Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 25 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDISCHEMUNG £0« NRTIGNHL -JÜDISCHES ORORN KW rmwrmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NÄTIONALFONDS“ nrTTl ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenaufnahme: Wien, U., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oesterm “ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—.'Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ S2 Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 25. Wien, Freitag, den 25. Juni 1915. IX. Jahrgang. Lemberg Ist uieöer frei. Der helle Jubel, der in diesen festlich stimmten Tagen Oesterreich durchhallt, hat si,—___ - - - - Ursache nicht allein in dem glänzenden äußeren' “material in genügender Menge zu beschaffen Erfclg, mag er in moralischer, politischer und militärischer Beziehung auch noch so groß sein, unsere Freude ist so übergroß, so jeden Rahmen übersteigend, weil dieser Sieg ein Symbol des Sieges österreichischen Wesens über die russische Art ist. In den schweren, dumpfen Tagen, die wir im heurigen Winter durchleben mußten, ist es uns zur riimmenvankenden Gewißheit geworden, daß unsere Sache triumphieren wird. Wir mußten gar manchmal unseren ganzen Glauben zusammen nehmen, aller bösen Wirklichkeit zum Trotz an eine glückliche' Zukunft unseres Vaterlandes und damit unseres Volkes zu glauben. Da wankten demütig und kummervoll die Gestalten der galizischen Flüchtlinge durch die Straßen Wiens und kein Schimmer Licht schien den Weg ins Freie zu deuten aus dieser erbarmungslosen und niederträchtigen Welt von Feinden. Und am tiefsten schnitt es uns ins Herz und nagte es an unserer Seele, daß dieses Rußland der Knechtschaft und Unterdrückung, der Pogrome und moralischen Zersetzung, seinen Fuß auf unsere Nacken setzen dürfe und daß zu den Millionen Unserer Volksgenossen, die bereits unter der gierigen Geißel des weißen Zaren schmachteten, vielleicht Hunderttausende neuer Opfer hinzukämen. Aber allen Kleinmütigen und Zweiflern ins Gesicht: die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Allerdings greift nicht, wie es sich der naive Kinderglauben vorstellt, der persönliche Richter in das unendlich verzahnte Getriebe des Weltgeschehens, sondern jedes Tun und Unterlassen trägt in seinem eigenen SChoße Lohn oder Strafe. Wir haben jahrzehntelang zähneknirschend die Schmach und das Weh ansehen müssen, das unseren Brüdern im russischen Osteii angetan wurde, immer wieder bereicherten wir unser Wissen durch Namen von russischen Städten, in denen jüdisches Blut geflossen, unerschöpflich war man dort in Erfindung immer neuer Drangsalierungen. Und Hohn nur hatte man für den Versuch, diesen Greueln Einhalt zu gebieten. Noch ist es uns in Erinnerung, wie Amerika durch Verweigerung eines Handelsvertrages wenigstens einigermaßen Pression ausüben wollte. Rußland konnte spöttisch lächeln über solche und ähnliche' unwirksame Versuche, stand es doch in seiner märchenlkiften Größe, gedeckt von den befreundeten Mächten heuchlerisch fast unangreifbar da und ein Grauen durchlief uns, wenn wir an einen Kampf auf Leben und Tod mit diesem russischen Koloß dachten. Und fast schien es im Anfang, als sollte dieses heilige Rußland der Habgier und Sklaverei über das Land der Freiheit und Gerechtigkeit triumphieren. Aber schon in den Tagen des äußeren Erfolges, da fast ganze Kronländer der Monarchie in seine gierigen Klauen fielen, waren eben die gleichen Kräfte am Werk, die russische Macht zum Falle zu bringen. Die Korruption, die in den Juden das geeignetste Ausbeutungsrecht fand, machte alle militärischen Vorkehrungen zu hichte. Die Unterdrückungs- . Sucht, die viele Tausende junger Juden vom an höheren Schulen zurücklrijeltji Itung gefunden, wenn die. <■ ° ° . * ., JLSO ckgeführt werden' äuF^terr'jSian "T -iVC f c_ und die Unmögljdtkeit,'' KriegSJ^ nicht weil die Metalle fehlen, sondern der Geist nicht da ist, der aus dem unnützen Stoff, das nutzbare Material erzeugt. Und die gleichen Pogrome, die einstmals die Juden durch die Straßen russischer Städte gehetzt haben, treffen heute alle, die für den Wohlstand und die Zukunft Rußlands arbeiteten. Ganz anders Oesterreich. Hier ist kein Mangel an Intelligenz, die zu Offizieren und Ingenieuren ausgebildet werden könnte, unerschöpflich ist das Reservoir, das gerade das jüdische Volk der kämpfenden Monarchie bietet. Und nicht durch das Feuer der Maschinengewehre müssen die Menschen in den Kampf gejagt werden, sondern in Freude gehn sie, wissen sie doch, daß sie mit der Monarchie ihre Freiheit unü ihre freie Entwicklungsmöglichkeit verteidigen. Sicherlich ist in Oesterreich noch gar vieles zu ändern und zu bessern, aber die Grundlage der Menschlichkeit, der individuellen und nationalen Freiheit ist bei uns in Wahrheit größer als in irgendeinem arideren Staate. Und darum wehen heute Oesterreichs Fahnen sieghaft über Lemberg und Rußlands Barbarenwogen fluten zurück, woher sie gekommen. Denn Gott ist nicht mit den stärkeren Bataillonen, sondern mit der gerechten Sache. Der Hulöigungszug Der Jaden in Wien. Der Wunsch so vieler Tausender ist zur Wirklichkeit geworden. Die glorreiche Wiederbesetzung Lembergs wurde der Anlaß zu einem Huldigungszug der Wiener und augenblicklich in Wien weilenden Juden, wie er in seiner Art und seiner Größe fast einzig dasteht. Es galt ja diesmal, aller Liebe und Treue, die die Juden für die Monarchie, besonders aber für ihren Kaiser hegen, zu einem sinnfälligen Ausdnick zu bringen. Denn wahrlich, so schön Patriotismus sein mag, seinen wahren Wert hat er erst erwiesen, wenn er Opfer zu bringen vermag und diese Juden, die am Mittwoch in den ersten Abendstunden durch die Straßen der Reichs- Haupt- und Residenzstadt festlich gestimmt zogen, sie hatten ein Recht, sich Patrioten der Tat zu benennen, denn sie haben in Not und Qual ihren Patriotismus betätigt. Lange vor 5 Uhr füllten sich die Gassen und Gäßchen in der Nähe des Karmelitermarktes mit Flüchtlingen, die oft aus den äußersten Bezirken Wiens zu Fuß zum Sammelplatz gewandert waren. Sie alle empfanden, daß dieser Umzug, der auf Initiative und unter Führung des zionistischen Zentralkomitees für WestösterreiCh stattfand, eigentlicn ihr Huldigungszug sei. Als sidh knapp vor 6 Uhr die Vertretungen der jüdischen Organisationen einfanden, war der Andrang derart gestiegen, daß die Tete des Zuges in die benachbarte Sperlgasse vorrücken mußte. Endlich setzte sich der Zug unter Vorantritt der Musikkapelle der Postbediensteten Oesterreichs in Bewegung. Es folgten in strammen Viererreihen die schmucken galizischen Schomrim (Pfadfinder), die hellen Züge des Wiener „Blau-Weiß“, weiter eine große Anzahl jüdischer Mittelschüler aus Galizien und Wien. Nun wurden große blau-weiße und schwarz-gelbe Fahnen getragen. Dann kamen der Präsident des Zentralkomitees für Westösterreich Dr. Karl P o 11 a k, der Präsident des Zentralkomitee der galizischen Zionisten Adolf Stand, Reichsratsabgeordneter Dr. Benno Strauch er, Vorstands- .» mitglieu der Wiener israe!i:Lchen Kultusgemeinde Ing. Robert Stricker, Reichsratsabgeord- Heinrich Reizes, der Präsident der Wie- * riepgalizischen humanitären Vereise Dr. J a k o b- S^tTh-n mit dem gesamten Vorstande, die Rabbiner von Lemberg, Feldrabbiner Dr. Guttmann und Dr. Caro, die Mitglieder der Rabbinerfamilie F ried mann aus Czortkow, Sadagora und Bojan, die meisten in Wien weilenden orthodoxen Rabbiner, die Mitglieder des Zionistischen Exekutivkomitees, für den Vorstand des zionistischen Frauenvereines Frau Erna Patak, die in Wien befindlichen Vorstände aller zionistischen Organisationen Galiziens, Abordnungen der jüdischakademischen Verbindungen, dann der unabsehbare Zug selbst, bunt belebt von zahllosen Fahnen und Fähnchen. Unter dem Absingen patriotischer und nationaler Lieder gelangte der Zug, immer neue Massen an sich ziehend, über die Taborstraße und den Kai vor das Kriegsministerium, wo vor dem Radetzkydenkmal Aufstellung genommen wurde. Nachidem die Kapelle die Volkshymne intoniert hatte, bestieg Herr Dr. Benno St rau eher den Sockel des Monuments, um in einer Ansprache die glorreiche Tapferkeit der Armee und die felsenfeste Zuversicht des jüdischen Volkes auf einen siegreichen Ausgang des Krieges hinzuweisen und erinnerte an die Mutlosigkeit der ersten Zeiten in der Fremde, die nun innigster Freude gewichen ist. In tiefer Ergriffenheit verharrte die Menge, bis der Jubel losbrach; die Musikkapelle intonierte und die Fahnenträger kreuzten die schwarzgelben und blau-weißen Fahnen. Sodann sprach Herr Adolf Stand, der in begeisterten Worten von der Treue des jüdischen Volkes sprach, das gerne und freudig sein Blut geopfert hat, um den grausamen Feind zu vernichten. „Das unsagbar Herrliche ist unserer einzig tapferen Armee gelungen und Wie schulden wir ihr alle unsern Dank. Aber ich glaube, auch wir haben unsere Pflicht als gute Staatsbürger voll erfüllt una sind stolz darauf.“ Nach Absingung der deutschen Hymne und der „Hatikwah“, die, von vielen Zehritauscndert bei diesem Anlaß gesungen, besonders feierlich klang, setzte der Zug unter jubelnden Zurufen des Publikums den Weg über den Ring fort und bog dann über die Nibelungenstraße und Schillerpark zum Landesverteidigungsministerium ein. Hier wurde Halt gemacht und es erklangen wiederum vaterländische Lieder. Inzwischen erschien Seme Exzellenz der Landesverteidigungsmirister Freiherr von Georg i auf dem Balkon des Ministeriums. An ihn richtete Herr Abgeordneter Dr. Strauch er eine Ansprache, auf die der Landesverteidigungsminister mit einem Hoch auf die verbündeten Monarchen antwortete und apostrophierte sodann die zahlreichen im Zuge mitmarschierenden jüdischen Soldaten, deren mancher noch Zeichen des Krieges aufzeigte, als seine tapferen Kameraden lind brachte ein Hoch auf sie aus. Um das Gelingen des Aufmarsches vor dem Landesverteidigungsministerium machte sich be- : sonders Gg. Oberleutnant Robert G 1 o g a u ver- | dient Da man nämlich nicht wußte, daß Seine Exzellenz der LandeSverteidigungsminister selbst im Gebäude zugegen war, hätte der Zug nach j Absingung der Lieder seinen Weg fortgesetzt, l zumal durch die Enge der passierten Straßen m die ungeheuren Massen Verwirrung zu kommen schien Die Pfadfinder, Studenten, Blauweiß-Gruppen rangierten sich auf Initiative des Herrn Oberleutnants Glogau augenblicklich in vollster Ordnung vor dem Ministerium, hinter Ihnen die unübersehbare Menge, die mit jubelnder Begeisterung die Ansprache des Landesverteidigungsministers aufnahm. Un+er nicht endendwollendem Jubel kehrte der Zug auf den Ring zurück und löste sich vor dem Parlamente auf. Trotzdem marschierten immer wieder neue Trupps singend und noch rufend durch die Lastenstraße." Niemand, der diesen Zug mitgemacht, wird den Eindruck vergessen, den diese zahllose