Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 2 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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B ■ ■ NRTIDNRL Mit Beilage: -JÜDISCHES DRGRN „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ H Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administraion und Inseratenaufnahme: Wien, H., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr' lachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—,Jlierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. I^s. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 2. Wien, Freitag, den 15. Jänner 1915 IX. Jahrgang Mitteilung. Wir bringen unseren p. t. Abonnenten zur gef. Kenntnis, daß die „Jüdische Zeitung“ nunmehr wieder wöchentlich am Freitag erscheinen wird. Die Verwaltung. Ruirnf. Wir wenden uns in schwerer Zeit an alle Mitglieder der Zionistischen Organisation mit der Mahnung, durch Erfüllung der zionistischen Pflicht für den Fortbestand der Organisation zu sorgen. Der Ausbruch des Weltkrieges mit allen seinen Begleitumständen hat unsere Organisation selbstverständlich schwer erschüttert, aber ihre Grundlage hat er unangetastet gelassen. Die Kraft der Zionistischen Organisation liegt in der Einheit des jüdischen Volkes und im Willen der Zionistischen Bewegung, dem heimatlosen jüdischen Volke 'die* Heimat und damit die nationale Zukunft zu schaffen. Der Zionismus, der in Hunderttausenden unserer Volksgenossen lebendig ist, kann durch kein Ereignis entwurzelt werden, darum muß auch die Zionistische Organisation, das große Werk Theodor Herzls, alle Gefahren überdauern. Gesinnungsgenossen! In dieser schweren Zeit bedarf es der äußersten Kraftanstrengung aller Zionisten, wenn wir die Zionisrische Organisation als das Instrument erhaTen wollen, durch das sich das jüdische Volk seine nationale Zukunft erringt. Darum fordern wir von jedem einzelnen Zionisten, daß er seine zionistische Pflicht erfüllt. Die Zionistische Organisation ist auf dem Schekel aufgebaut. Wenn sie ihre Größe erhalten soll, wenn sie nicht in einer Zeit versagen soll, in der ihr Aufgaben von weltgeschichtlicher Bedeutung gestellt sind, muß jeder einzelne Zionist dafür sorgen, daß die Zahl der Schekel, _die von der Größe unserer Organisation Zeugnis ablegt, auch unter noch so schwierigen Verhältnissen nicht sinkt. Wer den Zionismus als Lebensnotwendigkeit ides jüdischen Volkes fühlt, hört auf unsere Mahnung: Sammelt den Schekel! Wir fordern unsere Gesinnungsgenossen, auf, unverzüglich alle rückständigen Schekel für das Schekeljahr 5674 (1914) einzusammeln und abzuliefern. Wo der Schekel für das Jahr 5674 (1914) schon abgeliefert ist, hat sofort die Sammlung des, Scheckeis für 5675 c(t9-15) einzusetzen. Schekelblocks, werden auf Verlangen vom Zionistischen Zentralbureau in Wien, II., Zirkusgasse ST,.:zugesendet. Das Engere Actions-Coitiitö der Zionistischen, Organisation. tieujahrsreöen. Am Silvestertage versammelten sich im Stadtratssitzungssaale des Wiener Rathauses die Mitglieder des gemeinderätlichen Bürgerklubs, um dem Bürgermeister anläßlich des Jahreswechsels zu beglückwünschen. Wie (üblich wurden auch diesmal Reden gehalten, deren Inhalt auf einige Zeitfragen Bezug nahm und uns Juden in mancher Beziehung sehr interessiert. Während man in Friedenszeiten und bei geordneten Verhältnissen solche feierliche Ansprachen ruhig übersehen darf und sich jedenfalls davor in Acht nehmen muß, die Tragweite parteipolitischer Wechselreden zu überschätzen, kommt in Kriegszeiten bei Aufhebung (der Staafsgrundgesetze diesen Kundgebungen mangels anderer öffentlicher Erklärungen umso größere Bedeutung zu, je mehr sie an Probleme rühren, welche durch das Völkerringen geschaffen wurden und msjt_ seinem Ausgang in unlösbarem Zusammenhang" stehen. ln verfrühter, völlig unzeitgemäßer Auseinandersetzung, welche der Wiener Bevölkerung weit ausschauende Vorsorge beweisen soll, hat Oberkurator Steiner Notverordnungen verlangt, dahingehend, daß einerseits alle nach dem 1. August 1914 aus Galizien und der Bukowina eingewanderten Flüchtlinge nach ihrem früheren Aufenthaltsort zurückbefördert oder anderswo angesiedelt werden und andererseits zur Verhinderung eines erdrückenden Konkurrenzkampfes die Erlangung verschiedener Berechtigungen für manuelle und geistige Berufe an die Bedingung einer Seßhaftigkeit zu knüpfen sei. Bürgermeister Weißkirchner erklärte, er sehe die von seinem Freund Steiner vorgeschlagenen Maßnahmen als vollkommen gerechtfertigt an, der Stadtrat habe bereits dazu Stellung genommen und werde der Regierung Vorschläge unterbreiten. Kurz gesagt, die Wiener Stadtvertretung wünscht von der Staatsverwaltung, daß sie voreilig kleine Fragen regle, ehe die großen Fragen auf den Schlachtfeldern Europas beantwortet sind. Und warum dies alles?! Um die Bedeutung dieser politischen Manifestation richtig zu würdigen, muß voraus geschickt werden, daß sich die Wiener Bevölkerung den Flüchtlingen gegenüber bisher durchaus maßvoll benommen hat, ja daß in einzelnen Stadtbezirken geradezu ein gutes Einvernehmen besteht. Die Flüchtlinge haben sich schon dem Stadtbild angepaßt und werden als willkommener Ersatz für die große Zahl der im Felde stehenden Wiener und den entfallenden Fremdenverkehr angesehen und insbesondere in wirtschaftlicher Beziehung als Käufer und Mieter hoch, manchmal allzuhech bewertet. Die Behörden haben durch verschiedene Maßnahmen einer Uebervöfkerung der Stadt vorgebeugt und die widerstreitenden Interessen der Flüchtlinge und der seßhaften Bevölkerung planmäßig in Einklang gebracht. Alles ging am Schnürchen: die Wiener haben ihre Kraftprobe bestanden, die Stadtväter mit dem Bürgermeister an der Spitze gaben Anlaß zur Zufriedenheit, Regierung und Polizei hatten ihren Zweck erreicht; da kam der Neujahrstag und es mußte wieder einmal Politik gemacht werden zu einer Zeit, da sämtliche Bewohner der Reichsländer ganz andere Sorgen haben. In einem Zeitpunkte gerade, da Millionen Menschen ans Oesterreich dafür bluten, wie sich die zukünftige Lage der Bewohner dieses Staatswesens, insbesondere das Schicksal der Flüchtlinge gestalten soll, verlangen die Wiener Gemeinderäte Notverordnungen zur Lösung dieser Frage, ausgerechnet am letzten Tag des unglückseligen Jahres 1914, in dem Hunderttausende bedauernswerter Menschen aus Galizienjund der Bukowina um Hab’ und__ öut gebracht und von der Scholle vertrieben wurden. Sollten die gewiegten Führer des Wiener Stadtregiments den Kopf verloren haben, daß sie zur Unzeit plötzlich eine zweifelvolle Frage anschneiden oder sollte der Grund doch anderswo liegen!? Wir kennen die Herren Neujahrsredner genau, zwei ganz gerissene Politiker! Sie haben schon lange vom Parteiprogramm nichts verlauten lassen, daher sagt man „Flüchtlinge“ und meint die — Juden, damit der Wiener nicht vergißt, daß 85 Prozent der Flüchtlinge Juden sind und daß Herr Weißkirchner ein Programm hat, dessen Inhalt nicht allein auf bodenständige, sondern auch auf zugewanderte Juden paßt. Indes tun wir den Christlich-Sozialen nur kein Unrecht, sie haben diesmal nicht bloß in eigener Sache gesprochen! Der Wiener Bürgermeister hat nur in schlauer Weise gezeigt, wie sehr auch manche jüdische Assimilanten mit seinen Parteigrundsätzen einverstanden sind und ihnen allen Beruhigung als Neujahrsgeschenk in die Seele geträufelt. Diese Herren haben die Zeitungen am Neujahrstage mit tiefem Behagen gelesen und gingen dann abends mit dem beruhigenden Gefühl zu Bett: Es kann uns nichts geschehen, mit den jüdischen Flüchtlingen werden dieChristlichsozialen schon fertig werden, die werden unser goldenes Wiener Herz und unsere Geschäftsbetriebe nicht lange belasten. Darum geizen diese Herren auch keineswegs mit Lobeserhebungen für den politischen Weitblick ihres „Freundes“ Steiner, es handelt sich ja um arme, vertriebene und deshalb lästige Juden. Die begehrten Notverordnungen können typische Judengesetze werden f Rückbeförderung, Zwangsansiedlung, Seßhaftigkeitsklausel,, das ist ja der alte gelbe Fleck und gegen, den sträuben sich ja bekanntlich die Wiener „Israeliten“ nicht