Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG NATIONAL -JÜDI5QC5 ORGAN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ E3 Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ B refch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Alk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.104. — Telephon 22.075. B Nr. 30. Wien, Freitag, den 24. Juli 1914 VIII. Jahrgang Min steuern uir? Wenn auch im derzeitigen Stadium der zionistischen Entwicklung diplomatische Aktionen nicht mehr als die einzigen richtigen Mittel zur Erreichung der zionistischen Ziele angesehen werden können, so ist doch gerade bei der jetzigen kritischen Weltlage eine genaue Kenntnis der politischen Situation mit allen für die Juden aus ihr folgenden Konsequenzen für unsere Bewegung und ihre politische Betätigung unerläßlich. Nur wenn wir den ganzen Komplex der zum orientalischen Problem gehörenden Fragen in ihrem organischen Zusammenhang erfassen und uns bewußt sind, daß das palästinensische, das türkische, das Balkan-, das österreichische und bis zu einem gewissen Grade auch das russische Problem mehr oder weniger Teile eines Ganzen bilden, werden wir das Verständnis für das all überall Nötige und Unaufschiebbare erlangen und der Gefahr unangenehmster Ueberraschungen in Palästina, wie in den einzelnen Diasporaländern, entgehen. Es gährt überall, in Europa, Asien und Afrika! Die Zertrümmerung der europäischen Türkei hat nicht nur nicht das Balkanproblem gelöst, sondern es scheint vielmehr, daß in nicht allzufemer Zeit der erste und zweite iBalkankrieg seine Fortsetzung in einem dritten finden wird. Dieser muß unausbleiblich zum europäischen Kriege führen, wenn jene Faktoren, welche die neue „Ordnung“ am Balkan herbeiführten, ihre a n t i österreichische Politik fortsetzen. Er muß zu einem auch Asien und Afrika erfassenden Weltbrand führen,wenn der russische Imperialismus Konstantinop e 1 und die Zertrümmerung auch der außereuropäischen Türkei erstrebt, zum Zwecke der Eroberung Armeniens. Die „Friedens“epoche für die Menschheit scheint vorüber zu sein, ob nun noCh im Jahre 1914 oder erst 1915, 1916 oder 4917 der so lange befürchtete und angedeutete Krieg beginnt, der gerade in den von Juden am stärksten bevölkerten Staaten Hekatomben von Opfern zu verschlingen droht. Das Balkanchaos, die Unfähigkeit der heute am Balkan dominierenden Mächte, auch nach Beseitigung der türkischen Herrschaft dort Ordnung, Frieden und Kultur herbeizuführen, die immer von neuem sich wiederholenden Kämpfe aller gegen alie bedrohen immer von neuem den europäischen Frieden und speziell Oesterreich — durcli Aufhetzung der russischen, serbischen und rümänischen Konnationalen im Donaureiche von Petersburg, Belgrad und Bukarest aus. Rußland, welches nicht nur die russischen Juden unmenschlich behandelt, sondern auch die russischen Polen, Ruthenen etc., kurz alle Nichtrussen und alle Nichtorthodoxen brutal vergewaltigt, streckt immer gieriger seine Hände nach Galizien, Bukowina und Nordostungarn aus, unter dem Vorwände, seine Stammes- und Glaubensverwandten vom „Joche der Fremden“, sowie von „der jüdischen Ausbeutung“ Zu befreien! Das Großrumänentum der „rumänischen Kulturliga“, das trotz der Vergewaltigung der bessarabischen Rumänen, unter Führung der Herren Jorg ach bedenklich mit dem Russentum kokettiert, begnügt sich nicht mehr, die Gleichberechtigung der Rumänen im Rahmen der Habsburgermonarchie zu fordern, sondern fordert immer ungenierter die „Erlösung“ der rumänischen Märtyrer in Siebenbürgen, Südungam, sowie der Bukowina (!), schreit aber gleichzeitig Zeter und Mordio, weil die rumänischen Juden endlich die Verbesserung ihrer immer trauriger sich gestaltenden Lage im Königreiche Rumänien fordern! Das chauvinistische Großserbentum endlich — wozu allerdings das serbische Gesamtvolk nicht gehört — erstrebt mit Hilfe des „heiligen“ Rußland Bosnien-Herzegowina, Kroatien-Slawonien, Istrien, Triest, Krain, Südungarn und Fiume für sich. Es hat seine „freiheitlich e“ Gesinnung gegen Bulgaren, Albanesen und Türken in den neueroberten Gebieten in einer Art aber erwiesen, daß der größte Teil der Kroaten und Slowenen für eine „derartige Einigung der S ü d s I a w e n“, die identisch ist mit der „Serbisierung“, sich schönstens bedankt. Wie aber das Großserbentum sich gegen die „jüdischen Gäste“ benimmt, auch dafür liegen so drastische Beweise vor, daß kein zurechnungsfähiger Jude an der ausgesprochen antisemitischen Tendenz des Großserbentums zweifeln kann. Als es sich um eine entsprechende Vertretung der bosnischen Juden im Sarajevoer Landtage handelte, waren die schärfsten Opponenten dagegen die — Großserben. In Kroatien wird gerade von dieser Seite nach altrussischer Methode gegen die Juden gehetzt und zu ihrem wirtschaftlichen Boykott aufgefordert! In Belgrad verbreitete die großserbische Hetzpresse gar das Gerücht, die antiserbischen Demonstrationen in Agram etc. seien nur zum geringsten Teile von den echten Kroaten, meistens von Nichtslawen und speziell — Juden verübt worden! Eines dieser chauvinistischen Journale verstieg sich sogar so weit, daß es behauptete, die Semliner Juden wollten ein Serbenpogrom veranstalten! Wer Gelegenheit gehabt hat — wie ich auf meinem im vorigen Monate stattgefundenen z w e i w ö c h e n 11 i c h e n zionistischen Tournee durch Kroatien-Slawonien — die kroatischen Juden von Agram-Sem- 1 i n kennen zu lernen, der muß über all diesen böswilligen Unsinn lachen, aber er weiß auch die ernste Lage der Juden in den südslawischen Ländern der Monarchie zu würdigen. Die Juden Kroatien-Slawoniens sind, wie in der ganzen übrigen Monarchie, unbedingt reichstreu, sie wollen in Frieden und Freundschaft — unbeschadet der fortschreitenden Nationalisierung mit den Kroaten und Serben — leben, aber wie in allen übrigen Teilen des Donaureiches stellt sich auch in Kroatien-Slawo-; nien der aus dem Chauvinismus resultierende Antisemitismus hinderlich entgegen. * Erst in den jüngsten Wochen hat die nationale Fehde zwischen Deutschen, Tschechen und Polen die wüstesten nationalen Exzesse in den verschiedensten Orten Mährens, Schlesiens und Galiziens gezeitigt. Daß die Juden nicht neuerlich die Zeche zahlten, ist der fortschreitenden nationalen Erziehungsarbeit der Jungjuden zu verdanken, eine politische Erziehungsarbeit, die gerade gegenwärtig in den gemischtsprachigen Gebieten des Reiches aufs inten-sivsfe wieder aufgenommen, respektive wieder fortgesetzt werden muß. Aber auch die Staatslenker und Gesetzgeber der Habsburgermonarchie müßten doch endlich angesichts der Katastrophe von Sarajewo, sowie angesichts der ernsten auswärtigen Situation daran schreiten, durch eine national-autonomistische Reich sv erfass u ngsre vision die diversen nationalen Streitfragen in beiden Reichshälften und in den Reichslanden Bosnien-Herzegowina zu lösen. Es ist die zwölfte Stunde! Dazu ist aber die Konzentration aller rcichstreuen, demokratiseben Elemente sämtlicher Völker der .Monarchie heute nötiger als je! In diesem Falle aber muß man auch Rücksicht nehmen auf die 2\j Millionen Juden der Monarchie, die national organisiert nicht nur einen Machtfaktor bedeuten zur Erkämpfung ihrer Rechte als gleichberechtigte Nation und Staatsbürger in diesem Völkerreiche, sondern auch ein Faktor werden könnten, welcher — zerstreut in der ganzen Monarchie — mitzuarbeiten in der Lage wäre, an der Stärkung des österreichischen Reichsgedankens und der nationalen Verständigung im Zeichen der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit. Nur wenn die Monarchie und deren Juden diese Wege endlich wandeln, dann gibt es eine — Wiederauferstehung für das Reich und die Juden. Im entgegengesetzten Falle steuern wir der Weltherrschaft der — russischen Knute entgegen. K. Die numerus clausus an der Wiener meöizinisdien Fakultät. Die längst vorbereitete, immer wieder angekündigte und immer von neuem abgeänderte Maßregel, die Anzahl der erstsemestrigen Hörer an der medizinischen Fakultät auf einen bestimmten numerus einzuschränken, ist nun Tatsache geworden. Man hatte doch erwartet, daß die maßgebenden Behörden, die aus der Ueberfüllung einer Unterrichtsanstalt einzig richtiglei Konsequenz ziehen würden und die Hunderttausend Kronen, die zur Erweiterung der Institute und zur Vermehrung der Lehrkanzel erforderlich seien, der wissenschaftlichen Ausbildung des so unentbehrlichen Aerztestandes zuerkannt würden. Aber in Oesterreich ist alles andere wichtiger als Schulen und nach diesem Raisonnement hat das Professorenkollegium gehandelt.