Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 12 Die Icahat gemeinsam mit der Baron- Hirsdi-Stiftung in einigen Städten Galiziens Vorschußkassen gegründet, um den kleinen Kaufleuten und Handwerkern billigen Kredit zu verschaffen. Aber wie sieht diese Kreditbeschaffung aus? Idi gebe zu, daß dieser Kredit bei vielen Handwerkern zur Linderung der schlechten materiellen Verhältnisse beigetragen hat; aber wieviel Zeit und Mühe benötigt ein armer Handwerker, um zwei gute Giranten zu finden? Ein reicher Jude wird ihm sicher nicht girieren; es werden höchstens zwei arme Handwerker sein, die selbst nicht besonders zahlungsfähig sind. Das Kreditwesen müßte reorganisiert werden. Unter anderen Bestimmungen müßte auch die Satzung aufgenommen sein, daß im Direktorium auch Vertreter des Handwerkerstandes sein müssen, da solcne viel besser beurteilen können, wer -den Kredit notwendiger hat, als wie die jetzigen Herren des Direktoriums, die sich aus lauter Kaufleuten und Doktoren rekrutieren. Dr. Ruppin macht den jüdischen Handwerr kern in seinem Buche „Die Juden der Gegenwart“ den Vorwurf, daß sie ihren Beruf nicht mit demselben Handwerkerstolz, wie z. B. die deutschen und englischen Handwerker ausüben und nicht die richtige Freude an der Arbeit haben, weil sie infolge großer geistiger Beweglichkeit das Bedürfnis nach Abwechslung und Emotion empfinden, was ihnen der Handel, aber nicht das Handwerk gt währt Diese Ansicht teile idi nicht, da nur einzig und allein die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse es sind, die den jüdischen Handwerker auf Schritt und Tritt hindern, sich frei zu entwickeln. Daß der Jude ein guter Handwerker sein kann, beweisen uns die in den größeren Städten Galiziens zu großem Ansehen gelangten Handwerke', die ihr Handwerk noch von ihren Eltern und Großeltern geerbt hatten und es mit wahrem Handwerkerstolz weiter ausüben. Monis Rosentrld, der selbst Handwerker war, schildert in wunderbarer Weise in deinen „Liedern der Arbeit“ die Seele des Handwerkers, der gegen seinen Willen gezwungen ist, Maschinenarbeiter zu werden. Er sagt. „Nicht die Enge der Wohnung, nicht die Dürftigkeit der Nahrung, nicht die Entbehrung von Vergnügungen, es isi der geisttötende Einfluß der Fabriks - und Maschinenarbeit, den der Dichter am stärksten fühlt“ Der Jude als Angehöriger einer kultivierten Rasse eignet sich mehr für freie Berufe, zu welchen auch das Mundwerk gehört, da sie viel höhere Anforderungen an das Individuum stellen als die Fabriksarbeit . Dies ist auch ein Grund dafür, warum die Juden sich nicht sorasch proletarisiercn können. Das Streben jedes Juden ist, selbständig zu werden! Gcgeralvmammluiijj des zionisfisdizn ZeutraloereiBcs in Nien. Am 16. März fand unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder die diesjährige Generalversammlung des Zionistischen Zentralvereines statt ' Der bisherige Leiter des Vereines Gg. Ludwig B a 16, erstattete den Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr. Er verwies im übrigen auf die Berichte des Distriktskomitees, das im verganenen Jahre mit dem Vereinsausschusse identisch war. Wie bei allen Wiener zionistischen Vereinen im Vorjahre, stand auch die Tätigkeit des Zentralvereines im Zeichen des Kongresses. Der Vorstand habe eingesehen, daß der Zentralverein in seiner jetzigen Form entwicklungsunfähig sei und so ging er an die bezirksweise Deszentralisation, indem er in den" einzelnen Bezirken eifrig Propaganda betrieb, um dort Sektionen des Zentralvereines zu errichten und auf diese Weise wertvolle Stützpunkte für die zionistische Arbeit in Wien ins Leiben zu rufen. Solche Sektionen sind bisher in Favoriten, Mariahilf und Ottakring-Hernals geschaffen worden. Die Gründung von Sektionen steht ferner in der allernächsten Zeit auf der La ndstraße und in Döbling-Währing bevor. Der Verein hat im Vereinsjahre 1913 insgesamt 35 Versammlungen veranstaltet. Die Mitgliederzahl ist. von 275 auf 406 gestiegen. Nach dem Kassäberichte des Gg. J. H. Waltuch wurde der Bericht des Ausschusses anerkennend zur Kenntnis genommen und ihm das Absolutorium erteilt. Bei der hierauf erfolgten Neuwahl wurden in den Vorstand des Vereines gewählt: Ludwig Batö als Präsident, ferner J. H. Waltuch, Dr. Artur Re ik, Dr. Leopold Friedmann, David Neb e n z a h 1, Dr. Georg Weiner, Alexander Geller und Dr. Wilhelm Stein. Den Abend schloß der Bericht des Gg. Oberingenieur 'Robert St r i c k e r über 'die letzte Sitzung des Großen Aktionskomitees und über die jüngsten Vorgänge im Wiener Kultusvorstande. Hieran schloß sich eine eingehende und interessante Debatte, an der die Gg. Gg. Dr. Abeies, Gewitsdi, Dr. Weiner, Dr. Weisengrün; Dr. Emil Stein, Dr. Löwy, Waltuch teilnahmen und in der hauptsächlich die unterschiedliche Bedeutung der kulturellen und der wirtschaftlichkolonisatorischen Zwecke der zionistischen Bewegung erörtert wurde. Jüdische Hausiereroersammlung in Ser GeopolSstaSf. Die in der vorigen Nummer bereits angekündigte Versammlung jüdischer Hausierer welche vom Jüdischen Volksverein für die Leopoldstadt für den 14. d. M. in den Saal des HoteJ Arco einberufen wurde, hatte einen überaus starken Besuch aufzuweisen und war von einer ausgezeichneten jüdisch-nationalen Stimmung beherrscht In der Versammlung ergriffen zunächst mehrere Hausierer das Wort, welche die unleidlichen Verhältnisse der Hausierer schilderten und sich insbesondere gegen die -bisherige Organisation, den Rechtsschutzverein der Hausiere-, mit mehrfachen, durch ein reiches Tatsachenmaterial belegten Anklagen wendeten. Insbesondere wurde die Gebarung des .Sekretärs des obigen Vereines, des Herrn F r e.u.n d,,,einer scharfen Kri'ik unterzogen. -Allgemein: wurde seitens der Redner Her:en Schwei zer, Kammermann, Locker, Weinmann u. a. der S timmung der jüdischen Hausierer dahin Ausdruck gegeben, daß das Interesse und die Selbstwürde der jüdischen Hausierer den Anschluß an die jüdischnationale Organisation gebieterisch verlange. Die beiden Referenten der Versammlung die Gg. Öbering. Robert Stricker und Dr. Leopold Plasdikes besprachen die Ursachen der von den Hausierern geschilderten Mißverhältnissen, kündigten die vom Jüdischen Volks verein zu Günsen der Hausierer geplanten Aktionen an und würdigten insbesondere den Wert und Nutzen des von unserer Organisation ins Leben gerufenen Rechtschutzbüros und des Darlehensfonds für jüdisch Hausierer und Kleingewerbetreibende. Die Referenten erklärten, daß der Volksverein alles daran setzen werde, sowohl ‘die wirtschaftlichen wie auch geistigen Interessen der Hausierer auf das tatkräftigste zu fördern. Gg. Luzian Brunner, ein langjähriger Gönner der Hausierer, begrüßte mit Freude den Anschluß derselben an den Jüdischen Volksverein. Die Versammlung wählte sohin aus ihrer Mirie ein aus 4 Hausierern bestehendes Komitee, welches dem Ausschüsse des jüdischen Vo’.ksvereines bei der Organisierung und bei derDurchführung der geplanten Aktionen für die Hausierer zur Seite stehen soll. Zum Schlüsse ergriff noch Gg. Dr. Weisengrün das Wort um die Organisationsbestrebungen der jüdischen Hausierer zu begrüßen. Unter stürmischem Beifall der Versammlung gab er bekannt, daß er die Bestrebungen zur Gründung eines Darlehensfondes durch Zuwendung eines Betrages von Kronen 1000.— unterstütze. Nachdem noch der größte Teil der Anwesenden Hausierer ihren Beitritt zum Jüdischen Volksverein für die Leopo'ds tadt angemeldet hatten wurde die Versammlung geschlossen. * Roch'schulzbäro des jüdischen Volksvareines. Die Amtsstunden des Rechtschutzbüros sind vorläufig auf jeden Mittwoch von 7—8 Uhr abends und Sonntag von 11—12 Uhr vormittags im Vereinslokal, II., Karmeliterplatz 1/10, festgesetzt und -werden an diesem Abend an die Mitglieder des Volksvereins Auskünfte in allen Rechtsangelegenh eiten unentgeltlich erteilt. Sprechstunden dzs Ausschußes. Der Ausschuß, des jüdischen Volksvereines erteilt an .jedem Mjttwoch zwischen 7—8 Uhr abends/ ünd. Sonhtäg zwischen 11—12 Uhr vorm. Auskünfte, in ^Ilcm. Vereinsängelegenheiten. ,. fVon unserem Brünner Korrespondenten.) Vor wenigen Wochen ist in Brünn der Kultuspräsident Dr. F i a 1 a gestorben. Er war, wie das leider in fast allen jüdischen Gemeinden . der Fall ist, unumschränkter und absoluter Len- : ker der Geschicke seiner Gemeinde. Von einer willensschwachen Majorität gestützt schaltete er nach und nach jede Kontrolle aus. Die Repräsentationen und die innere Verwaltung war ganz ih seiner Hand vereinigt. Die zionistsche Opposition. welche bei verschiedenen Wahlen gegen das System der Kontrollosigkeit auftrat, konnte wenig erreichen. Dr. Fiala (stand als der uneigennützigste hochangesehene Führer da. Er dürfte es sich auch erlauben, sein Mandat politisch' auszubeuten. Als enragierter Deutschliberaler wußte er, gegen den Protest der Zionisten, die Kultusstube zum deutschnationalen Agitationslokal umzugestalten. Noch wenigeTage vor seinem Tode hielt er im Deutschen Hause in Brünn eine deutsdidhauvinistische Brandrede gegen die Tschechen und versprach der deutsch-; radikalen Partei, die unbedingte Gefolgschaft der Brünner Juden. Der Sturm der Entrüstung, der sich darob in der Judenschäft, insbesondere der Kaufmannschaft, welche ja zum größten Teile von tschechischer Kundschaft lebt, blieb wirkungslos. Gegen den Willen des allmächtigen Kultuspräsidenten war nicht aufzukommen. Jede Aktion gegen ihn wurde (nun einmal als Stänkerei jugendlicher Zionisten gegen Iden altbewährten, uneigennützigen, tadellosen Verwalter der Interessen der Brünner Judenschaft angesehen. So blieb es bis zu seinem Tode. Aber einige Wochen nach' seinem Tode begann ein Wispern und Raunen und Schließlich wurde es Stadtgespräch : Eine Untersuchung hat ergeben, daß sich Dr. Fiala 50.000 Kronen Stiftungsgelder angeeignet und überdies den alten Sekretär der Kultusgemeinde um den größten Teil seiner Ersparnisse gebracht hat. Mißglückte Spekulationen hatten ihn zu diesem1 Schritte gedrängt. Die fehlenden Stiftungsgelder sind inzwischen von den Kuratoren, welche sich um das Schicksalder von ihnen verwalteten Beträge gekümmert haben, gedeckt worden, aber der alte Sekretär, -den das Unglück aufs Krankenlager geworfen hat. bleibt geschädigt. In Brünn herrscht natürlich große Erregung. Und der KuHusvorstand tut das schlechteste, \vas man in einer solchen Si+uation nur tun kann er — schweigt. Er vergißt, daß die Oeffentlihckeit ein unbedingtes Recht auf Aufklärung hat und daß die Kuratoren, auch wenn sie den Schaden gut gemacht haben, sich verantworten müssen. Vielleicht glauben die Herren, durch das Vertuschen dem Gerede der Nichtjuden vorzubeugen und damit der Judenschaft einen Dienst zu erweisen. Natürlich ist dieses Bemühen nicht nur fruchtlos, sondern für das Ansehen der Juden geradezu vernichtend. Frohlockend weisen die Antisemiten darauf hin, daß die Juden das Tageslicht scheuen und Vergehen, we'che von Stammesgenossen verübt werden, geheimhalten, also unmoralisch Vorgehen. Die Herren vom Kulüsvorstande, im alten Ghettogeiste erzogen, können eben nicht begreifen, daß Offenheit und freimütiges Einbekennen der Verfehlung eines Gemeindemi‘gliedes dem Ansehen der Brünner Judenschaft nicht schaden kann, daß hingegen die Ver+usdiung den bösesten Gerüchten Nahrung gibt. Hoffentlich wird das Unglück zur Folge haben, daß von dem persönlichen Regiment einzelner nunmehr abgesehen werden und die Brünner Kultusgemeinde der Kontrolle der jüdischen Oeffentlichkeit unterstellt wird. Für andere Gemeinden möge dieser Vorfall eine Warnung bedeuten. Notizen. Zur Frühjahrssaison empfiehlt sich der He rren-Modesalon Franz Petrovic, I., Neuer Markt 9, zur Anfertigung tadellos paSsendef Kleidungsßücke aus nur erstklassigen Stoffen. Schon mancher, der sich ein Los kaufte, hatte gewonnen, bevor er dieses vollständig ausbezahlt hatte. Unter den Geldinstituten, die sich mit dem Verkaufe von Losen befassen und dieses Geschäft auch reel betreiben, ist die Firma „Glücksrad“ Gesellschaft für Handel mit Wertpapieren in Brünn, Rudolfsgasse 12 zu erwähnen, auf deren Prospekt von vorteilhaften Wertpapieren, welches vor kurzer Zeit unserer Zeitschrift beigelegt war, wir abermals' aufmerksam machen. Sollte jemand zufällig -ein solches Prospekt nicht erhalten' haben, dann schreibe er söfort um dieses an die genannte Anstalt, wohin auchsämtliche Aufträge, -Anfragen uSW. . zu richten sind. Die nächsten Ziehungen sind •bereits am 1. April und 1. Mai d. J. „Kongreß-Wien 1914 im Kaissrgarten“. DaS alte „Venedig in Wien“ im Prater ist verSdhWunschwunden und die neuen Konturen des neuen „Kongreß-Wien 1914“, nehmen bereits greifbare Formen an. Am Eingang, gegenüber dem Prater - stem steht das alte Kärntnertor, hinter dem ehemaligen Sommertheater das Neue Tor, und nicht weit vom silbernen Kaffeehaus führt der Weg durch das Rote Turm-Tor zur Via triumhalis, die ein getreues Konterfei der vornehmen Welt bringen wird, welche anno 1914 in der lebenslustigen Kaiserstadt sich nach den Entbehrungen und Anstrengungen der französischen Kriegsjahre Schadlos hielt durch Bälle und Redouten, Maskeraden und Feuerwerke, KaruSSelS und Paraden. Ein Blick in die alte JohannesgaSse und auf den Hof mit dem' Panorama der Ulrichskirche wird ebenso anheimelnd wirken wie der Anblick des Ledererhofes und des alten Burgtheaters, neben dem das alte Land-StändehauS erbaut wird. Neben dem Panorama der Karlsk kirdhe wird der alte Tandelmarkt mit den originellen Verkäufertypen des Kongreßjah'res er-, sieben. Alt-Wien 1914, das jetzt zwischen den alten Praterbäumen wieder auflebt, wird das Entzückendste sein, was in diesem Genre seit vielen Jahrzehnten geboten wurde.