Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 6 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHE ZEITUNG Nr. 6 Innern gratis zu verabfolgen; der Mehrbedarf i wird aus den eigenen Mitteln des Ambulatoriums bestritten. Aus diesen Mitteln werden auch die ' kleinen Patienten des Kinderarztes mit Anweisungen aut Milch für die Dauer von je zwej bis drei Wochen versorgt Die Aerzte des Ambulatoriums haben täglich Gelegenheit das Flüchtlingselend aus i nächster Nähe zu beobachten, und es erj gäbe sich noch manche andere Notwendigkeit j im Rahmen des Ambulatoriumsprogrammes Gutes zu tun. Leider reichen hiezu die bisher aufgebrachten Mittel nicht hin. Auf den Aufruf des Ambulatoriums ist zwar (wie unsere Leser aus der Spendenliste ersehen können) bisher ein Betrag von zirka K 13.000.— eingeflossen, doch ist das allgemeine Interesse noch nicht rege genug, um der Anstalt die verdiente materielle Unterstützung dauernd zu sichern. Hoffentlich ändert sich dies schon in nächster Zukunft zum Bessern, was im Interesse der bedauernswerten Opfer des Krieges lebhaft zu wünschen wäre. | Berthold Marmorstein. | Die schmerzliche Nachricht vcn dem Verluste unseres lieben Gg. Architekten Dr. Berthold Marmor|stein hat sich nun doch als wahr erwiesen. Schon in den blutigen Septemterkämpfen auf den Schlachtfeldern Galiziens .und Polens ist dieser treuer und hochbegabter Anhänger der zionistischen Idee für Oesterreichs Ehre und Zukunft gefallen. Fast wie ein Sinnbild des lang gehöhnten und nun als so zuverläsii r und unvergleichlich heldenmütig erkannten jüdischen Reserveoffiziers erscheint uns dieser grüblerische,; manchmal seltsam ans Aesthetentum gemahnende Künstler mit dem feinen ironischen Zucken um den. Mund, der aus all dem Sinnen und Tun seines wohlgeschützten Daseins in die Gefahren und die Beschwerden des Krieges ging. ' Aus den Anfängen seines vielverheissenden Lebensweges ist Dr. Marmorstein he-aus- £e iss si'Iwd de.’. |Er ^ani kein <Gerüge r’a ai, cseii architektonisches Können nach auf den Schulen eingelemten Schemen und Mustern auszunötzejn, in ihm lebte etwas von dem Revolutionär der Kunst, »:fer ganz neue Wege (sucht, weil ihm die bisher betretenen unwahr und veraltet er- •sdieätien. Sein Interesse und sein jnafional jüdisches bekenntnis drärg‘e ihn zur Durchforschung der alt orientalischen Kunrlfschätze, die die Ausgrabungen unserer Zeit wieder ans Tageslicht gebracht haben. .Und er suchte und fand, daß die altorienta'ische Kunsft viel lebendiger 'und echter künstlerischer Ausdruck des Lebensgefühls des vorderasiatischen Kulturkreises sei und dass im letzten Grunde diese aytorientalische Kunst das Material gebejen hat, das Jahrhunderte später über die mykenisch-kretischc Brücke des vom antiken Hellenentum verwertet wurde. Noch ist uns da Abend in lie’ls'er Erinnerung, an dem der nun Tote diese in langwierigen Kämpfen errungenen Erkenntnisse uns mit jenem liebenswürdigen Selbstgefühl vortrug, dass sein ganzes Wesen kennzeichnete. Und nicht zufrieden mit diesen theoretischen Erkenntnissen hat er praktische Folgerungen für sein eigenes Schaffen zu ziehen gesucht. (Wie sehr er sein ganzes Können in den Dienst (der Zionistischen Idee stellte, (wird' laus doi Arbeiten ersidit'ich, die er dem letzten Zionistenkongress in Wien gewidmet hat, dem' grossen Herzlbild, das den Kongresssaal schmückte und den kunstvoll ausgeführten Plakaten für den Kongress; auch das viel bewun^e-te einfache und doch so eindrucksvolle Kongreßabzeichen ist sein Werk. Nur die W'enigsten kennen sein Werk, nein, die Ansätze zu seinem Werke die das Schicksal nicht ausreifen ließ. Wir alle aber, die den Menschen, Forscher und Küns+ler Marmorstein gekannt haben, die seine heisse Liebe zum jüdischen Volk ahnten, wir wrerden ihm ein dauerndes Gedenken bewahren. Bedeutsame Sitzung der flnglo Jewish Association in Gonöon. (Bericht des „Frankfurter Isr. Familienblatt.) Claude Montefiore, der Präsiden', er- -öffnete die Sitzung mit einem Nachruf auf Narcisse Lewen, den Präsidenten der Allianz« Israe- Iite Universelle. Edelmann, der amerikanische Virekonsul in Jerusalem, ergriff als Gast das Wort, schilderte»!-ie kritisdie Lage der Juden Palästinas und forderte zu Spenden auf; das amerikanische Konsulat werde die Verteilung übernehmen. Dr. G a s t e r, der Chief-Rabbi der portugiesischen Gemeinde, brachte eine Resolution ein, daß das Ver. Komitee der Anglo Jewish Association und des Board of Depulies, dem' die Erledigung won Fragen bezüglich (der Juden ihn1 Ausland obliegt, vergrößert wrerde und besser die Interessen der Gesamtjudenheit vertrete. Besonders sei es notw'endig, daß jetzt die Zionisten in dem Komitee vertreten seien. Die Verwirklichung des Zionismus sei jetzt nahe, w’enn alle Juden einig seien und nach einem bestimmten Plane handeln. Jetzt sei der Zeitpunkt, da die Ziveifausendjährige jüdische Frage gelöst W'erden könne. Werde dieser Zeitpunkt versäumt, dann sei für uns Juden vielleicht alles verloren. Lucien Wolf,, der bekannte politische Schriftsteller, widersprach vdern Vorredner. Es sei durchaus nicht ei her,,daß Palästina 'den' Juden angeboten wrerde. Eine Vergrößerung des Vereinigten Komi?es sei nicht erforderlich. Joseph Kisch, eines der wi lligsten Mitglieder der Association, sprach die Ansicht aus, daß es unmöglich sei, jetzt die Zionisten zu ignorieren. Sie seien die . Vertreter der Gesamtjudenbeit und müßten daher auch im Vereinigten Komitee sitzen. . , Dr. Gast eV'feHdlrte darauf in ernsten Worten, fa'ls nichts .geändert werde, werde eine Spaltung eintreten;"' Trofziem wurde die*- Resolution D“. Gasters mit 7 gegen 5 Stimmen ab-re'ehnt. Ebenso fiel -eine Resolution Josenh Cow'ens durch, die die Auflösung des Vereinigten Komitees und Bildung eines neuen Komitees verlangte. Die Zicnisten envägen nunmehr die Frage ihres Austrittes aus der Anglo Yewish Association. 1 Interessant ist, daß auch Claude Mon+efiore, der Präsident der Association und bisher einer der extremsten Vert-e*er der Assimilation, den' Zionismus als die Vertretung des jüdischen Volkes jetzt anerkennt und es für richtig hält, sich dieser Tatsache nicht zu wudersetzen, sondern mit ihr zu rechnend Nach seiner Meinung dürfen die Gegner des Zionismus, die in Wrlclichkeit die Minderheit des jüdischen Volkes seien, sich nicht der Mehrheit entgegenstellen, und es sei daher ihre PFiclit, auf der künftigen Friedenskonferenz im Sinne der Mehrheit des jüdischen Volkes die jüdische Frage zu behandeln und Palästina für das jüdische Volk1 zu erlangen. Juden und Polen. Unter diesem Titel .ist in der polnischen Wochenschrift „Now’iny Wiedenskie“ ein Artikel erschienen, welcher von Herrn Moses Frostig als Redakteur des jüdischen „Lemberger Tagblattes“ gezeichnet ist. Auf diesbezügliche Anfragen teilen wir mit, daß dieser Artikel lediglich persönliche Anschauungen des Herrn Frostig enthält und durchaus nicht als eine Kundgebung der zionistischen Partei 'gewertet werden darf Eingeholte Informationen haben ergeben, daß dieser Artikel veröffentlicht wurde, ohne vorhe irgena einem zionistischen Komitee vorgelegt worden zu sein. Zentralfonös. Das Aktionskomitee der Zionistischen Organisation hat sich an die Gesinnungsgenossen und an alle bewährte Freunde der zionistischen Arbeit mit der dringenden Aufforderung gewendet, in diesem Augenblick, da die zionistische Organisation außerordentlichen Aufgaben gegenübersteht, die Leitung nicht finanziell im Stich zu lassen. Das Aktionskomitee hat zur Zahlung der Beiträge für den Zionistischen Zentralfonds — einschließlich der für das Hebräische Schulwerk bestimmten Leistungen — aufgefordert. Viele unserer Freunde und Gesinnungsgenossen haben verstanden, daß es die unerläßliche Pflicht jedes Zionisten ist, diesem Ruf Folge zu leisten. Die Liste der bisher eingegangenen Spenden beweist, daß die zionistische Organisation des Beistandes ihrer Anhänger sicher sein kann. Viele Namen fehlen aber noch in dieser Liste. Darum werden alle Gesinnungsgenossen aufgefordert, jetzt sofort mit der energischen Propaganda I für den Zionistischen Zentralfonds eini zusetzen. - Das Zionist. Büro in Kopenhagen. Laut beschluß des großen Actions-Comitees der zionistischen Organisation ist in Kopenhagen ein Bureau errichtet worden, das seit Ende Januar seine Tätigkeit begonnen hat. Mit der Leitung dieses Bureaus sind die Herren Dr. Tschlenow, N. S o k o I o w und Leo M o t zk in. betraut w'orden. Als eine im neutralen Auslande befindliche Institution, bezweckt das Kopenbagener Bureau, dazu beizutragen, den Zusammenhanginnerhalb der 'zionistischen Organisation aufrecht zu erhalten und die Arbeit in solchen Ländern, in denen sie infolge der kriegerischen Ereignisse gestört ist, zu beleben. In seinem soeben erlassenen Aufruf weist das Kopenhagener Bureau des Näheren auf diese Aufgaben hin. Die Adresse des Bureaus lautet: K openhagener Bureau derzionistischen Organisation, Kopenhagen, Versterg a d e 1. — Das Zionistische Zentralbureau befindet sich nach wie vor in Berlin, Sächsische Str. 8. Die neue amerihanisdie Ein-' EinuanSerungsuorlage. New York, am 2. Januar 1015. Die Einw'anderungsVorlage die am 2. Januar im Senat zu Washington mit 50 gegen 7 Stimmen angenommen wurde, enthält an Bestimmungen, die die jüdische Einwanderung besonders hemmen w'erden, nicht bloß den berüchtigten Bildungsnachweis, sondern eine Reihe weiterer schwerwiegender Einschränkungen. So sollen „Landstreicher“ (Vagrants) von der Einwanderung ausgeschlossen sein, ohne daß die Vorlage irgendwie näher umschreibt, wer unter den Begriff der „Landstreicher“ fällt. Damit würde der Willkür der Ehnvanderungsbeamten Tür und Tor geöffnet sein und jeder Einwanderer, der in den Setzten Jahren keinen dauernden Wohnsitz an einem Orte hatte, müßte befürchten zurückdewdesen zu w'erden. Die Bill schließt auch Personen, die an Tuberkulose leiden, oder gelitten haben, von der Eimvanee-ung aus, ferner Personen, die die Aufhebung des Privateigentums propagieren, endlich Kinder unter 16 Jahren, die nicht in Begleitung ihres Vaters oder ihrer Mütter seien. Ein vom Senat angenommenes Amendement will auch die Angehörigen der afrikanischen Rasse, d. h. alle Sclnvarzen, von der Einwanderung ausgeschlossen w'issen. Die Kopfsteuer für die Einw'anderer soll rvon 4 auf 6 Dollar erhöht werden. Bezüglich des BildungsnaclnveTes bestimmt die Vorlage, daß belgische Einwanderer, die die Absicht (haben, Bürger (der Vereinigten Staaten zu W'erden, während des gegenwärtigen Krieges von dem Bildungsexamen befreit bleiben. Auch nach Beendigung des Krieges soll ihnen ein Jahr lang das Bildungsexamen erlassen W'erden. Alle anderen Einw'anderer müssen sich diesem Examen unterwarfen. Die hebräische und die jiddische Sprache W'erden ausdrücklich den Sprachen zugezählt, deren Kenntnis die Zu'assung des Immigranten begründet, sofern er den sonstigen Aufforderungen genügt. Vom Bildungsexamen sollen auch diejenigen Personen befreit sein, die ihr Heimatland nachweislich wegen religiöser Unterdrückung verlassen haben. ' Präsident Wilson hat unter dem Eindruck der starken Opposition, die sich von allen liberal denkenden Politikern, insbesondere auch von jüdischer Seite gegen diese restriktiven Bes'immungen erhoben hat, nach dem Vorbilde Tafts sein Vetogegen das Jnkrafttreten des Gesetzes eingel egt. Die Vorlage gellt nunmehr wieder ians Repräsentantenhaus, das die Befugnis hat,, mit s/s Mehrheit das Veto des Präsidenten zu annullieren. — Leider ist es, wie die Dinge heute stehen, durchaus nicht ausgeschlossen, daß sich tdQese s/3 Mehrheit zu Gunsten der Vorlage zusammenfindet. Die Freunde des Burnett'schen Vorschlages sind um Scheinargumente nicht verlegen; sie machen dem Publikum und insbesondere der arbeitenden Befölkerung mit dem ungeheuerlichen Anwachsen der Einw'anderungsziffer angst vor dem, was nach Beendigung des Krieges unfehlbar eintretenwerde. Die einfache Logik wdrd allerdings zum entgegengesetzten Resultat