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Jüdische Zeitung · 1915-08-27 · 34 (27.8.1915) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
34 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JlDlfDE ZEuUNG yl-y. NRTIDNF1L -JÜDI5CHE5 DREFIN »ggf rmr^m Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ fWlt ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ m täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ■ refch-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3._. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 34. Wien, Freitag, den 27. August 1915. IX. Jahrgang. Den OsfjuSen ihr Redif!*) Von Dr. Nathan Birnbaum. Durch die Judenheit der ganzen Welt geht jetzt ein unbestimmtes, mit Zweifeln untermischtes, aber doch inniges Hoffen, daß ihr in der bevorstehenden Schicksalsstunde der Völker ihr Recht werden wird. Vor allem kann sie es durchaus nicht mehr fassen, daß es noch irgendj wo weiter Ausnahmsgesetze und Pogrome gegen , die Juden sollte geben können, und sie erhofft daher die bürgerliche Gleichberechtigung überall j dort, wo sie bisher noch nicht durchgeführt! wurde. Aber dabei bleiben, soweit sich unge-; schmälertes jüdisches Volkstum erhalten hat — j und das ist ja bezüglich neun Zehntel ihres Bestandes der Falt —, ihre Forderungen nicht stehen. Zu sehr hat sie am eigenen Leibe er- : fahren, wie wenig gleichgestellt, und noch mehr, wie wenig gleichgeachtet der ist, dem trotz bürgerlicher Gleichberechtigung das natürliche Recht vorenthalten ist, sich ganz in der Weise seines Volkes auszuieben, als daß sie nicht auch nach Anerkennung dieses Rechtes Verlangen trüge. Von allen’Wünschen, die auf die eine oder andere Art in die Sphäre des Völkerrechtlichen übergreifen, ganz abgesehen, kommt es ihr mit der Macht unmittelbarer Notwendigkeit vor allem darauf an, daß sie überall, wo sie die Voraussetzungen hiefür mitbringt, auf staatsrechtlichem Wege Geltung als Nation gewinne: daß sie innerhalb jedes der in Betracht kommenden Staatsgebiete in bezug auf Sprache, Schule und öffentlichrechtliche Repräsentation der eigenen Nationalität mit den anderen Völkern gleich- und gleichzeitig mit ihnen zufriedengestellt sei. | Bisher haben die europäischen Nationen, die j ja nicht müde werden, den Juden ihre wirklichen und angeblichen Sünden vorzuhalten, ver- teufelt wenig Lust gezeigt, ihre eigenen Sünden gegen die Juden zu erkennen und gutzumachen. Nicht eine Minute lang, auch in ihren freundschaftlichsten Stimmungen, haben sie sich zu erinnern versucht, das es ja eigentlich dasselbe | Volk ist, von dem sie mittelbar und unmittelbar I auf neue Wege geführt wurden. Nicht eine Minute lang war es ihnen gegenwärtig, daß diese Enkel der Bibelmenschen und der Propheten, die da unter ihnen wandeln, und noch immer eine so mächtige Vitalität, eine so starke Indi- I vidualität au den Tag legen, trotz aller ihrer! Schwächen nicht bloß mit Splitterrichteraugen ' betrachtet werden dürfen, nicht plötzlich nur zu Ghetto-Füllsel oder zu Dünger auf fremden Vöikerfeldern gut sein können. Nicht eine Minute j lang haben sie bisher ihr\vahres eigenes Interesse; mit den wahren Interessen der Judenheit zu verbinden verstanden. Sollte nun aber nicht jetzt die Zeit gekommen sein, um das lang Versäumte nachzuholen, um das Verhältnis zwischen hüben und drüben so zurechtzurücken, daß beide Teile dabei besser fahren? Und wenn sie gekommen ist, wer sollte mehr berufen und mehr in der *) Schlußsätze aus der im Verlage R. Löwit, Wien, demnächst erscheinenden gleichnamigen Broschüre. Lage sein, diese Neuorientierung in Angriff zu i nehmen und zu fördern, den neuen Judenkurs den anderen gegenüber zu vertreten und ihn im eigenen Bereich vorsätzlich und methodisch durchzuführen, als jene beiden Mächte, die niemals mit Fortschrittsphrasen posierten, den Ungeduldigen stets auf die Nerven gingen, dafür aber zwei Kraftquellen tatsächlichen menschlichen Sichhinaufarbeitens darstellen: Das klassische Volk persönlicher und sozialer Zucht und der klassische Staat einer neuen Völkerzukunft? An diese beiden Mächte ergeht jetzt der Ruf: Erkennet die Zeit, die nicht ist wie Tag um Tag, die Zeit, die dem Nachbar die Macht und das Recht gibt, vom Nachbar zu fordern, daß er die Sünde abstelle, die sich so lange schon bei ihm angesammelt hat! Seid eingedenk des Bibelwortes „Du sollst nicht stehen bei dem Blute Deines Nächsten!“ Steht nicht bei dem Blute des ostjüdischen Volkes und bei dem Blute aller, die durch rohe Massen und entar-r tete Herrschende fallen! Laßt dieses Blut nicht weiter fließen! Wehrt den Pogromen! Nötigt ihre Quellen zum Versiegen! Beruhigt euch nicht, bis nicht die Gewalttäter auseinander gesprengt, bis nicht die Ausnahmsgesetze aufgehoben und bis nicht Garantien gegeben sind, daß weder diese noch jene wiederkehren! Und hört nicht auf die Einflüsterungen aufgeblasener, 'doktrinärer Unwissenheit und skrupellosen Eigennutzes! Schonet altes Unrecht nicht und gebt niemandem Vollmacht, neues zu tun! Und nehmt sie euch selber nicht! Schafft und gebt dem ostjüdischen Volke das nationale Lebensrecht, ohne das ihm alle anderen Rechte in wesenlosem Scheine versinken! Macht der Anonymität ein Ende, in der man es, ihm' und euch zum Schaden, erhält! Und wahrlich, ihr werdet damit nicht das schlechteste Stück jener Arbeit geleistet haben, die die Vorsehung für euch aufgespart hat! SunOsdiau. „Zionistische Fälschungen.“ Die Einnahme von Warschau brachte den Polen viele Schmeicheleien ein, an denen sie sich weidlich vergnügten. Daß so manche dieser Schilderungen bloßes Phantasiegebilde ist und der Wirklichkeit nur wenig oder" überhaupt nicht entspricht, darum kümmerten sich die Polen nicht. Nun veröffentlicht W. Kaplun-Kogan in der „Vossischen Zeitung“ einen Artikel über „Deutsche und Juden in Polen“, in welchem er zahlen- und wertmäßig die Bedeutung der Juden Warschaus, die fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung bilden, schildert. Der Artikelschreiber weist darauf hin, daß Warschau keine reinpolnische Stadt mehr sei und daß die Rechte der nicht-polnischen, also der deutschen und jüdischen Bevölkerung geschützt werden müssen, welche staatsrechtliche Stellung Warschau in Zukunft auch einnehmen möge. Er macht auch aut die Kultur- und Sprachengemeinschaft der Deutschen und der östlichen Juden aufmerksam, die „dem Deutschtum in Polen weite Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.“ Diese Ausführungen, die ja im wesentlichen, insbesondere sofern es sich um die vorgebrachten Tatsachen handelt, richtig sind, brachten sogar den liberal schillernden „Wiedenski Kurjer Polski“ aus seiner Haut. In einem „Ueber den polnischen Charakter Warschaus“ überschriebeuen Artikel (Nr. 2öS) befaßt sieh der „Kurjer“ mit den erwähnten Ausführungen Kaplun-Kogans, die er in seiner Berserkerwut als „polenfeindliche zionistische T enden z“, „freche Vorschläge“, „bewußte z i o n i s t i i sehe F ä 1 s c h u n g e n“ u. dgl. bezeichnet. Indem wir wahrheitsgemäß feststehen, daß Herr KapJun-Kogan der zionistischen Partei nicht angehört und diese daher am allerwenigsten für dessen Auslassungen zur Verantwortung gezogen werden kann, fragen wir den „Wiedenski Kurjer Polski“, welches mehr gegen die Wahrheit verstößt: Ob die polenfeindiiche, tendenziöse „zionistische“ Feststellung, daß Warschau eine n i ch t - polnische Majorität und namentlich eine ca. 40 Prozent zählende jüdische Bevölkerung aufweist, oder das gänzliche Vertuschen dieser Tatsache und das willkürliche Hinstellen Warschaus als die „typische polnische Stadt“? Wir haben wiederholt betont und erklären es auch jetzt, daß wir nicht gegen die nationalen Aspirationen der Polen auftreten. Unbenommen muß es uns jedoch stets und unter allen Umständen bleiben, für die jüdischen Rechte einzutreten und sie zu schützen suchen, auch auf die Gefahr hin, von der offene i oder versteckten antisemitischen Polenpresse angeflegelt zu werden. Zum Schlüsse noch eine Bemerkung. In dem erwähnten Artikel des „Kurjer“ wird die für die Polen bedauerliche Tatsache, daß die ernstesten deutschen Zeitungen antipolnischen Artikeln zugänglich sind, auf die mangelhafte Informierung dieser Presse in bezug auf das jüdisch-polnische Verhältnis zurückgeführt und als Notwendigkeit erkannt, in den reichsdeutschen Zeitungen den „frechen Phantasien und den bewußten zionistischen Unwahrheiten“ energischest entgegen zu treten, wozu „in erster Reihe die Juden-Polen berufen seien“. Diese armen jüdischen Polen, wozu sie nicht immer herhalten müssen! . . . Eine „wertvolle Erfahrung.“ Der Handel, die letzte Domäne der Juden in Galizien, diente den dortigen Antisemiten seit geraumer Zeit als Zielscheibe. Dem Bestreben, auch diesen Erwerbszweig den Juden zu entreißen, sind bekanntlich die Gründungen der „Kolka rolniczy“ und anderer wirtschaftlicher Kooperativen entsprungen. Namentlich setzte die Bewegung gegen die Monopolisierung des Handels seitens der Juden in Galizien nach Ausbruch des Boykottes in Russisch-Polen heftig ein. Die erzielten Erfolge waren jedoch unbedeutend, da den Polen die diesbezügliche nötige Fähigkeit und hauptsächlich die Erfahrung fehlte. Nun kam der Weltkrieg und die Wogen des Moskowitertums überfluteten Galizien und brachten mit sich über die galizische Judenheit unsägliches Leid, den Polen dieses Landes jedoch — eine „wertvolle E r f a h r u n g.“ Die polnische Zeitschrift „Wieniec i Pszczolka“ wendet in ihrer letzten Nummer der Frage des Handels in Galizien ihre besondere Aufmerksamkeit zu und klagt über die Zustände auf diesem Gebiete vor Kriegsausbruch, die sich in der Monopolisierung des Handels seitens der Juden, m Kartellgründungen usw. äußerten. Die Zeiteschrift hält jedoch die Sache für nicht hoffnungslos, da es noch genug französische, englische und amerikanische Fabriken und Handelshäuser gebe, die mit den Polen Handelsbeziehungen anknüpfen würden. Es müßten nur die polnischen Kaufleute treu und ernst arbeiten, was ihnen Profite bringen und dem Polentum den Handel erobern würde. „Wieniec i Pszczolka“ schließt den Appell folgendermaßen: „Diese paar Monate, während welcher die Russen Galizien zu vier Fünfteln beherrschten, brachten uns u. a. eine wert’ „Jüdische Zeitung“! □ □□□ Gesinnungsgenossen! Abonniert die □ □□□ Fordert in allen öffentlichen Lokalen die □ ooo □ □ □□.

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