Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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58S3E ■jüdisches asm ■■Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ .täglich von 11—12. Uhr vormittags und 4—5 Ubr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ m reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ® ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 12. Wien, Freitag, den 20. März 1914 VIII. Jahrgang Was geht In Polen vor! Der Leitartikel1 eines jüdischen Blattes. kann wohl selten eine frohe Botschaft verkünden. Und kommt es auch vor, daß die zukünftsverheißende, jungjüdische Richtung Siege feiert und der1. Jude frohen Mutes den Btek nach dem aufstrebenden jüdischen JZukunftslande wenden kann, wird er al'sblföl durch traurige Geschehnisse in der jäßiaspora aufgescheucht. Das Leben zwingt ihn, sich wohl oder übel wieder mit der nächst;- liegenden: Gegenwart zu befassen. Jede Woche bringen die jüdischen Blätter ellenlange Berichte, ja selbst die allgemeine Presse gibt ab und zu "Nachricht über die Unterdrückungen der Juden im Zarenreiche. „Den Juden in Rußland geht es sehr schlecht“, heißt es allgemein. Wenn man -aber genauer zusicht, nimmt man wahr, daß es auch1 in der Not und dem Elend unserer Brüder im russischen Reiche Abstufungen, Schattierungen gibt. Am-ärgsten ist es wohl in Polen um ihr Schicksal bestellt. Und dies liegt, nicht, etwa an den Verwaltungsverhältnissen der Provinz Russisch- Polen, sondern vielmehr an den Führ e r n d e s p o 1 n i s c h e n V 61 k e s selbst. Diese Erscheinung bleibt jedoch nicht äuf Russisch-Polen beschränkt, sie greift vermöge des gleichen Volkscharakters nach Galizien über und so steht die Lage der Juden in Galizien mit der ihrer Brüder in Russisch-Polen im engsten Zusammenhänge. Es tut nichts zur Sache, daß Oesterreich ein verfassungsmäßig regierter Staat ist, während Rußlands Völker‘immer noch unter dem Joche einer Willkürherrschaft ■ 'ächzen. Die Lage in Russisch-Polen und in Galizien ist vom jüdischen Standpunkte so ziemlich die gleiche: Die russische Regierung ist wohl bestrebt, Polen allmählich zu russifizieren, hat aber nichts dagegen einzuwenden, wenn die Polen die auch ihr verhaßten Juden in der unerhörtesten Weise schikanieren und unterdrücken, ja sogar zugrunde richten. Oesterreich hingegen, um es mit der polnischen Schlachta nicht zu verderben, gibt ganz Galizien samt den dort lebenden Völkern den Polen preis, die jetzt unumschränkte Herrscher dieses österreichischen Kronländes sind. Liest man die aus beiden Teilen des ehemaligen polnischen Königreiches einlaufenden Berichte über das Schicksal der Juden, fragt man sich unwillkürlich: Ist dies das Polen, das einst die von den Kreuzfahrerhorden aus Deutschland vertriebenen Juden aufnahm und sie Jahrhunderte läng gastfreundlich beherbergte? Man beginnt an der Wahrheit der geschichtlichen Tatsachen zu zweifeln. Vor zwei Jahren gab es in Rußland Öumawahlen. Da weigertensich die Warschauer Juden, deren Stimme für das dortige M;andat ausschlaggebend: ist, einen.polnischen judenfresser ins Petersburger Parlament zu entsenden; Um jedoch den glimmenden Judenhaß nicht unnötig zu schüren, beschlössen sie, von einer jüdischen Kandidatur abzusehen und ihre Stimme einem polnischen Sozialdemokraten zuzuwenden. Dieser ging aus dem Wahlkampfe tatsächlich siegreich hervor. Wie tobsüchtig gebärdeten sich hierauf die edlen Führer der polnischen Nation. Bisher waren sie an kriecherische Moschkojuden gewöhnt, die zu allem Ja und Amen sagten und alle politischen Liebesdienste zu verrichten bereit waren. Nun hat sich die zum nationalen Selbstbewußtsein erwachte polnische Judenschaft auf sich seihet besonnen und schleuderte ihr energisches Neinwort den übermütig gewordenen Polen entgegen. Diese stempelten das Vorgehen der Juden zu einem. Verrat an dem polnischen Volk und verhängten über sie den Boykott. Das polnische Volk, von dessen Jammergeschrei über erilttene Unbilden und Verfolgungen ganz Westeuropa widerhallt, reagierte auf diesen Aufruf mit einer: ganz unerwarteten Promptheit. Und so, beschloß ein Volk, das sich so gerne bemitleiden - läßt, einem anderen Volke den Garaus zu machen, es zugrundezuri'chten, es umzubringen, zu töten. Nicht nur im Leben der Menschen, auch in dem der Völker gibt es Morde: Aber noch selten ist ein Mordversuch mit solcher Kaltblütigkeit, Berechnung und Beharrlichkeit unternommen worden wie bei der Durchführung des Judenboykotts in Russisch- Polen . Früher hat es ja auch so etwas wie Boykott gegeben: Die Polen boten alles auf, um die. Juden aus den; .Vertretungen der öffentlichen Körperschaften zu verdrängen, aber es war mehr ein politischer Boykott. Nun ging der Boykott auf das wirtschaftliche Leben über. Wachtposten wurden vor den jüdischen Geschäften aufgestellt, um die Polen von ihrem Besuche abzuhalten und — wenn es nicht anders ging — mit Gewalt abzuschrecken. Man kann sich leicht vorstellen, welch ungeheurer Schaden den Juden aus dem Boykott erwachsen ist, wie viele jüdische Familien an den Bettelstab gebracht wurden. Die Ersten der polnischen Nation, darunter!die geistige Elite, haben es als Ehrenpflicht betrachtet, die Boykottbewegung materiell und moralisch zu fördern. Hat doch der bekannte Klaviervirtuose Paderewski Hunderttausende zur Gründung des Ritualmordblattes „Zwei Groschen“ hergegeben. Aber damit begnügten sich die Polen nicht. Nachdem sie auf wirtschaftlichem Gebiete die' Existenz des jüdischen Volkes in Polen zu untergraben versucht und hierin große Erfolge erzielt hatten, gingen sie darin, die geistigen Regungen des jüdischen Volkes im Keime zu ersticken. Nach um Sokotow, einer der Führer der zionistischen Partei, eine Zierde der hebräischen Journalistik, unternahm vor zwei Monaten, zu Zeiten des Kampfes um die hebräische Sprache, eine Tournee durch Galizien, um auf die jüdischen Massen aufklärend zu wirken. Was taten die Polen? Sie verbreiteten die verbohrtesten und niederträchtigsten Lügen und Verleumdungen über Nachum Sokotow, seine Ziele und Absichten, sie hetzten überall das polnische Volk gegen ihn auf, und so gelang es ihnen — nicht in Russisch-Polen, sondern im verfassungsmäßig regierten Oesterreich, dessen Gesetze die Redefreiheit verbürgen — die Versammlüngen, in denen Sokolbw hätte sprechen sollen, zu sprengen, jüdische Lokale zu demolieren. Die polnische Presse Rußlands und Galiziens drohte mit Pogroms und forderte zur Weiterführung des Boykotts auf. — Und die Drohungen wurden bald in die Tat umgesetzt, ln einer der größten russisch-polnischen Städte, in Lodz, machte ein halbwüchsiger Junge bei einem jüdischen Händler einen Einbruchsversuch, der ihm mißlang. Da nun der Jude den Täter dingfest zu machen bestrebt war, schrie der Junge in den Straßen der Stadt, daß man ihn ermorden wollte. Sofort rottete sich die polnische Bevölkerung zusammen, plünderte den Laden des Juden und führte einen veritablen Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung aus. Wer trägt die Schuld an all diesen Geschehnissen, an dem Boykott, an der gröblichen Vergewaltigung der jüdischen Redefreiheit und dem nach echtrussischer Art veranstalteten Pogrom? Fürwahr, das Verhalten der Polen den Juden gegenüber bietet ein erquickliches Bild der armen unterdrückten, freiheitsdurstenden Nation, für deren Freiheit so viele Juden schwärmen, darunter kein geringerer, als Georg Brandes. Die Polen finden aber nicht nur Schwärmer, vielmehr auch Helfershelfer unter den Juden, die ihnen in allem, selbst in de r Vernichtung des eigenen Volkes willig an die Hand gehen. Sie sind feil und zu allem zu haben. Geht es auch um' die völlige Entrechtung der Juden, wie bei den Reichsratswahlen und Aufteilung der Landtagsmandate bei dem potnisch-ruthenischen Ausgleich, um die Untergrabung von Tausenden jüdischer Existenzen, wie bei der Entziehung der Schankkonzessionen, um die Unterstützung und Förderung der polnischen Beamtenkorruption, die stets im jüdischen Lager ihre Opfer findet, der jüdische Moschko, diese polnische Ausgabe des Mauschels, verharrt stets auf seinem Posten, scharwenzelt um die polnischen Herrschaften und bittet um weitere Verwendung im' Henkerdienste. Sein Angebot ist so günstig, daß die Polen, obwohl sie im Innersten ihres Herzens den Moschko ver-