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Jüdische Zeitung · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JJJg -JUDI5CHE5 fflTDNfjL DRHIN JJJg ■ . Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestelit. — Abonnementspreise: Für Oester- — ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 18. Wien, Freitag, den 1. Mai 1914 VIII. Jahrgang Der bündnisunfähige Zarismus. ■' Von Julius Löwy. In den letzten Tagen hat sich ein Ereignis vollzogen, das von großer Bedeutung für die internationale Politik ist, aber von noch größerer Bedeutung für die Fortentwicklung der freiheitlichen Auffassung von dem Verhältnis des geistigen Europa zu Rußland: England hat ein ihm angetragenes Bündnis mit Rußland abgelehnt. Das ist eigentlich eine sb bedeutsame Tatsache, daß man es schwer versteht, warum unsere „große“ Presse, die stets auf der Jagd nach Sensationen ist, diese Sensation nicht in ihrem vollen Werte gewürdigt hat. Dem politisch und militärisch eng zusammengeschlossenen Dreibund gegen über war die Entente im Verlauf der Balkankrise -durch ihr loseres Gefüge sehr stark’ins-Hintertreffen geraten. Zwi- , „sehen Frankreich und dem mit ihm ver_bündeten Rußland baut sich die ungeheure militärische: Kraft Deutschlands und unserer Monarchie auf. Ein Zusammenwirken der Armeen der Entente ist trotz aller Bluffs Rußlands unmöglich, solange man sich nicht des bedingungslosen Mitgehens der englischen Kriegsflotte versichern konnte, die natürlich einen großen Teil der deutschen Streitkräfte binden würde. Nun wachsen die inneren Schwierigkeiten in Frankreich und Rußland derartig, daß man dort gerne nach altem gutem Rezept die Aufmerksamkeit der Voiksmassen auf das Ausland lenkt und die Dreibundmächte als Friede isgetahr hinstellt. Weder das industriell so hoch entwickelte Deutsche Reich, noch unsere national zerklüftete Monarchie, noch das rühebedürftige Italien mit seinen von Tripolis her verarmten Staatskassen sehnen sich nach einem Krieg. Aber der russische Panslavismus, vielleicht das bösartigste Element Europas, hetzt unaufhörlich zum Krieg und mit ihm geht Hand in Hand der russische Tschin, dem Raubzüge und Plünderungen immer lieb waren. Und in der Hand der russischen Politik ist das von allen Fiebern der Hysterie geschüttelte Frankreich zu einem willenlosen Werkzeug geworden. Wenn diese beiden Mächte ihre Absichten, den Frieden zu brechen, nicht durchführen konnten, so liegt das "Verdienst wahrlich nicht bei ihnen, sondern bei dem kalten und nüchternen englischen Volk, das sich niemals für Kriege begeistern konnte, die es selbst schlagen sollte. Die englische Politik hat immer irgend ein Werkzeug gefunden, das sich für sie abstumpfte. Trotz aller englisch-deutschen Gegensätze ist England mit seinem Söldnerheer auch kaum in der Lage, an einem größeren Krieg auf dem europäischen Festlande teilzunehmen. Nun hatte vor einigen Wochen der , französische Politiker Lavisse in e:nem Artikel im „Temps“ die Umwandlung der Entente in ein Bündnis nach dem Muster des Dreibundes vorgeschlagen. Seinem Vorschlag schloß sich sofort der frühere französische Minister Piehon an. Es kam zu einer großen Zeitungsdiskussion und die russische Presse nahm selbstverständlich die Idee mit großem Enthusiasmus aut. Das Bündnis sollte bei dem Besuch des englischen Königs in Paris feierlich vor aller Welt proklamiert werden. ln England war man zuerst ziemj lieh zurückhaltend; der Minister des | Aeußeren gab auf eine Anfrage im Unter hause eine ausweichende Antwort. Die Regierung, sagte er, habe sien mit diesen Plänen rcch nicht beschäftigt. Als i aber das gallische Fieber höher stieg, entschloß sich England zu einer klaren Haltung.' Die englische Diplomatie ist immer dort, w o es ihr nötig schien, von einer brutalen Deutlichkeit in ihren Aeußerungen gewesen. So erklärte denn auch die Regierung in ihrem Hauptorgane, in den „Daily News“ kurz und scharf: „D i e bloße Anspielung auf ein Bündnis mit R u ß 1 a nn d würde einen Sturm her vorrufen, der die Regierung, die einen solchen Irrtum beginge,, hinwegfegen w i'i rd e.“ Nach diesem Wort war ein Zweifel nicht mehr möglich und alle Bündnishymnen in Paris und in Petersburg brachen schrill ab. Natürlich hat auch unsere Presse von diesem Vorgang Kenntnis genommen, aber da sie zumeist freiwillige Dienste beim Auswärtigen Amt tut, nicht die richtige Distanz dazu gewonnen. Man hat das politische Ereignis lediglich nach seinen politischen Wirkungen gewertet. Aber es scheint uns, als ob man diese kalte Ablehnung Rußlands nicht nur politisch werten soll. Sie hat eine tiefe kulturelle Bedeutung, die die politische Seite weit übertrifft. Nirgends hat man darnach gefragt, weshalb eigentlich die englische Volksstimmung ein Bündnis mit Rußland ablehnt. Eine Erörterung dieser Frage ist den herrschenden Stellen in Mitteleuropa sehr unangenehm und deshalb haben sie die gefälligen Federn nur von der Tatsache schreiben lassen; darüber hinaus wurde gebremst. (Ebenso wie man die gegen Rumänien Aufgebotenen rasch wieder zurückgepfiffen hat.) Rußland, die Hoffnung alier Reaktionären, steht diesen Kreisen ethisch und moralisch durchaus nicht fern. Rußland ist der Hort jedweder politischen Niederträchtigkeit. Rußland erwürgt zuhause jede freiheitliche Regung, arbeitet gegen seine besten Elemente mit Kosaken und Sibirien. Es tritt Finnen, Polen, Ruthenen und Juden barbarisch nieder, hetzt ein Volk gegen das andere und ist überall dort zu finden, wo Unruhe gestiftet wird.. Es hat die Versöhnung der Balkannationen mit dem Jungtürkentum durch den Balkanbund und den Kreuzzug verhindert. Seine Truppen stören die friedliche innere Entwicklung Persiens. Rußland spioniert in Galizien, in der Bukowina, in Ungarn, in Deutschland, Rußlands (ield bedroht unsere inneren Verhältnisse, Rußland verhindert die ruthenische Universität, weniger aus politischen als auc kulturellen Gründen. Wir Jüden verspüren das Wüten des Russenturns in der schwersten Weise. Es ist unnötig, in einem jüdischen Blatt vor jüdischen Lesern das Buch der Leiden unserer Brüder in Rußland aufzuschlagen- Jeder Jude auf der ganzen Welt ballt die Fäuste, wenn er den Namen Rußland hört, und wenn sich Knechtseelen finden, die sich freundschaftlich zum Russentume stellen, dann trifft sie die allgemeine Verachtung und das Bedauern, daß wirkeine Galgen bauen können. Und deshalb nehmen wrir und mit uns jeder Freund einer Erhöhung der menschlichen Gesittung, von der einst Herzl gesprochen hat, keinen Anstand, aus inneren seelischen Gründen heraus unsere Freude darüber auszusprechen, daß es. ein Volk auf der Welt gibt, welches es ablehnt, dem Zarismus verbündet zu sein. Wir freuen uns dieser Tatsache und wir nehmen sie als eine Bürgschaft dafür, daß es einstmals in Europa doch hell werden wird und daß die Völker erkennen werden, wer eigentlich der Todfeind dessen ist, was wir europäische Kultur nennen, was wir als sittliches Recht bezeichnen: Daß Rußland der Mörder jeglicher Freiheit und jeglichen Menschentums ist. Er ist der Stolz unseres Volkes, daß auf allen Schlachtfeldern der Freiheit jüdisches Blut geflossen ist, daß wo immer Völker Ketten gebrochen haben, jüdische Fäuste als die ersten ins Eisen griffen. Es sind denn auch in der Zeit der russischen Revolution viele Juden auf den Barrikaden gestorben und der Beilisprozeß war ja nur der Versuch einer Rache jener Kreise, die vor den jüdischen Revolutionären gezittert haben. Und es ist uns eine tiefe Befriedigung» zu wissen, daß das freie britische Volk Rußland verabscheut und daß wir mit unseren Gefühlen nicht allein stehen. Erklärung. In der letzten Nummer der „Neuen National- Zeitung“ veröffentlicht das Mitglied des Wiener Israelitischen Kultusvorstandes Dr. Heinrich Schreiber zur „A f f a i r e Mayersohn“ einen gegen uns gerichteten Artikel. Wir erheben gegen Dr. Heinrich Schreiber hiemit den Vorwurf, daß er sich in diesem Artikel einer dreisten Unterschlagung und Lüge schuldig gemacht hat. Die Beschuldigung der Unterschlagung begründen wir wie folgt: Dr. Schreiber behauptet in seinem Artikel, daß das Schiedsgericht in der Angelegenheit des Kultusvorstehers Karl Lemberger gegen Rab-

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