Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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B8H. wtowl jinsocs drgfin jggg B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden B _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■* ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. B Nr. 17. Wien, Freitag, den 24. April 1914 VIII. Jahrgang Lucian Brunner. Der Tod Lucian Brunners hat das jüdische Volk in Oesterreich seiner eigenartigsten Gestalt beraubt. Diese Gestalt spottete jeder Schablone. Und auch' die Worte des Abschiedes, welche man diesem Toten widmet, müssen sich von jeder hergebrachten Form1 weit entfernen. Luzian Brunner hat dem Judentum und den Juden unendlich viel Gutes erwiesen. Aber nicht wehmütiges Lob Seiner Guttaten und rührende Klage ob des Verlustes drängen sich auf unsere Lippen. An dieser Bahre ziemt sich anderes. Dieser Sarg birgt einen, der für Freiheit und Judentum sein Leben lang kämpfte, der für den Kampf lebte und im Kampfe sein Bestes und Edelstes hergegeben hat. Wie seine Person, so ist auch sein Andenken mit diesem Kampfe -unlöslichverknüpft. . Änderen Verstorbenen rühmt man ' nach, daß sie sich viele Freunde zu schaffen wußten. Unser Toter hat viele, viele Feinde gehabt und wenn je. das Wort galt „Viel Feind' viel Ehr'!**, so hat's von ihm gegolten. Er stritt und wirkte rücksichtslos für den Sieg der Wahrheit und den Triumph der Freiheit, rücksichtslos, im wahrsten und edelsten : Sinne des Wortes. Die klerikale und nationale Reaktion hat in ihm den grimmigsten Angreifer gefunden. Seine Hiebe waren wuchtig und saßen tief. Dieser Mann allein gab den Machthabern mehr zu schaffen, als ganze, große Parteien. Wie groß die Furcht vor ihm' war, beweist ein Vorfall, der sich vor drei Jahren ereignet hat. Damals ging Luzian Brunner, dem Ruf der Juden folgend, in die Bukowina und eroberte ein Mandat für den Reichsrat. Er errang bei der Abstimmung die Majorität. Da ergriff die Machthaber eine Panik, von den höchsten Regierungsstellen in Wien wurden Boten und Befehle gesandt, die Landesregierung wurde gezwungen, mit Gewalt und Betrug dem Gewählten das Mandat zu rauben. Alle Nutznießer der Lüge und alle Ausbeuter der Knechtschaft mußten eben seine unversöhnlichen Feinde sein. Und diese Feindschaft hat den Toten hoch geehrt, deshalb sei ihrer gedacht. Noch viele andere haben ihn gefürchtet und gehaßt. All die Halben und die Feigen! Leute, die anfangs an seiner Seite gingen und mit ihm stritten, dann aber vor dem tollkühnen Mute des Mannes und seiner schrankenlosen inbrünstigen Wahrheitsliebe erschraken. Sie suchten ihn zurückzuhalten, seinen Sturmlauf zu hemmen. Er aber hat sie , verächtlich abgeschüttelt und ist weiter gegangen. Da haben auch diese, seine (ehemaligen Weggenossen, ihn gehaßt, und vielleicht glühender als die Gegenr, denen Seine HiebejgaSten.Tüddschergiewiß, denn der Anblick Brunners brächte diesen Jam- - taermännem die eigene Schmach immer und immer wieder in Erinnerung. Wer erinnert sich nicht des Kampfes, den Brunner in seinem Kirchenbauprozeß gegen die Luegergilde geführt hat?! Wie er, der einzelne Mann, einen grandiosen Sieg gegen den antisemitischen Kler,ikalismus erfochten hat. Als ihnen die jüdischen Steuergelder durch Luzian Brunner entrissen wurden, da heulten die Reaktionäre wütend auf. Hundertmal durchdringender aber heulten die sogenannten liberalen Juden, die offiziellen Kultus- und Bankisraeliten. Sie besudelten und bespieen ihn und nannten Lucian Brunner ihn ein Unglück des Judentums, weil er es sich erlaubte, für das Judentum offen zu kämpfen und zu siegen. Deshalb wurden sie seine Feinde. Und auch diese Feindschaft hat den Toten unendlich geehrt. Darum sei ihrer gedacht. So mußte es kommen, daß Lucian Brunner fast immer allein geblieben ist. Kurzsichtige haben diese Einsamkeit bekrittelt und Toren haben ihrer gespottet. Doch diese Einsamkeit war köstlich und heilig, sie war der fessellosen Sehnsucht nach Wahrheit und Freiheit geweiht. Erst am1 Abend seines Lebens war es dem Toten beschieden, aus dieser Einsamkeit in einen Kreis Gleichgesinnter und Gleichgewillter einzutreten. Als die zionistische Bewegung einsetzte und der jüdischnationale Gedanke sich kraftvoll zu regen begann, da kam Lucian Brunner zu uns, um mitzuarbeiten an der 'Befreiung des alten jüdischen Volkes. Hier fand er endlich ein Feld der Arbeit, wo er reden und handeln durfte, wie es seiner offenen Natur entsprach. Und der Mann, von dem es hieß, daß er nur allein sein und sich keinem Gesetze, keiner Disziplin fügen könne, er ist jahrelang in unseren Reihen marschiert, immer kampffähig, aber auch immer geduldig und fügsam. Der Unduldsame war uns ein gütiger, nachsichtiger Freund und wir haben ihn verstanden und geliebt. * * * Das Leichenbegängnis Lucian Brunners. Am 19. April, an einem sonnigen wunderschönen Frühlingsmorgen, haben wir Lucian Brunner zu Grabe getragen. Bereits eine halbe Stunde vor der angesetzten Zeit versammelte sich eine ansehnliche Gemeinde vor der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes. Wiewohl infolge der Pessachfeiertage nur eine ganz kleine Anzahl von Gesinnungsgenossen verständigt werden konnte, kamen alle, die in der Wiener zionistischen Partei Ansehen und Namen haben. Es kamen ferner die Vertreter der galizischen Kredit-Union, dieser populären jüdischen Volkskassa, deren Begründer und Hauptstütze der Verstorbene war. Es erschienen in heller Schar die jüdischnationalen Studenten, denen er, seitdem er unserer Bewegung angehörte, stets hilfreich zur Seite stand. Ihm hat die Idee des jüdischen Studentenheims ihre Entstehung und Popularisierung zu verdanken und in ihnr verliert sie auch ihren tatkräftigsten Förderer. Um l/*10 Uhr früh setzte sich, der Trauerzug in Bewegung. Dem Sarge unmittelbar folgten die tiefbekümmerte Witwe, die Kinder und die übrigen Verwandten, denen sich die in großer Zahl erschienenen Leidtragenden anschlossen. Es waren anwesend: in Vertretung der Bozen-Meraner Bahn Herrenhausmitglied Wilhelm Freiherr v. Berger als Vizepräsident und die Verwaltungsräte Hofrat Wilhelm Drahtschmidt v. Bruckheim, Advokat Dr. Paul Abel, Regierungsrat Baurat Robert Ritter von Stockert, Generalkonsul kaiserlicher Rat Julius Reinitz und kaiserlicher Rat Karl Königer sowie der Sekretär Inspektor kaiserlicher Rat Anton J. Heller, ferner Regierungsrat Dr. Heinrich Steger und Gemahlin, Oberlehrer Emil Fuchs, eine Abordnung des freisinnigen Vereines von Döbling, Julius Uprimny, die Architekten Gärtner und Dr. Karplus, die Direktoren der Verkehrsbank Kornfeld, Brüll und Marmorstein, der Präsident des Wärmestubenvereines Alfred v. Straßer, Bankdirektor Schwarz aus Bozen, kais. Rat Mandl, kais. Rat Duschnitz, das Mitglied des israelitischen Kultusvorstandes S. Steiner, Herr Matthias v. Löbl, von der Kreditunion Dr. Pachtmann (Drohobycz) und Direktor Eisler (Lemberg), der Präsident des Oesterr. Bundes für Mutterschutz Dr. Hugo Klein, Zahnarzt Dr. J. Schalit, Adolf Böhm, Dr. Langer, Dr. Krasny, Isidor Gewitsch, Max Markus, vom Zionistischen Zentralkomitee für Westösterreich: Dr. Karl PoIIak, Ob.-Ing. Robert Stricker, für das Innerösterreichische zionistische Distriktskomitee und den Zionistischen Zentralverein: Ludwig Batö, J. H. Waltuch, Ing. Rud. Köppl, Dr. Artur Reik und Leo Popper, für den Jüdischen Nationalverein für Oesterreich: Dr. Jakob Ehrlich und Leopold Sitzmann, für den Wiener Jüdischen Volksrat: Dr. Paul Weisengrün und Dr. Egon Zweig, für den Vorstand des Jüdischen Volksvereines für die Leopoldstadt Dr. Chaim Wolfmann und Jacques Löw, für den Sportklub „Hakoah“ Ing. Oskar Kramer und'Abordnungen der jüdischnationalen Studentenkor-