Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 13 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG NRTIDNRL -JÜDISCHES DRERN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE. ^IONALFONDS“ . ' * ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnsep3^ngafnafÜTWt' / VV\en, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden 0 tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte wertfeiVnicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ P refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—.|Für Deutschlands Ganzjähr. Mk. 10.—. ha’hjähr. Mk. 5.—, viertelj:h ■ r Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare t20:Ir.'^Sj-PjstSparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. 0 Nr. 13. Wien, Freitag, den 2. April 1915. IX. Jahrgang. Die Versteigerung Oes jüdischen TeMhums in Haifa. Mittwoch, den 24. März 1915, hat die öffentliche Versteigerung des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina (Grund und Boden, Gebäude, Maschinen und sonstiges Inventar) stattgefunden. Das Jüdische Technikum ist vom' Hilfsverein der deutschen Juden für 225.000 M. erworben worden. Außer dem Gebot des Hilfsvereins lag ein anderes nicht vor. Nachdem nun dieses traurige Kapitel in der Geschichte des jüdischen Technikums seinen Abschluß gefunden hat, glauben wir der jüdischen Oeffentlichkeit eine Aufklärung über die Veranlassung und den Verlauf dieses Konkurses, eines im jüdischen Leben wohl einzig dastehenden Vorganges, schuldig zu sein. Wir wollen und müssen uns auf die Feststellung nackter Tatsachen beschränken, aus denen klar ‘hervorgeht, daß uns das Technikum — zumindest als Vermögen — geraubt und völlig in den Dienst einer Assimilantenclique in Deutschland gestellt wurde. Wir wissen daher wohl, daß die Judenheit der ganzen Welt unsere tatsächlichen Feststellungen richtig verstehen wird. Der Konkurs über das Vermögen des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina (hervorgegangen aus der Wolff Wissotzky- Stiftung des Hilfsvereins der deutschen Juden) wurde auf Antrag des Hilfsvereins am 31. Dezember 1914 eröffnet. Zur Begründung des Konkursantrages legten die Antragsteller eine Bilanz vor, nach der ,892.000 M. Passiven nur 282.000 M. Aktiva gegenüberstanden. Außerdem wurde behauptet, daß das Technikum nicht in der Lage sei, seinen fälligen Verpflichtungen zu genügen. Um den Sinn dieser Angaben zu verstehen, muß man wissen, daß die „Ueberschuldung“ des Technikums nur dadurch zustande kommen konnte, daß in der Bilanz der Wert des Gebäudes nur mit 150.000 M. aufgeführt wird. Das Gebäude hat aber rund eine Million Mark gekostet. Die niedrige Angabe des Gebäudewertes wird damit begründet, daß das den Angriffen feindlicher Kriegsschiffe ausgesetzte Gebäude heute keinen höheren Versicherungswert habe. Die Passiva setzen sich hauptsächlich aus Darlehen des Hilfsvereins, respektive der mit ihm in Verbindung stehenden Stiftungen zusammen. Während nämlich die amerikanischen Beiträge (unter anderem die 420.000 Mark-Stifung des Herrn Jakob Schiff) und die Gründungs- Stiftung des Hauses Wissotzky in Höhe von 215.000 M. als Schenkungen gebucht worden waren und der Jüdische Nationalfonds seine zur Erwerbung des Bodens geleistete Schenkung seinen Statuten entsprechend in der Form eines unkündbaren Darlehens geleistet hatte, hat der Hilfsverein die der Cohn-Oppenheim -Stiftung entstammenden 300.000 M. und die 100.000 M.-Stiftung des Herrn Dr. James Simon dem Technikum nur darlehensweise zur Verfügung gestellt. Diese Darlehen in der Höhe von 400.000 M. machte der Hilfsverein der deutschen Juden als Konkurs- Forderung geltend. Dazu kommt, daß die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. James S im o n als Geschäftsführer der von dem Hause Wissotzky gegründeten „Haifa - Internat“ G. m. b. H.“ auch deren Vermögen in der Höhe von 215.000 M. als Konkursforderung geltend machten. Hiernach besteht der größte Teil der Passiva des Technikums aus Posten, die zwar formell als Konkursforderungen angemeldet werden konnten, die. aber tatsächlich doch den Charakter von Schenkungen trugen. Wenn sie aber jetzt unter Ausnutzung der? juristischen Möglichkeiten geltend gemacht wurden, so kann dies nur aus der Absicht erklärt werden, einen Konkursgrund durch Schaffung einer buchmäßigen Ueberschuldung zu konstruieren. Aehnlich ist die für die Eröffnung des Konkurses notwendige Zahlungseinstellung geschaffen worden. Als Grund wurde das Vorhandensein sofort fälliger und dringender Verpflichtungen in der Höhe von 80.000 M. angegeben. Diese Summe setzt sich wie folgt zusammen: Gehalt Direktor Finkeistein.M. 14.500 „ Max Hecker. 7.000 „ Maler Rotschild.* 4.000 „ Sekretär Eldedt . . 3000 „ Ingenieur. Siegfried Ledermann . „ 5.000 „ Buchhalter. 3.000 „ Wächter. 2.500 „ Brunnenmeister, Maschinenmeister usw.- „ 10.000 Instandhaltung des Gebäudes und der . Maschinen.. 20.000 Ausgaben für Steuer, Heizung usw. . . » 5 c°0 Dienstliche Reisen usw. „ b.Otm M. 80.0v.ll Wie die Aufstellung selbst zeigt, hätte auch von dieser Summe ein erheblicher Teil nicht während des Krieges gezahlt werden müssen. Auf diese Weise ist die Konkurseröffnung zustande gekommen. Sie mußte die tatsächliche Wirkung haben, daß alle Faktoren außer dem Hilfsverein von der Möglichkeit, ein Mitbestimmungsrecht geltend zu machen, ausgeschalten worden sind. Der Hilfsverein verfügte über mehr als die Hälfte der Forderungen; die von Herrn Wissotzky für die „Haifa - Internat G. m. b. H.“ gestiftete Summe konnte Herr Wissotzky im Konkurs nicht in seinem Sinne geltend machen, da auf Grund alter Vollmachten die Herren des Hilfsvereins Geschäftsführer dieser von ihm begründeten G. m. b. H. waren. Daß Herr Wissotzky unter normalen Verhältnissen die zionistische Organisation mit seiner Vertretung betraut hätte, ist selbstverständlich. Ebenso bot der Krieg die rechtliche Handhabe, dem Jüdischen National f o n d s den Platz im Gläubigerausschuß zu verweigern. Die zionistische Organisation hat nach der Konkurseröffnung den Vorschlag gemacht, daß die drei hauptbeteiligten Faktoren je ein Drittel der die Zahlungseinstellung herbeiführenden Verpflichtungen decken sollten und sich zur Zahlung des auf sie entfallenden Drittels bereit erklärt. Dieses Angebot hat der Hilfsverein abgelehnt. Er machte der zionistischen Organisation dagegen den Vorschlag, daß sie die laut obiger Aufstellung fehlenden 80.000 M. allein und ä fonds perdu hergeben solle; außerdem sollte sie die Verpflichtung übernehmen, im Versteigerungstermin nach dem Kriege 235.000 M. zu bieten. Dieser Vorschlag war für die zionistische- Organisation unannehmbar. Sie machte dafür einen Gegenvorschlag, den der Hilfsverein ablehnte. Darauf wurde seitens der zionistischen Organisation der Versuch gemacht, in persönlichen Verhandlungen eine Verständigung zu erzielen. Das Resultat war die Feststellung, daß der Hilfsverein die durch den Krieg geschaffene günstige Lage unter allen Umständen ausnutzen wolle. Er verwies die zionistische Organisation aur die Möglichkeit, im Versteigerungstermin mitzubieten. Eine Ersteigerung aber war für die zionistische Organisation naturgemäß unmöglich, da der Hilfsverein, wie viel er immer auch bieten mochte,- in der Lage war, den größten Teil seines Gebots mit der Konkursquote für die von ihm vertretenen Forderungen zu verrechnen, während die zionistische Organisation fast ihr ganzes Gebot hätte in bar bezahlen müssen. So hat der Hilfsverein das Gebäude des Technikums mit Grund und Boden und Inventar in der Versteigerung am 24. März für den Preis von 225.000 M. erworben. Die Notwendigkeit der Konkurseröffnung während des Krieges war sachlich absolut imbegründet. Es hätte, wenn der Wille auf Seiten der Faktoren, die den Konkursantrag gestellt haben, vorhanden gewesen wäre, die Verschiebung bis nach dem Kriege durchgeführt werden können, denn es muß nochmals zusammenfassend betont werden, daß eine tatj sächliche Ueberschuldung des Instituts nicht vorhanden war. Ferner aber steht fest, daß das Vorhandensein von angeblich 80.000 M. dringender Forderungen keinen genügenden Grund der Zahlungseinstellung gebildet hat. In Wirklichkeit war nur eine wesentlich geringere Summe von unaufschiebbaren Verpflichtungen vorhanden und zu ihrer Deckung hätten sich selbst im Kriege Mittel gefunden. Dem Hilfsverein der deutschen Juden wird aus seiner Handlungsweise kein Heil erblühen. Er wird einsehen müssen, daß er durch sein Vorgehen weder seinen, noch den jüdischen Interessen, noch, wie er vielleicht glaubt, den deutschen Interessen einen Dienst erwiesen hat. Das jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina hat seinen Wert nicht in den Steinen und in dem toten Inventar. Seine Bedeutung liegt in den jüdisch - kulturellen Aufgaben. Und diese kulturellen Aufgaben kann kein Institut erfüllen, das sich auf die Dauer im Gegensatz zu den Wünschen und Lebensinteressen der Bevölkerung befindet, für die es errichtet ist. Zum Pessaihlest - dem Fest des jüdisdun Optimismus. Es sind nicht die Gefühle und Stimmungen, die uns sonst beseelen, wenn wir das Pessachfest teiem, mit denen wir heuer diese Tage kostbarer Erinnerung begehen. Einst konnte der Jude alle Schmach und Qual abschütteln, konnte aller scheinbaren Wirklichkeit zum Trotz, sich Herrscher fühlen von Fest- und Feiertagen und aus der bittersten Not und dem tiefsten Elend den lichten Glauben an den Wert der eigenen