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Jüdische Zeitung · 1915-11-26 · 47 (26.11.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
47 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDSCHE ZEITUNG Bg« NRTIDNFIL -JÜDISCHES GRGRN nrmrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr naflhäuttags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ■ refch-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. ^Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 47. Wien, Freitag, den 26. November 1915 — 19. Kislew 5676. IX» Jahrgang. Hotel Continental MAKKABÄER-FEIER 7. Dezember 1915 II., Taborstraße DER WIENER ZIONISTEN 8 Uhr abends Karten zu K 5.—, 4.—, 3.—, 2.— und 1.-, erhältlich im Zionistischen Zentralbureau (II. Zirkusgasse 33) in der Buchhandlung R. Löwit (I., Rotenturmstraße 22) und an der Abendkassa. Die Holwenölgheit jüöisdier Sdiulen in Polen. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Polen rief im dortigen Schulwesen eine große Umwälzung hervor. Die russische Schule verschwand von der Erdoberfläche, an ihre Stelle trat die polnische Schule und die reformbedürftige jüdische Schule (Cheder). Die Polen und sogar einige.- Juden traten gegen die. jü-i dische Schule auf. Sie lassen sich im Kampfe gegen die jüdische Schule nicht vom pädagogischen, sondern von polnisch-imperialistischen Gründen leiten. Wenn wir Juden Jür jüdische Schulen eintreten, sto sind für uns neben jüdischnationalen, vor allem" erzieherische und patriotische Gründe maßgebend. Wir fragen uns, welche Aufgabe hat jede Schule {zu erfüllen und welcher Mittel bedient sie Sich!, um ihr Ziel zu erreichen. Nur diese Gründe können und! dürfen für jeden Bürger eines Staates maßgdjend sein, wenn ihm wirklich das Wohl der Jugend und des Staates am Herzen liegt. Die Erziehung (im engeren Sinne), so lehrt Kerschensteiner und mit ih:m die moderne Pädagogik, ist jener Kulturakt einer Gemeinschaft, der bestimmte Kulturgüter (der Religion, der Moral, des Wissens, der Kunst, der Technik, der gesellschaftlichen Sitten und Gebräuche) so an den Zögling heranbringt, daß sie nach Maßgabe seiner Veranlagung in ihm besondere Kulturenergien für die ^Zwecke der Gemeinschaft auslösen. Das Wesentliche Instrument, dessen sich die Kulturgemeinschaft für Durchführung der systematischen Erziehung der minderjährigen Mitglieder (bedient, ist die öffentliche allgemeine Schule. Die Schule hat also die Aufgabe die Kinder zu befähigen, am geistigen und gesellschaftlichen Leben ihrer Zeit teilzunehmen. Wenn sie dieses Ziel erreichen Will, so dairf sie nicht eine Unterrichtsschule, sondern eine Erz i e - | hungs schule werden. Ihr Unterricht muß ein erziehender sein. In dem Ausdrucke „Erziehender Unterricht“ verbinden wir den (Begriff des Unterrichts mit dem Begriffe der Erziehung. Unter Unterricht versteht man: diejenige Wechselwirkung zwischen zwei Menschen, welche vermittelt wir durch ein Drittes, das der eine absichtlich zwischen sich und den anderen zur Betrachtung und Bearbeitung gestellt hat, um diesen damit zu beschäftigen. Erziehung dagegen ist der Inbegriff alles 'dessen, was geschehen muß, um den werdenden Menschen zur Tugend zu bilden. Welcher Mittel bedient sich die Schule, um diese Aufgabe zu erfüllen? Der Lehrer, der auf Seine Schüler wirken will, muß bei ihnen Interesse und Stimmung (Einfühlung) erzeugen. Dies setzt voraus, daß er sie vor allem kennen muß, mit anderen Worten: der Lehrer muß den frfahrungskreis seiner Schüler kennen, damit er die Apperzeptionsstützen weiß, auf die er rechnen kann. Daraus folgern wir: erzogen wird der Schüler nur, wenn der- Unterricht ioverläuft, daß . er festgefügte Vorstellungen in der Seele des Schülers erzeugt, die Sich in Bewegung umsetzen, Gefühlswert besitzen und dadurch Willenserregungen auslösen. Was erzeugt in der Seele des Kindes festgefügte Vorstellungen: Freies Lehrgespräch, das Lehrer und Schüler in lebendigen unterrichtlichen Verkehr miteinander bringt. Dies aber ist nur möglich, wenn sich Lehrer .und Schüler verstehen, d. h. Wenn der Lehrer die Sprach^ des Schülers spricht und sie als Ausgangspunkt seines erziehenden Unterrichtes macht, zweitens wenn der Lehrer seinen Stoff aus der Interessensphäre seines Schülers holt. Kann ,ein Lehrer, der weder die Welt noch die Sprache seines Schülers kennt, erziehen? Wie muß das kleine Kind, das in die Schule eintritt, eingeschüchtert werden, wenn seine eigene Kindersprache, in der es mit Vater und Mutter und seinen Spielgenossen zu plaudern gewohnt ist, als unmöglich zurückgewiesen wird. Wie muß es das Kind schmerzen, wenn andere Schüler Fortschritte machen nur, weit sie den Unterricht verstehen, während es zurückbleibt und das nur darum, weil es weder Lehrer noch Kollegen versteht! Es sitzt in der Klasse, hört zu, fängt nur hie und da ein Wort auf, (seine Fortschritte sind verschwindend klein und ,er ist für dem Unterricht ein Ballast. Und seine Kollegen, die die Ursachen seines Zurückbleibens nicht verstehen, lachen ihn aus. Die einzige Rache dieses Schülers ist Haß. Er haßt den Lehrer, die Mitschüler, die Schule. So erzieht man nicht zur Tugend, sondern zu Neid;und Mißgunst, Haß und Unfriede. Außerdem ist in einer polnischen wie auch in einer deutschen paritätischen*) Schule die Entstehung eines gemeinsamen Vorstellungskreises gehemmt, sogar unmöglich. Wie nahe liegen einem christlichen Schüler die christlichen Feiertage, die Kirche usw., pber (wie fremd und nichtssagend sind sie einem jüdischen. Die Schulbücher berücksichtigen dieses Interesse der Schüler und fast 55 Prozent aller Erzählungen z. B. *) In paritätischen Schulen empfangen die Kinder einer jeden Konfession gesonderten Religionsunterricht im Sinne ihres Bekenntnisses. in polnischen Lesebüchern sind religiösen oder historisch-religiösen Inhaltes (ich abstrahiere von antisemitischen Lesebüchern z. B. vom Lesestück 178 im polnischen Lesebuche für die dritte Volksklasse). Der jüdis r sitzt in der Schule, deren Sprache er nicht versteht und hat kein Interesse für das Gelesene ünd Erzählte, während seine Mitschüler sich für dasselbe begeistern. Will sich aber dgr Lehrer dem jüdischen Schüler widmen, so vemachläßigt er die nichtjüdischen. Und das nationale Verschmelzen, — denn das beabsichtigt doch die polnische oder deutsche Schule, — gelingt nicht (siehe die Schulen in Posen). Denn naturgemäß hängt die in der Minderheit befindliche Nation um so zäher an ihren nationalen und sprachlichen Eigentümlichkeiten, je mjehr man ihr dieselben zu entreißen trachtet. Das Elternhaus ist in bezug auf die Individualität, von der die nationalen Eigen tü m 1 i ch k e i t en einen wichtigen Teil bilden, viel einflußreicher als die Schule, weil dort auf den einzelnen Zögling, hier auf die Masse gewirkt wird. Im Streite um die Seele des Kindes siegt immer das Elternhaus, nicht die Schule. Das Elternhaus untergräbt eventuell die Autorität der Schule. Wenn die Schule aber erziehen will, so muß sie auf die Sicherung ihrer Autorität bedacht sein, sie kann dies aber nicht zuwege bringen, wenn nicht die Faktoren, die an ihrer Autorität mitinteressiert sind, ihr vor» ihrer eigenen Autorität leihen. Dieser mitinteressierter Faktor ist das Elternhaus. Das Interesse des Elternhauses beruht darauf, dab das Haus einen Teil seiner Aufgaben an die Schule überlassen hat. Daher müssen wir vom pädagogischen Standpunkt gegen die polnische und deutsche Schule auftreten. Die jüdjsche Schule liegt aber auch im Staatsinteresse Deutschlands und Oesterreichs, Wir wissen, daß neben dem Elternhause auch noch der Staat Interesse an der Schule hat; weil der Schüler zum Staatsbürger erzogen wird. na

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