Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 17 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG KXXK NRTIGNF1L -JUDI5CHE5 DRGRN »gg rmtrUW Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ niTlI ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden H täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags; — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abormemenstspreise: Für Oester- _ H reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3. . Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 17. Wien, Freitag, den 30. April 1915. IX. Jahrgang. Mitteilungen dei Jüdilchen Kriegtarchivi. In den nächsten Tagen erscheint Heft I der „Mitteilungen** des Jüdischen Kriegsarchivs. Aus dem Inhalt: Die Juden in Galizien und der Bukowina unter der russischen Invasion. (Authentische Originalberichte und dokumentarische Belege). Leiden der Juden in Russisch-Polen. (Original Korrespondenzen). Die Anteilnahme der osterr.-ungarischen Juden am Kriege. (Patriotische Aktionen und Kundgebungen, hervorragende Einzelleistungen). Juden als Soldaten und Offiziere. (Listen der Ausgezeichneten, Anerkennungsschreiben, Episoden usw.). Verschiedenes. Preis: 60 Heller (50 Pfennig). Vorausbestellungen durch den Verlag H. LÖWIT, Wien, I, Rotenturmstraße 22 oder durch das Jüdische Kriegsarchiv, Wien, II. Zirkusgasse 33. Rn Oie öslcrreidiisitie Jutabait! Wir alle hoffen und glauben zuversichtlich, daß es unseren braven Truppen bald gelingen wird, auch das Kronland Galizien von der russischen Invasion zu befreien. Wir sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Hohe Regierung die Zusage unseres geliebten Kaisers einlösen und nach Abschluß meines ehrenvollen Friedens nicht ermangeln wird, die Kriegsopfer des Ostens in entsprechender Weise zu entschädigen. Nichtsdestoweniger ist zu befürchten, daß eine große Zahl jüdischer Familien vor die harte Frage gestellt sein wird, in welcher Weise ihre durch den Weltkrieg zerstörte Existenz neu aufgebaut und für die Zukunft dauernd gesichert werden soll. Die während des Krieges geschaffenen Fürsorgeaktionen, so gerne ihr Verdienst anerkannt sei, waren von vorneherein nur dazu bestimmt, eine vorübergehende Wirkung während des Krieges zu zeitigen. Eine dauernde Wirkung kann nur eine Aktion haben, welche darauf pusgeht, den jüdischen Kriegsopfern aus dem Osten Existenzmöglichkeiten für die Dauer zu verschaffen, sei es hierzulande, sei es für jene, welche sich zur Auswanderung bestimmt fühlen, außer Landes. Eine Aktion zu diesem Zwecke wurde nun von den Vereinen, „Keren Kajemeth Lejisroel“ in Lemberg und in Wi.en gemeinschaftlich eingeleitet. Unter dem Namen „Kriegs-Landspende“ werden Kapitalien gesammelt, deren Zweckbestimmung ist: Grund und Boden in Palästina zu erwerben und denselben im Wege der Erbpacht (für die Dauer von 49 Jahren) jüdischen Kriegsopfern aus dem Osten zur Benützung .zu überlassen. Der Durchschnittspreis eines Dunams (ungefähr ein Fünftel Joch) beträgt in Palästina K 50.—. Wer nun einen oder mehrere Dunam Land spendet, der schafft damit eine wirtschaftliche Grundlage zur Ansiedlung jüdischer Kriegsopfer aus dem Osten. Dem Spender steht überdies das Recht zu, eine ihm werte Person namhaft zu machen, zu deren Ehrung die Spende geleistet wurde; der durch eine Spende gekaufte Boden würde dann für immerwährende Zeiten den Namen jener Person tragen. Auch kleinere Spenden sind zuläßig. Die Wichtigkeit und Nützlichkeit der eingeleiteten Aktion ist so groß und klar, daß sie einer näheren Begründung nicht bedarf. Es ergeht somit an alle Juden in Oesterreich die dringende Bitte, sich an unserer Aktion der „Kriegs-Landspende“ mit warmherzigen Eifer zu beteiligen, selbst nach Kräften zu spenden und andere zur Mitwirkung anzuspornen. Alle Spenden sind ehetunlichst an untenstehende Adresse abzuführen. Sie werden wöchentlich in der „Jüdischen Zeitung“ veröffentlicht werden. Mit vereinter Kraft wollen wir ein Werk aufrichten, welches deir österreichischen Judenschaft zur Ehre und unseren unglücklichen Brüdern, den jüdischen Kriegsopfern aus dem Osten, zu Heil und Segen gereichen soll. Mit vorzüglicher Hochachtung und treujüdischem Gruß für den Verein Dr. Oerson Zipper, Dr. Egon Zweig, Dr. Wilhelm Beigel. OesferreifrUngarn, Oie Türkei unO Palästina. ln die unübersehbare Reihe von Ueberraschungen, die der Weltkrieg gebracht hat, gehört unstreitig die äußere Energie und die innere Konsolidierung des osmanischen Reiches. Alle Vermutungen und Gewißheiten über die unhaltbare Schwäche dieses Staates haben sich als verfehlt erwiesen; es hat sich vielmehr ergeben, daß seine defensive (Kraft als eine der sichersten und verläßlichsten Posten in der Rechnung der verbündeten Kaiserreiche gelten kann. Tiefer schürfende Kenner des Orients haben ja diese Festigkeit vorausgesagt und darauf für die Zukunft gebaut und nur die große Masse, die die den Augenblick mit seinen Erfolgen und Mißerfolgen sieht, ohne die tieferen Zusammenhänge zu durchschauen, ist enttäuscht worden. Die Katastrophen aber, die im Laufe der letzten Jahrhunderte über das Reich der großen Selim Mohamed und Bajesid hereingebrochen sind und die inneren schmerzhaften Wirren und Thronstreitigkeiten sind die ganz natürlichen Folgen einer mehr aus dem Instinkt als aus klarem Bewußtsein geborenen Konzentrationstaktik dieses ungeheuren, gliederüberreichen Staates, der der noch dazu zur gleichen Zeit die schwere Erschütterung der Umwandlung seines komplizierten Lehenssystems in einen modernen Staat durchmachen mußte, wobei ihm auswärtige Feinde die böswilligsten Schwierigkeiten in den Weg legten. Die beiden Zentralmächte aber haben seit langem die innere Lebenskraft des türkischen Staates durchschaut und die Integrität des türkischen Staatsgebietes ist seit Metternich ein Kardinalpunkt m der österreichischen Orie ltpolitik. Leider aber hat diese Politik vor der äußerlichsten Forderung, eben der territorialen Unantastbarkeit, Halt gemacht, statt die selbstverständliche Konsequenz zu ziehen, daß dem äußeren Rahmen auch die innere Festigkeit entsprechen und daß man dem Lande bei der Neufügung seines Grundbaues behilflich sein müsse. Allerdings hinderten die trüben Erfahrungen, die die Hohe Pforte mit ihren Freunden gemacht hatte, eine solche Mitarbeit und entschuldigt die bloß politische und finanzielle Anteilnahme an dem Schicksal des Reiches. Dagegen hat seit Jahrzehnten schon Deutschland in der bewußtesten und zielsichersten Weise der Hohen Pforte in ihren Regenerationsbestrebungen beigestanden und die militärischen Erfolge der Türkei im Weltkriege haben die Bedeutung dieses Beistandes ins hellste Licht gestellt. Es ist darum mit Sicherheit vorauszusehn, daß das osmanische Staatswesen nach dem endgiltigen Siege, zwischen echten und eigennützigen Freunden unterscheidend, im Einvernehmen mit den beiden Zentralmächten an die Sicherung seiner Zukunft gehen wird, zumal die Niederlage seiner falschen Feinde immer die Möglichkeit eines Rachekrieges offen läßt. Uns Juden der Zentralmächte ist die Aussicht eines Zusammenarbeiten der bisher nur militärisch und diplomatisch Verbündeten im höchsten Grade erwünscht. Wird doch dadurch ein Kontakt zwischen Palästina und uns hergestellt, wie wir ihn schon längst ersehnt haben. Alles 'Mißtrauen gegen jüdische Zuwanderer wird dadurch imbegründet, da diese ja nicht als Handhaben auswärtiger Konsulate zu gelegentlichen Interventionen dienen wollen und dürfen, sondern den ehrlichsten Willen zum Gedeihen des Landes, in dem sie leben, mitbringen, das zugleich auch ihr Gedeihen ist. Die Stärkung des verbündeten Staates wird aber keineswegs als Schädigung des eigenen angesehen werden können. Die hoffnungsvollsten Perspektiven aber werden sichauf wirtschaftlichem Gebiete ergeben. Die engen persönlichen Beziehungen zwischen den Juden Palästinas und denen Oesterreichs schaffen dann ein dichtes Netz ökonomischer Gemeinsamkeiten, die sich vor allem im Handel und Verkehr äußern werden. Die geographische Nähe der Monarchie und Palästinas wird mit der wirtschaftlichen Durchdringung des Balkans, wie sie dem Sieg der österreichischen Waffen unbedingt folgen muß, erst die richtige und zweckentsprechende Verwertung finden. Eine Bevormundung der Türkei ist dabei ganz ausgeschlossen, vielmehr kann es sich nur um «inen gegenseitigen Austausch, um eine für beide Teile wertvolle Wechselseitigkeit handeln. Es sei hier auf die Schaffung wichtiger Industrien hingewiesen, besonders auf die Neugründung für Textilindustrie, in denen besonders österreichische Maschinenfabriken mit Lieferungen beteiligt waren, sodaß der Ausfall an fertiger Textilware, Fez- und Militärtuche aus den Sudetenländern — sie verloren infolge des Bojkotts ihren Absatzmarkt — wieder hereingebracht wurde. Die Zufriedenheit des Bestellers verhieß weitere und größere Aufträge. Dazu wird durch die weitgehende Ausschaltung der französischen, englischen und russisischen Gesellschaften bei Bahnbetrieben, Neuanlegung von Linien, Hafen- und Wegbauten u. a. nach dem Kriege, der wirtschaftlichen Entfaltung der Zentralmächte im Orient Tür und Tor geöffnet sein, ohne daß die türkische Regierung Vorfälle, wie die der letzten Zeit fürchten muß, wo z. B. Rußland in Ostanatolien Eisenbahnkonzessionen erwarb, um sie dann unbenützt liegen zu lassen, wodurch der Bau der Bahn, die für Rußland strategisch gefährlich werden konnte — einfach verhindert wurde. Die Jungtürken haben sich sehr bald zur Ansicht bekehrt, daß eine allzu radikale Abschließung des Landes einer Absperrung gleichkäme, ohne daß die Türkei bisher in der Lage gewesen wäre, sich im Innern Ersatz zu schaffen. Gerade die Juden aber sind ein Eie-