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Jüdische Zeitung · 1915-02-26 · 8 (26.2.1915) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
8 (26.2.1915)
Date
1915-02-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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»MC NATIONAL -JUDI5CHE5 ORGAN »Mi Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ |VWl B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ m täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für O'sfer- B refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. ,Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—. ha’hjnhr. Mk. 5.—. vierteli^r. _ (ytk 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 8. Wien, Freitag, den 26. Feber 1915 Zur Beachtung! Die Telefonnummer der Zionistischen Büros, der Jüdischen Zeitung, des Jüdischen Nationalfonds usw. lautet nunmehr 45.325 (Automat). Die Naturalisation Oer Juden in Oer Türkei unO Oie Nage in Palästina. Ueber die Behandlung der russischen, englischen und französischen Juden in der Türkei sind in der letzten Zelt in der europäischen und amerikanischen Presse zahlreiche Berichte veröffentlicht worden, die stark voneinander abweichen und auf Genauigkeit keinen Anspruch erheben können. Demgegenüber sind wir in der Lage, die folgenden authentischen Erklärungen mitzuteilen, die der Vertreter des Zionistischen Actions- Comites in Konstäntinopel, Herr Richard Lichtheim, auf Befragen verschiedener Zeitungskorrespondenten abgegeben - hat: Seit der Einwanderung der Juden aus Osteuropa nach der Türkei, besonders nach Palästina, war es das ständige Bestreben der zionistischen Organisation, die türkische Regierung davon zu überzeugen, wie wertvoll die jüdische Arbeit f ür die Entwicklung der Türkei sei, und demgemäß Erleichterungen für die Einwanderung und die Naturalisation der Juden zu erlangen. Im vorigen Jahre hat die türkische Regierung den „roten Paß“ abgeschafft, welcher die Einwanderung der Juden hinderte, da er ihren Aufenthalt in Palästina auf 3 Monate beschränkte. Als die Türkei im Herbst vorigen Jahres in den Weltkrieg verwickelt wurde, hatten wir große Befürchtungen wegen des Schicksals derjenigen Juden, welche den Nationen ängehörten, mit welchen die Türkei im Kriege liegt. Insbesondere waren wir um das Schicksal von etwa 50.000 russischen Juden in Palästina besorgt. Gerade die Juden Palästinas waren besonders gefährdet, denn in Palästina bereiten die Türken den Feldzug gegen Aegypten vor und die Küste Palästinas ist von der englisch - französischen Flotte bedroht. Es lag die Befürchtung nahe, daß gerade dort besonders harte Maßregeln gegen die feindlichen Ausländer ergriffen werden würden. In dieser Situation bewies die türkische Regierung, daß sie die jüdische Bevölkerung sehr wohl zu schätzen verstehe. Sie gestattete nämlich den Juden, ottomanische Untertanen zu werden. Während das Gesetz vorschreibt, daß ein fünfjähriger Aufenthalt in der Türkei und die Zahlung -einer Steuer zur Naturalisation erforderlich sind, können nunmehr alle Juden, gleichgültig, wie lange sie in der Türkei wohnen, und weicher Nationalität sie sein mögen, ottomanische Untertanen werden. Die Steuer hiefür wird von ihnen nicht pro Kopf, sondern' pro Familie erhöben und die arme Bevölkerung, ist ganz hiervon befreit. Ferner .sind die jetzt-naturalisierten Juden für ein Jahr vom Militärdienst frei. Diese Bestimmungeil weisen ganz deutlich das prinzipielle Wohlwollen der Regierung, welche die Juden offenbar im Lande behalten una als Bürger gewinnen will. Andererseits wurde leider bestimmt, dab diejenigen Juden feindlicher Staaten, welche nicht Ottomanen werden wollen, nach Ablauf einer bestimmten Frist die Türkei verlassen müssen. Bevor diese Angelegenheit definitiv entschieden war, haben 'äm 17. Dezember die Lokalbehörden in Jaffa ohne Wissen der Zentralregierung einige' hundert jüdische Familien — 600 Personen — ausgewiesen und nach Aegypten transportiert. Als diese Nachricht nach Konstantinopel gelangte, wurden sofort die nötigen Schritte eingeleitet und die Regierung erließ am nächsten Tage einen Gegenbefehl, der weitere Ausweisungen verhinderte. Dieses erfreuliche Resultat ist hauptsächlich durch das rasche Eingreifen des deutschen Botschafters erzielt worden. Es wurde dann den russischen, englischen und französischen Juden eme neue Frist von einem Monat gestellt, innerhalb deren sie ottomanische Untertanen werden oder die Türkei verlassen sollten. Die Folge war;-: daß viele Tausende von Juden (in Palästina etwa 29;000). die ottomanische Staatsangehörigkeit erwarben. Inzwischen wurden in Konstantinopel-, die Bemühungen zugunsten der Juden fortgesetzt und in den letzten Wochen wurde erreicht, daß die Regierung auch die Bestimmung vorläufig suspendierte, wonach die Juden, welche feindliche Untertanen bleiben, nach Ablauf eines Monats ausgewiesen werden sollen. Das ist heute die Sachlage. Die guten Absichten der Zentralregierung wurden jedoch leider durch die Haltung einiger Beamter in Palästina mehrfach durchkreuzt. Die Ausweisung von 600 Juden aus Jaffa wurde bereits erwähnt, welche naturgemäb die größte Beunruhigung hervorriet.' In den letzten Wochen ist die Anglo-Palestine Company, welche schon einmal zu Beginn des Krieges geschlossen worden war, dann aber auf Befehl der Zentralregierung wieder (mit Ausnahme der Jaffaer Filiale) ihre Tätigkeit aufnehmen durfte, aufs neue gesperrt worden. Die Behörden! in Jaffa haben sogar mii der Auflösung der Bank gedroht, weil die von der Bank wegen allgemeinen Mangels an Zahlungsmitteln unternommene Ausgabe registrierter Schecks gegen! das Notenprivileg der Ottomanbank verstoßen habe. Endlich haben einzelne Beamte, welche unter dem augenblicklichen Kriegszustand in Palästina eine Rolle spielen, ihre persönliche Feindseligkeit gegen die Juden und gegen den Zionismus durch Schikanen, wie Verhaftungen, falsche Auslegung der von Konstantinopel ergangenen Befehle und Verbot von Nationalfondsmarken zu bekunden gesucht. Durch dieses Vorgehen einzelner Beamter geriet leider der Naturalisationsprozeß ins Stocken, mehrere tausend Juden sind ausgewandert und die Stimmung .wurde sehr gedrückt. In Konstantinopel wurde natürlich alles Erdenkliche getan, diesem Zustand ein Ende zu machen. In den letzten Tagen ist bereits (eine Besserungeingetreten, die hoffentlich anhaltcn wird. IX. Jahrgang Es besteht angesichts der Haltung der Regierung auch gute Aussicht, die Wiedereröffnung der Anglo-Palestine Company durchzusetzen oder zum mindesten ihre Auflösung zu verhindern. Weitere Ausweisungen der nichtottomanisierten russischen Juden sind ebenfalls unwahrscheinlich geworden. Endlich muß immer wieder betont werden, dab trotz der Schwierigkeiten, welche in der politisdhen Situation liegen, die leitenden . Staatsmänner der Türkei großes Verständnis für ‘die Bedürfnisse der Juden gezeigt haben, obwohl nicht immer unsere Wünsche völlig erfüllt worden sind. Wir. dürfen nicht zu optimistisch sein una dürfen nicht vergessen, daß die Welt den schrecklichsten Krieg aller Zeiten erlebt. Aber wir dürfen auch sagen, daß die hier gegebene Darstellung, keineswegs zu optimistisch gefärbt ist und daß wir hoffen können, auf das jüdische Kolonisationswerk in Palästina und die Juden in der Türkei die jetzige Krise überstehen werden, wenn die zionistische Organisation und ihre Institutionen sich den politischen und wirtschaftlichen Erfordernissen gewachsen zeigen und wenn die materielle Hilfeleistung aus Amerika andauert. Weit schlimmer als gelegentliche feindliche Akte einzelner Beamter lastet auf der jüdischen Bevölkerung Palästinas die wirtschaftliche Not, die der Krieg, das Aufhören des Exports und Imports, der Geldmangel und die Requisitionen der Armee mit sich gebracht haben. Hiergegen ist rasche Hilfe nötig, und diese kann nur von . der gemeinsamen Anstrengung aller Juden. kommen.

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