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Jüdische Zeitung · 1914-04-10 · 15 (10.4.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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B$S£ NRTlim -JAX9DE3 DRGjlN Jgggj JÜDISCHE ZEITUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. g| Nr. 15. Wien, Freitag, den 10. April 1914 VIII. Jahrgang Pessaiii. Nicht aus dem Getriebe des täglichen Lebens sprudelt die jüdische Freude hervor, sie findet nicht ihre Quellen in den Geschehnissen des Tages. Feierten unsere Väter in der Verbannung ein jüdisches Fest, schlossen sie sich ab und zogen sich in ihre Familie, in diese feste Burg unseres Volkes, zurück. In ihren vier Wänden zauberten sie die vergangene Pracht hervor, schwelgten in seligen Erinnerungen an einstige glückliche Tage und Hoffnung, Hoffnung auf eine bessere Zukunft, erfüllte ihr Herz. In dem' zähen Kampfe um die Wiederbelebung des Judentums ist nun ein neues Geschlecht entstanden, das nicht mehr nötig hat, sich vom Leben abzuwenden, sein Antlitz zu verhüllen, um Kraft und Mut zu schöpfen, um sich vom Herzen freuen zu können. Wir sehen trotzigen Auges den drohenden Gefahren entgegen, es lebt in uns eine starke Hoffnung und keine Unbill der Welt, kein noch so hartes Schicksal vermag sie uns zu entreißen. Im Gegenteil, das traurige Lös unseres Volkes in der Diaspora bestärkt uns noch mehr in dem Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes. „Und müsset lieben, lieben euer Leid, aus dem die Sehnsucht wird, die euer Volk befreit“, sagt ein jungjüdischer Dichter. Wir wollen aber an dem „Fest unserer Freiheit“ des Ungülckes, des Leides nicht gedenken. Wir wollen uns vielmehr von den eisernen Ketten des Galuth befreien und einmal vom Herzen fröhlich sein, wie es andere Völker sind. Das Traurige streifen wir ab und' schauen an diesen Tagen bloß das Licht: das Heranwachsende, mit jüdischem Geist erfüllte Geschlecht, das ein Unterpfand für die Zukunft unseres Volkes und unseres Landes bildet. Wir gedenken der Fortschritte des nationalen Gedankens in der Diaspora, der Erstarkung der jüdischen Geineinbürgschaft, des Aufblühens unserer Siedlung in Palästina und des siegreichen Vorwärtsdringens der hebräischen Sprache. Wir geben uns keinen Selbsttäuschungen hin, wir wissen, daß in vielen Belangen, so auch auf dem1 Gebiete der jüdischen Jugenderziehung, noch viel, sehr viel zu leisten ist. Aber die ersten Schritte Sind vollbracht und wir haben eine Jugend, die wir erziehen können, die :uns zu Hoffnungen berechtigt. Ein Pessach, der nur aus Erinnerungen besteht, ist kein Pessach. Wir, die nicht nur eine Befreiung aus dem Hause der Knechtschaft in Mizrajim zu verzeichnen haben, sondern vielmehr auf eine Erlösung. aus dem1 j et z ige n G a'l ut h hoffen, erfassen das richtige Wesen dieses Festes. Es bedeutet uns viel, viel mehr als den Juden, die die Haggadäh nur aus Pietät oder aus alter Gewohnheit zur Hand nehmen. Wir verstehen die vergilbten Blätter mit ihren naivfröhen Erzählungen. Wir, die Verkünder der neuen Hoffnung unseres Volkes, feiern das Pessachfest, das Fest freudiger Hoffnung! L. B. Wie der Wiener Kulfuspräsident die Würde des Judentums wahrt. (Diesen Aufsatz veröffentlichen wir im Einvernehmen mit den Mitgliedern des Wiener Kultusvorstandes Dr. jakob Ehrlich und Ingenieur Robert Stricker.) Wir haben heute eine schwere publizistische Pflicht zu erfüllen und wir erfüllen sie im vollen Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit. Wiederholt wurde schon in diesem Blatte auf die Unhaltbarkeit der Zustände im Wiener Kultusvorstand hingewiesen und wiederholt haben wir schon den Beweis erbracht, daß unter dem Regime des gegenwärtigen Präsidenten jeder Fortschritt in unserer Gemeinde unmöglich ist. Wir haben den Karnpf~'Stets sachlich geführt und haben uns besonders gegenüber der Person des Präsidenten selbst bei der schärfsten Kritik ein großes Maß von Zurückhaltung auferlegt; denn wir sagten uns, daß auch Herr Dr. Stern dem Alter seinen Tribut entrichten müsse und daß viele Eigentümlichkeiten seiner Amisführung in seinem hohen Alter ihre Erklärung und teilweise Entschuldigung finden. Was aber in den letzten Sitzungen des Kultusvorstandes geschehen ist, kann auch durch das Alter des Präsidenten nicht entschuldigt werden. Es kam in diesen Sitzungen wiederholt zu stürmischen Auseinandersetzungen zwischen den zwei zionistischen Vorstandsmitgliedern und dem Präsidenten. Seit Jahren wird in öffentlichen Versammlungen gegen das Treiben eines pflichtvergessenen und unwürdigen Rabbiners der Wiener Gemeinde Protest erhoben. Um diesem unwürdigen Zustand ein Ende zu bereiten, haben die zionistischen Vertreter den Antrag auf Einleitung des Disziplinarverfahrens eingebracht. Dieser Antrag war unterstützt von einem geradezu erdrückenden, urkundlich nachgewiesenen Material, das unsere Kultusvorsteher vor die notwendige Aufgabe stellte, die anständige Beamtenschaft der Gemeinde von dem schmählichen Vorwurf zu befreien, daß in ihrer Mitte ein Mann wirkt, der seit Jahren die Ehre der jüdischen Gemeinde aufs schwerste gefährdet. Und da sollte man doch glauben, daß ein solches Unternehmen die tatkräftigste Unterstützung des Präsidenten finden werde, daß ein Präsident, der ständig die Redensart vom Schutz desAnsehens dtrOemeinde imMunde führt, mit Energie gegen einen Rabbiner auftreten wird, der des unsaubersten Amtsmißbrauches öffentlich beschuldigt wird. Und der greise Präsident hat wahrhaftig in dieser Angelegenheit eine geradezu jünglinghafte Energie.an den Tag gelegt: sie galt aber nicht der Aufklärung und Feststellung der strafwürdigen Handlungen, sondern vielmehr der Unterdrückung und Verh i n de rung einer ordentlichen Untersuchung.- Und;da eine solche Betätigung auch in den Eigentümlichkeiten des Alters keine genügende Erklärung findet, haben wir die Pflicht, zu sagen, daß Herr Dr. Stern das Recht verwirkt hat, Präsident der größten Judengemeinde zu sein. Wir werden nicht alle Klagen, die seit Jahren gegen den Rabbiner Mayersohn — dies der Name des Funktionärs — vorgebracht werden, wiederholen. Es genügt, nur einiges festzustellen und die Oeffentlichkeit möge entscheiden, ob wir Herrn Dr. Stern oder seinem Schützling ein Unrecht zufügen. Dieser Appell an die Oeffentlichkeit ist aber notwendig, weil Gefahr besteht, daß schwere Vergehungen ungesühnt bleiben, oder daß sie zufolge Einflüssen hochgestellter Protektoren auf Gemeindekosten durch Auszahlung einer Pension noch obendrein belohnt werden. Vor weit mehr als einem Jahre schon sind dem Präsidenten Beweise darüber Vorgelegen, daß Mayersohn unter derart grober Verletzung der staatlichen Gesetze eine Trauung vollzogen hat, daß die Ehe als ungütig angesehen werden muß; daß er diese Trauung nicht nach gesetzlicher Vorschrift unter Zuziehung von zwei Zeugen vorgenommen hat; daß er geduldet hat, daß sich im Trauungsbuch der Kultusgemeinde ein Trauzeuge unterschrieben hat, der dem Trauungsakt nicht einmal beiwohn te; daß der Ort der Trauung im Trauungsbuch falsch eingetragen wurde. Das Beweismaterial war so erdrückend, daß das Vertreterkollegium den Beschluß faßte, nochmals einen Zeugen darüber zu hören, ob die beanständete Trauung gemäß gesetzlicher Vorschrift vor zwei Zeugen stattgefunden hat. D i eser Beschluß wurde vor etwa einem Jahre gefaßt, von Dr. Stern aber ganz einfach nicht ausgeführt. Erst elf Monate später, gedrängt durch eine Interpellation der zionistischen Kultusvorsteher, ließ er sich dazu herbei, die Erhebungen fortzusetzen. Ist das nicht ein auf Verschleppung und Vertuschung berechnetes Vorgehen? Und als unsere Gesinnungsgenossen den Antrag einbrachten, gegen Mayersohn ein ordentliches Disziplinarverfahren einzuleiten, da setzte Dr. Stern seinem Vorgehen die Krone auf. U nter persönlicher Beschimpfung der Antragsteller drohte er mit seiner Demission, wenn gegen jYl a y e r s o h n ein Disziplinarverfahren beschlossen würde. Und das tat derselbe Dr. Stern, der vor einigen Monaten fünf Lehrer, von denen schon einige jahrzehntelang in Diensten der Kultusgemeinde standen, ohne sie nur angehört zu haben, davonjagte, weil sie sich vor mehreren Jahren gegen ihren Vorgesetzten angeblich pietätlos benommen haben. Trauungen sind nicht bloß e’ine Gelegenheit zur Entgegennahme von Trinkgeldern. Trauungen sind vielmehr derartige wichtige Akte und ziehen derartige unabsehbare Rechtsfolgen nach sich, daß sie strenge mach den Vorschriften der Gesetze vorgenommen werden müssen. Deshalb bestimmt auch das bürgerliche Gesetzbuch, daß jeder Rabbiner seines Amtes für immer zu entsetzen ist, der diese Vorschriften nicht beobachtet. Jedes gesittete Gemeinwesen muß also die Forderung erheben, daß Sicherheit für die gesetzmäßige Vornahme von Trauungen geschaffen werde. Herr Doktor

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