Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 38 (25.12.1914)
- Date
- 1914-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG Hg« NRTIML -JUDI5CHE5 GRGRN »Mi rrrwrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS» ■■ ■T»* ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuriickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 38. Wien, Freitag, den 25. Dezember 1914 VIII. Jahrgang Die Elüditlingslflrsorge ist eine I jüdisthe Eiliiht. Das Elend der armen, aus ihren Wohnstätten vertriebenen Flüchtlinge ist zur Genüge besprochen. Seine Größe ist wohl allgemein anerkannt worden. Mit Worten des Bedauerns und des Mitleides wurde an keiner Stelle gespart. Aber darüber hinaus ist bisher blutwenig getan worden. Diese Behauptung steht zwar im Gegensatz zu den Lobesartikeln in der Presse, aber sie ist nichtsdestoweniger richtig. Was Wien betrifft, so haben sich nur wenige Faktoren bemüht, ihren Pflichten gegenüber den Flüchtlingen gerecht zu werden. Eine gründliche und umfassende Tätigkeit haben nur die Regierung und die Zionistische Organisation entfaltet. Der gute und ernste Wille der obersten Regierungsstellen verdient unsere volle und ganze Anerkennung. Wenn bei der staatlichen Fürsorgeaktion Mißstände zutage treten, so sind sie in den meisten Fällen auf das Versagen untergeordneter Stellen zürückzuführen, bei der Leitung ist ehrliche und arbeitsfreudige Hilfsbereitschaft vorhanden. Die Zionistische Organisation hat mit den geringsten Mitteln und unter Ueberwindung der größten Hindernisse einfach Hervorragendes geleistet. An ihrer Tätigkeit kann man so recht erkennen, daß Verständnis, MitcmpSui - den-.‘-und. politische Schulung mehr ins Gewicht fallen, als Millionenspenden. Die zionistischen Stellen sind Musterinstitutionen. Die von den Zionisten geleitete Rechtsschutzstelle hat Tausenden, zu ihrem Rechte verholfen, bereits Hunderttausende an Volksvermögen gerettet. Der Zionistische Kindergarten, die Interventiönsstelle, das Unterstützungsbüro u. dgl. m., sind Einrichtungen, die in der. kurzen Zeit den Flüchtlingen unschätzbare Dienste geleistet haben. Das Kranke nambulatorium, das in" den wenigen Tagen seines Bestandes bereits" von Tausenden frequentiert Wurde, ist in seiner Art unerreic i:. Es ist unmöglich, die Fülle von Tätigkeit, welche heute von unserer Organisation ausgeht, erschöpfend zu schildern. Mit Stolz sei nur konstatiert, daß sich unsere Organisation :Voll und ganz bewährt hat. Von anderen Faktoren sehen wir lediglich die Alliance, den Verband der galizischen Vereine .in. Wien- und einige humanitäre Vereine im' Hilfswerke tätig. Der größte Teil der Wiener Judenschaft, insbesondere die begüterten Juden stehen abseits. Vielleicht weniger, durch eigene Schuld, als vielmehr durch den Umstand, daß die oberste Repräsentanz — die Wiener Kultusgemeinde — in dieser schweren Zeit v o 11 s t ä n.d i g passiv geblieben ist. Wir haben bereits berichtet, daß der Wiener Kultusvorstand' den Antrag des zionistischen Vertreters, in die Hilfsaktion einzutreten, abgelehnt hat. Die Ablehnung wurde seitens des Präsidiums mit der prinzipiellen Erklärung motiviert, daß die Versorgung der Flüchtlinge lediglich der Regierung obliege und die Kultusgemeinde sich mit dieser Angelegenheit nicht zu befassen . habe. Auch eine Intervention bei den reicheren Steuerträgern wurde abgelehnt. Daß unter solchen Umständen die reichen Wiener Juden, die sich auf anderen Gebieten der Kriegsfürsorge gebefreudiger gezeigt haben, für die jüdischen Brüder so blutwenig tun, wird fast begreiflich. Was. bis jetzt für die armen Flüchtlinge von jüdischer Seite gegeben wurde, komtnt fast ausschließlich aus den Taschen des Mittelstandes und der ' Armen. Diese Bevölkerungskreise ■ erfüllen ihre Pflicht. So darf es aber j nicht bleiben. Das Elend wird immer größer. Die Wiener . Kultusgemeinde und die reichsten Wiener; Gemeindemitglieder müssen endlich aus ihrer durch--nichts gerechtfertigten, kaltherzigen Reserve heraustreten. Sie' verletzen sonst ihre primitivste Pflicht als Juden und als Menschen. Zisnisliabe Tagungen. Sitzung des Zionist. Aktionskomitees. In den Tagen vom 4. bis 6. Dezember 1014 fand in Kopenhagen eine Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees statt, an der sich Mitglieder aus verschiedenen Ländern beteiligten. Der Ritzung lagen ausführliche Berichte über die Lage der jüdischen Siedelung und der zionistischen Institutionen in Palästina vor, die durch den Krieg in grobe Bedrängnis geraten sind. Mit dankenswerter Energie haben die amerikanischen Juden bereits eine Aktion für die Linderung der Not unternommen, es hat sich aiber herausgestellt, daß weitere große Mittel erforderlich sind. Es wurde daher beschlossen, eine großzügige Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Zur Durchführung dieser Hilfsaktion und zwecks Erleichterung der Verbindung der einzelnen Teile der zionistischen Organisation wurde .beschlossen, ein Arbeitsbureau in einem neutralen Lande einzurichten. Die endgültige Bestimmung des Ortes für das Bureau wurde dem E. A. C. überlassen. Bis dahin wird es seinen Sitz in Kopenhagen haben. * Bericht über die Sitzung des Zionist. Zentralkomitees für Westösterreich vom 13. Dezister 1914. Anwesend, (für das Zentralkomitee für Westösterreich): Dr. Karl Poliak, Ludwig Bato, Dr. Fritz Eckstein, Prof. A. Engel (Prag), Dr. Isidor Margulies, Dr. Emil Margulies (derzeit Graz), Ob.-ing. Robert Stricker, Dr. Egon Zweig; (für das galizische Zentralkomitee): Dr. Anselm Halpem, Dr. Pachtmann, Dir. Simon Oransz; (für das böhmische Distriktskomitee): Dr. Emst Gütig; (als Vertreter einzelner Vereine): Staatsbahnrat Glass (Iglau), Massaryk (Pilsen), Gisela Kohn („Moria“, Wien), N. Manazeach („Hatchia“, Wien), Berta Rappaport (I. Wr. Jüd. Frauenverein, Wien), Wertheimer („Lese- und Redehalle“, Wien), Josef Stein („Herzlklub“, Wien), Richard Ornstein („Zephirah“, Wien), H. Gerstf („Freie Zion. Vereinigung“, Wien), Antal („Kadimah“, Wien), Gg. Reichsratsrevisor Taussig, Sekretär Dr. Wilh. Stein. Vorsitzender, Präsident des Zentralkomitees Dr. Karl Poliak, referiert kurz über die Tätigkeit des G. A. in Betreff der Durchführung der Beschlüsse der tetzten Sitzung: Die Stellungnahme des Z. K. zu Parteifragen, Palästinaangelegenheiten, Kritik des J. N.-F., über die Bemühungen zur Gründung einer G. m. b. H. „Jüdische Zeitung“, Veranstaltung von Herzlfeiem, Abschluß des Vertrages mit der Versicherungsgesellschaft „Der Anker“, Uebersiedlung der Büros. Ausführlich erörtert er die Tätigkeit des Z. K. während des Krieges und die Hilfsaktionen, unter Hinweis auf die stattgehabten Veröffentlichungen in der „Jüdischen Zeitung“ (Bahnhofdienst, Rechtschutzbüro, Brockensamrrrlung, Kinderhort, Ausspeisung, Interventionen in Wien und in der Provinz bei den Behörden; Kranken-Ambulatorium). Dazu referieren Herq Reichsratsrevisor T a u s s i g über die Gelder der - Hilfsaktion, Jurist A n t a 1 über das Rechtschutzbüro. Herr Dr. Ernst Gütig berichtet über die Tätigkeit des Hilfskomitees in Prag, das in bestem Einvernehmen mit der Kultusgemeinde arbeitet. Die Lage der Flüchtlinge ist in Prag relativ günstig. Prof. Dr. Engel bespricht die wohlwollende Aufnahme der Flüchtlinge von seiten der deutschen Bevölkerung (Eger, Reichenberg) und die Teilnahmslosigkeit der jüdischen Hochfinanz. Herr Massaryk referiert über Pilsen, wo besonders die Umgebung von Flüchtlingen bewohnt ist. Es wurde dort eine - Beaufsichtigung der Unterkünfte nach Rayons eingerichtet; an einer Veranstaltung des „Ferialklubs jüdischer Akademiker“ zu Gunsten der Flüchtlinge (nehmen Kultusgemeinde, Bezirksihauptmannschaft und Kommune teil. Herr Staats- | bahnrat Glas (Iglau): Die Kultusgemeinde hat sich nur auf Betreiben der Zionisten der Flüchtlinge angenommen, die Arbeit wird hauptsächlich von Zionisten geleistet. Auch hier steht „Blau-Weiß“ dem Komitee zur Seite. In der Diskussion wünscht Dr. Emil M a rgulies eine Zentralisierung sämtlicher Hilfsaktionen Westösterreichs unter Leitung des Z. K. Die Arbeit soll rayoniert werden und die Rayons durch Gesinnungsgenossen bereist werden; es ist ein Kataster aller Flüchtlingslager und Orte aufzunehmen, durch Zusendung von Zeitschriften und Büchern soll für geistige Anregung der Betroffenen gesorgt werden. Dr. Pachtmann spricht dem Z. K. namens des galizischen Z. K. den Dank aus, meint aber, es müsse die Bevölkerung auch durch die allgemeine Presse über Vergangenheit und Zukunft der galizischen Juden aufgeklärt werden. Er weist auch auf die in Thalerhof internierten Juden hin, die nach unserer Meinung unschuldig sein werden, jedesfalls aber raschestens verhört werden sollen. Dr. I. Margulies antwortet darauf, daß das Z. K. in dieser Sache bereits aufklärende Schritte unternommen hat, um die Untersuchung der Inhaftierten zu beschleunigen. Dr. Karl Poliak resümiert die Diskussion, die vor allem die Notwendigkeit gemeinsamer Arbeit und Beteiligung der galizischen Gesinnungsgenossen bei der Hilfstätigkeit ergeben hat. Nachmittags-Sitzung. Vorsitzender Dr. Emil Margulies. Tätigkeit des Nationalfonds. Rericht des Herrn. Dr. Egon Z w e ig. In der Diskussion wird von Herrn Dr. Emil Margulies eine Aktion zu Gunsten des Roten Halbmondes angeregt, die als zionistisch vor der österreichischen und der türkischen Oeffentlichkeit gelten soll. Eine Summe von mindestens K 2000 soll als Sammlung des Z. K. bei der Botschaft überreicht werden. Herr G e r s 11 („Herzl-Klub“) teilt mit, daß seine Organisation im Rahmen dieser Aktion eine hebräische Theatervorstellung zu Gunsten des Roten Halbmondes veranstaltet. Die Anregung des Herrn Ludwig Bato, zionistische Feldpostkarten nach dem Muster der „Rohö“ anfertigen zu lassen, wird dem Leiter der Sammelstelle zugewiesen. Herr Dr. Isidor Margulies macht noch einmal darauf aufmerksam, daß möglichst alle von Zionisten durchgeführten Kriegsfondsaktionen unter zionistischer Flagge segeln sollen. Herr Ob.-Ing. Stricker berichtet über die Schaffung des jüdischen Kriegsarchivs und die Vorbereitung zur Gründung eines jüdischen Tagblattes in deutscher Sprache. (Ueber die Bedeutung eines jüdischen Tagblattes ist den Vereinen durch ein separates Zirkular bereits vor einiger Zeit Mitteilung gemacht worden.) In der Diskussion wird immer wieder auf die unabsehbare Bedeutung der beiden Projekte hingewiesen, die Zustimmung aller Anwesenden ausgesprochen und zum Schlüsse werden folgende Resolutionen gefaßt: I. K r i e g s a r c h i v. Das Zentralkomitee beschließt, ungesäumt sämtliche Kräfte der Partei in den Dienst des Archivs zu stellen. Nähere Ausführungen darüber werden in einer besonderen Instruktion erlassen werden-. II. T a g b 1 a 11. Das Zionistische Zentralkomitee erklärt, daß es bei der gegenwärtigen Situation die wichtigste Aufgabe der österreichischen Judenheit ist, ein jüdisches Tagblatt zu schaffen. Als Mittel zur Durchführung faßt es ins Auge, insbesondere die Entsendung von geeigneten Personen, welche die einzelnen Orte bereisen, ferner Sammlung von Subskribenten (Probesubskribtion). In der weiteren Diskussion tritt Herr Prof. Dr. Engel mit Rücksicht auf die Zentralisier rung der gesamten zionistischen Arbeit in Westösterreich für die Verschmelzung der „Jüdischen Zeitung“ Und „Selbstwehr“ eint Dr. Gütig erklärt, daß in der nächsten "Zeit Mitgliedern des böhmischen D. K. in die Provinz reisen werden, zum Zwecke der Information der Gesinnungsgenossen über die Situation in Palästina und Bericht über die heutige Tagung. Es wird auch eine Zusammenkunft sämtlicher Delegierter