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Jüdische Zeitung · 1914-11-27 · 36 (27.11.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
36 (27.11.1914)
Date
1914-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG 3MJK NRTIQNRL -JUDI5CHE5 DRGHN ftinmrB Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ S Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, I!., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden 9 _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ H reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjühr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ 9 Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. 51 ■____ — ... CUU-IL.--.-—1 - ---—--*««« Nr. 36. Wien, Freitag, den 27. November 1914 VIII. Jahrgang Dringender Aufruf! Seit Monaten ist die Hilfsaktion des Zionistischen Zentralkomitees bemüht, die grenzenlose Not unserer unglücklichen Brüder aus Galizien und der Bukowina zu lindern und dort mit Rat und Tat einzugreifen, wo sich die Fürsorgetätigkeit der Zentralstelle als unzulänglich erweist. Durch Verteilung von Speisemarken und Brot, durch Ausstattung von Tausenden von Flüchtlingen mit Kleidern, Wäsche und Schuhen durch einen Kinderhort, durch das Rechtsschutzbüro und durch das am 1. Dezember d. J. zu eröffnende Ambulatorium hat unsere Hifsaktion auch tatsächlich bereits Wesentliches ■^geleistet. Aber die Zahl der Hilfesuchenden nimmt nicht ab, da auch Unzählige, die bisher im Besitz von Mitteln waren, nun auf Unterstützung angewiesen sind, ohne daß die zu einer dauernden Hilfe notwendigen bedeutenden Mittel vorhanden wären. Es ergeht daher an Alle, die echtes Mitgefühl mit ihren unglücklichen Brüdern haben, die dringende Bitte, mitzutun an diesem Hilfswerk: Durch neuerliche Geldspenden vor allem, denn es genügt nicht, wenn in solcher Not einmal gegeben wurde, aber auch durch Zuweisung von Kleidern, Wäsche und Schuhe, da der Winter mit seiner Härte frühzeitig eingebrochen ist. Der Dank all der zahllosen Unglücklichen ist den edlen Spenden gewiß.. Die Hilfsaktion des Zionistischen Zentralkomitees Wien, II. Zirkusgasse 33. (Kleidersammelstelle IX., Türkenstraße 9). Die galizisdien Eliidiflinge. ln unwandelbarer Treue steht das jüdische Bevölkerungselement in Galizien und der Bukowina zur Monarchie. Nichts spricht dafür deutlicher, als der blutige Haß der moskowitischen Barbaren gegen die Juden. Jahrzehntelange Minierarbeit der russischen Agenten hat da keine Frucht getragen und mit echtem Jubel begrüßten die Juden Galiziens den Krieg gegen das Reich der Pogrome, indem sie gern und selbstlos ihr Bestes dem Kaiser und dem Lande gaben. Rückhaltlos hat denn auch die oberste Armeeleitung die patriotische Haltung der jüdischen Bevölkerung, die ihrem Vaterlande durch die Tat der Treue wahrten, anerkannt. Und darum hat es die Regierung auch als Selbstverständlichkeit angesehen, daß gerade die Juden unverhältnismäßig zahlreich vor den einbrechenden Russen Haus und Gut und Heimat in Stich ließen und im' Zentrum der Monarchie ihre Zuflucht suchten. Und die Regierung erkannte es als ebenso selbstverständlich an, daß sie die Sorgen für die Flüchtlinge auf sich nehme. Unverzüglich wurde das Ministerium des Innern, beziehungsweise dessen wirtschaftliche Sektion, mit Herrn Sektionsrat Dr. von Marquet an der Spitze, mit diesem Mandat beauftragt und ein Einvernehmen mit der Kommune Wien über Aufnahmen und Unterbringung der Flüchtlinge getroffen. Die Kommune errichtete ihrerseits eine Zentralstelle für die einzelnen Zweige der Flüchtlingsfürsorge und übergab die Leitung Herrn Gemeinderat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller. Die guten Intentionen der Regierung gingen wohl naturgemäß dahin, gerade der jüdischen; Bevölkerung Westösterreichs und vor allem Wiens die Gelegenheit zur Mithilfe an diese Flüchtlingsfürsorge zu geben. St.v: dessen aber .wurde die Zentralstelle derart bürokratisch organisiert, daß die weiten jüdischen Kreise von der Mit-, arbeit ausgeschaltet wurden oder, wenn .jjie. schon eine Zeit lang mithelfen durften, im gelegenen Moment verständigt, man könne ihrer Mithilfe entraten. Es sei hier gerade auf den Bahnhofsdienst hingewiesen, der unendlich viel für die rat- und hilflos in der Großstadt Ankommenden geleistet hat, und mehr denn je geeignet war, die Härten, die durch die Absperrung Wiens zutage treten mußten, zu mildern. Der gleichen Ursache entspringt auch die Art und Weise der Behandlung der Flüchtlinge, die tagelang auch bei Regen und Frost vor den einzelnen Flilfsstellen von Früh bis Mittag und von Mittag bis A.bends stehen und oft genug dann noch unverrichteter Dinge abziehen. Das Zionistische Zentralkomitee hat die Mängel der bürokratischen Einrichtung der Zentralstelle wenigstens nicht auf die Provinz iibergrci''en lassen wollen und sich bereit erklärt, durch seine Organisationen in den Städten Böhmens und Mährens Hilfskomitees zur Aufnahme der Flüchtlinge zu schaffen. Doch wurde von dem Vorschläge von Seite der wirtschaftlichen Sektion des Ministeriums, die ursprünglich mit demselben einverstanden war und die Nennung der in Betracht kommenden Städten zugesagt hatte, kein Gebrauch gemach-. Die Folgen machen sich denn auch, wie ein Bericht über die galizischen Flüchtlinge in Karlsbad in der „Arbeiterzeitung“ vom 24. d. M. bereits der Oeffentlichkeit zeigt. Wir können es uns erlassen, in diesem Zusammenhänge auf die Zustände in den Konzentrationslagern in Südmähren zurückzukommen, zumal sieb dort, es sei gerne zugestanden, vieles gebessert hat. Daraus ergibt sich aber wiederum, daß die Regierung, von den besten Intentionen geleitet, bemüht ist, Vergleiche mit den Gefangenenlagern im feindlichen Auslande nicht aufkommen zu lassen, und es darf daher die Floffnung ausgesprochen werden, daß die Regierung alles daran setzen wird, den unglücklichen Flüchtlingen, die um ihrer Treue zum Staate willen ins Elend gegangen sind, ihr Los zu erleichtern. Der Opfermut Oer galizisdien Juden. Ueberaus interessant sind die Tagebuchaufzeichnungen des Feldrabbiners Dr. Edmund Kalman, die der Budapester „Egyenlcseg“ veröffentlicht. Er schildert mit beredten Worten die großen Dienste, die die galizische Judenheit unserer Armee geleistet hat. Alles gab sie dem Vaterlande zum Opfer, selbst ihre heiligsten religiösen Gefühle, indem sie an manchen Stellen sogar die Sabbatruhe aufhob, um unseren Truppen behilflich sein zu können. Seine Exzellenz der Feldmarschalleutnant — schreibt Dr. Kalman — weilte mit Vorliebe in unserem Kreise. Des öfteren kam es im Lager vor, daß ich die in irgend einem kleinen Neste gekaufte Lemberger oder Krakauer Jargonzeitung hervornahm und meinen Kameraden die Berichte über die großen Weltereignisse vorlas. Mit wahrem Heißhunger verschlang Seine Exzellenz jeden Bericht der einzigen Zeitung. Nie hätte ich gedacht, daß je Feldmarschalleutnants meiner Jargonvorlesung lauschen würden. Die beliebteste Zeitung war das „Lemberger Tagblatt“. Dieses brachte die vertrauenswürdigsten Nachrichten .... Seine Exzellenz machte aber auch bei anderen Anlässen von meinen Jargonkenntnissen Gebrauch. Das Deutsch mancher Galizianer konnten unsere Honvedoffiziere unmöglich verstehen. Die armen Juden bemühten sich, hochdeutsch Zu soreehen, was ihnen natürlich nicht gelangund iilire Worte noch unverständlicher machte. In solchen Fällen war ich der Dolmetsch. Sie machten große Augen und betrachteten mich mißtrauisch, wenn ich ihnen mit „Schülern alechem!“ die Hand reichte mul sie jüdisch ansprach. Dann wurden sie aber gesprächig und leisteten durch ihre Mitteilungen unschätzbare Dienste unseren Truppen. Flauptmann Darvas war zmn Schutze des Trains kommandiert und stand mit 5!) bis 00 Soldaten in der Nähe von Rava-Rtiska, als die Patrouille das Nahen eines Kosakenrcgiinentes meldete, das eigens mit dem Abfangen der Munition betraut war. Kurz darauf kam ein Militärradfahrer vom Eisenbahnregiment mit der Meldung, daß der Feind binnen einer Stunde die einige Kilometer lange Trainkolonne angreifen würde. Der tapfere Hauptmann ging in der bezeichneten Richtung, um den Feind würdig zu empfangen. Inzwischen sind inmitten der größten Unsicherheit und Aufregung zwei Juden im Kaftan, ausgezeichnete Kenner des Geländes, erschienen und führen unseren Train auf Nebenwegen in den riesigen Park des Fürsten Sapieha, wo die Kolonne, die einen kolossalen Wert darstellte, im großen, laubigen Kastanienwald vor dem Auge des Feindes verschwand. Die Kosaken zogen mit Enttäuschung in entgegengesetzter Richtung ab. Der Train war gerettet und die zwei Kaftanjuden wurden von unserem Kommandanten vor der Mannschaft belobt. Wetter erzählt Dr. Kälmän, wie er eines Samstag morgens die Meldung . erhielt, daß am anderen Ende der Ortschaft, vor der er am Abend vorher angelangt war, ein Verbandplatz aufgestellt wurde. Ich brach auf, um unsere Verwundeten aufzusuchen. Plötzlich blieb ich vor Staunen stehen: Ein bärtiger Jude mit Kaftan und Schläfenlocken saß am Wagen, der eine kleine magere Kuh führte, ein anderer ebensolcher gaiizischer Jude trieb das Vieh vor sich hin — offenbar auf die Schlagbrücke. Ich war überaus erstaunt. Heute ist doch Sabbat, wie kann daher ein religiöser Jude auf dem Wagen sitzen und eine Kuh vor sich hin treiben? Dann ging ich durch das Städtchen und sah aut dem Marktplatz eine Bäckerei. Vor dem Backofen stand ein jüdischer Bäcker mit der obligaten Samtmütze. Die Soldaten rissen die halbgebackenen Brote aus dem Ofen, wofür er sie in gutjüdischem Idiom ausschiinpfte. In den Schenken bedienten ebenfalls Juden die hereinströmenden Soldaten. Jetzt wurde es mir klar: es war gar nicht Sabbat. Wir mußten uns verrechnet haben. Ich schämte mich, da ich gestern abends den Sabbateingang so feierlich begrüßt habe. Endlich trat ich an einen Juden heran und fragte ihn: „Was ist heute für ein Tag, Samstag oder Freitag?“ Er erwiderte: „Heit is Schabbes!“ „Und hier wird am Sabbat gebacken, geschlachtet und verkauft?“ „Ja, unser Rebbe hat den Schabbes b o 11 gemacht!“ (Er hat die Sabbatruhe aufgehoben.) Ich wollte ihm zuerst nicht glauben, da ersuchte er mich, ihm in die „Klaus“ zum Ktbben zu folgen. Ich mußte auf den Verbandplatz, bat ihn aber, mittag auf mich zu warten und mich inzwischen beim Rabbi anzumelden. Ein anderesmal will ich erzählen, was ich aut dem Verbandplatz miterlebt habe. Wie

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