Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 35 (13.11.1914)
- Date
- 1914-11-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 J8DISCHE ZEITUNG Nr. 35 Werth e im, der bei ihm in Konstantinopel zu Besuch weilte, mit dem amerikanischen Kriegsschiff „North Carolina“, das jetzt im Mittelmeere kreuzt, nach Jaffa geschickt, um 40.000 Dollar Gold, die das American Jewish Committee den palästinensischen Wohlfahrtsinstitutionen zur Verfügung gestellt hat, hierher zu bringen. Herr Wertheim hatte seine Ankunft Herrn Dr. Ruppin vorher telegraphisch mitgeteilt, Dr. Ruppin empfing Herrn Wertheim im Hafen von Jaffa und überbrachte das Geld sofort in die Safedepots der Anglo Palestine Company. Da der Betrag zum Teil in Silbergeld überwiesen war und in großen Säcken transportiert wurde, hallte die Stadt bald von abenteuerlichen Gerüchten wieder, wie, daß die Juden viele Millionen aus Amerika bekommen hätten. Dadurch ist jedenfalls der Respekt vor den Juden bei der arabischen Bevölkerung sehr gestiegen. In Jerusalem fand unter dem Vorsitz des Herrn Wertheim eine Beratung statt und es wurde ein Komitee eingesetzt, das die Verteilung des Geldes übernommen hat. Diesem Komitee gehören Dr. Ruppin, unser Gesinnungsgenosse Agronom Ahronsohn und Ephraim Cohn an. ln Jerusalem ist ein besonderes Verteilungskomitee eingesetzt worden, dem die Herren Ephraim Cohn, Dr. Lev y, Dr. W e i z, Prof. Schatz, Brenner, Dr. Masie, L u p o, Nissim Eliascher, Adelmann, Marx und Leib Levy angehören. Mit der Verteilung des Geldes ist bereits begonnen, hoffentlich wird man so wenigstens über die schlimmste Not für die nächsten drei Monate hinwegkommen können. Das wichtigste ist, daß durch diese Unterstützungsaktion die Möglichkeit geschaffen ist, gegen tausend Arbeiter in den Kolonien, die sonst arbeitslos geblieben und dem größten Elend anheimgefallen wären, mit Arbeit zu versorgen. Die wichtigste Frage der wirtschaftlichen Verhältnisse ist die Frage des Absatzes der Obsternte. Die Orangen Palästinas haben ihren Haupiabsatz in England, ferner in Oesterreich, Rußland und Rumänien. Diese Märkte sind dem Orangen-Export so gut wie verschlossen und es gilt nun, einen neuen aufnahmefähigen Markt zu finden. Sicherlich ist das schwer, aber alle Möglichkeiten müssen zumindest versucht werden. Deshalb ist beschlossen worden, Herrn S. P e w s n e r aus Haifa im Aufträge des Palästinaamtes nach Amerika zu entsenden, um dort den Orangen Export aus Palästina zu organisieren. Auch Herr Wertheim hat sich in Palästina für den Absatz der diesjährigen Orangen-Emte und für den Export nach Amerika sehr interessiert und seine Hilfe versprochen. Herr Pewsner wird also in Amerika im Aufträge der Orangen-Verkaufs-Organisationen arbeiten. Vorläufig ist natürlich bares Geld noch immer selten. Das Hauptzahlungsmittel unter den Juden sind die registrierten Scheks der Anglo- Palestme-Company, die einen Ziemlich großen Umlauf haben. Die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse ist in allererster Reihe selbstverständlich von den großen weltgeschichtlichen Ereignissen abhängig. Zionisten im Felde. Unverhältnismäßig viele Juden haben sich ‘durch ganz besondere Tapferkeit in diesem Kriege ausgezeichnet. Es gereicht uns zur großen Freude unter ihnen viele Gesinnungsgenossen anführen zu können. Regimentsarzt Dr. Julius Weiß, A. H. des „Barkochba“ Prag, erhielt wegen aufopferungsvollen und tapferen Verhaltens vor dem Feinde das Ritterkreuz des Franz-Josefs- Ordens am Bande des Militär-Verdienst kreuze s. Leutnant d. R. Dr. Rudolf T r a m e r, Mälir.- Ostrau, A. H. der „Unitas“ in Wien, wurde für hervorragende Leistungen vor dem Feind zum Oberleutnant d. R. ernannt. Dr. Jakob Ehrlich, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich und Kultusvorstand in Wien, wurde ebenfalls zum Oberleutnant d. R. ernannt. Dr. Ehrlich ist indes auf dem nördlichen Kriegsschauplatz er - krankt und hat einen Krankheitsurlaub antreten müssen. Einj-Freiw. imed. Wilhelm Kaiman, a. B. der „lvria“ in Wien, erhielt die silberne Tapferkeitsmedaille 2. Klasse. Drei österreichische Zionisten wurden mit dem deutschen eisernen Kreuz ausgezeichnet: k. u. k. Fähnrich im Festungsartillerie-Regiment 10 F. T uttmann, i. a. B. der „lvria“ in Wien, Jakob Orenstein, Leutnant im k. u. k. Eisenbahnregiment, Vorturner des I. Wiener Jüdischen Turnvereines und Bathillionsarzt Dr. Ad. Grünspecht, Bruder des Gg. Dr. David Grünspecht, Obmann des Jüd. Turnvereines „Makkabi“ in Triest. Auch sehr viele r e i ch s d e u tsch e_Z Tonis t e n wurden ausgezeichnet. Es erhielten das eiserne Kreuz: ( Will}' Liemann (Mitglied der B. Z. V.), Oberarzt Dr. Mayer- Schievebein, Arzt Dr. Max A u e r b a ch - Ruda (O.-S.J, Leutnant d. Reserve M a n n e b e rg - Oppeln (K. J. V.), Dr. Albert S ra u ß-Depenau (K. J. V.) und Unteroffizier Rechtsanwalt Sally H i r s c h - Berlin (Mitglied des Präsidiums des K. J. V.J, Mitglied des Vorstandes der zionistischen Ortsgruppe Posen, Offizierstellvertreter. Aber auch viele, sehr viele wackere Freunde hat uns der Tod entrissen. Es fielen auf dem Felde der Ehre: k. u. k. Fähnrich d. Res. Paul Bier er, i. a. B. der „Makkabäa“ in Wien, k. u. k. Leutnant d. Res. Rudolf B r a m m e r aus Ung.-Hradiscli, der sich Zuletzt um den Jüd. Turnverein in Olmütz große Verdienste ererworben hat, Einj.-Freiw. Erwin Freund, Sohn des Gg. Dr. Josef Freund, früheren Obmannes des zion. Vereines in Budweis, k. u. k. Leutnant d. Res. Dr. David Haas, A. H. der „Hessiana“ in Mähr.-Ostrau, k. u. k. Leutnant d. Res. Dr. David H e - scheles, einer der tüchtigsten Zionisten in Galizien, Dr. Siegfried Grohsliclit, A. H. der „Achiva“ in Ung.-Hradisdi, zuletzt Konzipient in Jägemdorf, Kadett d. Res. Ing. Lipa Scliorr, ein eifriger Zionistischer Arbeiter aus Brody, k. u. k. Leutnant d. Res. Architekt Ernst Lampl, A. H. der „Makkabäa“ in Wien, k. u. k. Fähnrich d. Res. Karl Stein, A. H. des „Bar-Kochba“ in Prag, der sich besonders als eifriger zion. Arbeiter in Budweis bewährt hat und vor Kurzem als Vorstand-Stellvertreter der Leopoldstädter Filiale der Verkehrsbank nach Wien gekommen war, k. u. k. Fähnrich Otto G uttmann, i. a. B. der „Emunah“ in Bielitz. Auf dem nördlichen Kriegsschauplatz ist Hauptmann Ritter von E i s s gefallen, Kommandant des 14. Sappeur-Bataillons. Hauptmann Ritter von Eiss war der Sohn des Generalmajors Alexander Ritter von Eis s, der unter Herzl Leiter des Jüdischen Nationalfonds gewesen war. In Frankreich fiel der in Berliner Kreisen sehr geschätzte Unterarzt Dr. Heinrich Barth. Sem Vater, der berühmte Orientalist und Führer der norddeutschen Orthodoxie Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Jacob Barth starb in derselben Woche. Gefallen ist ferner Gg. Paul Rosenstock aus Berlin (am 14. September in Frankreich). Der Volksverein „Zion“ in Jägemdorf schreibt uns: „Am 2. November kam dem Volksverein „Zion“ die traurige Nachricht zu, daß unser treur un Öeifriger Mitarbeiter Gg. Dr. Siegfried Grohs licht seinen überaus schweren Verwundungen, die er auf dem nördlichen Kriegsschauplätze erlitten hat, im Militärspital in Krakau erlegen ist. In Jägemdorf hat der Tod dieses überaus tätigen und wertvollen Zionisten die tiefste Trauer und Teilnahme hervorgerufen, denn seinem Eifer war es zu verdanken, daß hier ein Jemenitenhaus gespendet und daß im letzten Jahre die Einnahmen des N. F. verdoppelt wurden. Die gesamte jüdische Bevölkerung und insbesonders die Zionisten Jägerndorfs werden dem von allen geliebten und charaktervollen Mitarbeiter in der jüdischen Volkssache ein treues Gedenken bewahren.“ Leutnant Robert Zweig, Adjutant des Landsturmregimentes 13 (Olmütz), wurde in Russisch-Polen durch einen Granatschuß getötet. Er war Fabrikant in Proßnitz und seit Jahren Ausschußmitglied des dortigen „Zion“ und wurde bei den letzten Kultuswahlen als zionistischer Parteigänger in den Kultusvorstand gewählt. Die Ferialverbindung „Hatikwah“ in Lundenburg teilt uns mit: Unser Obmann med. Viktor Weiniger, der als Kadett im Inf.-Reg. Nr. 99 die Schlacht bei Samos mitmachte, wurde durch einen Lungenschuß verwundet. Bei der 'Erstürmung eines Friedhofes hatte er sich derart ausgezeichnet, daß er zur goldenen Tapferkeitsmedaille vorgeschlagen wurde. Nach einem 7tägigen Aufenthalte im Samoser Spital, wo jer zufällig mit einem Gg. zusammenkam, wurde er bei der Wiedererroberung dieses Ortes durch die Russen gefangen genommen und befindet sich jetzt in Minsk. Er hat schon mehrere Karten aus seiner Gefangenschaft geschrieben. Einj.-Freiw. Korp. Alfred Bach rach, I. R. Nr. 1, 10 Komp., hat seit dem 22. August kein Lebenszeichen gegeben. Das Rote Kreuz führt ihn als „vermißt“, leine an ihn gerichtete Karte kam am 29. September mit dem Vermerk „verwundet“ von der Sanitätsanstalt 5, Inf. Trupper.division retour. Event. Mitteilung wird von Ignatz Bachrach,, Mährisch-Ostrau, Poln.- Ostrauergasse erbeten. Die Hilfsaktion ins Zion. Zentral: Komitees für eie galiz. Elüibtlinge. Im Bewußtsein, sich auf ,eine festgefügte Organisation, eine unerschöpfliche Anzahl von Mitarbeitern und ihre wahrhaft reine Liebe zu den Unglücklichen ihres Volkes stützen zu können, hat die Zionistische Parteileitung ihre Hilfsaktion initiert. Das Ergebnis hat die Erwartungen nicht getäuscht, ja es ihat sich gezeigt, daß alle Kreise, und Schichten der Flüchtlinge gerade im Zionistischen Zentralbüro ihre beste Zufluclits- Stätte sehen und den Ort, wo man ihren Brüdern mit Rat und tatkräftiger Hilfe Zur Seite steht. Die Zahl der Flüchtlinge, die Tag für Tag die Räume der zionistischen Büros um Auskünfte aufsuchen, geht in die Hunderte. Der Bahnhofdienst, den das Zionistische Zentralkomitee im Einvernehmen mit der Zentralstelle für Flüchtlingsfürsorge eingerichtet hat, funktioniert klaglos; Tag und Nacht stehen unsere Gg. aut dem Bahnhof, die einlangenden Flüchtlinge, die die plötzliche und völlige Umgestaltung ihrer Situation ganz rat- und hilflos gemacht hat, aufzunehmen, ihnen die ersten Wohnstätten anzuweisen und ihnen die wichtigsten Informationen Zu geben. Gemeinsam mit der Zentralstelle arbeitet auch das Rechtsschutzbüro, dessen Leistung darnach bemessen werden kann, daß seine Aktennummer die Zahl 700 weit überschritten hat; Eisenbahnreklamationen, Schadenersatzansprüche, Rechtsauskünfte u. a. bilden den Inhalt seiner Tätigkeit. Das angeschlossene Vermisstenbüro sucht den Flüchtlingen bei der Auffindung ihrer verloren gegangenen und versprengten Angehörigen behilflich zu sein. Die Brockensammlung, die sich in den dem Zentralkomitee in dankenswerter Weise von der „Rede- und Lesehalle jüdische? Hochschüler“ zur Disposition gestellten Räumen in der Türkenstraße 9 befindet, hat bisher mehr als 2000 Personen bekleidet. Der reiche Zustrom an Naturalien beweisen das Vertrauen der Wiener Judenschaft zur guten Leitung der Institution. Nichtsdestoweniger .nimmt die Zahl der Petenten nicht ab, denn der herannahende Winter trifft die Armen ohne schützende Kleidung. Um Einzelstehenden, besonders Studenten, die mit dem Betrag von 30 h nicht auskommen können, Zu helfen, verteilt das Zentralkomitee täglich eine größere Anzahl von Speisemarken auf Mittagmähler. Für größere Familien konnte zweimal pro Woche durch die Munifizenz einiger Herren 200 Laib Brot verteilt werden. Ein Kinderhort (Malzgasse IG) beschäftigt und verpflegt tagsüber etwa 40 Kinder, die sich in den schönen, lichten Räumen, dem Elend des eigeenen Heims entrückt, sehr wohl fühlen. Das Projekt des Ambulatoriums für die Flüchtlinge ist dank des Entgegenkommens der wirtschaftlichen Vereinigung der Wiener Aerzte und des Aerztevereines des II. Wiener Gemeindebezirkes bereits realisiert. Die einzelnen Abteilungen für Interne, Chirurgie, Kinderheilkunde, Hautkrankheiten; für Ohren, Nasen, sowie Augenleiden, für Frauenkrankheiten, Zahnheilkunde haben schon ihre Abteilungsvorsteher. Die Leitung der Institution liegt in den Händen des Herrn Primarius Dr. Ludwig Stricker. Die Interventionen, die das Zionistische Zentralkomitee zugunsten der galizischen Flüht-c linge im Ministerium des Innern unternommen hatte, und über die in der letzten Nummer des Blattes berichtet wurde, nahmen auch in letzter Zeit ihren Fortgang. Am 9. ds. sprach der Präsident des Zentralkomitees Herr Dr. Karl P o 11 a k bei Herrn Sektionsrat Dr. von Marq u e t vor, um für die beabsichtigte Stradierung von Flüchtlingen nach Böhmen und Mähren die Mitarbeit der zionistischen Organisation in den Städten bei der Bildung Von Hilfskomitees zuzusagen. Herr Sektionsrat Dr. von M a r q u e t nahm das Anerbieten gerne an und erklärte dem Zentralkomitee sofort Mitteilung Zu machen, wenn die Orte festgestellt seinen. Bei der gleichen Stelle erschienen am 11. d. M. die Herren Dr. Karl P o 11 a k und Herr Oberingenieur Robert Stricker um gewisse Erleichterungen bei der inzwischen eingetretenen strengen Absperrung Wiens Zu erreichen. Es wurde ihnen denn auch 'zugesagt, daß Personen, die infolge Krankheit auf der Fahrt auch Schaden nehmen könnten, ferner solche, deren nächste Angehörige, beziehungsweise Ernährer sich in Wien aufhalten, endlich Flüchtlinge, die nur wenige Tage zur Erledigung ihrer Angelegenheiten in Wien Aufenthalt nehmen wollen und sich verpflichten, der Fürsorge nicht Zur Last fallen zu wollen, von der Absperrung nicht betroffen sind. Die Mobilisierung in Jerusalem. Das in Budapest erscheinende jüdische Wochenblatt „E g y e n 1 ö s e g“ veröffentlicht in seiner jüngsten Nummer einen Brief aus Jaffa, in dem folgende Schilderung von der Mobilisierung der türkischen Truppen in Jerusalem entworfen wird: