ausübenden Schülern zugeSellt. Der Zweck des Informationskurses ist, die bei der körperlichen Jugenderziehung hauptsächlich mitwirkenden Faktoren, alsb Turnlehrer und Turnleiter, mit den Absichten der erwähnten Kommission im1 Wege der Praxis bekannt zu machen, ihnen Gelegenheit zu geben, sich1 in der bezüglichen Materie durch praktische Uebungen unter militärischer Leitung zu orientieren und sich so für die ihrer harrende Aufgabe gründlich und ausreichend vorzubereiten. Zu gleicher Zeit Wird aber auch in den bei dem Kurse „ausübenden“ Schülern und Zöglingen ein Stab von „Chargen“ herangebildet, der bei der Verbreiterung der Aktion wertvolle Dienste zu leisten berufen ist. Unsere Bemühungen waren auch darauf gerichtet, nebst unserer Verbindung 'mit den Vereinen einen Korrespondenzverkehr mit den ins Feld gerückten Brüdern einzuleiten oder wenigstens zwischen ihnen und ihren hiergebliebenen Freunden durch Herausgabe eines Feldpostadressen-Verzeichnisses zu vermitteln. Ein Wort auch über die Finanzen des Kreises. Der größte Teil der Vereine hat Beit Kriegsbeginn die Zahlung der Verbandsbeiträge an uns eingestellt, wiewohl doch alle wissen. mußten, daß wir — abgesehen von den laufenden Ausgaben — auch alte Verbindlichkeiten zu erfüllen haben, die ja nur im Hinblick auf kommende Einkünfte eingegangen werden können. So ist also die gegenwärtige materielle Lage des Kreises nichts weniger als günstig. Wir behalten uns selbstverständlich vor, alle bisherigen Rückstände im gegebenen Augenblicke einzuziehen, deren wir um so dringender bedürfen Werden, als wir für Deckung nicht nur der obenerwähnten alten Verpflichtungen, sondern auch der mit den kommenden Aufgaben verbundenen bedeutenden Kosten zu sorgen haben werden. Die Weltereignis'se bringen es mit sich, daß wir, nachdem wir schon im vorigen Jahre auf die Abhaltung einer Kreistagung verzichten mußten, auch heuer von der Einberufung einer solchen abzusehen genötigt sind. Die in den Statuten für diesen Fall vorgesehenen Maßnahmen und die der Behörde gegenüber nötigen Schritte werden wir nicht versäumen. Es hat uns aber außerdem gedrängt, Euch mitzuteilen, daß nach dem mit unserem' (Brünner Feste so erfolgreich abgeschlossenen 1. Semester der jetzt abgelaufenen vier Halbjahre (unsere Tätigkeit nicht erlahmt ist, sondern, Wie ihr hier jin knapper Form dargestellt findet, unter Anpassung an die gegebenen Umstände und unter Ausnützung der vorhandenen Möglichkeiten (stetig (darauf gerichtet war, unseren gemeinsamen Idealen zu dienen. Welch gewaltige, neue Probleme für das jüdische Volk der Erfüllung nach Wiederkehr des Friedens harren, dessen (Seid Ihr Euch plle bewußt; daß Ihr dann als Makkabim ßur Stelle sein werdet, daran (zWieifeln wir nicht. Darum bitten! wir Euch heute, Eure volle Aufmerksamkeit und Eure gartze Energie dem 'einen Ziele zuzuwenden: Eure Korporation und die ganze Organisation unbeschädigt und festgefügt für diese bedeutenden Tage (zu erhalten. Für Euch und für uns (muß es vordrst heißen: Durchh'alten! Herzlich Hedad! Robert Kien Ing. Theodor Deutsch1, MUC. Adolf Tagleicht, Dr. Karl Sonnen feld, (Brünn, Karl Schwarz, Graz. Beridil über Oie Tätigkeit Oer Vereine im abgelaufenen Rriegsjahre. Ueber die Tätigkeit der einzelnen Vereine ist deren Berichten folgendes zu entnehmen: Banjaluka: Unsere Fragebogen an unseren Korrespondenten, Prof. Dr. Otto Goldstein, erhielten wir mit dem Vermerk zurück: „Retour, im Kriege gefallen“. Bielitz^Biala: Der Turnbetrieb in der Zöglings'- und Damen-Abteilung twird aufrechterhalten. Ueberdies beteiligten Bich die im Hinterlande verbliebenen Mitglieder eifrig ian der Kriegsfürsorge. Die Geschäfte des Vereines führt in aufopfernder Weise Obm1. iSt. Dr. Julius Werner. Der Verein hat den Verlust seines verdienten Obm. Dr. Salomon Allerhand zu beklagen; außerdem fiel auf dem Felde der lEhre TB. Otto Guttmann. Boskowitz: Das Turnen mußte wohl eingestellt werden, doch verstanden es die Mitglieder des Vereines durch Zusammenwirken auf verschiedenen Gebieten der KriegShilfe den Vereinskörper zu erhalten. Ueber die mustergültigen Leistungen der Boskowitzer in der Flüchtlingsfürsorge wurde (bereits früher berichtet. Brünn: Der Verein schreibt: Am 21. Juni 1914 hatten Wir die Ehre, die jüdische Turnerschaft als ‘Unseren Gast anläßlich deS Kreisschautumens jn 'Brünn begrüßen zu können. Hatten (wir gehofft unter dem Eindnicke dieser Manifestation der jüdischen Tumidee für unseren Makkabi (neue Freunde und Mitarbeiter zu gewinnen, So wurde diirch den Kriegsausbruch