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Jüdische Zeitung · 1914-10-09 · 33 (9.10.1914) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
33 (9.10.1914)
Date
1914-10-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUD5CHE ZOTUNG NHTIDNFIL-ÜUDI5CHE5 QRGRN Mit Beilas B Erscheint wöchentlich. — . Redaktion, R DISCHE NATIONALFONDS“ atio:> und . seratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden Nr. 33. Wien, Freitag, den 9. Oktober 1914 VIII. Jahrgang Nie wir Dauiö Wolifsohn begruben. Strömender Regen umpeitschte den Zug, der uns in finsterer Nacht vorbei an rauchenden Schloten und flammenden Hochöfen durch das Industriegebiet gen Westen trug. Und ein grauer, trüber Himmei lag über dem waffenstarrenden Köln, als wir durch die von den dröhnenden Schritten der Wehrmacht widerhallenden Straßen zum Sachsenring schritten, nach der von grünen Bäumen umrauschten Straße, die so lange des toten Führers Wohnstätte geborgen hatte. Draußen vor der zierlichen Villa drängt sich schon eine schwarze, schweigende Menge, darunter auch manches fremde Antlitz, das neugierig lugt, wie der große, bärtige Mann, dessen imposante, wuchtige Gestalt man nun schon seit Monaten nicht mehr durch die Straßen Köms wandern sah, zur letzten Ruhestätte geleitet würde. Beim Eintritt in das Heim David Wolffsohns empfindet derjenige, der zum erstenmale den Fuß über diese Schwelle setzt, ein seltsames Gefühl in sich aufsteigen. David Wolffsöhn, der Mensch, der feinsinnige Mann von erlesenem künstlerischem Empfinden, tritt uns plastisch aus dem Rahmen seines Hauses vor Augen und harmonisch fügt sich-dieses Bild dem des-Führtrs und Kämpfers ein, das auch diejenigen von unsj im Herzenit fugen, die (niemals näher in den Bannkreis seiner Persönlichkeit geraten waren. Dieses Schmuckkästchen einer Villa, dem jüdische Kunst von den feierlich anmutenden Glasmalereien bis herab zum kleinsten Holzbüchschen und Bilderrahmen ein einheitliches, kernjüdisches Gepräge aufgedrückt hat, muß einen wurzelfesten Juden in sich geborgen haben, dessen Gedanken in die Vergangenheit seines Volkes hinabzutauchen und sich an seiner Zukunft in stolzem, unbeirrbaren Glauben zu erheben liebten. Und inmitten des tiefsten Schmerzes, mit dem wir Wolffsohns Haus betreten, regt sich der Gedanke in uns, daß dieses Heim, das so köstlich seine starke jüdische Eigenart wiederspiegelt, in Draußen in der Leichenhalle erklingen noch einmal die Gebetworte, unter denen wir die sterbliche Hülle eines Bruders der Erde zurückgeben. Beim Heraustreten aus der Halle prasselt der Herbstregen auf uns hernieder, aber durch die Nebelschwaden ragt klar und majestätisch gerade vor uns, am jenseitigen Rheinufer, die mächtige Sifhuette des Domes empor. Vorbei schreiten wir an Gräbern, auf denen so mancher gute jüdische Namen zu lesen ist. Auch der streitbare scharfe Denker, der vor einem halben Jahfhundert ebenfalls vom Rhein her seine mahnende Stimme an die Judenheit ertönen ließ, Moses Heß, liegt auf diesem Gottesacker begraben, dort weiter drüben, wo die alten Gräber stehen, um die ischon üppig das Unkraut sprießt. Und abermals stürzen Regenströme hernieder, als wir am frisch aufgeworfenen Grabe angelangt sind und langsam der Sarg sich in die Tiefe senkt. Leise und zaghaft erst erklingt das Lied unserer Hoffnung, das David Wolffsohn an Steile aller (Reden an seinem Grabe angestimmt haben wollte — die Hatikwah. Und als wir die zweite Strophe beenden und nunmehr kräftig und ivoll [wie ein feierliches Gelöbnis das Odloowdo erschallt, und als am offenen' Grabe' Eduard' LeszyruKy, am Arm die tiefverschleierte Trude H er z 1, der der Entschlafene ein zweiter Vater gewesen, die Hand zum Treueschwur eifhebt, — und mit ihm wir alle — da durChbricht für wenige Augenblicke ein Sonnenstrahl die dichte Wolkendecke. Er vergoldet mit seinem sieghaften Schein das frische Grab des toten Führers, dem wir brennenden Auges die drei Schaufeln Erde in die Gruft nachwerfen. Einst werden wir den Leichnam Davia Wolffsohns — seinem letzten Willen gemäß — gemeinsam mit den Ueberresten Theodor Herzls hinaufführen über das Meer in das „Sonnenland unserer Hoffnungen“. Hans Goslar. seiner jetzigen Form erhalten bleiben müßte. In einem Zimmer zu ebener Erde, zu den Füßen eines lebensgroßen Bildes, das den Heimgegangenen in der Fülle seiner Manneskraft zeigt, der schmucklose, mit blau - weißem Flaggentuch bedeckte Sarg. Tiefe Bewegung umfängt uns alle, während die warme, eindringliche Stimme des Rabbiners Rosenthal durch den Raum tönt. In klangvollen hebräischen Worten ruft er dem Toten die Segenssprüche ,und den Dank von hunderttausenden Juden zu und erschütternde Töne weiß er für die glühende Liebe Wolffsohns für sein Judentum, dem er \ein Führer und Vorkämpfer gewesen, i zu finden. Und dann schwankt der Sarg hinaus auf die herbstliche Straße und in langem, langem Trauerzuge wandern wir hinter dem schwarzen Wagen, durch die von brandendem Leben erfüllten Straßen, und weiter, über (die von trüben Nebeln umsponnene Rheinbrücke hinaus, dem Friedhof entgegen. Ein langer Zug, und doch nur ein so verschwindend geringer Teil derer, die heute im Geiste Wolffsohns -Leichenbegängnis folgen, oder die erst .nach Wochen in den Stürmen des Krieges, der 'durch .das alte Europa braust, die Trauerkunde von dem Heimgange eines Großen, in Israel erreicht. i . ■ . - Die galizisfflen Flüdillinge und die Wiener Rultusgemeinde. Das unsägliche Elend, welches die Kriegsereignisse über unsere Brüder aus Galizien und der Bukowina haben here'.nbrechen lassen, stellt auch an die Wiener Judenschaft große moralische Anforderungen. Hunderttausende jüdischer Flüchtlinge, darunter Greise, Frauen, Kinder und Kranke, bevölkern Wien und seine nahe Umgebung. Es sind Opfer des Krieges, d.h. Opfer für das österreichische Staatsinteresse im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist daher in erster linie die Pflicht der Regierung, für die Flüchtlinge zu sorgen. Prinzipiell wurde dies auch anerkannt und es wurden größere Summen von Staatsgeidern für die Versorgung der heimatlos gewordenen Juden flüssig gemacht Es ist aber auch klar, daß diese Hilfe nicht ausreichen kann. Die Wiener judenschaft muß tatkräftig eingreifen. Wenn Juden ins Elend geraten sind, waren es schließlich und endlich nur immer wieder Juden, die ihnen endgiltig geholfen haben 1 Die zweitausendjährige Geschichte der jüdischen Zerstreuung bietet den Beweis für die Richtigkeit dieses Satzes. Von dieser Erwägung ausgehend, hat unser Vertreter in der Wiener Kultusgemeinde, Obering. -Stricker, in der letzten Sitzung des Vorstandes Anträge gestellt, welche ein tatkräftiges Eingreifen der Repräsentanz der Wiener Judenschaft in dje; Hilfsaktion beinhalten. Er beantragte die Einhebung einer freiwilligen Kriegssteuer als Zuschlag zur Kultussteuer, Veranstaltung großzügiger systematischer Sammlungen durch die Kultusgemeinde und vor allem: Ausbau und Organisierung der bestehenden Hilfsaktionen, welche nicht klaglos funktionieren, in erster Linie dadurch, daß die Kultusgemeinde ihren großen administrativen Apparat in den Dienst der Sache stellt. Wir müssen mit Bedauern konstatieren, daß alle diese Anträge abgelehnt wurden. Auch den Anträgen der Bezirks-Kommission für den HI. Gemeindebezirk und des Vorstandsmitgliedes Herrn Kommerzialrat Weil, welche ein Eingreifen der Kultusgemeinde zum Gegenstände hatten, wiederfuhr das gleiche Schicksal. Man kann ruhig sagen, daß die negativen Entschließungen des Vorstandes, dem Empfinden der Wiener jüdischen Bevölkerung nicht entsprechen. Immer und immer wurde es von den Juden als heiligste Pflicht empfunden, für flüchtende Brüder aus der Fremde mit allen Kiäften einzustehen. Dieser Pflicht können wir uns mit dem bloßen Hinweis auf die staatliche Hilfsaktion nicht entledigen. Der Kultusvorstand wird wohl oder übel seine Haltung ändern müssen. Wenn nicht zufolge besserer Einsicht und vollem Erkennen der Situation, dann ganz gewiß durch den Zwang der ungeheuren Not. Auch wir stehen auf dem Standpunkte, daß es Pflicht der Regierung ist, Hilfe zu schaffen. Aber diese Hilfe kann nie ausreichen, wenn nicht alle jüdischen Kräfte sich vereinen, um sie zu fördern und zu organisieren. Unser ßHIsuerh lür Sie ElndDUnge. Nicht die einzigen, aber die am schwersten getroffenen * Opfer dieses Weltkrieges sind die armen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, insbesondere die Juden. Die Juden aber, bekannt durch ihre unerschütterliche Anhänglichkeit an das angestammte Herrscherhaus, durch ihr uneigennütziges Festhalten an dem Bestände des Habsburgerreiches konnten und durften diesen Weg nicht gehen, da es für sie als Angehörige einer staatstreuen Nation und als Brüder der Gemordeten und Geschändeten von Kischinew eine auch nur Zeitweilige Gemeinschaft mit dem gemeinsamen Erbfeinde Oesterreichs und 'der Juden nicht gibt. So darf denn die Flucht von hunderttausenden Juden aus Galizien als ein ebenso starkes Bekenntnis zum österreichischen Staate gewertet werden wie die Heldentaten unserer zahllosen .Brüder auf den Feldern der Ehre! Diese Tatsache verpflichtet den Staat und die einzelnen, allen voran die Juden Westösterreichs zu rastloser Tätigkeit für die unglücklichere Flüchtlinge, sie leiden für die Gesamtheit, die Gesamtheit hat ihnen beizustehen. Den von ihrer Scholle Vertriebenen, den aus Hab* und Gut Verjagten soll und muß geholfen werden: das ist Pflicht des Staates, das ist unsere Bruderpf licht! Das zionistische Zentralkomitee für Westösterreich hat sofort nach dem Einlangen der ersten FlüChtlingSsdiaren in richtiger Erkenntnis seiner Aufgabe mit der Hilfstätigkeit begonnen. Zunächst wurde das Einvernehmen mit der „Zentrale för die Fürsorge der Flüchtlinge aira Galizien und der Bukowina“, der allgemeinen

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