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Jüdische Zeitung · 1915-03-26 · 12 (26.3.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
12 (26.3.1915)
Date
1915-03-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 In diesen Zahlen steckt eine gewaltige Arbeit. Außerdem muß in i Eetracht gezogen werden, daß sich die amerikanischen Zionisten an der Arbeit für den jüdischen Relieffund für die anderen Länder intensiv beteiligt haben. Es ist selbstverständlich, daß sich die führenden Zionisten, vor allem Dr. Schmarjah Levin, der allgemeinen jüdischen Hilfsaktion zur Propaganda in weitestem Maße zur Verfügung stellten. Augenblicklich ist man damit beschäftigt, ein Schiff mit Nahrungsmitteln nach Palästina zu senden, wobei die amerikanische Regierung in vornehmster Weise jeglichen Schutz gewährt. Dieses Schiff wird vom American Jewish Relief- Comitee, das das Zionistische Exekutivkomitee kooptierte, verschickt. Das Zionistische Exekutivkomitee beteiligte sich an den Kosten hiefür vorläufig mit 25.000 Dollar; außerdem hat unser Gesinnungsgenosse Nathan Straus, - der in großartiger Weise seine jüdische Opferwilligkeit betätigte, 50.000 Dollar für diesen speziellen Zweck gespendet, wie er sich gerade um diese Aktien ein besonderes Verdienst erworben hat. Das Zionistische Exekutivkomi'ee hatte auch sehen mit Erfolg die Organisierung eines neuen Marktes m Adnerika für die palästinensische Orangen- und Mandelernte begonnen. Inzwischen ist leider die Ausfuhr der palästinensischen Produkte durch das allemeine Ausfuhrverbot der Türkei unmöglich geworden. Alle diese Arbeiten waren nur durch die Anspannung aller nationalen Energien im amerikanischen Judentum möglich. Die zionistische Organisation Amerikas hat -sich in dieser Zeit J vollauf bewährt * Weitere große Aktionen sind notwendig.; Wie uns aus durchaus zuverlässiger palästinensischer Quelle mitgeteilt wird,, sind für die Aufrechterhaltung der Existenz der jüdischen Bevölkerung, sowie die Erhaltung der -Kolonien Palästinas monatlich 200.000 Mark unbedingt, erforderlich. Es wird daher von den an Palästina interessierten Organisationen beabsichtigt, auch in Deutschland eine große Hilfsaktion speziell für Palästina ins Werk, zu setzen,. Polnisdie Juöen. Von Dr. Georg Herlitz (Berlin). Eine ganze Weile hatte ich starke Bedenken,- dem Aufsatz über Geschichte, Lage und Zukunft der Juden Polens, um den mich die Redaktion gebeten hat, den obigen Titel zu geben. Denn die Bezeichnung „polnische Juden“ hat seit langer Zeit ihren rein geographischen Sinn verloren und eine stark verächtliche Färbung angenommen. „Polnische Juden“ — wem stellt sich nicht sofort beim Hören dieser beiden Worte die Charakteristisch-typische Vorstellung ein: ein gebücktes, scheu blickendes Männchen in langem, nicht ganz sauberem Kaftan, auf dem von Ringellöckchen an den Schläfen besäumten, bärtigen Kopt eine pelzverbrämte Mütze oder einen verfilzten Hut! So schiebt es sich mit ängstlichem und doch listigem Blick durch die Menge. Schmutz und gewinnsüchtige Verschlagenheit, das sina die beiden Eigenschaften, in denen sich .dem nichtjüdischen und jüdischen Westeuropa die «Jadenheit Polens charakterisiert. Nunbin ich gewiß der Letzte, der die notorisch vorhandenen ästhetischen und moralischen Mängel einesgroßen Teils der polnischen Juden nicht sähe upd zugabe. ln dem obersdilesischen Grenzbezirke beheimatet, habe ich häufig genug Typen polnischer Juden zu Gesicht bekommen, auf deren- Aussehen das Signum Schmutz und Verwahrlosung, auf deren Geschäftsgebaren und Lebensführung die Bezeichnung Unredlichkeit und Gewihngier zutrifft. Und dennoch soll man sich hüten, von „polnischen Juden“ mit jenem Unterton der 'Verachtung zu sprecnen. Denn jene Eigenschaften, die sie der Verachtung preisgeben, sind .die Wundmale ihrer Geschichte und sozialen Lage und .können sie schon darum nicht schänden. Verachtung aber muß zum Mitleid und zur Achtung werden, wenn man sich vorstellt,- daß •die letzte Ursache ihrer entsetzlichen wirtsdiaftfidhen, sozialen und rechtlichen Not; aus. der .doch allem die Häßlichkeit ihres Aeußem und .der Zwäng zur Unredlichkeit sich erklären lassen, in einem beispiellosen Idealismus, in der unbeugsamen iTreue zu ihrem Volkstum und Glauben zu suchen ist Man hat das jüdische Volk schon oft den Paria upter den Völkern genannt Für uns westeuropäische Juden mag dieses Wort nur in einer -entfernteren Bedeutung zutreffen, für die. Juden Rußlands jedoch und im besonderenfür. ihren in Polen sitzenden Hauptteil ist es Wahrheit in seiner verwegensten Bedeutung. Brutaler Machtwahnsinn einer schamlosen und verlumpten Hof- und Polizeidespotie hat die polnischen Juden durch abgefeimte und ausgeklügelte Maßregeln und Mittelchen bis zur Verzweiflung und zum Verzicht auf jeden Widerstand gequält. Von aller Welt verachtet und deshalb ohne Hoffnung, daß ihnen von außen her Befreiung kommen könnte, in ihrem Willen so zerbrochen, daß jede Neigung zur Selbstbefreiung ihnen fehlt, sind sie für die russische Regierung und ihre zahlreichen Instrumente bisher nur ein Objekt der Gesetzgebung geworden. Ihrezahlenmäßige Größe, die vielleicht die Volkszahl mancher für die europäische Politik -wichtigen Nation übertrifft, hat an ihrer politischen Stellung nichts zu ändern vermocht. Sie waren für Westeuropa kulturell eine unbekannte, verachtete Welt, politisch .eine quantite negligeable, für Rußland ein (zum Tode verurteiltes Volkselement, dem man nach dem Rezepte Pobjednoszevvs beizukommen versuchte. Da kam dieser Weltkrieg, der wie ein furchtbarer ßturmwind über das alte Europa dahinbraust, Völker und Staaten im blutigem Tanze durcheinanderwirbelt und überall das Unterste zu oberst kehrt. Und siehe da, wir erlebten ein merkwürdiges Schauspiel: Die verachteten und geknechteten polnischen Juden traten mit einem Male aus dem Dunkel ihres Ghettodaseins in das helle Licht europäischer Politik. Sie stehen urplötzlich im Mittelpunkt des europäischen 'Interesses, und es wird Zeit, daß sich wenigstens die in allen jüdischen Zeitereignissen beteiligten »und interessierten Kreise einmal die Frage vorlegen: „Was ist’s um die polnischen Juden und was wird aus ihnen?“ Das (ehemalige Königreich Polen ist heute der Hauptsitz der russischen Juden. Zwar'übersteigt die der Zahl außerhalb Polens gelegenen zum . sogenannten Ansiedlungsrayon gehörigen Gouvernements die der polnischen (14:10), aber ein raffiniertes Unterdrückungnssystem der russischen (Regierung zwang die Juden, aus den anderen Bezirken des „Rayons“ mehr und mehr nach dem Osten, nach Polen auszuwandern, so daß die zehn polnischen Gouvernements heute 75 Prozent aller Juden Rußlands, also 4—5 Millionen jüdische Seelen umfassen und in einzelnen Städten das jüdische Element 90 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. In anderen Ländern 'müßte solches Ueberwiegen einer Bevölkerungsschicht dieser auch eine politische, wirtschaftliche und soziale Vorrangstellung verschaffen. Nicht so in Rußland. Hier ist es einem bis;;ins Kleinste fein -ausgedachten... System gelungen, aus den zahlenmäßig Starken, die politisch, wirtschaftlich : und, sozial Schwächsten zu machen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, ipi Rahmen dieses kurzen Ueberblicks dies alles - durch Statistiken zu belegen, aber zwei Zahlen, die die Situation der polnischen Juden wie mit einem grellen Blitz beleuchten, mögen doch hier ihren Platz finden. Im Jahre 1912 betrug die Zahl der polnischen Juden, die völlig von Unterstützung durch andere leben, der sogenannten „Pauper“, 25 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. iMan bedenke, ein Viertel der in Polen liebenden Juden ist überhaupt nicht imstande, sich selbst zu ernähren. Und die zweite Zahl: die jüdische Gemeinde in Warschau mit 340.000 (Mitgliedern bringt aus Steuern jährlich knapp eine halbe Million Mark auf und 25 Prozent ihrer (Mitglieder sind nicht in der Lage, den Steuermindestbeitrag von 2 Rubeln jährlich zu bezahlen. Will man verstehen, wie es möglich wurde, die einstens (vor der Angliederung an Rußland) wohlhabende und wirtschaftlich1 wohlorganisierte Judenheit Polens auf diesen Standard ot life herabzudrücken, so mub man bei dem schamlosen System des Ansiedlungsrayo'ns beginnen. Es ist bekannt, daß dieses den Aufenthalt im gesamten russischen Reiche nur einer kleinen Schicht der Juden, den Kaufleuten I. Gilde (Kaufleute, die eine jährliche Handelssteuer von 800— 1000 Rubeln zahlen), Akademikern, Handwerkern und Kontrolldimen einräumt und immer neue Mittel findet, den Kreis dieser Privilegierten durch schikanöse. Ausdeutungen zu beschränken. Die notwendige Folge davon jst, daß sich die wirtschaftlich Schwachen in dem Ansiedlungsrayon, (vornehmlich in Polen, wo relativ noch die größte Freiheit herrscht, sammeln müssen und ein Heer von Händlern, Hausierern, kleinen. Handwerkern und Nichtstuern sich hier zusammengefunden hat. Bei der völligen Gleichartigkeit des Erwerbes, dem die Hauptmasse der polnischen Juden durch das System des Ansiedlungsrayons nachzugehen gezwungen ist, ist es selbstverständlich, daß jeder jedem Konkurrent ist und schließlich keiner etwas verdient und besitzt „Das rennt von morgens bis in die Nacht nur fiinter eineriii Gedanken, einer Hoffnung her: zehn Kopeken“; so schildert in einem einzigen Sätze Kurt Aram in seinem jüngst erschienenen Buche „Der Zar und seine Juden“' die Situation der polnischen Juden. Und in all dieser Not keine Hoffnung auf Besserung!-Denn nicht 'genug damit, dab man diese armen Menschen in, die bitterste Not" Kineingezwängt hat, hat man. ihren Kindern auch jede Mögjichkeit zu wirtschaftlichem und kulturellen Aufstieg genommen. Da diese Vorbedingung zum Eintritt in eine sozial und wirtschaftlich höhere Schicht auch in Rußland der Besitz einer Summe von allgemeinen Kenntnissen ist, so setzte die russische Regierung hier den Hebel an, um die polnischen Juden auch in Zukunft niederdrücken zu können. Sie führte für die Zulassung von Juden zu Universitäten und Schulen die Prozentnorm ein, die die Ziffer der jüdischen Schüler in einer Schule und Universität von der der christlichen abhängig machte und so den Schulbesuch für Juden zu einem Privileg der Begüterten erhob, die es sich leisten können, durch Bezahlung des Schulgeldes für zehn neue christliche Schüler einem neuen jüdischen Schüler die Pforten der Schule zu eröffnen. Nach dem Willen der russischen Regierung sollen eben die Juden Polens in ihrer Masse armselige Schacherer und Taglöhner bleiben, sie sollen nicht zu wirtschaftlicher Freiheit gelangen, weil ihnen diese womöglich die Fähigkeit verleihen könnte, die Wege zu ihrer politischen Freiheit zu finden. Schneller, als jemand envarten konnte, sind uns Juden Westeuropas diese furchtbaren Bilder der Not unserer Brüder in Polen, vor denen gar mancher wie vor einem Schandfleck Europas die Augen schloß, in greifbare Nähe gerückt worden. Der europäische Völkerkrieg hat Polen zu einem der Schauplätze des Kriegstheaters gemacht und heute ist der größte Teil Polens bereits von deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen besetzt. Als die Bringer .von Freiheit und Recht haben sich die Führer dieser Heere den Juden Polens angekündigt, und wie ich bei einem kürzlich erfolgten Besuch Oberschlesiens selbst erfahren habe, bringen ihnen die Juden alle ihre Hoffnungen, alle ihre Freiheitssehnsucht entgegen. Wird diesen Wünschen, uno Hoffnungen Erfüllung werden? Wir danken dem Schicksal, das unseren jüdischen Kämpfern die Möglichkeit gibt, indem sie für das Vaterland kämpfen, gleichzeitig an den größten jüdischen Aufgaben mitzuarbeiten! („Jüdische Presse“.) Zionisten im Eelfle. Ara 1. März 1. J. fiel unser Gg. Heinrich Freund, Baukommissär der k. k. Staatsbähnen und k. u. k. Leutnant d. Res, Nachdem er sich in Galizien und in Polen wiederholt ausgezeichnet und zur Dekorierung vorgesdilagen war, fand er nun an der Spitze. seiner Kompagnie in den Karpathen den Heldentod. In Polen wurde er kurz vorher, .als er ,in einen Sumpf gefallen war, durch seinen jüdischen Diener Abraham Kraus, im heftigsten, feindlichen Kugelregen vom sicheren Tode errettet. Die sfberne Tapferkeitsmedaille schmückt bereits die Brust dieses heldenhaften Soldaten. Er selbst hat die ihm zugedachte Auszeichnung nicht erlebt. Durch seinen Edelsinn und sein wahrhaft jüdisches Wesen hat er sich nicht nur allerorts Sympathien erworben, sondern iauch -dem Namen „Jude“ die gebührende Achtung zu verschaffen gewußt. Alle die ihn kannten, werden ihm dauernd ein ehrendes Andenken bewahren. Die Deutsche Regierung für die ausländ. Juden. ln der Rostocker jüdischen Gemeinde haben nur mecklenburgische Staatsangehörige Stimmrecht. Als die Mecklenburgische Staatsregierung die Rostocker Gemeinde ersuchte, das Gemeindestimmrecht ebenso zu regeln, wie es in Schwerin geregelt ist, benutzten die j üdischen Assimilanten die Gelegenheit, die ihnen lästigen Ausländer, besonders galizische Juden aus der Gemeindestube zu entfernen. Selbst das Eingreifen des als Regierungsvertreter fungierenden Bürgermeisters und der Hinweis aut die Waffenbrüderschaft der befreundeten Monarchie halfen nichts. Nun hat auf eine Beschwerde die mecklenburgische Regierung den Beschluß des .Gemeindevorstandes aufgehoben, sodaß wohl alles beim Alten bleiben, wird. Büdiercduu. Isak Noa Mannheimer, Aus seinem Leben und Wirken von Dr. M. Rosenmann, Zweite erweiterte Auflage. Verlag R Löwit, I., Rotenturmstraße, Preis K 1.80. Diese 40 Seiten starke, vornehm' ausgestattete Broschüre bringt neben einer auf Grund neuester Quellenforschungen gearbeiteten eingehenden Würdigung von Mannheimers Leben und Wirken, auch reiches zum Teil noch unveröffentlichtes Bildermaterial, ferner in einem besonderen Anhang sechs völlig unbekannte und hier zum erstenmal gedruckte Briefe und als Beilage auf Kunstdruckpapier das Faksimile einer Seite des Tagebuches, auf der die Märzereignisse des Jahres 1848 von Mannheimer eigenhändig registriert erscheinen.

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