Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 12 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG NRTIDmL -JÜDI5CHE5 QRGRN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS» ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■. . täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- — - refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjihr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — . Telephon 45.325. ■ Nr. 12. Wien, Freitag, den 26. März 1915._ IX. Jat rgang. Konzert zugunsten des Armenambulatoriums des zionistischen Zentralkomitees im Großen Musikvereinssaal, Mittwoch, den 31. März. PROGRAMM: Bet h oven: Coriolanus-Oitvertiire.Rerlioz: Träumerei u Capriccio iVioline: Prof. Arnold Rose). Bach: Atie (Kammersängerin Frau Förstel-Links). Richard Strauß: Burleske (Fr. Wera Schapira-Specht). Nach der Pause: . Gustav Mahler: 3 Lieder aus .Des Krähen Wunderhorn“ (Kammersän erin Frau Förstel- Links). Schubert: H Moll-Symphonie. Orchester: Tonkunstlerorchester. Dirigent: Dr Karl H o r w i t z. [/„-Ton zu K 10.—,6.—, 4 —, 3 —. 2 - und 130 an rval ICH jier Kassa der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde, I., Karlsplatz 6, bei Kehlend« fer, I. Krugerstr. 3, Kartenbüro Thorn. I., Himmelpfontasse 20 und im Zionistischen Büro, lt. Zirkusgsse 33. Pessaditage. Dem jüdischen Volke von heute ist eine Fähigkeit abhanden gekommen, die mehr als andere Eigenschaften ihm sein Dasein in den Jahrhunderten der Not ermöglichen. Der Jude von einst konnte mit einer einzigen Willens - anspannung all die Sorgen des Alltags von sich schütteln und frei und unbedingt sich und seinem Gotte leben. Wir können heute nur ahnen, was diesen gequälten Menschen des mittelalterlichen Ghettos ein solcher Festtag ,in Freiheit und Ungebundenheit bedeutete. Wie er da alter Häßlichkeit des Werktages ledig, seinen Wert als Jude und Individium fühlte, wie ihm dje Schönheit dieser Festtage Entschädigung boten für allen Jammer seines Werktages. Wie er Mut und Reinheit aus diesem Leben mit seinem Gotte schöpfte. Wir Juden von heute sind dieses echten Glückes bar, nur äußerlich unterscheidet sich für uns Festesfeier und Alltag, indem wir unsere Hände von gröbster Arbeit lassen und uns physischer Erholung hingeben. Unsere Geschäfte, Fabriken und Büros sind geschlossen, wir selbst aber haben für unsere inneren Menschen nichts von dieser Ruhe. Aber wir haben nicht die Sehnsucht mit uns allein zu sein, vor uns selbst Rechenschaft abzulegen über unser Handeln. Kein Festtag offenbart diesen Unterschied mit hellerer Deutlichkeit als das Pessachfest. Dem Juden von einst waren die Pessachtage Zeiten des echten Freiheitsgefühles, ln diesen Tagen fiei alle äußere Knechtschaft von ihm ab, sichtbar wurde seine innere Freiheit, die er sich inmitten des qualvollsten Martyriums, das ein Volk je erlebt hatte, bewahrt. Ueber die dunkeln Gassen des Ghetto ging sein Blick hinaus in die große Vergangenheit iseines Volkes., um dort , den Glauben an eine bessere glücklichere Zukunft zu holen, den ihm der Werktag nur allziioft zu untergraben drohte. Vor seinen gläubigen' 'Augen stand das langersehnte Zion in altneuer. Pracht, und Glück und Frieden herrschten in'diesem Reiche Gottes.■' Und . mochte ihm und seinem'" Glauben die Wirklichkeit noch so unrecht geben, mochte die gewalttätige Tatsachenwelt seine Hoffnungen^ noch so unmöglich erscheinen lassen, sein Vertrauen wankte nicht und wich nicht. Und so nahe dünkte ihm die Erlösung, dab er dem Heilsbringer am Sederabend mit dem begrüßenden Becher in der Hand bis zur Tür entgegenging. Eine symbolische Handlung, deren echte Bedeutung jedem Juden voll und ganz bewußt war. < Was aber bedeutet , uns heute das Pessachfest, diese Feier der Freiheit? Ist es uns mehr als eine Anzahl von Zeremonien, deren Bedeutung wir mit unserem Intellekt mehr verstehen, deren innerster Sinn, das gefühlsmäßige Miterleben' der Handlungen, uns aber längst verloren gegangen ist. Wir ahnen nichts von dem Freiheitsgefühl des Ghettojuden, den wir so mißachten. Uns unterscheiden sich dies 2 Tage nur äußerlich von den Werktagen. Uns ist die Vergangenheit nichts, und in Wahrheit auch die Zukunft nichts. Wir sind mit ehernem Bande, an die Gegenwart geschmiedet und kommen auch für Augenblicke nicht von ihr los. Ihre Geschäfte und Inhalte lasten zu schwer auf /uns. Und so leben wir trotz der äußeren Freiheit doch in innerer Knechtschaft. Und hob den Juden von feinst Sein Glaube an die Zukunft empor, so begnügen wir uns mit einem Opportunismus, der überall Kompromisse schließt, weit ihm der Mut abgeht, und mit einem Optimismus, der den Tatsachen nicht ins Auge schaut, sondern feige sich die guten Seiten heraussucht, um die dunkeln nicht sehen zu müssen. Daneben wieder macht sich ein Skeptizismus breit, der mit Woi'-sl alles wunde und böse aufreißt um des Bess:.- wissens willen. Und doch täte uns unser alter jüdischer Glauben not. Wir gehören einer Zeit an, in der die Weltgeschichte neue Bahnen einschlägt und die Wogen dieses Geschehens bedrohen alles in seiner nacktesten Existenz. Nichts ist fest, alles ist im Fluss begriffen und heute weiß keiner, was der Morgen bringen wird. Die Umwelt ist voll von Gefahren, Menschen und Dinge lauern in Hinterlist und was als gut und recht galt, scheint im Ringen der Völker rettungslos untergegangen. Darum müssen wir unseren längst verschütteten Judenglauben an den Sieg der Gerechtigkeit zu befreien trachten, müssen zuversichtlich der Zukunft ins Auge schauen und hoffen und hoffen. Und wenn wir in diesem Jahr um den Sedertisch sitzen, wenn wir uns nicht anlehnen dürfen, weil jeder Augenblick den Rut zum Weiterwandern bringen kann, dann wollen wir doch trotz allem unseren felsenstarken Judenglauben hochhaiten: unser Vertrauen auf eine glückliche, reine jüdische Zukunft. Oeufsdie Welfpolilik uni lürltische Entuidtlung.; In dem vom Kartell Jüdischer Verbindungen zugunsten des Roten Halbmondes veranstalteten Vortragszyklus im Preußischen Abgeordnetenhaus sprach am 17. März Dr. Ernst Ja eck-h über „Deutsche Weltpolitik und türkische Entwicklung“. Er führte aus, daß die Erwartungen auf die mit Notwendigkeit erfolgende Auflösung der Türkei, die jahrzehntelang genährt worden sind, vollständig unberechtigt gewesen seien. Der türkische Orient trägl'.Jcöi. neswegs den Keim des Unterganges - in -Vsich; Allerdings haben sich die Mächte :des 'DrewetO bandes systematisch bemüht, die Türkei der Auflösung zuzutreiben. Die Türkei ist aber gerade durch die vom Dreiverband vorbereiteten Balkankriege gestärkt worden. Der Niedergang Vorderasiens, der durch dessen Herausdriingimg aus der Weltstraße zwischen Orient und Okzident una die jahrzehntelang getriebene Politik der europäischen Mächte verschuldet sei, werde nach der siegreichen Beendigung des Krieges durch systematische Arbeit in sein Gegenteil verwandelt werden müssen. Die erste Vorbedingung für ein wirtschaftliches Aufleben des türkischen Orients hat die Beseitigung der Kapitulationen schaffen müssen. Die zweite unerläßliche Voraussetzung eines wirtschaftlichen Aufschwunges ist die Durchführung einer großzügigen Agrar-Reform. Das wichti ste aber ist, daß die Türkei für eine erfolgreiche" Friedensarbeit das richtige Menschenmate; r i a« bekommt, das die Durchführung reicher Kulturarbeit ermöglicht und die Entfaltung der inneren Kräfte des Orients verbürgt. Im Zusammenhang mit der Frage des Mcnschenmaterials erörterte der Redner, daß eine Besiedlung der Türkei durch deutsche Kolonisten nicht anzuempfehlen sei, wie es schon Ge; neralfeldmarschall von der Goltz dem Sultan Abdul H a m i d erklärte. Darum kämen außer den Armeniern hauptsächlich die Juden als Siedler in Betracht, die schon bisher reichen" Anteil an der Wirtschaftsentwicklung der Türkei genommen haben. Die Türkei könne hi der Arbeit des für diese Ziele organisierten- Ji*. der'ums eine wertvolle Hilfe finden. Die Vor-;• Umsetzung einer dauernden Verwendung des jüdischen Elements als Bindeglied zwischen Orient und Okzident sei natürlich die Ottomanisierung der sich in Vorderasien ansiedelnden Juden. Die Türkei braucht ein zahlreiches Siedler-Element für Vorderasien, und die Juden bringen besondere Qualitäten mit, die für die Herstellung eines neuen Verhältnisses zwischen Orient und Okzident cnfscheidend werden können. Der Vortrag fand den lebhaften Beifall der sehr zahlreichen Zuhörerschaft. — Den letzten Vortrag im Vortragszyklus des Kartells Jüdischer Verbindungen wird am 24. März Dr. Alfons Paquet über „Erlebnisse in jüdischen Kolonien“ halten. Die Tätigkeit des Zionistischeii Exekutivkomitees in Amerika. In der letzten (Zeit sind weniger Einzelheiten über die Tätigkeit des Zionistischen Exekutivkomitees in New - York veröffentlicht worden. Es hat aber während der ganzen Zeit den größten Teil seiner Spannkraft und Aufmerksamkeit den zionistischen Institutionen und der Hilfe, für die notleidende jüdische Bevölkerung in Palästina gewidmet. Es war das keine leichte Aufgabe:in Anbetracht dessen, daß die jüdische Katastrophe überall solche ungeheuren Dimensionen angenommen hatte. ■Es ist dem Zionistischen Exekutivkomitee bis jetzt gelungen, den zionistischen . Institutionen: in .Palästina 21,700 Dollar zu überweisen.-Ferner haben die Zionisten 17,008,68 Dollar nach Päf lästina'für Hilfszwecke gesandt^ außen daß. nach andere, nicht-zionistische Gruppen organisiert’ würden, welche durch das Zionistische Exekutivkomitee ca. 40.000 Doliar. nach Palästina für Hüfszwecke gesandt haben: Schließlich hat das Zionistische Exekutivkomitee auch - die Ueber^ Vyejsüng Von : Geldern an Privatpersonen und wq|i|t;j$giei,.Änstal,en in Palästina übernommen, Es.yfet-^Sgelungen,.. auf. diesem Wege fernere Dollar- :-riach ■1 Palästina Zubringen.. .'-'1 ir.-jri.irW j;. :• K