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Jüdische Zeitung · 1915-06-25 · 25 (25.6.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
25 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 Menge — sie wurde auf viel mehr als 100.000 Menschen geschätzt — auf die Beteiligten und aui das Spalier bildende Publikum machte. Alle nahmen gern Teil an dem Glück der bisher Heimatlosen. Stundenlang stockte der Verkehr in den Straßen, durch die sich der Zug bewegte. beste Nahrung für Säuglinge. Hin der. Rekonvaleszente I nach Magen-u.Darmerkrankungen I 0 Jederzeit erhältlich. I Probedose und lehrreiche ärztliche Broschüre ■ über Kinderpflege gratis durch die Nestle’s I Kindermehl-Gesellschaft, Wien, I. Biber- 1 Strasse 1. I JDSisdies flnhiv. Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv“, Nummer 1, Mai 1015. Preis 60 Heller, Verlag R. Löwit, Wien. ■■ Mit diesem Heft beginnt das „Jüdische Kriegsarchiv“ die Reihe seiner Publikationen. Es sollen auf diesem Wege besonders wichtige und wertvolle Materialien, die das Kriegsarchiv in mühsamer Tätigkeit aufgespeichert hat, der breiten Oeffentlidikeit zugeführt werden. Es darf ohne weiters anerkannt werden, daß sich überall ein Verlangen geltend macht, gerade den Anteil der Juden an dem grauenhaften Völkerringen, das augenblicklich Europa durchtobt, konkret festgestellt zu finden. Wir Juden haben ein sicheres, wenn auch oft nur instinktives Gefühl, daß über die zahlenmäßige Beteiligung hinaus, gerade von uns ein mitentscheidendes Wort gesprochen wird. Das unerbittliche Schicksal, das in den Juden -Belgiens und Rußlands, Galiziens und der Bukowina die gesamte Judensd aft Europas trifft, spricht allzu deutlich. Und andererseits verrät die lodernde Begeisterung, mit der gerade die Juden Oesterreichs in diesen Krieg gezogen sind, daß auf den blutgetränkten Schlachtfeldern auch dem jüdischen Volke eine schönere, lichtere Zukunft geboren werden soll. Aber in unseren Tagen, die eine so wirksame Erziehung unserer Massen zur Mannhaftigkeit durch die zionistische und nationaljüdische Idee gesehn, dürfen und können wir auch gar nicht passiv, den Weltereignissen gegenüberstehen, sondern wollen mitbestimmend in das Räderwerk der Geschichte Eingreifen. Voraussetzung jeder sichtbaren Tat ist allseitige Kenntnis der Tatsachen und darum ist das „Jüdische Kriegsarchiv“ keineswegs bloß ein Register für von Juden vollbrachte heldenhafte Taten, so herrliches Zeugnis diese für den wahren Geist unseres Volkes ablegen. Alle Leistungen der Juden gilt es vielmehr zu registrieren, auf wirtschaftlichem Gebiete sowohl — bei der Kriegsanleihe, Kriegsfürsorge, Spenden usw. — wie auch die überall willig anerkannten .Dienste der jüdischen Bevölkerung im Kampfraum. Festgehalten muß daneben aber auch das Verhalten der Regierung, der Behörden und der Nationalitäten den Juden gegenüber werden, um Schlüsse für die Zukunft zu ziehen und die Konsequenzen, die sich aus all dem ergeben. Aus leicht begreiflichen Gründen können nur wenige Proben aus dem reichen Schätz des angesammelten Stoffes den Weg in öffentliche Publikationen finden, aber selbst die wenigen Stücke, die das 1. Heft bietet, verraten die Grundlagen, nach denen das Material gesammelt ist, die Ziele, welchen das Archiv dient und die Tatsachen, welche von der jüdisthen Oeffentiichkeit gekannt werden müssen, um sich ein eigenes Urteil über die Gegenwart und Zukunft unseres Volkes in Oesterreich zu schaffen. Grell beleuchtet der Abschnitt „Zur Lage der Juden in Oesterreich“ mit seinen einzelnen Onginalberichten über das Verhalten der Russen und Polen zu den Juden den wütenden Haß, den man für diese stärksten Stützen des österreichischen Staatsgedankens haL Wertvoll für die Zukunft sind die herausgegriffenen Kundgebungen des patriotischen Gefühles von jüdischen Korporationen und Einzelpersonen. Auch sonst ist das Heft reich an bisher unveröffentlichten Nachrichten über die beispiellos blutigen Verfolgungen, denen die Juden Russisch-Polens von der einheimischen polnischen Bevölkerung, wie von 'den Zivil- und Militärbehörden ausgesetzt sind, an ruhmvollen Zeugnissen jüdischer Tapferkeit una lobender Anerkennung ihres Heldenmutes Es sei da auf die grauenhafte „Untat vor. Staszow“ hingewiesen, die nach dem Tagebuch eines angesehenen dort ansäßigen Bürgers wiedergegeben ist: die Tat des Kosakenhauptmannes Sokolowsky an jenen „die dem Zaren nicht treu sind“, die mahnt an die furchtbarsten Verbrechen der Geschichte. Dagegen steht die unumwundene Anerkennung, die Graf von Bemstorff für die Juden Deutschlands, das lobende Schreiben des Erzherzogs Josef an den Redakteur des „Egyenlöseg“ und vieles andere. Das erstemal erscheint auch eine Zusammenstellung der österreichischen Juden verliehenen militärischen Auszeichnungen. Diesen „Mitteilungen“ ist eine recht weite Verbreitung zu wünschen; sie werden den Blick der Juden für ihre wahre Lage Schärfen und neue Anhänger für die Bestrebungen des Kriegsarchivs heranziehen. Hmlfeiern. Der Trauergottesdienst anläßlich des Todestages Dr. Theodor Herzls findet am 1. Juli d. J'. um halb 8 Uhr abends im großen Tempel (II. Tempelgasse) statt. Die Gedenkrede wird Herr Rabbiner Dr. Alax Grunwald halten. Bei der H e r z 1 f e i e r, die im Hotel Continenta l*am 3. Juli dieses Jahres um 8 Uhr abends stattfinden wird, werden die Herren Dr. Kari Pollak.in deutscher, Oberrabbiner Dr.Osias Thon aus Krakau in hebräischer, Löbl Taubes in jüdischer Sprache sprechen. Alle die am Gang zum Grabe Herzls teilnehmen wollen, versammeln sich Sonntag, den 4. Juli um 10 Uhr vormittags vor der Hochschule für Bodenkultur.’ nicht doch wieder zu Lebensmittelknappheit führen könnte, denn eine Armee kann - auch ein Vielfaches dessen requirieren, was heutzutage in Palästina zu holen war. Im übrigen haben die Getreidevorräte besonders unserer galiläjsehen Kolonien auch jetzt schon übermäßiges Steigen der Getreidepreise in den Städten verhindert und das türkische Heer verproviantieren helfen, und wir sollten froh' sein, daß wir solche Dienste leisten konnten. ln der Zeit nadi dem Kriege wird es sehr dienlich sein, wenn die Freunde des jüdischen Palästinawerkes sich mehr als früher um die Fragen der praktischen Kolonisation kümmern wollten, aber im Augenblick kommt es viel mehr darauf an, den palästinensischen Juden über die Kriegsnotlage hinwegzuhelfen und die Arbeit zu leisten, für die im jüdischen Palästina einstweilen noch die allgemeinen Staatlichen und kommunalen Fürsorgestellen und ähnliche Einrichtungen fehlen. . Hebpäisifrliteraristher HM. Die HIHsaftlion lür Palästina. Von Davis Trief sch, Berlin. Der Notstand in Palästina der in der jetzigen schweren Zeit zu besonders energischer Sammeltätigkeit Veranlassung gibt, hat zahlreiche Freunde des jüdischen Palästinawerkes — und zwar vorwiegend solche des „neuen Jischub“ — zu allerlei Bedenken und Zweifeln gebracht. Sie stehen auf Grund der Propaganda für die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation im Heiligen Lande unter dem Eindruck, Palästina als agrarisches Land und die dortigen Juden als Bauern könnten unmöglich durch den Krieg in eine Lebensmittelnot geraten. Nun haben wir zwar erst in diesen Tagen in allen Zeitungen lesen können, daß das hochagrarische Rußland Mangel leidet: an Roggen in Witna, an Zucker in Moskau und in „Petrograd“, an Fleisch in Moskau und in Warschau (wo jetzt das Fünffache des üblichen Preises gezahlt wird!), und an allen Lebensmitteln in den Gouvernements Wjatka und Wladimir. Und dabei ist Rußland tatsächlich der agrarischste Großstaat, und sein üblicher riesiger Export an Brotgetreide, Zucker usw. ist tatsächlich durch den Krieg vollständig unterbunden, so daß ein ungeheurer Ueberfluß im Lande bleibt! Palästina hingegen ist in viel geringerem Maße agrarisch. Seine Einwohnerschaft lebt zur größeren Hälfte in den Städten. Ein Export — nach anderen Teilen der Türkei und im Wege der obligatorischen Versorgung der Sinai- Armee — findet audi während des Krieges statt. Selbst im Frieden werden Lebensmittel eingeführt, und wenn die Ausfuhr auch bei weitem überwiegt, so steht doch1 einem Ausgleich entgegen, daß die palästinensische Ausfuhr an Getreide beispielsweise den Spezialweizen des Hauran, der sich zur Makkaroni- Fabrikation eigenet, und die Braugerste von Gaza umfaßt, beides Produkte, die sich zur Verarbeitung als Brotgetreide wenig eignen und die in Anbetracht der immer noch mangelhaften Verkehrsverhältnisse nur sehr schwer auf den Markt von Jaffa und Jerusalem gelangen können, wo sie bekanntlich am nötigsten gebraucht werden. Was nun gar die jüdischen Kolonisten betrifft, so madien sie erstens nur etwa ein Zehntel der jüdischen Einwohnerschaft Palästinas aus, so daß von einer Deckung des jüdischen Bedarfs durch die jüdischen Kolonien schon an sich nicht die Rede sein könnte, und besonders in Judäa, wo die meisten städtischen Juden wohnen (Jerusalem allein wird bis auf' 70.000 Juden geschätzt), treiben unsere Kolonien sehr wenig Getreidebau, und auch ihre Baumzucht usw. produziert zum weitaus größten Teil Artikel, die sich nicht zur Ernährung eignen. Man weiß, daß die Haupterzeugnisse der judäischen Kolonien Weintrauben, Orangen und Mandeln sind — nach europäischen Begriffen also ausgesprochene Genuß- und nicht Nahrungsmittel. Die Araber geben uns zwar das Beispiel, daß man in der Traubenzeit fast ausschließlich von Trauben und längere Zeit nachher noch weitgehend von Rosinen leben kann, so daß in dieser Zeit unter denjenigen Arabern, die als Eigentümer oder Arbeiter mit dem Weinbau zu tun haben, der Brotverbrauch auf ein Minimum und oft auf Null sinkt. Aber unsere aus Osteuropa stammenden Kolonisten und Arbeiter haben sich an diese, sicherlich gesunde Lebensweise, noch nicht gewöhnt, und auch die anderen nahrhafteren Südfrüchte, wie Feigen und Aprikosen, werden vorerst bedauerlicherweise von ihnen kaum angebaut. In diesen Hinsichten wäre künftig viel zu bessern. Aber der gegenwärtige Zeitpunkt ist sicher nicht geeignet, statt der dringend erforderlichen Hilfe Ratschläge zu erteilen, die im besten Falle erst nach vielen Jahren die Wiederkehr solcher Notlagen verhindern könnten. Auch dann ist sogar fraglich, ob ein etwaiger Kriegsfall Hebräische Sektion des Herzlklub. Am 26. •Juni (14. Tamuz) findet ein literarisCh-musikalistäier Abend, im Saal der Literaturfreunde (I. jRostgasse 131 unter gütiger Mitwirkung der Schriftsteller G. Schofmann und A. Sonne (Abraham ben IzsChak) statt. Karten zu 1 Kröne an der Abendkasse erhältlich. Wir machen auf diesen zweiten Abend der rührigen ‘Sektion des Herzlklub aufmerksam. Meten. Ein Bild ans Sem Warsthau von Heute. Von SChalom Asch. Ueber die Strassen von Warschau ziehen sich in langen Reihen traurige Menschen hin: die Opfer des Krieges. Es gehen Juden mit zerissenen Kleidern, ihren Sabbathhut auf dem Kopfe, auf den Schultern und in den Händen ihre Habseligkeiten : das bekannte Bündel Bettwäsche in dem Leinensack. Hier hat sich einer vergessen una trägt in seinem Sack sein Sabbathkleid und das „Seidene“ seiner Frau, und oben aus dem Sack schaut die neue Perücke hervor. Ein anderer Jude hält zwei silberne Sabbatlileuchter m der Hand, unter dem Arme einen Machsor — das hat er für die Kostbarkeiten gehalten, die er retten mußte, als man ihn aus seiner Heimat gejagt hatte. Die größeren Knaben gehen neben ihren Vätern her. Viele von ihnen helfen beim Tragen der Last — eines Päckchens Leder aus dem Laden, eines Bündels Ware. Doch die meisten von ihnen tragen die großen Folianten, den Talmud, die Bibel, die sie aus dem Bücherschrank ihres Vaters gerettet, als der Befehl erteilt wurde, im Verlaufe zweier Stunden das Städtchen zu räumen und als man in der Eile nicht wußte, was zu retten. Die kleineren Kinder gehen mit ihren Müttern, halten sich an ihre Schürze oder helfen ihnen, die Säuglinge zu tragen. Am energischesten sind die Mädchen, die zehnjährigen, die achtjährigen und sogar die siebenjährigen: Sie vertreten die Mutterstelle an den ganz Kleinen, halten sie während des ganzen Weges und beruhigen sie mit dem Gesänge ihrer Lieder. Unter den Frauen und Kindern geht auch Chajini Fischer. Das ist ein alter, müder Jude mit einem verbrannten Gesicht und lockigem Haar. Er trägt, wie die Frauen, ein Kind, eine Thorarolle, die in einen Gebetmantel gehüllt_ ist. Sein Kind ist jedoch ein fremdes Waisenkind: Die Thorarolle hat der Verein „Psalmen“ schreiben lassen. Er hält sie wie ein Kind, denn eine eigene Thorarolle besitzt er nicht. Er hat sich nicht dazu verstehen können, sie, wie die anderen es getan haben, auf den Wagen zu legen, sondern er geht mit den Weibern, die ihre Kinder tragen und hält sein Heiligtum in den Händen. Und wenn man ihn fragt, „Chajim, wie geht es deinem Kinde?“, da küßt er seine Thorarollc und erwidert: ',gut“. Unter der Gemeinde vor dem Wagen geht der Rabbi aus der Stadt, an seiner Seite der Richter und der Vorbeter. Der Rabbi ist wie ein einfacher Jude gekleidet in einen kurzen Bauernpelz. Sein einziges Oberkleid hat er abgelegt und damit die Thorarollen im Wagen bedeckt. Und da es auf dem langen Wege, den sie von ihrem Städtchen zu gehen haben, geschneit und geregnet hat, hat ihm Moses der Fleischer keine Ruhe gelassen, bis er seinen Pelz genommen hatte. Der Bart des Rabbi zittert und die erschreckten jüdischen Augen, die aus dem edlen Gesichte blicken, scheinen die Sonne zu fragen: „Warum?“ Mit Achtung und Mitleid schaut die Gemeinde auf ihren Rabbi, hofft, daß er ihnen sagt, weshalb und wie lang — doch der Rabbi schweigt. Als erster wendet sich an den Rabbi Salmann der Makler, der als der Frechste in der ganzen Stadt gilt. Auch hier hat er seine_ Art nicht verlernt und schreit zum Rabbi herüber:

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