Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 13 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 13 Persönlichkeit und den Sinn des jüdischen Volksschicksales schöpfen. Am frühesten setzt die Degeneration des religiösen Gefühls an diesen wesentlichsten Inhalten des Judentums ein; gerade dieser starke, felsenerschütternde Glaube des Judentums ist von einem kühl berechnenden Skeptizismus und einem selbstgefälligen Kokettieren mit dem Pessimismus unterwühlt worden, während Formen und Zeremonien des religiösen Lebens noch scheinbar unerschüttert dastehen. Und doch ist hellster Optimismus der innerste Kern der jüdischen Religion. Nicht das gam su letowe, nicht das Wort unseres Gottes, der am Abend jedes - Schöpfungstages von seiner Welt behauptet, sie sei recht geschaffen allein, nein, diese unbedingte Sicherheit, nicht verloren gehn zu können, die jedem Juden eingeboren ist, das macht den Zentralgedanken des Judentums aus: „Tue Du nur Deine Pflicht und cs kann Dir nichts geschehen“ ist das Leitmotiv das in jedem Juden anklingt. Wir leben heute in einer Zeit, in der alle Grundlagen der Existenz des Individiums und der Gemeinschaften wanken. Niedertracht und Lüge haben ein Verbrechen heraufbeschworen, das in seiner Größe und Folgenschwere einzig dasteht. Wahrheit und Gerechtigkeit sind von allen Seiten umlauert und bedroht. Hunderttausende unserer Volksgenossen haben ihrer Treue und Liebe wegen Haus und Heimat verlassen müssen ins dunkle Ungewisse hineingestoßen, ohne Ahnung, was das Kommende an Leid in seinem Schatten birgt. Und wie täte uns der helle Glaube unseres Volkes not, der nie so leuchtend schön hervorbricht wie an den Pessachtagen, in reinster Herrlichkeit aber in dem Brauche, dem Eliam hanowi am Sederabend so nahe zu sein, daß man ihm bis zur Tür den Becher Weines entgegen trägt, während alle Teilnehmer am Sedermahl aufrecht, unangelehnt sitzen, weil in jedem Augenblick der Ruf zum Aufbruch zur Wanderung in die Freiheit ertönen kann. Wir brauchten heute diesen Glauben; er wäre unser kostbares Gut, weil er uns von jener kleinmütigen Zweifelsucht befreite, die die Dinge noch schwärzer und grauenhafter sehen läßt, als sie schon sind. Optimismus, Glaube daß alles zum Glück sich wenden werde, ist kein Wissen, sondern eine angeborene Disposition, eine Anlage, die Wirklichkeit nach einer günstigen Seite - hin zu orientieren. ' Tauchen wir in diesen Tagen des schönsten jüdischen Festes ruhig in unsere wech'selvolle jüdische Vergangenheit, lassen wir alles Glück una Leid unserer Geschichte lebendig werden vor unserem Auge, suchen wir nach einem Sinn, nach einer Bedeutung dieser scheinbar so sinnlosen Schicksalskette, an die jeder vcn uns geschmiedet ist und trotz allem, was uns umdroht und umlauert, wird ein leuchtendes Vertrauen in unser eigenes Schicksal . über uns kommen, ein unerschütterlicher Glaube, daß unser Volk aus allem Leid nur geläutert und reiner hervorgehn muß, seiner großen Zukunft entgegen. Prof. Dr. Willi. Stein. Die Juden in Bcbmen. Der Rücktritt des Grafen Thun hat wieder einmal die Aufmerksamkeit auf die Lage in Böhmen gelenkt. Die Gegensätze, die dort seit Jahrzehnten in gefahrdrohender Wucht aufeinander geplatzt waren, schienen mit Ausbruch des Krieges an Schärfe verloren zu haben oder ganz verschwunden zu sein. So konnten wohl Leute denken, die sich entweder eine ganz naive Ueberspannung des österreichischen Staatsgedankens Vornahmen oder in völliger Unkenntnis des wahren Sachverhaltes die nationalen Gegensätze in Böhmen auf persönliche Eitelkeit und Gewinnsucht oder nationale Borniertheit eines der beiden beteiligten Völker zurückführten. Jn Wahrheit aber besitzt dieser erbitterte Kampf der Deutschen und Tschechen in Böhmen im tiefsten Grunde die größtmögliche liistorischie Berechtigung und ist vielleicht als Schulbeispiel eines Krieges zweier Völker mitten im Frieden hinzustellen. Auf der einen Seite die Tschechen, die das Land seinerzeit fast in seiner Gänze in Besitz genommen haben kraft der rohen Gewalt und der numerischen Ueberlegcnheit und damit die Deutschen bis an die äußersten Ränder des Landes — der Saazer und Egerer Kreis ■war reichsunmittelbares Gebiet — gedrängt haben, auf der andern Seite die Deutschen selbst, die an das Deutschtum im Reiche draußen gelehnt, sich allmählich von dieser Zurückdrängung in der Urzeit und einer zweiten in den Hussitenkämpien erholten und nun friedlich, aber umso intensiver das Land mit deutscher Kultur infiltrierten und so im Laufe von Jahrhunderten immer wieder Boden zurückgewannen, bis mit dem Erwachen des tschechischen Nationalgefühls etwa um das Ende des 18. Jahrhunderts dem deutschen Zurückfluten ein lebendiger Damm entgegengesetzt wurde, der auch die einstmals besessenen und dann wieder verlorenen Gebiete beanspruchte und nun wieder seinerseits die friedliche Durchdringung begann. Dazu trieb das tschechische Volk keineswegs ein grundloser und gieriger Chauvinismus, sondern das Ueberschwellen ihrer eigenen Volkszahl, die in den engen Grenzen keinen Raum mehr hatte und im deutschen Gebiet Lebensmöglichkeiten suchte; und weiterhin die instinktive Furcht, von den Deutschen kulturell und wirtschaftlich erdrückt zu werden. Die Deutschen dagegen verteidigten ihr mit den besten Mitteln der Kultur gewonnenen Gebiete. Wir stehen heute mitten in diesem Kampfe. Und es ist als ein furchtbares /Unglück des tschechischen Volkes zu bezeichnen, daß der Krieg zu einer Zeit ausbrach, wo eine scheinbar mit dem -Ausland kokettierende Taktik, die in Wirklichkeit; reinen Opportunitätsgründen entsprang, als Politik des gesamten Volkes erklärt werden könnte, während bei etwas Zeit die Führer das Volk hätten aufklären können über den Unterschied zwischen taktischer Orientierung -und politischer Zielsetzung und sicherlich mit dieser Aufklärung Erfolg gehabt hätten, da in den Tschechen trotz alles Idealismus ein sehr nüchterner Verstand lebt. Die Weltgeschichte hat sich um die augenblickliche Situation der deutsch - böhmischen Kämpie nicht gekümmert und so ist vor allem eine tschechische Gruppe in größte Verlegenheit geraten, die bisher ganz unentwegt und rückhaltslos zur tschechischen Fahne stand: Die tschechischen Juden. Gemeint sind unter diesem Namen nicht die im tschechischem Sprachgebiet lebenden Juden in ihrer Gänze, sondern eine zwar kleine, aber äußerst irührige und energische Schar Juden mit programmäßiger .tschechischer Assimilation, die in die verschiedenen politischen Parteien zersplittert war. Diese Gruppe hat, solange sie einen engeren Anschluß der Juden an die Tschechen predigte und die Juden aut das Gefährliche und Lächerliche einer bedingungslosen Hingabe an das Deutschtum aufmerksam machte, gewiß eine Berechtigung in sich getragen. Aber sie schoß über das Ziel in jeher echten, taktlosen Assimilationsart hinaus und propagierten ein völliges Einswerden der Juden mit den Tschechen, ohne freilich vor der jüdischen Masse ihr Programm ganz aufzudecken, da dieselben eine instinktive, sich vor den Tschechen verbergende Hinneigung zur deutschen Kultur, — und sei es die Kultur des „Prager Tagblatt' — besaß. Diese tschechischen Assimilanten haben in der Zeit des hochgehenden nationalen Hasses in Böhmen kein unehrliches Mittel unversucht gelassen, um den Tschechen ihre wahre Ergebenheit zu beweisen. Denunziation und drohender Boykott gegen die Juden hatten fast immer bei ihnen ihren Ursprung und auch in friedlicheren Zeiten wären sie eine beständige Drohung für etwaige deutsche Gefühle ihrer jüdischen Volksgenossen. Und durch dick und dünn machten sie jede Politik und Schwankung der tschechischen Oeffentlichkeit mit Da hat nun der Krieg mit seinen Schrecken auch diese Schar der Aufrechten in arge Verwirrung gebracht, ln ihrer Seele Juden und darum ganz und gar zentralistisch gesinnt, sollen sie in ihrem Sinn und Gehaben die Politik ihrer Vorbilder mitmachen. Doch da versagt ihre seit Jahrzehnten erprobte Geschicklichkeit und sie machen sich bei ihren Herrn una Meistern verdächtig, sodaß die furchtbare Gefahr droht, auch dieses Häuflein könnte das Verkehrte einer assimilatorischen Richtung erkennen und sich der gefühlsmäßigen Politik des gesamten jüdischen Volkes in Oesterreich anschließen: der uneigennützigen Hingabe an den österreichischen Staatsgedanken. Von nicht abzumessendem Werte aber wäre es, wenn aus dieser instinktiven Treue zur Monarchie ein klares Verständnis des jüdischen Volkes erwüchse, seine Aufgabe im österreichischen Völkergetriebe zu erfassen: Die getrennten Elemente des österreichischen Staatskörpers, die nur abstrakt und durch wirtschaftliche Fäden mit einander verbunden sind, durch das lebendige Ferment des jüdischen Volkes empor und .unzerreißbar zu verknüpfen, da gerade dieses Volk vermöge seiner geistigen, sozialen und ökonomischen Beziehungen untereinander zu dieser Funktion prädestiniert jst. st. Zionisten im EelOe. Unserem Gesinnungsgenossen Oberarzt Dr. Emil Stein, A. H. der „Unitas“, Obmann der Sammelstelle des Jüdischen Nationalfonds und Mitglied des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich, wurde für tapferes und aufopferungsvolles Verhalten vor dem Feinde das goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen. Fähnrich Dr. Jakow Kajon, A. H. der „Esperanza“ in Wien, erhielt die silberne Tapferkeitsmedaille. Fähnrich Ing. Michael Schindler, k. u. k. Fortifikationsbauleiter in Jakobeny, A. H. der jüd.-akad. Verbindung „Kadimah“ und der „Jordania“ in Wien, wurde in Anerkennung vorzüglicher Dienstleistung vor dem Feinde mit dem goldenen Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Jonas Weil. Am 30. März d. J. ist kais. Rat Jonas Weil infolge Herzschlages plötzlich verschieden. Der Verblichene war Mitglied des Wiener Kultusvorstandes und ging oft, obwohl von der Kurie der Meistbesteuerten gewählt, mit den zionistischen Kultusvorsieliern zusammen. Jonas Weil gehörte nicht zu uns; war aber eine durch’ und durch intakte jüdische Persönlichkeit, der von echtjüdischem Gefühl beseelt, nichts Jüdisches fremd blieb und die auch der jungjüdischen Idee Verständnis entgegenbrachte. Er gehörte unter (anderem auch dem Kuratorium des jüdischen Armenambulatoriums an, das er nach besten Kräften förderte. Die Wiener Judenheit verliert in dem Verblichenen, der auch im öffentlichen Leben das größte Ansehen genoß, eine ihrer markantesten Persönlichkeiten. Wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren 1 Dem Sohne des Dahingeschiedenen, Gg. Dr. Robert Weil, drücken wir aut diesem Wege unser herzlichstes Beileid aus. Personalnartipiifilen. Unserem Gg. Dr. Alfred L ö w y, derzeit im Felde, wurde ein Sohn Hans geboren; Dr. Löwy spendete aus diesem Anlasse für unsere Hilfsaktion K 20j— und knüpfte daran das Ersuchen, daß jene seiner Freunde und Bekannten, welche Spenden widmen wollen, diese dem genannten Zweck zuführen mögen. — Gg. Ing. Ackermann und Frau führen diesem Zwecke K 5.— zu. Jung-jüdischer Abend. Die Direktion der „Jüdischen Bühne“ veranstaltet unter der Leitung des Schriftseilers J. A. Loubetzky eine Reihe jung-jüdischer, literarischer Abende. Der erste Abend findet Donnerstag, den 8. April statt. Zur Aufführung gelangt „Sch'ma J i s r o e 1 “ von Ossif Dymow. Eingeleitet wird der Abend mit . einer Conference von J. A. Loubetzky. Karten zu K 3.—, 2.—, 1.40 und 0.80 erhältlich in der Buchhandlung Löwit, I., Rotenturmstraße und an der Tageskasse. UerelnsnadiFiditen. Wien. (Konzert zugunsten des Armenambulatoriums des Zionistischen Zentralkomitees für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina.) Mittwoch, den 31. März d. J. fand im großen Musikvereinssaal das von uns mehrfach angekündigte Konzert statt. Infolge plötzlicher Erkrankung der Kammersängerin Frau Gertrude Foerstel-Links sprang in letzter Minute Frau Elsa Weigl-Pazeller. ein, die sich in dankenswerter Weise der übernommenen Aufgabe entledigte. Sie sang Gustav Mahlers Orchesterlieder den Zuhörern zu Dank und erntete lauten Beifall. Frau Wera Schapira-Specht erntete wahre Beifallsstürme durch den meisterhaften Vortrag von Richard Strauß's Burleske in D-moll für Klavier und Orchester, mit welchem Programm sie eben von einem Triumpfzuge von Deutschland heimgekehrt war. Die Künstlerin mußte zu wiederholten malen auf dem Podium erscheinen, um für den jauchzenden Beifall zu danken, den ihr eine begeisterte Zuhörerschaft zollte. Den Höhepunkt des 'Enthusiasmus erreichte das wundervolle Spiel der Brüder Feuermann, weiche Tfändel-Halvorssen Passiaglia für Violine und Cello in einer kaum zu überbietenden Meisterschaft vortrugen, endloser Beifall durchbrauste den Saal. Auch schon vorher hatte Sigmund Feuermann durch den vollendeten Vortrag Schuberts Rondo brillante H dur reichen Beifall gegrntet, der in gleicher Weise der ebenso diskreten als meisterhaften Begleitung am Klaviere durch Herrn Otto Schulhof galt. Das Tonkünstlerorchester unter der vortrefflichen Leitung des Kapellmeisters Dr. Karl H o r w i t z brillierte durch Vortrag von Beethoven Corolian Ouvertüre und zum Schlüsse durch Vortrag von Schuberts H mol Symphonie. Reicher Beifall lohnte die wackere Tonkünstlerschaar und Dr. Karl Horwitz, der sich durch das Arrangement des Konzertes überaus große Verdienste erwarb. Der Konzertsaal war in allen seinen Räumen von einem zahlreichen überaus distinguierten Publikum besucht und dürfte dem Ambulatorium ein namhaftes Erträgnis erfließen. Wien. Am 7. April findet im Kaffee Prückl (I., Stubenring) die zweite Vereinssitzung des zionistischen Zentralvereines statt. Auf der Tagesordnung steht der Vortrag 'des Mitgliedes des