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Jüdische Zeitung · 1914-06-12 · 24 (12.6.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZOIJNG IHM NRTIDNHL -JÜDISCHES ORGAN Hg« nrVnni Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ MlnM | Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterm ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 24. Wien, Freitag, den 12. Juni 1914 VIII. Jahrgang __II. Kreis (Westösterreich) der Jüdischen Turnerschaft._ ... 2. Kreis-Schauturnen Schreibwaldwiese Am 22. Juni: Ausflug in die Mährische Schweiz (Slouper-Höhlen und Macocha.) — Sonderzug Wien-Lundenburg-Brünn und retour. Abfahrt Wien, Nordbahnhof 21 Juni 7 Uhr früh. — Fahrpreis für die Strecke Wien-Brünn und retour: beide Fahrten per Sonderzug K 6.— pro Person; Hinfahrt per Sonderzug, Rückfahrt in aufgelöster Gesellschaft K 7.50 pro Person. Fahrkarten zu haben in den JTV. Wien, 11. Taborstraße 11b; IX. Liechtensteinstr. 20; X. Laxenburgerstr. 8; XV. Herklotzgasse 21; XVI. Rötzergasse 9 XIX. Peter Jordanstr. 17; ferner in der Adm. d. Bl., II. Karmeliterplatz 1; für die Teilstrecke Lundenburg-Brünn und retour beim JTV. Lundenburg. Gäste willkommen! Auskünfte IX. Liechtensteinstraße 20. Gäste willkommen! Deutliiie Sozialisten über den Zionismus. Wir haben die schmähliche Haltung der Wiener „Arbeiter-Zeitung“ gegenüber allem, was zionistisch und jüdischnational ist, immer darauf zurückgeführt, daß es die getauften Juden der Partei sind —^yor allem der Chefredakteur und Reichsratskanüdat der Leopoldstadt, Herr Fritz Austerlitz — welche in echter Assimilantenart diese Haltung diktieren, damit sie durch ihr waschechtes Antisemitein vergessen machen, daß sie selbst Juden sind. Wir könnten darauf hinweisen, daß der arische Sozialdemokrat Pernerstorfer stets in der achtungsvollsten Weise vom Zionismus sprach und daß die vornehmste deutsche sozialdemokratische Revue, die in Berlin erscheinenden „Sozialistischen Monatshefte“ fortlaufend in objektiver und anerkennenswerter Weise über jüdische und zionistische Probleme, Bücher, Aktionen etc. referierten, wiederholt kamen auch jüdischnationale Autoren in diesen Heften zu Worte, so erst kürzlich Maxim Anin und Nathan Birnbaum. Ueber die jüdische Kolonisation Palästinas wurde wiederholt in der „Rundschau“ jenes Organs berichtet. Im letzterschienenen Heft der „Sozialistischen Monatshefte“ ist nun ein sehr interessanter Artikel darüber aus der Feder des Dr. Ludwig Q u e s s e 1 enthalten, der in ausführlicher Weise den Zionismus und die Palästinakolonisation bespricht. Dr. Quessel betrachtet den ihm als „Arier“ gewiß nicht sehr nahe liegenden Fragenkomplex in einer Weise, die von höchstem Verständnis zeugt. Er sieht im Zionismus das Streben zur Erhaltung der jüdischen Volksindividualität, der jüdischen Nation. Sehr fein bemerkt er, daß alle modernen Nationen nicht natürliche, sondern historische Gebilde sind. „Als solche haben sie aber im Laufe der Geschichte eine eigenartige Geistigkeit entwickelt, die sich am deutlichsten in Sprache, Literatur unnd Sitten manifestiert.“ Die Sozialisten als „Internationalisten“ haben nun in früheren Zeiten jeden Nationalismus verdammt. Die österreichischen Sozialisten haben sich zwar schon zum Gedanken der Autonomie der Nationen durchgerungen, aber von der Anerkennung der jüdischen Nation wollen sie trotzdem nichts wissen. Quessel dagegen sagt: „Wer nun wirklich international gesinnt ist, das heißt, wer anerkennt, daß die verschiedenen Nationen berufen sind, durch eigenartige Leistungen ihrer spezifisch nationalen Begabung die Kultur der Menschheit fortzuentwickeln, könnte daher nur mit schmerzlichem Bedauern das völlige Aufgehen des Judentums in anderen Völkern beobachten, weil der U ntergang jeder k u 11 u r f ä h ig e n Nation notwendigerweise auf eine Verarmung der.Kulturmensch heit hinauslaufen muß. Das Verdienst, die Judcnheit auf ihre besondere nationale Geistigkeit aufmerksam gemacht zu haben, gebührt dem Zionismus.“ Dieser letztzitierte Satz ist gewiß sehr originell gefaßt und kann auch uns etwas sagen: Dab wir in der Propaganda nicht von vornherein anzunehmen haben, der Nichtzionist sei sich einer speziellen jüdischen Geistigkeit bewußt und lehne sie ab, wogegen wir aus tausend Gründen kämpfen müssen, sondern ,daß wir in vielen Fällen dem Nichtzionisten erst bewußt machen .müssen, daß es eine spezifisch jüdische Geistigkeit gibt, die sich nicht erschöpft in gewissen Denkgewohnheiten, Erinnerungen etc., sondern die einen eigenen Grundcharakter hat. Quessel schildert dann kurz den Werdegang des Zionismus und konstatiert, „daß zurzeit der größte Teil der ideal und fortschrittlich gesinnten jüdischen Jugend auch Westeuropas zum Zionismus steht.“ Ganz anders als die Herren Adler, Austerlitz, Bauer und Ellenbogen sagt er, daß die Sozialisten von ihrem internationalen Standpunkt aus gezwungen sind, die nationale Selbstbehauptung des Judentums als berechtigt anzuerkennen. Der Autor zeigt sodann an Hand des Buches von Nawratzki, was der Zionismus in Palästina geleistet hat. Hier sieht man zum erstenmal, welch große Wirkung nach außen ein so ernstes, sachliches Werk, wie das genannte, ausübt. Quessel kommt nach einer eingehenden Analyse zu der Ansicht, daß der zionistische Gedanke, ein nationales Zentrum in Palästina zu schaffen, keine Utopie ist. Was die bisherigen Leistungen betrifft, so muß in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, „der kolonisatorischen Energie des Zionismus ein ehrenvolles Zeugnis“ ausgestellt werden. Was geschaffen worden ist, berechtige zu den besten Hoffnungen für die Zukunft. Was aber auf wirtschaftlichem Gebiete erst im Werden begriffen ist, sei auf geistigem schon vielfach erreicht: „Ich denke“ — sagt Dr. Quessel — „hiebei vornehmlich an die ans Wunderbare grenzende Erscheinung, daß ein Volk seine Sprache, die es vor anderthalb Jahrtausenden im Exil verloren, wiedergewinnt und die aschkenasischen mit den sefardischen Juden sprachlich wieder vereinigt. In Palästina erwächst ein neues jüdisches Geschlecht, das nur noch eine Sprache kennt, die ganz der Judenheit zugehört, die Geist von ihrem Geiste ist, die heilige Sprache ihrer Väter: das Hebräische. Seltsam mutet es an, wenn wir hören, daß in den jüdischen Kindergärten die Lehrerinnen mit den Kleinen nur hebräisch singen und sprechen.“ Ueber den Schulstreit mit dem Hilfsverein sagt er: „Ganz ohne Fanatismus hat sich noch nie ein Wandel im Völkerleben vollzogen.“ Dr. Quessel wendet sich gegen die Ansicht, daß der Zionismus bedeutungslos sei, weil er die Judenfrage in der Gegenwart nicht lösen könne. Er glaubt ,daß die Gründung des Palästinazentrums dazu führen werde, daß alle Nationen die Juden bewundern werden. „Die Befürchtung der sogenannten Assimilanten, daß die zionistische Eroberung Palästinas den gesellschaftlichen Antisemitismus in Deutschland stärken könnte, beruht aut einer vollständigen Verkennung der Völkerpsychologie.“ Diesen Satz sollte man einrahmen und den Verfassern der „zionistischen Utopie“ überreichen, für deren Ansichten überhaupt der ganze Artikel Quessels die beste Widerlegung ist. Gegenüber den Jüdischsten bemerkt der Autor, daß gar keine Aussicht zu einer Vergrößerung der landwirtschaftlichen Siedlung der Juden in Rußland sei. Damit ist wohl, wie er nicht sagt, aber sichtlich meint, die Schaffung eines jüdischen Zentrums im Osten als aussichtslos erkannt. Schließlich weist Quessel darauf hin, welche große Siedlungsmöglichkeiten für Juden in Vorderasien vorhanden sind. Er hält es für möglich, daß die Fellachen Palästinas nach Nordsyrien und Mesopotamien auswandern werden, wenn dort — wie dies im Zuge ist — größere Meliorationen durchgeführt werden, zu deren Ausnützung die Bevölkerung mangelt. „Dem türkischen Staat kann aber die Besiedlung der menschenleeren Gebiete in Syrien unter zionistischer Leitung nur willkommen sein. Somit bleibt der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina ein Werk von weittragender Bedeutung, das schließlich auch vorbildlich werden kann, für jüdische Siedlungen an anderen Stellen der Erde.“ Es ist kein Wunder, daß ein Mann, der in so eindringender und objektiver Weise den Zionismus und seine Arbeit prüft, zu dem in nachfolgenden Worten ausgedrückten Endergebnis gelangt : „Wie sich aber auch immer der kolonisatorische Erfolg des Zionismus in Syrien stellen mag, der Zionismus bleibt auf jeden Fall eine .Bewegung edeldenkender, im besten Sinne sozial- und nationalgesinnter Männer und Frauen, die

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