Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 36 (27.11.1914)
- Date
- 1914-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 J6DISCHE ZEITUNG Nr. 36 die tödlich Verwundeten meine Mezuzah und meinen Tallis küßten, wie sie ihre letzte Verfügung trafen, indem ich das Widduj-Gebet (Sündenbekenntnis) sprach, wie sie mir mit erstarrenden Händen krampfhaft die Hand drückten, währenddem ich das Schema Jisroel rezitierte, das werde ich nie vergessen. Endlich kehrte ich in die Stadt zurück. Am Ende der Ortschaft erwartete mich mit seinen zwei Söhnen und dem Obmann der Chewra der einem Patriarchen gleichende greise Rabbi Eleaser Rokeach. Sie bemerkten, daß ich tief bewegt war und der Rabbi begrüßte mich schon von der Feme: „Sdiolaum olajch achi chaweri!“ (Friede mit dir, Freund und Kollege!) Er führte mich in seine Wohnung und als ich von der Aufhebung der Sabbatruhe sprach, bestätigte er dies. 50.000 Soldaten seien in dem Städtchen, das bloß 4000 meistens jüdische Einwohner zählt, einquartiert, im Städtchen drei Feldlazarette voll von Verwundeten. Hier trete — meinte der Rabbi — der Fall des „Pikuach nefesch“ (Rettung der Seele) ein, der den Sabbat aufhebt. Die Verteidiger des Vaterlandes müssen verpflegt werden. Und schon brachte Awumele, der 11jährige Enkel des Rabbi, das Werk unseres großen Maimonides und schlug den bezüglichen Paragraphen auf, den wir soeben besprachen. Ich lauschte verwundert den Worten des frommen Chassids, der unsere Gebote so liberal auslegte. Endlich richtete ich folgende Frage an meinen Gastgeber: „Rebbe, unsere Militärgesetze ermächtigen midi, im Einvernehmen mit dem Oberarzt die jüdischen Toten in solchen Ortschaften, wo Juden wohnen, der jüdischen Bevölkerung zur Bestattung zu übergeben. Ich weiß von zwei jüdischen Gefallenen, die aber auf höheren Befehl noch heute beerdigt werden müssen. Was ist Ihre Ansicht?“ Der Rabbi ergriff meine Hand und sprach mit feuditschimmernden Augen: „Gott segne Sie, Herr Kollege! Der Obmann der Chewrah kam ja eigens mit mir, um Sie zu ersudien, Sie mögen uns die jüdischen Toten übergeben. Die Heiligkeit des Sabbats verschwindet neben der Heiligkeit des Vaterlandes!“ Nadi einer halben Stunde — wir aßen noch zu Mittag — stand bereits ein gedeckter Wagen auf der Straße, auf welchem' die Toten in den Friedhof überführt würden und wetteifernd sprangen auf den Wagen galizische chassidische Kaftanjuden in ihrem Sabbatgewand . . . . Zionisten im Felde. Wieder erhielten mehrere Zionisten, die im Heere dienen, Auszeichnungen. K. u. k. Kadett d. R. Siegfried Aben d, Triest, der verwundet worden ist und k. u. k. Fähnrich Dr. Fritz Braun, Ung.- Hradisch, haben die silberne T apferkeitsm e d a i 11 e, Oskar Fürst, Agram, Mitglied des dortigen Jüdischen Turnvereines, das goldene Verdienstkreuz erhalten. Vereines in Proßnitz und Mitglied des Zionistischen Distriktskomitees für Mähren und Schlesien. Der A. H. der jüd.-akad- Bukowinaer Landsmannschaft , Jordania“ in Wien, Ingenieur Jakob Rohr lieh, Reserveleutnant im 61. Inf.-Reg,, ist auf dem nördlichen Kriegsschauplatz gefallen. Auch in Deutschland zeichnen sich unsere Gesinnungsgenossen im Felde ganz besonders aus. Unter den 500 Stammesgenossen, die bisher mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden, befinden sich viele Gesinnungsgenossen. Von den bekannten Zionisten Zionisten haben — außer den in der jüngsten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ Genannten — das Eiserne Kreuz erhalten: Dr. Felix T h e i 1 h a b e r, Berlin, Rechtsanwalt Martin E x i n c r, Berlin (K. J. V.), Dr. Harry Moses, Königsberg (K. J. V.), Reg.-Baumeister Alex. Ba er wald, Lichterfelde, Dr. S. Lev v, Hamburg, Dr. Isaak H o r o w i t z (K. J. V.), Dr. Alfred Wollstein, Berlin (K. J. V.), Hans L i p s c h i t z, Charlottenburg (K. J. V.), Selmar Bütow, Gera, Dr. Erwin Mever, Frankfurt a. M. (K. J. V.), Dr. Siegbert Meyersohn, Bromberg (K. J. V.), Rechtsanwalt Manasse, Posen (K. J. V.), Prof. Dr. Julius C i t r o n', Berlin (K. J. V.), Martin Wald st ein, Oels (K. J. V.), Dr. Walter Weigert, Hamburg, langjähriger Vorsitzender des Jüdischen Turnvereines Bar Kochba in Hamburg, ferner die Aerzte Dr. Richard Blum, Berlin und Dr. G i n z b e r g. Unser Gesinnungsgenosse Fritz Baer, langjähriger Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe Karlsruhe, z. Z. Unteroffizier im Felde, wurde durch Verleihung der badischen Verdienstmedaille am Atilitärbande der Karl Friedrich- Verdienstmedaille ausgezeichnet. Gefallen sind: Eduard Joseph, Berlin, Bruno Mose s, Tapiau, Georg M ü 11 e r h e i m, Berlin (K. J. V.), Siegmund Lewin, Berlin (Ruderklub Ivria), Fritz S e e 1 i g, Mannheim, Mitglied der dortigen zionistischen Ortsgruppe und Führer des Wanderbundes „Blau-Weiß“, Rechtsanwalt Dr. Hugo Ascher, Berlin (K. J. V.) und stud. meid. Walter Caro, Hamburg (K. J. V.). Unser Gesinnungsgenosse Walter H am'm erst ein aus Stettin, Mitglied des Jüdischen Turnvereines, ist zum Leutnant befördert worden. * * * Die jüdisch-akademische Verbindung „Ivria“ i in Wien, die bereits 4 Auszeichnungen aufweisen kann, versendet soeben ein Kriegsrundschreiben, dem wir folgende interessante Daten entnehmen: 62 Ivrianer sind eingerückt! Darunter 36 Alte Herren (von 70); 11 Inaktive Burschen von 11); 7 Aktive Burschen (von 8); 8 Füxe (von 11, darunter 4 freiwillig). Von den Eingerückten sind 23 Offiziere, 8 Aerzte, 2 Beamte, 1 Ingenieur, 2S Mannschaftspersonen. An der Front stehen 3S, in Garnisonen' sind 24 (davon 11 in Eirijährig-Freiwilligen-Schulen und 8 in Spitälern). Ingenieur Oskar Aschermann, Bar Kochba, Prag, dz. Fähnrich beim' 10. Landwehr- Inf.-Reg., wurde für tapferes Verhalten vor dem Feinde die silberne Tapferkeitsmedaille verliehen, nachdem er schon vorher auf den Posten eines Bataillons-Adjutanten berufen worden war. Unserem Gesinnungsgenossen Paul B r a f f, Rechnungsunteroffizier I. Klasse, wurde für seine vorzügliche Dienstleistung der Ausdruck der vollkommenen Zufriedenheit seitens des Bataillonskommandanten ausgesprochen. Aber auch die Verlustliste enthält die Namen mancher unserer wackeren Freunde. Es fiel auf dem Felde der Ehre: Leutnant Alfred Kraus, Alter Herr des Vereins Jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag. Er hatte sich im1 Kreise des Bar Kochba, in dessen Präsidium er gewesen war, durch seinen treuen Charakter und sein liebenswürdiges Wesen die wärmsten Freunde gewonnen. Als Gründer des Jüdischen Turnvereins in Prag war er auch in Turnerkreisen bekannt geworden und hat sich auch um den jüdischen Wanderbund „Blau-Weiß“ manche Verdienste erworben. Im letzten Jahre war Alfred Kraus als Lehrer am Gymnasium in Trautenau tätig gewesen und hatte audi dort im Zionistischen Volksverein reiche zionistische Arbeit geleistet. Alfred Kraus wurde von seinem Kriegskameraden Gesinnungsgenossen Robert Weißkopf in einem' bosnischen Dorfe bestattet. Aus den Reihen der jüdischnationalen Turner Oesterreichs sind Otto S u ß m a n n aus Bielitz, k. u. k. Leutnant Lothar Z i 1 z und Einj.-Freiw. A. Grünfeld aus Graz gefallen. Leutnant Julius Neumann ist beim Uebergang über die Drina verwundet worden und in-serbische Gefangenschaft geraten. Gesinnungsgenosse Neumann war in den letzten Jahren Leiter des Zionistischen Volks- Palästina uns Ser Krieg. Wie wir in der jüngsten Nummer unseres Blattes bereits mitgeteilt haben, hat Herr Wertheim, der Schwiegersohn des amerikanischen Botschafters in Konstantinopel, auf dem amerikanischen Kreuzer „North Carolina“ persönlich 40.000 Dollar in Gold und Silber überbracht, die das American Jewish Committee für allgemeine Hilfszwecke zur Verfügung gestellt hat und die in der Anglo-Palestine Company deponiert worden sind. In der letzten Woche ist dieses amerikanische Kriegsschiff wieder nach Jaffa gekommen' und der amerikanische Konsul in Beyruth brachte aus Aegypten ca. 1/4 Mill. Francs, die für die verschiedenen zionistischen Institutionen in Palästina bestimmt sind und ebenfalls in Amerika, von dem' dortigen Provisorischen Exekutiv-Komitee für zionistische Angelegenheiten aufgebracht wurden. Von diesem Betrage entfallen: ca. 20.000 Francs für die Zwecke des Jüdischen Nationalfonds, 60.000 Francs für das zionistische Schuhverk' und sonstige Institute der zionistischen Organisation, 25.000 Francs zur Verfügung des Herrn Levin- Epstein, 20.000 Francs für die Agudath Netaim, 75.000 Francs für das Internationale Gesundheitsamt in Jerusalem, 15.000 Francs für sonstige Zwecke in Jerusalem, 20.000 Francs für die landwirtschaftliche Versuchsstation in Atlit, 10.000 Francs für den amerikanischen Relieffontfe und 3000 Francs für das Arbeitsnachweisbureau in Jaffa. Dieses Geld ist zum allergrößten Teil der Anglo-Palestine Company zugeflossen und hat ihren Goldbestand wesentlich gesteigert. Mit Hilfe des amerikanischen Geldes ist es gelungen, überall für die jüdischen Arbeiter Beschäftigung zu schaffen, so daß es in den Kolonien zurzeit fast gar keine, in den Städten verhältnismäßig nur recht wenige jüdische Arbeitslose gibt. Der zionistische Orden „Knights of Zion“ in Chicago hat dem zionistischen Palästina-Amt die Absendung von 8000 Dollar in Gold avisiert, die durch die Standard Oil Company übermittelt werden sollen. Dieses Geld ist für allgemeine Hilfszwecke in Jerusalem' und Jaffa bestimmt und wird durch zwei Lokalkomitees, die Herr Dir. Ruppin im Verein mit den Herfen Lapin und Rokeach in Jaffa einsetzen soll, zur Verteilung gelangen. Es ist überaus erfreulich, daß die Farmen des Jüdischen Nationalfonds durch ihre großen Getreidevorräte in der Lage sind, Bedeutendes für die Verpflegung der jüdischen Bevölkerung in Palästina zu leisten. Die galiläischen Fa'rmen versorgen mit ihrem Getreide nicht nur die Städte Jaffa, Jerusalem und Haifa, sondern auch die Pflanzungskolonien, wie Pethach-Tikwah, Rischon le Zion, Ein Ganim, Ber-Jacob, Ein- Chai usw., während Benschemen täglich nach Tel-Awiw Milch liefert. Falls es gelingen wird, genügenden Absatz für die Orangenernte zu finden und den Kaufpreis rechtzeitig zu erhalten, werden sich die jüdischen Pflanzungskolonien wohl in den nächsten Monaten aus eigenen Kräften helfen können. Schwierig wird die Lage werden, falls die Verschickung der Orangen auf Hindernisse stoßen wird. (Dieser Fall scheint leider durch das Eingreifen der Türkei in den Krieg eingetreten zu sein. D. Red.) Im allgemeinen ist man hier optimistisch und man hofft, daß es möglich sein wird, insbesondere die zionistischen Institute und d'ie Kolonien über die Krisis hinwegzubringen, wenn das Interesse, das die amerikanischen Juden in der letzten Zeit für Palästina bekundet haben, weiter anhalten wird. 2. Kreis (Westösterreich) der Jüd. Turnerschaft Wien, IX., Liechtensteinstraße 21. Liebe Turnbrüder! Liebe Turnschwestern! Wir wollen den Makkübim im Felde, unseren Brüdern, eine frohe Makkabäer-Feier bereiten. Seit althersher ist es Sitte bei den Juden, gerade an diesem Feste Werke der Liebe zu tun. Auch wir wollen der Gepflogenheit dort entsprechen, wo solches liebevolles Gedenken in harter Zeit und bedrängter Lage ein unschätzbares Frohgefühl in unseren Brüdern wecken muß. Selbst die kleinste Gabe, die diese im Felde empfangen, werden ihre Herzen mit Dank erfüllen, die Bande zwischen ihnen und uns Hiergebliebenen unlöslich knüpfen und Stolz wird in unseren Brüdern auf dem Schlachtfeld das Gedenken unserer glorreichen Ahnen, der Makkabim, wecken, deren Tapferkeit, Mut und Zuversicht sie nun zu Nutz des Vaterlandes und Juda zur Ehr in sich erstehen lassen. Jeder Verein gehe unverzüglich daran, eine Sammelaktion zu Gunsten der im Felde stehenden Turnbrüder einzuleiten, von denen jeder ohne Ausnahme eine Gabe im Namen der Jüdischen Turnerschaft (wenn möglich mehreremale) zu erhalten hat; hiebei seien womöglich die Vermögensverhältnisse des einzelnen berücksichtigt und speziell auf den Bedarf an warmer Winterwäsche der weniger Bemittelten Bedacht genommen. Außer diesen kämen für Liebesgaben in Betracht: Rauchrequisiten und Rauclimaterial (auch Pfeifen und Feuerzeuge), Schokolade, Teetabletten, Kolapastillen, Signalpfeifen, elektrische Taschenlampen, kleine Sanit- Päckchen usw., usw. Jeder Sendung sei ein Gruß tdes Vereines und auch eine Retour-Feldpostkarte mit Rückadresse beigegeben, auf welcher der Empfänger den Erhalt der Sendung und auch eventuelle weitere Wünsche mitzuteilen hätte. Einer nur halbwegs energischen Aktion muß es gelingen, in kürzester Frist eine große Menge für Liebesgaben geeigneter Gegenstände (oder Geldspenden) zu sammeln. Keine Spende werde zurückgewiesen, jeder Gesinnungsgenosse werde an seine Pflicht gemahnt! Vielleicht wird es. auch tunlich sein, Damen- Strickabende in Ihrem Vereine zu veranstalten, um' das aufgebrachte Rohmaterial sofort und unentgeltlich verarbeiten lassen zu können. Rasche Arbeit Ihrerseits wird den Erfolg haben, unsern lieben Turnbrüdem im' Felde die Gewißheit zu verschaffen, daß Sie in der Jüdischen Turnerschaft einen festen, stets opferwilligen Rückhalt besitzen. Berichten Sie und freundlichst um'gehend über Ihre Schritte und Leistungen. Mit brüderlichem Hedäd! Ing. Emil Deutsch m. p. Kien m. p. med. Adolf Taglicht m. p. Die russischen Juden der Türkei. Durch Intervention des Großrabbiners erhielten an 5000 Juden russischer Staatszugehörigkeit die türkische Naturalisation.