Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 4 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HftK NRTIDNFL -JU0I5CHE5 DRGRN Mgg Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ |Wll - . . i ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inserätenaufnahme: Wien, Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 4. Wien, Freitag, den 29. Jänner 1915 IX. Jahrgang Rn Oie Zionisten österreidisUngarns. Wir senden die („Jüdische 'Zeitung“ ins Feld an alle Zionisten, die als Soldaten im Felde stehen, damit auch sie die enge Verbindung mit unserer Organisation nicht verlieren. Wir bitten daher alle zionistischen Organisationen und die einzelnen Zionisten uns die genauen Feldadressen. unserer Gesinnungsgenossen mitzuteilen. Auch bitten wir um die Uebermittlung von Feldpostbriefen, die zur Veröffentlichung in der Jüdischen Zeitung geeignet sind. Redaktion der Jüdischen Zeitung. Eraglidie Hilfe. Die Tageszeitungen bringen die Nachricht, daß sich in der Schweiz ein Hilfskomitee mit dem Sitze in Lausanne gebildet hat, welches die entsetzliche Not der Bevölkerung Russisch-Polens lindern will. Die Sammeltätigkeit soll sich über die ganze Welt erstrecken. Der Präsident der Schweizer Repüblick hat die Leiter des Komitees bei sich' empfangen und ihnen erklärt, daß die Landesregierung gerne das Protektorat dieser Aktion übernehmen und ihr jede mögliche Förderung angedeihen lassen wird. Die Gründung eines Hilfskomitees für die Bevölkerung‘Russisch-Polens'kann von aller Welt nur freudig begrüßt werden. Die Leiden, welche der Krieg über diese armen Menschen gehäuft hat, sind entsetzlich. Besonders di: Not unter den Juden dieses Landes ist unbeschreiblich. Neben den Leiden des Krieges haben sie blutige Verfolgungen, Pogrome zu erleiden, welche die russische Soldateska unter Mitwirkung einer verhetzten Bevölkerung veranstaltet. Wenn je Hilfe nottat, dann hier. Auch der Umstand, daß die schweizerische Regierung großmütig das Protektorat übernommen und 90 ihren Namen mit der Hilfsaktion verbunden hat, ist rühmlich und entspricht den edlen Traditionen der Republik. Und doch kann diese Aktion nicht rückhaltlos gebilligt werden. In den Verlautbarungen des neuen Komitees wird zum Schlüsse bemerkt, daß die Notleidenden ohne Unterschied der Nation und Konfession, hür nach Maßgabe ihres Elends bedacht werden sollen. Voran aber steht der Name Paderewski’s, ,äls Führer der Deputation beim Schweizer Präsidenten, als i Leiter der ganzen Aktion. Der Gegensatz zwischen diesem Anfang und diesem Schluß ist einfach himmelschreiend. Herr Paderewski, der berühmte polnische Klaviervirtuose und Komponist, hat eine, pölftfsChe Vergangenheit und' lebt eine politishce Gegenwart im Zeichen des unversöhnlichsten Jü d e n’ha'sse s. Die heftige Judenhetze, welche RussischjPiöIen seiteinigen jährer durchtobt, fand ihr Hauptorgan in der von Herrn Paderewski gegründeten Zeitungv^Dua Qrösche“ (Zwei (Groschen). Dieses Braw%at beständig den Boykott und die unbarmherzige Judenverfolgung gepredigt. In den traurigen Tagen des Beilisprozesses hat diese Zeitung das Ritualmordverbrechenals Leitmotiv gewählt und die schon aufgeregte Volksstimmung zur Siedehitze gebracht. In den Tagen des Weltkrieges. hat sie ihre Haltung als Dienerin des russischen Schwarzen Hunderts getreulich - beibehalten. 1 Nun erscheint Herr Paderewski, sonst Pogrommann in Polen, als Humanitätsapöstel In — der Schweiz. Wenn es nicht zu traurig -.wäre, könnte man über diesen Kostümwechsel herzlich lachen. Einmal hat Herr Paderewski die richtige Antwort erhalten. Vor zirka zwei Jahren mußte er eine Tournee durch die Vereinigten Staaten abbrechen, weil die empörte amerikanische Gesellschaft, vor allem die Juden, gegen ihn Stellung nahmen. Der unangenehme Zwischenfall scheint aber für ihn vergessen, denn sein Appell um Hilfe richtet' sich jetzt auch, und gewiß nicht in letzter Linie, an die amerikanischen Juden. Mit der Wahl Paderewskis hat das polnische Hilfskomitee einen Mißgriff getan, der. die an sich löbliche Aktion schwer schädigt. Für den europäischen und amerikanischen Juden erscheint die Sache mit dem Namen des Antisemitenführers erledigt, aber auch alle anderen Kreise der zivilisierten Welt werden Bedenken tragen, Geld, welches rein humanitären Zwecken zugedacht ist, gerade durch Herrn Paderewski verteilen zu lassen. Wenn die Aktion nicht scheitern soll, müssen Garantien geschaffen werden, daß sich das Komitee von Paderewski’s Geist frei macht. Die schönsten Erklärungen nützen wenig, wenn dieser Name vor ihnen steht. Wir Zionisten stellen diese Forderung nicht nur aus Sorgen für das Wohl unserer armen jüdischen Brüder in Russisch-Polen. Als aufrichtfge Verehrer der Schweizer Republik, die uns' sio oft ihr Wohlwollen bewiesen und unseren Kongressen Gastfreundschaft gewährt hat, möchten wir verhüten, daß eine Aktion, mit welcher der Name der Bundesregierung verbunden ist, zum Gegenständ berechtigter Angriffe werde. Jeder ehrliche, verständig denkende Mensch muß uns Ibeipflichten. in Haifa. Jüdisdhe Zeitungen 'bringen im Inseratenteile die' auffällige Konkurserklärung des mit vielen Hoffnungen begrüßten jüdischen; Technikums. Die Jüdische Rundschau schreibt dazu: „Wir bringen in unserem Inseratenteil eine Mitteilung Izur Kenntnismnserer.Leser, der-'ufolge der Termin für den-Verkauf des ^Grundstücks des „Jüdischen Institutes für technische Erziehung in Palästina (hervorgegarigen aus der Wolff-Wissotzkv-Stiftung des Hilfsvereins der deutschen Juden) E. V. in Berlin“ mit allen dazugehörigen in Haifa befindlichen Ländereien, Bauten usw. auf den 1. März 1915 festgesetzt ist. An diesem Tage soll das Jüdische Technikum freihändig verkauft werden. Es ist zum erstenmal, daß eine gemeinnützige jüdische Institution — und erst recht von solcher Art, wie das Jüdische Technikum — zum Konkurse schreitet. Zum erstenmal, daß die Ausbietung solcher Verkaufsobiekte erfolgt. Der geschäftsführende Ausschuß des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina hat die Gründe für die Konkurseröffnung bisher nicht angegeben. Wir wollen unsererseits heute eine publizistische Behandlung der Angelegenheit unterlassen. Betont muß nur werden, daß das Jüdische Institut für technische Erziehung in Palästina eine vom Gesamtjudentum im gesamtjüdischen Interesse gegründete Institution ist. Es lagen auch keine sachlichen Gründe vor, infolge von Zahlungsschwierigkeiten zur Konkurseröffnung zu schreiten. Diese Zahlungsschwierigkeiten sind nur eine Folge der Ignorierung von Wünschen, welche an dem Gedeihen des Instituts sehr stark interessierte Kreise erhoben hatten. Es war verlangt worden, daß das Institut ein besonderes Bureau und Sekretariat erhalte, wie dies dem selbstständigen Charakter des Instituts entsprach. Diese rein organisatorische Forderung des . Hauptstifters des. . Instituts, des Herauf— Wissotzky, — dessen Name im Titel der Anstalt enthalten ist — ist vom Kuratorium des Technikums abgelehnt worden. Wäre dies nicht geschehen, so hätten dem Kuratorium die fehlenden Summen zur Verfügung gestanden. Auch jetzt noch ist dem Geschäftsführenden Ausschuß des Kuratoriums, und zwar diesmal von Seiten der Zionistischen Organisation selbst, ein Vorschlag unterbreitet worden, de/ die Eröffnung des Konkurses zumindest bis zum Eintreten normaler Verhältnisse unnötig gemacht hätte. Trotzdem ist der Konkurs jetzt eröffnet worden, obzwar kein Zweifel daran möglich ist, daß sich nach Friedensschluß die finanziellen Schwierigkeiten ohne Konkurs hätten beheben lassen.“ Eine widifige Rulg^te. Diese gesamte Flücht'ingsfürsorge beschränkt sich lediglich auf die Linderung ihres materiellen Elends. Haben aber die Flüchtlinge keine weiteren Wünsche? Haben die jüdischen Flüchtlinge nicht auch geistig-kulturelle Bedürfnisse, für deren teilweise Befriedigung gesorgt werden müßte? Es hieße, das Niveau der jüdischen Bevölkerung in Galizien und Bukowina, deren bedeutende Bruchteil sich nach dem Westen flüchtete, sehr niedrig einschätzen, wollte man von diesen dies behaupten. Tatsache ist, daß die jüdischen Flüchtlinge gleich nach Befriedigung ihrer primitivsten materiellen. Bedürfnisse auch Interesse für die geistig-kulturelle Seite bekundeten. Daher die zahlreich besuchten, allwöchentlichen Vortragsabende des hebräischen Sprechklubs „Ibriah“, die große Frequenz der Gemeindebi iliothek usw. Wenn nun dem so ist, kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß auch nach dieser Richtung hin für die Flüchtlinge gesorgt werden muß: Die eben erwähnten „Ibriah“-Yorhräge kommen schon ihrer sprachlichen Einschränkung halber nicht recht in Betracht. Ebenso ist die Benützung der Gemeindebücherei und dies. .Lesesaales bei den geradezu lächerlich engen Räumen illusorisch und kann den geistigen. Hunger der vielen Tausenden von Flüchtlingen unmöglich stillen. Es miift nicht erst gesagt und bewiesen werden, daß d»e Pflicht, eine solche Institution ins Leben zu rufen, den jüdischen Organisationen^, in erster Linie jedoch, der obersten Repräsentanz. der Wiener judenbeit, der K ültusgemeutde, obliegt. Hiebei kahn sie keine Ausflüchte und Weigerungsgründe anführen, wie