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Jüdische Zeitung · 1914-11-13 · 35 (13.11.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
35 (13.11.1914)
Date
1914-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG NRTIDNRL -JÜDI5CHE5 ORGAN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, IL, Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- — ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 35. Die tüFltei im Krieg. In den großen Kampf, den Deutschland und Oesterreich gegen die Ententemächte austragen müssen, hat auch die Türkei eingegriffen und sich militärisch auf die Seite gestellt, auf der sie' diplomatisch schon sein Anfang des Krieges gestanden hat: an die Seite Deutschlands und Oesterreichs. r Daß dies so gekommen ist, kann wahrlich nicht wundemehmen. Die Triple-Entente ist seit jeher bereits der wirkliche Todfeind der Türkei gewesen; Rußland, dessen Begier nach dem Besitze der Dardanellen ein Jahrhunderte altes Axiom seiner Politik ist, England, das nach Palästina und Arabien schon seit einiger Zeit lüstern sChielt, und Frankreich, das in Syrien bereits seit Jahrzehnten eine ausgesprochene Okkupationspolitik treibt, ihnen bedeutet die Türkei ein Hindernis für die Entwicklung längst gehegter Ziele, und zumal dlie moderne, regenerierte, izu neuem Leben erwachte Türkei mußte ihnen ein Dom im Auge sein. So hat denn die : Triple-Entente seit Jahren bereits an der Schwächung der Türkei gearbeitet, und es ist ja heute eine unbestrittene, offenkundige Tatsache, daß die eigentlichen Urheber des Balkankrieges Rußland und mit ihm die Triple-Entente waren. So war es naturgemäß, daß die jungtürkischen Staatsmänner in einen Gegensatz zu.den Mächten der Triple-Entente früher oder später gelangen" 'mußten, und ihre offenbar deutschfreundliche Haltung von Anbeginn des Krieges an bewies, daß die leitenden Politiker der Hohen Pforte erkannt hatten, wo sie ihre wahren Freunde, wo ihre Feinde zu suchen hatten. Wir Zionisten Oesterreichs und Deutschlands müssen nicht erst darlegen, was der Entscheidungskampf der Türkei auch für unsere nationalen Wünsche und Pläne bedeutet. Wird es möglich sein, daß wir durch unsere Arbeit in Palästina, die unserem Volke die nationale Zukunft sichern und der Menschheit neues Kulturgebiet erschließen soll, den Inte.essen dienen, die wir als deutsche und österreichische Staatsbürgeruind loyale Freunde der verjüngten Türkei zu wahren haben? Hoffen wir, daß auch uns die Entscheidung Ruhe, Sicherheit und neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Fortsetzung unserer Kulturarbeit in Palästina Schaffen möge. Allein bis 'zum Ausgang des Kampfes hat es noch gute Weile. Unterdessen aber müssen wir Zagen und zittern für das unmittelbare Schicksal Palästinas. Schon hört man, daß bereits Izweimai englische Kreuzer Jaffa be - schossen hätten, und wer weiß, welche Schläge noch die Judenheit Palästinas in diesem fürchterlichen Kriege treffen mögen. Die Hoffnung auf den Sieg der Türkei mag uns auch ein wenig trösten über die Gefahren, die die palästinensische Kolonisation, die die palästinensische Judenheit für die Dauer des Krieges bedrohen. Möge der Türkei eine Autoemanzipation gelingen, in deren Rahmen auch unsere nationalen Hoffnungen ihren Raum finden werden. Die große Abrechnung entscheidet nicht nur über die Machtverhältnisse der europäischen Großmächte; sondern ist auch der Verzweiflungskampf des Orients, in dem iahe Völker sich eine freie Zukunft sichern wollen. Dieser Kampf um die Zukunft des Orients wird auch für uns von Bedeutung sein. Die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ ist gern bereit, allen im Feld stehenden Gg. Freiexemplare zu schikken und bittet daher um Angaben von Adressen. Ferner ergeht an alle Gg. das Ersuchen um Zusendung von Feldpostbriefen jüdischer boldaten, die in dem Blatte zum Abdruck gelangen sollen. Wien, Freitag, den 13. November 1914 Palästina uod der Krieg. Es war ganz selbstverständlich, daß der unerwartete Ausbruch des Weltkrieges die günstige. Situation in Palästina vollständig umge - stalten 'mußte. Die Verhältnisse in Erez Israel sind auf eine langsame friedliche Entwicklung aufgebaut und rechnen immer mit einem ununterbrochenem Verkehr an Menschen und Mitteln mit dem Galuth. Das erste Anzeichen der Gefahr war die plötzliche Unterbrechung des telegraphischen Verkehres, so daß bereits zu Beginn keine offiziellen und sicheren Nachrichten mehr in das Land gelangen konnten und vage und unmögliche Gerüchte die gesamte .Bewohnerschaft des Landes beunruhigten. Nur die Telegraphenlinie, die über Egypten geht, war zeitweilig offen. Von den Schiffahrtslinien mußte der österreichische Lloyd den Verkehr sofort einstellen und nur italienische Unternehmungen ließen ihre Schiffe auf der Fahrt von Alexandrien nach Konstantinopel fclie syrischen Häfen antaufen. Man war deshalb viele Wochen ohne Post und ohne Geld. Besonders die (mangelnde Zufuhr an Gold bewirkte es, daß die Metallbestände der Banken zusammenschrumpften und diese den Beschluß fassen mußten, weder Depots auszuzahlen, noch Schecks zu honorieren. Die Anglo-Palestine-Company allein war imstande, über Egvpten beträchtlich Goldgel dnaCh Palästina schaffen zu können. Sie war es auch, die Bons herausgab, welche “zu" vollen Kurs an Zaiilimgs.aiti «jciionunen wurden. Um dem ärgsten Notstände zu steuern, schlossen sich1 (zionistische Korporationen zu einem Komitee (zusammen, das den Beschluß faßte, eine Unterstützungskassa zu gründen, um Leuten, die durch den Ausbruch des Krieges arbeitslos geworden waren und Familien der zum Heer eingerückten Personen kleinere Unstützungen zur Bestreitung ihrer wichtigsten Lebensbedürfnisse zu gewähren. Sodann schritt man an die Errichtung einer Darlehenskasse, um solchen, die Vermögen besaßen, aber im Moment ihre Gelder nicht zur Verfügung hatten, kleinere, rückzahlbare Darlehen bieten zu können. Den Farmen des Jüdischen Nationalfonds war der Auftrag gegeben worden, keine Neuaufwendungen zu machen und Arbeiten, die unterbrochen werden konnten, wie Bau von Häusern, Anlegung von neuen Pflanzungen auf einen günstigeren Zeitpunkt zu verschieben. In den Lagerräumen wurde Brotgetreide aufgestappelt, da man es möglicherweise für die Verproviantierung der in den Städten lebenden Juden brauchen könnte. Schon aus den Ernten früherer Jahre lagen große Getreidevorräte in den Speichern der Farmen, die jetzt für den Unterhalt des Landes große Bedeutung gewannen. Unter Aufsicht des Waad von Tel-Awiw wurden große Mengen von Lebensmitteln eingekauft und an die Konsumenten zum Selbstkostenpreis abgegeben, um sie dadurch vor Preistreibereien zu schützen. Die verschiedenen Spekulanten wittern bereits ein gutes Geschäft und hoffen im Trüben fischen zu können. Die Tagespresse machte bereits die Regierungsbehörden darauf aufmerksam, daß es notwendig sei, den Lebensmittelverkauf zu regeln und Maximaltarife aufzustellen, um die mittellose Bevölkerung nicht der gewissenlosen Ausbeutung durch Spekulanten preiszugeben. Die Fabriken, die in Jaffa bestehen, sind teils schon geschlossen oder stehen vor der Schließung und auch in Jerusalem beabsichtigen einzelne Werkstätten, in nächster Zeit ihren Betrieb einzustellen. Man hat, um den Konsequenzen der Arbeitseinstellung zu entgehen, den Vorschlag gemacht, gemeinsam das Kreditwesen in den Läden u. s. w. zu organisieren. Vorbildlich ist dabei das Vorgehen der Landarbeiter in Ness- Zionah, die sidh in Bezug auf die Arbeitsgelegenheiten und die Verpflegung Zu einer Art Kommune zusammengeschlossen haben. Aehnlfches ist vor allem für Jerusalem von weittragender Bedeutung, da hier jede Weiterexistenz von der Möglichkeit abhängt, für alle Kreise der Bevölkerung ausgiebige Kredite zu schaffen. Ge- VIII. Jahrgang rade im Zentrum des Landes, aber in der Stadt, die die größte Masse der Juden beherbergt, ist eine völlige Zerfahrenheit und ein wirres Durcheinander der in Betracht kommenden Faktoren das stärkste Hindernis für eine Organisierung. In den Farmen des Jüdischen Nationalfonds und der Palestine Land Development Company wurden keinerlei Arbeiterentlassungen vorgenommen, um die allgemeine Notlage nicht zu vermehren; doch wird den Arbeitern der Lohn nicht mehr in Geld, sondern in natura gezahlt Die Farmen sind imstande, sich mindestens ein Jahr auf diese Weise halten zu können. In den Kolonien in Galiläa liegen große Mengen Weizen, die unter Garantie der A. P. C. an alle jüdischen Gemeinden und Gesellschaften auf Kredit verkauft werden. Der Weizen allein dürfte die Nachfrage nach Brotgetreide aus jüdischen Kreisen für mehrere Monate decken. Die türkische Mobilmachung hat unsere Farmen auf dem Wege der Requisition eines Teiles der Zugtiere beraubt, was natürlicherweise den regelmäßigen Gang der Arbeiten stört; der Wert der Zugtiere wird später von der Regierung zurückerstattet. Die zur türkischen Armee einberufenen Juden haben das Recht, gegen Zahlung von 43 türkischen Lira, d. i. ca. 1000 Franks sich vom Heeresdienst toszukaufen. Im Allgemeinen haben nicht viele Juden genügend Geld dazu besessen und die wichtigen Institutionen Palästinas beschlossen, keinerlei Mittel für den Loskauf zur Verfügung zu stellen. In., einzelnen.. Städten z. B. haben sich fast alle Leute, Mohammedaner, Juden und Christen losgekauft, so daß die Regierung ein namhaftes Kapital herausschlug. Lange Beratungen waren dem Fortgang des hebräischen Schulwerkes im neuen Schuljahr gewidmet. Der Vorschlag, die Schulen vorläufig nicht wieder (zu eröffnen, wurde nach eingehender Prüfung und Besprechung zurückgewiesen, da ja die Lehrer und Schüler das Land nicht verlassen können und im Lande ihren Unterhalt finden müssen, einerlei, ob die Schulen geschlossen werden oder nicht. Die Lehrerschaft hat im vollen Bewußtsein für die schwierige Lage die Gehaltsansprüche auf das Lebensminimum reduziert und die Ausgaben für Lehrmittel u. a. eingestellt. Im letzten Momente wurde es doch möglich, einen höhen Betrag zur Verfügung zu steifen, so daß der Lebensunterhalt der Lehrer und der stipendierten Schüler für eine Reihe von Monaten gedeckt werden konnten. Es war selbstverständlich, daß die größte Sorge der Parteileitung darauf gerichtet war, die mit großen Opfern geschaffenen Positionen unseres Volkes in Palästina über die gegenwärtigen Kriegswirren hinaus zu erhalten. Das Mitglied des E. A. C. Herr Dr. Schemerjahu Levin, der sich bei Beginn des Krieges auf der Ueberfahrt von Amerika nach Europa befand und gezwungen war, die Rückreise an zutreten, gab daher die Anregung in dem größten neutralen Lande, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Komitee zur Erhaltung der palästinensischen Institution während des Krieges zu bilden. Zu diesem Zwecke beabsichtigt das Komitee, an dessen Spitze der bekannte Politiker Gg. Louis Brandeis steht, einen Fonds von 100.000 Dollars (500.000 Kronenj aufzubringen. Das Komitee, das in ständigem Kontakt mit dem E. A. C. steht, hat seine Tätigkeit bereits begonnen; die in seinem Aufträge wirkenden Gg. Dr. Levin Brandeis sprachen mit großem Erfolg in einigen nordamerikanischen Städten. Dazu bringt „Die jüdische Rundschau“ in ihrer letzten Rundschau folgenden Brief aus Jaffa zum Abdruck: „Die große Notlage der jüdischen Be - völkerung, die von allen sonst einlaufenden Geld- ' mittein abgeschnitten ist, hat wenigstens eine gewisse Linderung dadurch erfahren, daß von Seiten der amerikanischen Juden Geld nach Palästina gekommen ist. Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, Herr M o rgenthau, hat seinen Schwiegersohn, Herrn;C. %■ 5t' % f: :-r 7<\ i •**'. -.5 f-,

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