Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 28 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438521-2438549--4490-2444361- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG NRTIGNflL -JUDI5CHE5 DRGFIN »Mi Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■■Hai ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B m täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuriickgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ B reich-Ungam- Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr." B Mk 3— Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 28. Wien, Freitag, den 16. Juli 1915. IX. Jahrgang. Zum neunten Rb. Ani nächsten Dienstag jährt sich wieder der Tag, an dem das jüdische Reich zum zweitenmal gefallen ist und zur Beute des Feindes wurde. Nicht Feigheit und Furcht spielten das Judenland in die Hände der Widersacher, nein, unsere Väter Verteidigten bis zum letzten Tropfen Blutes den angestammten Boden und selbst den mächtigen Legionen des damals die Welt beherrschenden Roms leisteten sie unbeugsam und unerschütterlich Jahre hindurch Widerstand. Der Zusammenbruch des jüdischen Staates bedeutete jedoch nicht allein einen Wechsel in der Herrschaft des Landes, er war zugleich der Beginn des jüdischen Exils. Vor 1S45 Jahren hat das jüdische Volk seine Heimat verloren, irrt seither unbeständig in der .Welt umher. Bald zieht der Wandererstrom von Süd nach Nord, bald von West nach Ost und von Ost nach West,' unser Volk kommt nicht zur Ruhe. Gewaltige: Geschehnisse der Weltgeschichte gingen an uns vorüber, sie alle ließen schmerzliche Spuren in uns, doch wir haben sie überdauert in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf die Rückkehr in die alte Heimat und es entstanci eine''Volksbewegung, die das alte Volk in die alte Heimat zurückführen Will. Nun brach der Weltkrieg aus und das jüdische Volk, das — Wie die Geschichtsschreiber feststellen Werden — das Wirkliche Opfer dieses Weltkrieges geworden ist, muß einen neuen Leidensweg antreten. Alle Greuelszenen und Klagen, die uns in Klageliedern des großen Sehers Jeremias und in den großen jüdischen Chroniken des Mittelalters lebendig Werden, sind jetzt zur Wirklichkeit geworden, zur Wirklichkeit von gestern und heute. Zertrümmerte Wohnstätten, grausam ermordete Greise und Kinder, verstümmelte Leichen, geschändete Frauen und Mädchen, entweihte Synagogen und Friedhöfe, zerissene Thorarollen . dies alles, alles hat unser armes Volk wieder erleben müssen. : Der Tiscfha-be-aw ist bald vorüber und wir junge Juden, neue Juden, die unserem Volke den Weg in die Zukunft kveisen und ihm Mut einflößen, sind nicht zum Klagen da. Uns beseelt die alte Hoffnung und wir Wollen weiterbauen an dem großen Hause unseres Volkes. Viele Juden, die ihrem Volke fernstanden, hat der Krieg zu ihm zurückgeführt. Und so trösten wir unser Volk; wir vertrauen auf die eigene Kraft. Nach den traurigen, leidvollen neun Tagen des Monats Ab kommt der „SChabbat nachamu“, der Trostsabbath für unser Volk, eine ruhige, trostvolle Zukunft auf eigenem Boden. L. B. Eine Erklärung von israelitisdien Ellfgliedern des Polenklubs. (Glossen eines Oesterreichers.) ln der letzten Nummer der Zeitschrift „Polen“ erschien eine „Eiklärung“ einiger (nicht aller) israelitischer Polen die, wie sie selbst sagt „den Worten des Mitgefühls“ (gemeint sind die Artikel von Georg Brandes und Bernstein, die gegen die Judenpogrome in Russisch- Polen protestierten), „Worte der Aufklärung hinzufügen“ will. Mit Vorliebe bedienen sich die Unterzeichner, die Herren Dr. Löwenstein und i Genossen der neugeprägten Bezeichnung „Oesterreichisch-Polen“ statt Galizien. Von den vielen Gemeinplätzen, aus denen die Erklärung zusammengesetzt ist, verdienen einige besonders hervorgehoben zu werden. „Wir Juden in Oesterreichisch-Polen betrachten uns als Söhne des Landes; dem wir angehören“. „Wir Juden in Oesterreichisch - Polen sehen in der Befreiung Polens von der russischen Herrschaft den einzigen Weg zu einer gerechten und gedeihlichen Lösung der Judenfrage in Polen“. Wie wenn es einen Juden außerhalb „Oesterreichisch - Polens“ gäbe, der anderer Meinung Wäre. Die „Erklärung“ hält es. auch geboten, der antisemitischen Partei in Russisch - Polen ein Wohlverhaltungszeugnis auszustellen und sie von dem Vorwurf der Progrommacherei zu schützen. Die russischen Juden dagegen, welche die Dreistigkeit hatten, sich von der russischen Regierung in die russisch-polnischen Städte drängen zu lassen, bekommen einen verdienten Seitenhieb ab. Bemerkenswert sind auch zwei historischpolitische Exkurse, deren einer wegen allzu greller Färbung einem Weißen Fleck Platz machen mußte; während der andere’sich mit der Lage der Juden in Galizien beschäftigt. Die verhältnismäßig günstige Lage der Juden in Galizien wird auf die Autonomie Galiziens zurückgeführt. Auf die österreichische Verfassung scheinen die Autoren der Erklärung ganz vergessen zu haben. Ebenso auf die Tatsache, daß die österreichische Verfassung vom Jahre 1867 datiert, während der gaüzische Landtag noch 1868 langwierige Debatten über die Frage der Gleichberechtigung der Juden in den Gemeindevertretungen abgeführt hat und es der Beredsamkeit eines Smo'ka bedurfte, um dem Glekhberechtigungsgrundsa+ze der österreichischen Verfassung auch in Galizien zum Siege zu verhelfen. * * * Von einem hervorragenden nichtjüdischen MPgliede des Polenklubs erhalten wir folgende Mitteilungen : Die Erklärung einiger israelitischer Ko'legen hat ihre ■ Geschichte. Sie erschien sechs Wochen später, als geplant. So lange währten die Verhandlungen mit den Kollegen Dr. Gross und Rauch, welche die Unterschrift verweigerten. Ebenso war die Unterschrift des Handelskammerpräsidenten von Lemberg, Samuel Edler v. Horowitz nicht zu erlangen. Besonderes Verdienst um das Zustandekommen der Erklärung erwarb sich der Abgeordnete Dr. Herman Diamand. Wiewohl Sozialdemokrat mit Leib und Seele, nahm er Rücksicht auf den Umstand, daß die überwiegende Mehrheit seines Lemberger Wahlkreises jüdisch-bürgerlich ist und ging unter Hintansetzung seines Klassenstandpunktes mit den bürgerlichen Israeliten Hand in Hand. Auch der bekannte Barackenrabbiner Aron Levin aus Sambor hat sich um das Zustandekommen der Erklärung große Verdienste erworben. Er hat weite Reisen unternommen, die einzelnen Israeliten aus dem Polenklub aufgesucht und sie für die Erklärung gewonnen. Er wo1!-: c ch sämtliche Rabbiner für seine Sache gewinnen und berief eine Rabbinerversammlung ein, bei der er jedoch leider mit seiner Anschauung allein blieb. Die Rabbiner hatten Bedenken religiöser Natur. Das Polenklubpräsidium ist mit der Erklärung nicht besonders zufrieden, da sie nicht die einv mutige Meinung der galizischen Judenschatt repräsentiert. Die Unterzeichner gehören den beiden Flügeln der galizischen Assimilanten (Moszko») Partei an, dem bürgerlichen und sozialistischen, geführt von Dr. v. Löwenstein, beziehungsweise von Dr. H. Diamand. * * * Mit Bezug auf die in der Wiener Tagespresse wiedergegebene „Erklärung“ aus der Zeitschrift „Polen“, ersucht uns die Leitung der Zionistischen Partei Galiziens festzustellen, daß die Behauptung, diese Erklärung sei von den Vertretern aller jüdischen Parteien Galiziens abgegeben worden, unzutreffend ist, da — wie ja selbstverständlich — kein Vertreter der Zionistischen Partei diese Erklärung gefertigt hat. — Das „Neue Wr. Tagblatt“ und die „Neue Fr. Presse“ haben diese Richtigstellung veröffentlicht. * * * Das Krakauer Tagblatt „Glos narodu“ vom Freitag, den 9. Juli 1915, Nr. 342, begleitet die Notiz über die „Erklärung“ mit folgender redaktionellen Bemerkung: „Die Angelegenheit der obigen Erklärung war schon seit längerer Zeit Beratungsgegenstand der jüdischen Faktoren, die im Wiener Polenklub gruppiert sind. Eine oppositionelle Stellung gegenüber der Erklärung nahmen der Krakauer Abgeordnete Dr. Gross und der Stanislauer Abgeordnete Rauch ein. die in entsprechender Weise den Inhalt der Erklärung beeinflußten, hernach jedoch ihre Unterschrift rundwegs verweigerten, zur Unzufriedenheit ihrer Freunde, die so weit gingen, daß ein gewisses Krakauer Tagblatt, welches dem Abgeordneten Dr. Gross nahesteht, eines schönen Tages eine Aktion behufs Entfernung der genannten beiden Herren aus dem öffentlichen Leben einleiten sollte. Unter der erwähnten Erklärung fehlen die Unterschriften der Herren Dr. Gross und Rauch. Offenbar sind die Herren der Meinung, daß die polnische Bevölkerung von Russisch-Polen wirklich Pogrome veranstaltet hat.“ Gral Arthur BylanöhReydt nnö Sie Zionisten. Kürzlich ist Graf Arthur Bylandt--Revdt, vormals Minister des Innern im Wahlreforrn-Minisrterium Gautsch, verschieden. Die Sozialdemokraten und alle freiheitlich Gesinnten haben des in der Verschollenheit des Privatlebens Verstorbenen mit warmen Worten der Anerkennung gedacht. Es wäre eine Undankbarkeit von uns Zionisten, wenn wir nicht die Erinnerung an die freundliche Haltung, welche uns Graf Bylandt in schicksalsschweren Tagen gezeigt hat, wae’t halten würden. Als Freiherr von Gautsch, der altbewährte Vertrauensmann unseres Kaisers, Ende 1905 daran ging, den Willen seines Monarchen zu vollstrecken und einer radikalen Wahlreform für das Abgeordnetenhaus den Weg zu bahnen, hatte der Minister des Innern Graf Bylandt Mühe