Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 4 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 2 JÜDISCHE -ZEITÜNG I ■i i ji: Nr. 4 sie es beim Anträge des zionistischen Vertreters, an. der Hilfsaktion teilzunehmen, tun zu dürfen glaubte. Der Kostenaufwand würde sidi' für diese auch bedeutend verändern, wenn sie die zu gründende Lesehalle der bestehenden G em e i n d e bibliothek angliedem und die letztere gehörig und zweckentsprechend ausgestalten würde. Wird die Wiener Kultus gemeinde sidi dieser so wichtigen Aufgabe widmen —. wobei sie natürlich auf die Mitwirkung aller bewußten jüdischen Kreise rechnen kann —, oder wird sie auch für die Ablehnung dieses Vorschlages irgend welche p rinzipielllen Motive ausfindig machen? Meier Henisch. Cfianakafi im Ealöe. (Aus dem Feldpostbriefe eines deutsdien Zionisten.) Feuerstellung bei Berry au Bac, 22. Dezember 1914. Liebster St! Ihre Chanukah-Kerzen haben nun ihren Zweck erfüllt. Ja, mein Lieber! -Erschrecken Sie nur nicht zu sehr. Sie hatten mir ja die Kerzen nur zu Beleuchtungszwecken für unseren „Palast“ geschickt Ich habe -midr jedenfalls außerordentlich gefreut damit, waren es doch die ersten Kerzen, die jch erhielt Alle meine Kameraden bekommen Kerzen zu Weihnachten, nur ich bekomme keine Lichter zu Chanukah. Heute abend, wenn ich nicht irre, 2 Tage zu spät, habe ich nun in unserem unterirdischen Palast die Chanukahüditer angezündet Aut dem Boden einer abgeschossenen Kartusche waren die Kerzen im Kreise aufgestellt Acht Lichtelein und natürlich auch der Sdiamus erstrahlten in feierlicher Ruhe gegen das Weiß der Wände und der Decke. Die Lichter standen am oberen Tischende vor mir und links und rechts neben mir saßen die Kameraden von meinem Gesdiütz und dann auch noch andere Kameraden unserer Batterie. Etwa 15 Personen. Eine große Familie. Und sie werden wohl mit einigem Ingrimm vernehmen, idi bedauerte wie noch nie im Leben, daß ich gesanglich, so gar nicht ausgerüstet bin. Zu gern hätte idi „Moaus zur jesdiuosi“ gesungen. Bei meiner Brummerstimme, die Sie wohl noch in freundlicher Erinnerung haben, wollte ich aber -die wirklich feierliche Stimmung, die uns alle ergriffen, nicht zerreißen. So tat idi ein anderes. Ich erzählte meinen Kameraden einiges von der Bedeutung des Char.ukahfesLes, von dem Heldengeschlecht der Makkabäer? von ihrem Siege gegen die Ueber'maclrt" der-TeinWe uhd dann erzählte ich, wie so oft, von unseren modernen Makkabäern, von ihren Kämpfen, von ihren Hoffnungen, von ihrem Ziele. Und alle, mit denen idi hier Schulter an Schulter siehe, alle haben Verständnis für unsere Forderung, für das Ziel des Zionismus. Diese Leute von der Waterkant empfinden es als etwas ganz Selbstverständliches, daß wir wieder Boden unter den Füßen haben wollen. Diese bodenständigen Menschen verstehen es, daß ein Volk der eigenen Scholle bedarf, um seiner Eigenart leben zu können. Als ich so am Tisch saß, vor den Lichtelein, da tauchten Bilder auf vom festlichen Begehen des Chanukahfestes in früheren Jahren, Bilder und Stimmungen, die ich erlebt im Kreise von Juden des Westens und des Ostens. Ich glaube aber, keine Chanukafeier hat einen derartigen Eindruck auf midi gemacht, wie diese halbe Stunde hier im Felde. Als die Kerzen eben angezündet waren, wollte sidi einer der Kameraden seine Pfeife an der Kerze anstecken, jedoch der neben ihm sitzende feiner empfindende Kamerad erlaubte das nicht. Der hatte mir sogar geholfen die Kerzen aufzustellen. Und dann, als idi eben meine Erzählung beendet, kam das Kommando: „Fertig machen zum Schießen!“ Es wurden nur einige Sdiuß abgegeben und wir saßen dann wieder gemütlich beisammen. Ein Kamerad, der eben aus G. kam, wo die Protzen stehen, erzählte mir dann, es sei morgen in A. Feldgottesdienst für jüdische Mannschaften. Ich wurde sofort von allen Seiten aufgefordert, an diesem Feldgottesdienst teilzunehmen. Natürtürlidi werde ich das aber nicht tun. Meine Kameraden können ja auch nicht aus der Feuerstellung heraus zum Gottesdienst. Es gibt nun einmal hier andere Arbeit zu leisten. Vielleicht erfolgt wirklidi ein Angriff, da will man eben dabei sein.“ Aus te f 2l8porf&Pl2!8 eines üenap . lumm.' S. 1. 1915. Das mir gesandte Chanuka-Gesclienk hat midi heute nach vielen Irrfahrten und überstandenen. Gefahren erreicht. Idi. habe alles mit viel Vergnügen durdistöbert, habe die Sorgfalt, Liebe und Freundsdiaft, ja auch die Handarbeit bemerkt, die aus der Sendung spredieii. Vieles habe icli genossen, vieles versdienkt und einiges aufgehoben für schlechtere Zeiten. Die Russen haben gegenwärtig Feiertage und wir sind tolerant genug, um sie nidit ' zü stören. In den nächsten Tagen dürfte das; Konzert wieder angehen. Am 16. November wäre idi beinahe in russische Gefangensdiaft geraten; eine Verzögerung von 5 Minuten (hätte mein Schicksal besiegelt. \ Auf den vielen hundert Kilometern, die ich im Laufe des Krieges in den ungarischen und galizischen Karpathen durchwandert bin, gibt es Kerne bedauernswerteren Geschöpfe, als die Juden. Kein Haus derselben bleibt verschont. Unvergeßlich bleibt mir der Anblick einiger gewesener Judenliäuser: bis zum Erdboden nichts als verkohlte Trümmerhaufen. Denn auch die Wände sind aus Holz. Nur ein Türpfosten blieb mit den Mesuses in der -Mitte stehen. Die Arier bezeichnen Tür und /Tor mit weißen oder blauen Kalkkreuzen, um' ihre Häuser zu behüten, die Juden hingegen haben überlaß ähre Mesuses, die sie strotz der Gefahren nicht entternen. In der Zeichensprache unserer Gegner heißt nun „Kreuz — verschonen“, hingegen „Mesuse — plündern, wenn leer niederbrennen“’. Das ist die Essenz dieses Krieges. Unsere Tempel werden nicht geschont. In vielen wurden Pferde untergebracht, die Sammelbüchsen erbrochen, die Torarollen zerrissen. Die zurückgebliebenen Familien sind nicht imstande ihre Familien zu verteidigen. Wer nicht freiwillig hergibt, wird gezwungen. Die armen Frauen! Das wäre ein eigenes Kapitel. An einem Abend war in einer von Russen besetzten Stadt Jagd auf Judenweiber. Aus den Wohnungen hat man sie herausgeholt und den Armen des kämpfenden Mannes entwunden. Eine aus einer anderen Stadt dahin geflüchtete Frau (wurde in Gegenwart ihrer Mutter und ihrer vier kleinen Kinder entehrt, Die Regenbogenfarben auf ihrem Gesidite waren ihre Kampftrophäen. In meinen Gedanken beschäftige ich tnich viel mit der Zukunft des jüdischen Volkes. Es sind furchtbare Hiebe, die auf unseren Rükken niedersausen, wir brauchen Kraft, um sie zu ertragen. Ich denke viel und täglichan unsere gefallenen Brüder, an Weiner, Dr. Großlicht, und viele andere. Idi wünsche und hoffe, daß diese Edlen mit ihrem Herzensblute die Freiheit und das Ansehen des jüdischen Volkes errungen haben mögen. M. L. heit der Uebermittlung vorhanden ist, sind die Korrespondenten gebeten, gleichwohl die entspreclienden Aufzeichnungen zu madien, bezw. Belege zu sammeln und Beides für die spätere Mitteilung aufzubewahren. Jßälsta f&lapardslu. j Um den Gesinnungsgenossen und Freunden j des Archivs eine Anleitung zur gedeihlichen Mitj arbeit zu geben, bringen wir nachstehend die „Instruktion für Korrespondenten“: 1. Von Interesse sird Mitteilungen .über a) Vorkommnisse, welche; die patriotische Gesinnung und Opferwilligkeit der Juden dartun. Freiwilliger Eintritt in die Armee. Verhalten der jüdischen Bevölkerung gegenüber den durchziehenden joder kämpfende l Truppen. Patriotische Kundgebungen. Beteiligung an der Kriegsanleihe, sowie Spenden und Leistungen für (Kriegsfürsorgezwecke. Alles dies im Verhältnis zu den bezüglichen Leistungen -und dem' Verhalten der Nichtjuden. Usw. b) Vorkommnisse und Kriegshandlungen der Juden, di: als Heldentaten charakterisiert werden können und Verhalten der Juden als Soldaten im Allgemeinen, c) Vorkommnisse und Kriegshandlungen, die von antisemitischer Seite in judenfeindlichem Sinne ausgebeutet werden können; d) Stellungnahme, jüdischer Gruppen, Parteien und hervorragender Persönlichkeiten zu den kämpfenden Staaten ‘und Völkern und zu den Ereignissen. Politische,- nationalkulturelle und ökonomische Maßnahmen dieser Gruppen, Parteien und Persönlichkeiten, e) Einfluß der Kriegsereignisse auf (die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden. (Wanderbewegung [freiwillige Flucht, Vertreibungen, Evakuierung über behördliche Anordnung usw.j Verhältnisse in den . jüdischen Flüchtlingslagern und in den Orten, wo sich jüdische Flüchtlinge niedergelassen haben). — f) Offen antisemitische oder ihrem Sinne nach gegen die Juden gerichtete. Aktionen (Beschuldigungen, Hetzen Verfolgungen), .. die von Personen, Gruppen,, Organisationen eic. unternommen wurden. Erlässe, Briefe, Rundschreiben, Kundgebungen, Agitationen, Zeitungsstimmen usw. 2. Die Mitteilungen sollen möglichst erschöpfend sein.' Eventuelle Quellen sind genau anzugeben. Auf Datum, Namen und Orten, beteiligten Personen und Zeugen ist besonderes Gewicht zu legen. 3. Neben privaten Mitteilungen (z. B. Feldpostbriefen, die auf Verlangen retourniert werden,) sind Zeitungsausschnitte (immer mit genauer Angabe des Titels und Datums der Zeitung) höchst erwünscht. Ueberhaupt ist den Zeiiungssiimmen, besonders auch den antisemitischen, größte- Beachtung zu widmen: 4. Erwünscht ist auch die Einsendung einschlägiger Bücher und Flugschriften. Zumindest soh das Archiv auf sie (aufmerksam gemacht werden. 5. Die Art der Uebermittlung der Mitteilungen richtei sich nach den zur Verfügung stehenden Gelegenheiten jedes Talles. Insofenie .und irisolange weder pöstliche 'noch" andere Gelegen- Der Zionismus als prahiisdie Rolonisafionspolifiii in Per Türtiei. Dr. Paul Roh rb a ch, der bekannte deutsche Kulturpolitiker, hielt am 17. Dezember 1914 auf Einladung der Zionistischen Ortsgruppe in München über „Die Zukunft des Orients“ einen (sehr instruktiven .Vortrag, dessen Gedankengang in der ersten Jänner-Nummer unseres Münchener Bruderblattes, des „Jüdischen Echos“, wiedergegeben ist. „Wenn von qualifizierten, ackerbauenden Einwanderern die Rede ist, so ist der Eintritt in den türkischen Staatsverband die einzige, erfolgversprechende Grundlage. Einwanderer, die nur Ackerbau treiben wollen, sind kein geeignetes Menschenmaterial. Daher kommt als einzige praktische Kolonisationspolitik die Idee des Zionismus in Betracht, der Plan derjenigen Richtung unter den Juden, die zum Teil, allerdings zum geringen Teil für deutsch-jüdische Elemente, ganz überwiegend aber für die großen, sich drängenden Massen im Osten ein sicheres Abflußventil im Orient schaffen will. Es. ist nicht möglich, hier auf das große jüdische Problem näher einzugehen. Wir begreifen und billigen es ohne weiteres, wenn wir Juden sehen, die den Versuch machen, dort in der alten Heimat, wo sich ein bodenbeständiges Volk bilden kann, ein neues Reis zu pflanzen. Ob es gelingt, steht dahin. Wer die jüdischen Kolonien gesehen hat, der wird es nicht für unmöglich halten. Es kommt nur darauf an, daß man in ein korrektes Verhältnis zur Türkei kommt. Die jüdischen Ackerbauer haben erst kürzlich beschlossen, die türkische Untertanenschaft anzunehmen in der Hoffnung, daß die Türkei erkennt, sie tue gut und praktisch daran, recht viele hereinzulassen und ihnen den unbebauten Boden abzutre’ten. Ich will auf die weiteren Fragen nicht eingelien, sondern nur auf das eine nochmals hinweisen : wenn von Ackerbaukolonisation die Rede ist, muß man Leute nehmen, die den Willen haben, aus bestimmten' Gründen die Kolonisation durchzuführen und Kinder des Landes zu werden. Dazu halte ich die Juden imstande. Man könnte als Gegenbeispiel die Templerkolonien anführen. Das ist aber kein Gegenbeweis. Hier waren religiöse ‘Motive bestimmend. Und alles, was sich sonst noch von christlichen Elementen dort angesiedelt hat, hatte Templerkolonien Zum Vorbild.“ Narcisss bauen ~ gesfor&an. Narcisse Leven, der Präsident der „Alliance Israelite Universelle“ ist gestorben, ln Paris hat seine Beerdigung stattgefunden. Narcisse Leven war ein Mann, der der Alliance Israelite Universelle seinen Willen aufzuzwingen wußte, mochte sich auch eine demokratische Opposition den oft versteinerten Anschauungen des Nachfolgers Cremieux’ entgegenstemmen. Mehr als f ü n f z i g ■ J a.h r e hat Leven die Geschichte der Alliance, zum Teil als Präsident, mitbestimmt. Der zionistischen Bewegung stand Leven oft uenuT als Gegner gegenüber. Als nach der türkischen Revolution eine nach Europa entsandte Delegation der türkischen Kammerdeputierten auch in den Pariser Bureaus der Alliance erschien und von Herrn Narcisse Leven mit einer politischen Ansprache empfangen, wurde, bezeiclinete er den Zionismus als den türkischen Interessen zuwiderlaufend und hob einen scharfen Gegensatz zwischen den Bestrebungen der Alliance und des Zionismus hervor. Scharfe Kämpfe hatte unter der Leitung Narcisse Leven das Pariser Zentralkomitee der Alliance mit der Deutschen' Kohferenzgemeinschaft der Alliance durchzukämpfen. Narcisse Leven war als Präsident der Alliance hervorragendes . Mitglied , der. Leitung .der I ca. Er war einer der ältesten C h o w e w e - Z i ö n. iS v i i I: