Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 26 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEHUNG NHTIDNFIL -JUDI5EHE5 DRGRN 5Mg Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ^WkUml ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Jnseratenaufnahme: Wien, 11., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden 0 _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ” reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 26. Wien, Freitag, den 2. Juli 1915. IX. Jahrgang. Gedenkfeier für Theodor Herzl. Samstag, den 3. Juli 1. J., 8 Uhr abends, Hotel Continental, II., Taborstraße. Es werden die Herren Oberrabbiner Dr. Osias Thon, Adolf Stand und Löbel Taubes sprechen. Eintritt 50 Heller zu Gunsten der Kriegslandsspende des Jüdischen Nationalfonds. Gang zum Grabe Theodor Herzls. Sonntag,-den 4. Juli 1. J., 10 Uhr vormittags. Treffpunkt: Platz vor der Hochschule für Bodenkultur (Ende der 40 er Linie). Herzitag 1915. (Seit Mitte Mai hat Rußland unter unerhörien Drangsalen neuerdings 280.000 Juden aus den Gouvernements Kowno, Kurland, und Suwalki vertrieben.) Die Gräber klaffen, der Kinder Qual Wimmert durch die Nacht. Erhebe dich! Laß deines Auges Strahl Leuchten in ihr Jammertal, Üb’ deine Zaubermacht. Von Schergen mit blutigen Knuten gejagt. Keuchen sie durchs Land. Erhebe dich, daß nicht die Menge verzagt, Daß deine Stirne ihr Leid überragt! Nimm dein Volk an der Hand. Die Peiniger gröhlen, der Schmerzruf verhallt, Bald ist die Hoffnung erstickt. Reck’ auf deine teure, lichte 6estalt, Gieß’ aus deines Willens Königsgewalt, Meister, kehr’ uns zurück! Otto Abeies. Zu Herzls Todestag. Nur bei ganz Wenigen wird der Gedanke wach, es sei heuer keine Zeit, das Gedenken Herzls ianläßlich seines Todestages zu feiern, es sei unvereinbar mit diesem Jahre des Kampfes aller gegen alle die jüdischen oder gar zionistischen Interessen und Angelegenheiten mehr alsi mit tief verschlossenen Gefühlen zu behandeln. Die überwiegende Mehrheit unseres Volkes aber, auch alle Klugen und Ehrlichen, die nicht vom (Rahmen der zionistischen Partei zusammengefaßt werden, empfinden am heurigen Jahrestag mehr als je, daß der Weggang Dr. Theodor Herzls einen unersetzlichen Verlust für das gesamte jüdische Volk war. ln diesen Tagen der Neugestaltung Europas, da Staaten und Völker um den Weg zu einer glücklichen Zukunft auf Ikampfdurchwühlten Schlachtfeldern ringen, tut uns Juden mehr als jeder anderen Gemeinschaft die große, zielsetzende Persönlichkeit Herzls not. Gerade weil unser Volk nicht träge und dumpfe Masse ist und Weil bei ihm oberflächliche ßchlagwortpolitik nicht verfängt, ist die Leitung eine ungleich schwierigere als bei irgendeiner Gemeinschaft. In Herzl aber sah das jüdische Volk seinen ungekrönten Führer trotz alles Widerstandes, den es gegen seine Ideen an den Tag legte. Wir haben manchmal zweifeln müssen an der Wirkung der Worte und Taten Herzls auf das iVolk, aber gerade die Ereignisse dieses Kriegsjahres (erweisen es, daß es nur eine äußerliche Ablehnung war, eine Auflehnung gegen eine allzustrenge und offene Formulierung, daß in Itiefster Wirklichkeit aber Herzls Tätigkeit reife Früchte getragen hat. Die männliche Tapferkeit und der eifersüchtige Stolz auf den jüdischen Namen -sind -Taute Beweise von Herzls Wirkung auf unser Volk. Heute aber vermissen wir schmerzlicher wie je vorher den Führer, dessen Augen in den Himmel der jüdischen Zukunft schauten und der doch mit starken Füßen auf dem festgegründeten, dauernden Boden der gegenwärtigen Wirklichkeit teteht. Wir Juden haben nicht viele wahrhaft große Staatsmänner in die Welt gesetzt, (Unsere hastige, dem Augenblick dienende Art taugt nicht dazu, ruhig und sicher Pläne zu bauen aus den Elementen der gegewärtigen Umwelt. Herzls Größe aber war nicht gerade, ,'daß er nicht in wolkenhohen Räumen aus nie gesehenen Teilen eine neue Welt schaffen wollte, sondern daß er aus sich und den Menschen um sich das Wertvollste, ihr jüdisches Gefühl, /ihren Stolz und ihre Zionssehnsucht herausholte und zum Grundstein der Zukunft zum Boden auf dem alles gebaut werden sollte, machte. Und wie sicher er gewählt und wie er aus dieser Sicherheit die rechten Mittel wählte, hat uns der Weltkrieg mit nichtzuverstehender Deutlichkeit gezeigt. Und noch eine Eigenschaft besaß Herzl, die dem wahren Volksführer eignen muß: die reine Liebe. Nicht persönliche Eitelkeit, nicht hochgespanntes Selbstgefühl trieb ihn, sich dem Volke und seiner Sache hinzugeben, sondern aufrichtigstes Mitfühlen und Mitleiden, das ihn die Angelegenheiten der Gemeinschaft als seine eigenen empfinden ließ. Von den schweren Tagen des Dreyfusprozesses, da ihn ganz äußerliches Ehrgefühl zu seinem Volke .(z-urückiagte, bis in die Zeiten^ da: er mit seinem Herzblut dessen Glück bezahlen wollte, liegt ein langer, banger Leidensweg der frohen Entdeckungen und schmerzhaften Enttäuschungen, aber immer freier loderte die uneigennützige Liebe empor, immer inniger umfaßte er die Gesamtheit mit seinem Gefühl. Und dieses uneigennützige Sichbingeben an die Gesamtheit haben nur so wenige von Herzi geerbt, denn es erfordert tiefste Reinheit der Seele und schrankenlose Aufopferung für das einmal als richtig erkannte LebenskfeaL Wir Juden sind reich an Talenten und befähigten Persönlichkeiten, wir haben sicherlich viele, die Herzl an Organisationsvermögen überragen, oder an weitausschauendem Diplomatengeschick oder an zielstrebiger Energie, von all dem hatte Herzl ein ruhiges, ausgeglichenes Maß und dazu eben diese Liebe, die das Volk so leicht instinktiv erfühlte und mit Gegenliebe vergalt. Die gedrückten, demütigen Juden des Ostens haben in ihm ihren besten und zuver- Iäßigsten Freund gewußt. Herzlhat seinem Volke,, das große Ziel gewiesen, das zur Sicherung der Volksexistenz nö‘i;> war, den Weg zum Ziele hat man schon bald nach seinem Tode ändern müssen. Palästina ist weit und an uns tritt die Notwendigkeit heran, für unsere nächste Zukunft zu bauen. Und darum möchten heute wieder wir ein Ziel sehen, möchten den Großen in Israel kennen, der das Wohin in dieser namenlos großen Katastrophe weiß. Es fehlt uns der Mann, der vor Könige und Kaiser tritt und dort für sein Volk das Wort führt, 'zielbewußt und sicher. Denn wir Kleinen und Wankelmütigen sehen kaum den Augenblick und werden von Stimmung bis zur Ohnmacht niedergedrückt, statt daß unser Auge weit und unser Herz zuversichtlich wäre. Ein wüstes Gewirre von Fragen und Gefahren umlauert uns und kann uns verschlingen, eine große Persönlichkeit aber würde diese Verknetungen mit einem mächtigen Schwerthieb durchhauen und den Weg ins Freie finden. Wir vermissen Herzl in diesen Tagen der Schicksalsentscheidung schwer, er hätte unserem Mute und unserer Kraft die Bahn gewiesen und aus den Einzelkräften die unwiderstehliche, von der Stärke der Ueberzeugung und Liebe getragene Energie des Volkes geschaffen und wir sähen klarer das Zukunftsbild, das sich aus dem Chaos der Geschehnisse heraushebt. An dem Gedenktage des Kriegsjahres gehen wir zu Herzls Grab schwereren Herzens denn je..