Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 48 (3.12.1915)
- Date
- 1915-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG K»M NRTIDNRL -JUDI5CHE5 DRGUN Sgggj Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS" MmWMl m Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufhahme: Wien, II., Ziriuntfame Nr. 33. — _ Sprechstunden p _ täglich von 11—12 Uhr vormittags, imd 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abomanemtsprease: Für Oesterm ■ refch-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjihr. Mk. 10.—, halbjShr. Mk. 5.—. Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: GanzjStt. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 48. Wien, Freitag, den 3. Dezember 1915 — 26. Kislew 5676.IX. Jahrgang. Zum 2. Dezember 1915. Am 2. Dezember jährt sich zum siebenundsechzigsten Male der Tag, an dem Kaiser Franz Josef den Habsburgerthron bestiegen hat. Sturmbewegte Tage des Völkerfrühlings erhoben den Erzherzog zur Kaiserwürde, Jahre voller Kämpfe bezeichnen die erste Periode seiner Regierung. Dann folgte langer, andauernder Friede, der zum 'großen Teile unserem Monarchen zu verdanken ist. Durch gütiges und weises Herrschen errang er sich eine Ausnahmsstellung unter allen Monarchen der Welt. Nicht der gewöhnliche Maßstab wird an sein Regieren angelegt; seine majestätische Erscheinung ist schon längst zur legendären, sagenumsponnenen Gestalt geworden und die Liebe zu ihr, von Vater auf Sohn vererbt ist im Herzen seiner Völker — ganz besonders im Herzen der Juden — tief verankert. Und so gesellt sich auch das jüdische Volk Österreichs, das stets in dankbarer Verehrung zu ihm emoorgeblickt hat, zu der Schar derer, die anläßlich der Wiederkehr des bedeutungsvollen Tages in den Stürmen des Weltkrieges Seiner Majestät ihre tiefempfundene Huldigung darbringen und deren Segenswünsche unseren greisen Monarchen auf allen seinen Wegen begleiten. Chanukafi 1915. Das Lichterfest, das Wir in diesen Tagen feiern, wird von Festesstimmung nicht verschönt und gehoben. Zum' zweitenmale sammeln sich Zurückgebliebene um den Leuchter und denken, Kummer im Herzen, 'an Väter, Brüder, Söhne, die unter Waffen stehen oder irgendwo unter dem Rasen schlafen. Das iist Wohl allgemeines Leid. Kein Haus, in 'das der Tod micht eingetreten wäre, keine Wirtschaft, auf die nicht der Krieg Nogahasib.*) Eine Erzählung für Chanukkah von Jehuda Steinberg. Aus dem Hebräischen von Dr. Julius Augapfel. ES geschah dies in den Tagen des Antiochus Epiphanes. Zu jener Zeit Wohnten viele Juden in Syrien und in den Ländern, die damals unter der Herrschaft des Königs von Syrien standen. Diese Juden liebten ihre Heimat und Waren ihrem König treuer ergeben, als die anderen Völker und Nationen, die in diesen Ländern wohnten. Aber bisweilen empfanden sie auch starke Sehnsucht nach dem Lande ihrer Väter, nach Erez Israel. Sie lehrten ihre Kinder: „Syrien ist unser Geburtsort, Erez Israel aber das Land der Väter. Wir müssen Syrien schützen, seine Grenzen erweitern und seinen Wohlstand heben. Nach Erez Israel aber müssen wir uns sehnen.“ Andere wieder sagten: „Syrien ist unsere Ehre und *) E? Wirci für den Leser gewiß von Interesse sein, zu erfahren, daß der Autor dieser Erzählung, die geradezu heute geschrieben zu sein scheint, noch im Jahre 1908 gestorben ist. seine eiserne Hand legte. Wir tragen gerüttelt Maß an diesem Leid. Und noch 'darüber hinaus. Denn das jüdische Volk ist von einer Katastrophe betroffen worden, die selbst in seiner Geschichte ohne Gleichnis steht.. Es ist das ausgewählte Volk der Qual geworden. Ueber sein volkliches Verhältnis zur Umgebung hat es Blut und Geld gesteuert, 'seine Manneskraft, sein Vermögen zur Verfügung gestellt. Aber das Schicksal 'hat ihm Härteres aüferlegt. Unzählbar sind die Scharen der F'üchtlinge, die ihr Judentum und ihre Armut hier nach dem Wtesten, dort nach dem Osten haben schleppen müssen, gleichgemacht una erbarmungslos nivelliert durch das Elend. Niemand hilft ihnen, niemand kann ihnen helfen. Bis zu einem geringen Grad konnten sie mit Speise und Trank unterstützt werden, viel Opfersinh, brüderliche Gesinnung und mensdi- Iiche Teilnahme wandte sich ihnen zu. Aber das Grauen in ihren Augen, die dumpfe Apathie der Seelen konnte niemand bannen. Helfen heißt die Zukunft sichern. Das wollen wir. Aber haben wir die Kraft dazu? Wir müßten einen politisch und national einheitlich or-> ganisierten Körper bilden, ein Zentrum', das autoritär für uns alle Sprechen, von unserer Kraft unterstützt handeln würde. Davon nun und sogar von jedem Ansatz hiezu sind wir 'meilenweit entfernt. Und So Stehen wir vor der Tatsache, daß in diesem Kriege, der angeblich für Recht und Kultur für die kleinen Völker geführt wird, über ein Drittel des jüdischen Volkes dem Untergang geweiht ist, ohne daß die geschwätzige Schar der Politiker und Historiker und Soziologen und Ethnologen, die Sich in unseren Zeitungen breit macht, dazu ein Wort zu bemerken hätte. Niemals haben Minister und Diplomaten soviel geredet wie in diesem Krieg. Aber niemand von ihnen nimmt in die Reihe der beregten Probleme das jüdische auf. Nicht das jüdische Problem in seiner Gesamtheit, nicht das jüdische in Rußland, das durch die Befreiung Polens so schrecklich spruchreif geworden ist. wir — die Ehre des Landes unSserer Väter.“ So glaubten die Juden jener Zeit, daß man ein Land gegen das andere eintauschen und seine Pflicht gegen das Land der Väter mit bloßer Sehnsucht erfüllen kann. Der syrische König erkannte den Nutzen Seiner jüdischen Untertanen und wußte ihre große Klugheit, ihre Fähigkeiten und ihre große Liebe zu ihrem Wohnorte richtig einzuschätzen. Doch viele von den Syrern und den anderen Völkern auS allen Ländern, die Sich in den syrischen Gegenden angesiedelt hatten, beneideten den Fleiß der Juden und haßten sie wegen ihrer Erfolge, ja noch mehr wegen ihrer großen Anhänglichkeit an das Königshaus. Diese Fremden nämlich trugen sich mit dem bösen Gedanken, Antiochus die Herrschaft zu Gunsten Ptolemäus, des Königs von Aegypten, zu entreissen. Doch stand ihrem Vorhaben die Liehe der Juden entgegen. die ihre ruchlosen Pläne vereitelte. Sie beschuldigten daher die Juden der Treulosigkeit gegen ihr Land, da Sie Sich nach dem Lande ihrer Väter sebrten. Die Juden, die diese- Beschuldigung hörten, suchten nun. ihre Sehnsucht zu verbergen, ja lehrten sögar ihre Kinder, sie gänzlich zu vergessen. Aber der Zweck war nicht erreicht. Denn die Feinde ersannen gegen sie neue Beschuldigungen: Daß sie ihre Mazzoth in Syrerblut tauchen, treulos gegen ihr Die Heere Oesterreich-UngamS und Deutschlands, m denen so viele jüdische Soldaten kämpfen, haben das polnische Volk voir der russischen Knute erlöst. Schon blüht dort reiches Kulturleben auf, hat m Warschau die Universität ihre Tore aufgetan. Aber wie dankt die Führung des polnischen Volkes dieser Wandlung seiner Geschicke? Darüber möge man in der dortigen jüdischen Presse nadhlesen. Allerdings, die Zeitungen des Westens wissen nichts von diesen Vorgängen oder Wollen nichts von ihnen wisse«. Vielleicht, weil iw den Zeitungsstuben getaufte Juden aus dem Osten sitzen, denen „das Herz zerbricht“. Gleichviel. Die öffentliche Meinung würde sich empöre« und dagegen aufleh'nen, daß das Judentum, der einzige Koeffizient europäischer Kultur, derart verelendet werde. Das ist eine kleiner Ausschnitt aus dem I.eidensleben des jüdischen Volkes, auf den heute das Licht der Menorah fällt. Wir sprechen nicht von dem Untergang der jüdischen Legion auf Carency, nicht von der Vernichtung der jüdischen Legion auf Gallipoli. Wir müssen dies jetzt unterlassen, weil wir die logischen Schlüsse daraus nicht ziehen können. Wir wenden unsere Blicke im Licht des Leuchters der jüdischen Heimat, Palästina zu. Der Kriegsschauplatz hat sich verschoben und die Kämpfe ziehen Sich iirimer näher dem Lande zu, das unserem Hetzen sö teuer ist. Vielleicht winkt die Befreiung des Orients. Vielleicht wird es jüdischen Soldaten in unserem und im deutschen Heer vergönnt Sein, für dieses hohe und schöne Ziel zu kämpfen. Diese unsere Brüder grüßen wir doppelt herzlich. Wenn es einen Sinn der Geschichte gibt, dann wird das Mühen dieser Männer nicht umsonst sein, ihr Blut nicht vergeblich' geflossen Sein. Wir hbffen und Warten'. Und wenn Sie, wie im Vorjahre, in den Schützengräben das Chanukahlicht entzünden, dann werden Sich ihre und unsere Gedanken begegnen in der heißen Sehnsucht nach' einer besseren und freieren Zukunft. *> JuliuS L ö w y. Land Seien, die Regierung hassen und im geheimen Pläne schmieden, das Land dem' König von Aegypten zu verraten. Der König hatte einen Ratgeber, namens Philipp, einen sehr schlauen und gewandten Mann, der selbst die Herrschaft an sieb reißen wollte und nur die klugen' und treuen Juden fürchtete. Auch' er verband sich1 mit den Feinden der Juden und riet dem König, die Juden von jedem Gewerbe auszuschließen, sie von allen öffentlichen Aemtem, insbesondere aus dem Heere zu entfernen. Der König tat wie Sein Diener ihm riet. Viele Juden, die höhere Stellen im Heere bekleideten, mußten schmählich den Dienst verlassen. Da nun erstarkte ihre Sehnsucht nach dem Lande der Väter erst recht. Der König aber hatte einen Sohn, namens Fupater, der die Juden Schätzte, da er ihre Treue zum Königshaus« kannte und den großen Nutzen einsah, den sie dem Lande brachten. Er versuchte nun für die Juden ein gutes Wort einzulegen. Aber der schlaue Philipp hatte beim König den Eupater und Seme Mutter verleumdet und es durchgesetzt, daß sie nie ohne seine Erlaubnis vorgelassen würden; denn der König, ein leicht beeinflußbarer Mann, war ein Spielball in den Händen seines Ratgebers.