Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 3 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438521-2438524--4365-2444211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE ZEJTIJNG SS NRTIDNRL -JUD15CHE5 ÜRGflN WM Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Mmmmt ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration ^jpd Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags.'_r- Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Alk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 3, Wien, Freitag, den 22. Jänner 1915 IX. Jahrgang Die Juden in RussisMolen. Zum obigen Gegenstand wird uns aus unserem Leserkreise felgendes geschrieben: Die" Krakauer TÄgeSzeitung sGlos narodu“ veröffentlicht am 17.ds. unfer dem Titel „Die Juden im Königreiche Polen“ (!) einen Aufsatz über die Judenfrage. Nach einer Einleitung, in welcher der Verfasser bedauert, daß selbst der entsetzliche Krieg die Landesbewohner verschiedener Abstammung und Anschauung einander nicht näher gebracht habe, heißt es, daß an dem unseligen Verhältnisse Zwischen den Polen und Juden eigentlich die russischen fortschrittlichen Parteien, die Kadetten, schuld seien. Denn die Kadetten sind von den Juden beeinflußt, sie stellen den Russen gegenüber die jüdische Denkungsart und die jüdischen Bestrebungen dar. Und nun haben die Kadetten die Kriegszeit dazu dazu benutzt, vor allem die Anerkennung der jüdischen Nationalität bei den Polen zu erzwingen, u. Zw. als gleichberechtigt in allen politischen Ländern. Die Presse der Kadetten — heißt es weiter — sei voller Artikel über den Kampf der Polen gegen die Juden und erhebe schwere Anklagen gegen die Polen wegen ihres rüden Antisemitismus. Bei der Verteilung der für die Opfer des Krieges gesammelten Gaben, die von der russischen Bevölkerung ohne Unterschied der Nationalität gespendet wurden, werden die Juden von den Polen beiseite geschoben. Zu Ihrer Verteidigung behaupten die Polen, die polnische Bürgerschaft und die Spitzen der polnischen Aristokratie haben große Summen gespendet und auch sonst Opfer fiir die Juden gebracht und trotzdem nehmen die Klagen der Juden über den Antisemitismus kein Ende, ja sie finden Sogar Eingang in die jüdische Presse des Auslandes, was zur Erbitterung der Polen gegen die Juden nicht wenig beigetragen habe. Es wird also von den Polen klipp und klar zugegeben, daß gegen die Juden im „Königreich Polen“ Erbitterung herrsche. Zur Verschärfung des jüdischen Problems in Polen — heißt es weiter im „Glas Narodu“ — hat das Einmengen der russischen fortschrittlichen Parteien in die inneren Angelegenheiten des „Königreiches“ in hohem Maße beigetragen. Das Vorgehen der russischen Fortschrittler, die die Rolle des Schiedsrichters in der polnischjüdischen Frage spielen wollen, wobei sie — nach Ansicht der Polen — schon im Vorhiniein ihr Urteil zugunsten der Juden fällen, fordert die Polen zum energischen Protest heraus. So habe auch ein Aufsatz in der polnischen Monatsschrift „Kraj“; worin gegen das Einmengen der Verwahrung eingelegt wird, in der polnischen Presse großen Widerhall gefunden. So weit der „Glos Narodu“. Die Judenfrage beschäftigt jedoch nicht allein die polnischen Kreise, sie hat auch das Interesse der fortschrittlichen russischen Gesellschaft erweckt und es werden zahlreiche Vorträge über dieses Thema veranstaltet, denen sich lebhafte Erörterungen in der russischen Presse anschiießen. Besonders bemerkenswert sind die Vorträge über die polnisch-jüdische Frage einer Freiheitsheldin, Frau K u s k o w a, und des bekannten polnischen Publizisten L e d n i c k i in Moskau. Die russische fortschrittliche Presse befaßt sich ausführlich mit diesen Vorträgen und die Blätter „Utro Rossji“, „Den“, „Rjetsch“ und ..Russkoje Slowo“ besprechen sie an leitender Stelle. Drei Punkte sind es, die besonders umstritten sind. Erstens: haben die Russen das Recht, sich in die polnisch-jüdische Frage einzumengen, zweitens:.sei die Judenfrage in Polen eine innere Angelegenheit der Polen und drittens: welche Stellung nehmen die Juden selbst zu dieser Frage ein? Nach dem Vorschlag der Frau Kukowa seien die Polen als Herren des Landes anzuerkennen, nur mögen sie sich zuvor mit den Juden bezüglich der von Rußland zu gewärtigenden praktischen Folgen dieses Abkommens verständigen. Lednicki hingegen ist viel vorsichtiger. Zu Punkt 1 äußert er sich folgendermaßen: „Das russische Volk möge Vorsicht walten lassen -in, dem polnisch-jüdischen Streite. Das russische Volk hat jedoCh einen geraden, offenstehenden Weg zur radikalen Lösung der Judenfrage Hnd auf diesem Wege wird es sich verständigen, nicht nur mit den Führern der unterdrückten Judenheit, aber auch mit dem polnischen Volke, ja sogar mit dem verseuchten Teile seiner Antisemiten.“ Im weiteren Verlaufe seines Vortrages teilt Lednicki — natürlich ganz willkürlich — die polnischen Juden in drei Gruppen: in polnische Assimilanten, Nationaljuden und Russenfreunde. Das Organ der Kadetten „Rjetsch“ bespricht in einem Leitartikel den Vortrag Lednickis und erklärt, daß man kaum die Existenz einer jüdischen Gruppe begreifen könne, die als Ziel die Russifizierung Polens anstrebe oder die auch nur überhaupt russenfreundlich wäre. Nach weiteren Ausführungen gelangt der „R j e t s c h“ zum Schlüsse: „Die Juden in Polen bilden die zweite Nation im Lande, der dieselben Rechte gebühren wie den Pole n.“ Der „Rjetsch“ geht jedoch noch weiter. Er wirft den Polen ganz offen vor, daß sie sich stets auf die Seite der Feinde des jüdischen Volkes stellen und zur Verteidigung ihrer Haltung gegen die Juden niemals positive Gründe anführen können, sie widersprechen sich bloß in ihren unsinnigen, gegen die Juden ausgesprengten Verleumdungen. M. K. Kostenlose Wohltätig&eit. Unter diesem Titel fällt die „Arbeiter-Zeitung“ über uns her, weil wir an die Wiener Hausfrauen den Appell gerichtet haben, Kaffee- und Teesud an uns zur Weitergabe an Flüchtlinge zu sChicken. Gleichzeitig ernält auch die „Neue Freie Presse“ einen Hieb, weil sie diesen Aufruf nur „in ganz unauffälligen Lettern“ gedruckt hat. Wir .haben aus unserer politischen Gegnerschaft zur „N. F. Presse“ nie ein Hehl gemacht, aber wir müssen es öffentlich rühmen, daß dieses Blatt trotzdem alle unsere Veröffentlichungen in uneigennütziger Weise gebracht hat, wofern sie sich lediglich auf humanitärem Gebiete bewegten, wie dies seit Ausbruch des Krieges öfters der Fall war. Was aber hat die „Arbeiter-Zeitung“ getan? Das einzige, was sie siCfo — wohl meist nur zu Reklamezwecken — Geld kosten läßt, sind die weißen Flecke.